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Sein Name ist weltweit bekannt und jeder Filmschaffende will ihn im Schrank: der Oscar. Warum heißt der Oscar Oscar? Wieso ist er so begehrt? Ein Blick zurück.

Die Oscars sind auf die Academy of Motion Pictures Arts and Sciences (kurz: AMPAS) zurückzuführen. Die AMPAS wurde 1927 von Louis B. Mayer, Mitbegründer der Metro-Goldwyn-Mayer Studios (MGM) ins Leben gerufen, um sowohl Verhandlungen mit verschiedenen Gewerkschaften zu vereinfachen als auch das Image der Filmindustrie zu pflegen. Nachdem die AMPAS sich während der Großen Depression auf die Seite der großen Studios stellte und damit die Gewerkschaften verprellte, blieb nur die Imagepflege als Kernaufgabe übrig. Die hatte das Kino bitter nötig. Denn nicht nur die finanzielle Schieflage der Nation, sondern auch das Aufkommen neuer Medien wie dem Radio hatten der Filmindustrie zugesetzt. Um das Interesse am Film anzukurbeln, wurden 1929 die ersten Academy Awards bei einem privaten Dinner vergeben - wodurch die Anfänge der Oscars kurioserweise denen der 52 Jahre später aufkommenden Goldenen Himbeere ähneln.  

 

Der Vorname

Die Gewinner der ersten Verleihung waren die Schauspielerin Janet Gaynor, Emil Jannings für seine Leistung in Victor Flemings "Der Weg allen Fleisches" (USA, 1927). Janings wurde ebenfalls 1928 und 1929 mit dem Preis bedacht. Den Oscar erhielten sie jedoch erst 10 Jahre später, obwohl sie ihn längst im Trophäenschrank stehen hatten. Der Oscar bekam seinen Namen nämlich erst in den 1930er-Jahren. Ungeklärt ist dabei, woher der Name wirklich kommt. So wird er unter anderem auf die Bibliothekarin Margaret Herrick zurückgeführt, die zum Komitee dazugehörte. Die Trophäe im Art Deco Stil erinnerte sie an ihren Onkel Oscar. Eine andere Geschichte geht auf den Journalisten Sidney Skolsky zurück, der den Oscar als solchen als Seitenhieb auf Vaudeville-Komiker in einem Artikel von 1934 bezeichnete. Tatsächlich markiert Solskys Artikel die erste schriftliche Erwähnung des Namens, der schließlich 1939 offiziell von der Academy übernommen wurde. Seitdem heißt es "and the Oscar goes to...".

 

Gold zu Geld

Der Goldjunge hatte also nun einen offiziellen Namen. Eigentlich war er streng genommen ja zuerst ein Bronze-, dann ein Britanniametal-, während des Krieges aufgrund Ressourcenmangels ein Gips- und schließlich ein Aluminium-Junge mit Goldüberzug. Die verschiedenen Materialien sorgten zwar für einen schwankenden Realwert, das mit der Trophäe verbundene Prestige stieg jedoch von Verleihung zu Verleihung - auch, da das mediale und öffentliche Interesse an dre Verleihung stetig zunahm. Dabei wurde der Oscar auch immer zu einem Qualitätssiegel für Filme und Filmschaffende, der oft Umsätze ankurbelte und Gewinnern mehr Gage brachte - während die Veranstaltung ab 1953 durch TV-Werbung während der Übertragungen selbst zu einem finanziell lohnenswerten Spektakel aufstieg. Der Oscar ist dabei so begehrt, dass Produzenten oft Tricks anwenden, um einen Film in die jeweilige Award-Season einzubringen. Beispielsweise wurde "The Hurt Locker" schon 2008 veröffentlicht, kam aber erst 2009 in die Kinos von Los Angeles, um bei der Oscar-Verleihung 2010 im Rennen zu sein. Dort gewann das Kriegsdrama von Regisseurin Kathryn Bigelow in sechs von den neun Kategorien, in denen der Film nominiert wurde, unter anderem für die beste Regie. 

 

Das Sprungbrett Hollywoods

Nach und nach führte die Academy neue Kategorien ein. Da auch das internationale Interesse an der Veranstaltung gestiegen war, aber auch zur Verbesserung der kulturellen Nachkriegsbeziehungen wurde 1947 erstmals der Preis als Best Foreign Film vergeben, der zunächst unregelmäßig als Spezialpreis und schließlich 1956 in eineer eigenen kompetitiven Kategorie regelmäßig überreicht wurde. Federico Fellini gewann am häufigsten den Auslandsoscar. Ganze vier Mal nahm der Italiener den Preis entgegen. 2020 gewann mit Bong Joon Hos "Parasite" erstmals ein ausländischer Film in einer der wichtigsten Kategorien: Bester Film. Der Gewinn oder auch schon die alleinige Nominierung half vielen internationalen Schauspielern und Filmschaffenden über die Türschwelle Hollywoods. Aus Deutschland unter anderem Wolfgang Petersen und Jürgen Prochnow für "Das Boot" (DE, 1981), Christoph Waltz in Tarantinos "Inglorious Basterds" (USA, 2009) oder Sandra Hüller für ihre Rollen in Justine Triets "Anatomie eines Falls" (DE, 2023) und in Jonathan Glazers "Zone of Interest" (USA, 2023). Die Nominierungen für den besten ausländischen Film, den besten Dokumentarfilm und den besten Animationsfilm nehmen übrigens eigene Komitees, gebildet aus den Mitgliedern der Academy, vor. 

 

Im Wandel der Zeit

Apropos Animation: Mit dem Aufkommen von CGI dank leistungsfähigerer Computer entstanden ab den 1980er Jahren auch erste animierte Kurzfilme. Bereits 1989 zeigte Pixar mit "Knick Knack" eindrucksvoll, was mit der neuen Technik möglich war, die nur sechs Jahre später, 1995 mit John Lasseters "Toy Story" den ersten vollständig CGI-animierten Spielfilm hervorbrachte, dre für die beste Music in den Kategorien Original Song und Original Score sowie für das Drehbuch nominiert war. 2001 wurde schließlich die Kategorie Best Animated Feature Film eingeführt, deren erster Gewinner Dreamworks' "Shrek" war. Best Animated Film war bis zur Einführung von Best Casting 2025 die letzte neue Kategorie. 2027 sollen auch endlich nach langem Drängen die besten Stunts ausgezeichnet werden. Es wird die insgesamt siebzehnte neue Kategorie seit den ersten Academy Awards. Der oft abschätzig wirkende Blick der Academy auf Animationsfilme, in deren Kategorie häufiger auch Kinder- und Erwachsenenfilme (zum Beispiel "Anomalisa" von Charlie Kaufman) gleichermaßen vermengt wurden, war bereits ein mehrfacher Kritikpunkt. And that's why we go to...

 

 

Kontroverse und Krisen

Nicht nur neue Kategorien, sondern auch viele Kontroversen rund um die Veranstaltung kamen mit den Jahren auf. So kritisierte unter anderem 2009 der legendäre Regisseur William Friedkin, selbst Oscar-Preisträger, dass das Geld und damit die einhergehende Promotion durch große Studios dafür Sorge tragen, dass weniger die Qualität als der Hype um einen Film ausschlaggebend für dessen Nominierung beziehungsweise Gewinn sei.

Auch weitere Manipulationsvorwürfe, etwa durch negative Stimmungsmache und weitere Methoden ist seit geraumer Zeit im Umlauf. Der wegen Vergewaltigung seit 2018 inhaftierte Ex-Filmmogul Harvey Weistein nutzte etwa Schmierkampagnen, um den überraschenden Oscar-Sieg 1999 von John Maddens "Shakespeare in Love" gegen Spielbergs "Saving Private Ryan" zu sichern. 

Des Weiteren wurden dem Komitee auch Voreingenommenheit vorgeworfen, etwa gegenüber bestimmten Genres, die bevorzugt werden oder chancenlos bleiben - etwa Horrorfilme. Bevorzugte Filme haben mit "Oscar bait" sogar einen eigenen Begriff verpasst bekommen, der als solche Filme beschreibt, die speziell auf die Präferenzen der Academy ausgelegt sind, um möglichst viele Preise abzuräumen. Als ein bekanntes Beispiel für Oscar bait wird Michael Ciminos "The Deer Hunter" angeführt, der vor seiner Nominierung nur einen limitierten Release bekam, der vorwiegend Kritikern und Academy Mitgliedern galt. Erst nach seinem Gewinn wurde das Kriegsdrama landesweit und international veröffentlicht und zu einem prägenden Stück Filmgeschichte - dessen Release zu einer Vermarktungsstrategie wurde. Nicht immer ist Oscar bait jedoch von Erfolg gekrönt. So floppte etwa "Hillbilly Elegy" von Ron Howard 2020 böse bei den Kritikern und an den Kassen. Nur 38.000 Dollar nahm das biografische Drama gegenüber seinem 45 Millionen Dollar Budget ein - was in Teilen aber auch der Corona-Zeit geschuldet sein dürfte. Glenn Close wurde für ihre Rolle als Großmutter sowohl für den Oscar als auch die Goldene Himbeere nominiert.

Während der Corona-Zeit verlagerten sich die Verhältnisse zugunsten der Streamingdienste. Der Umgang mit diesen war bereits 2019 ein großes Thema geworden, nachdem Netflix mit "Roma" nominiert wurde. Dabei entbrannte eine Diskussion, ob Streamingdienste durch ihre Distributionsmöglichkeiten Wettbewerbsverzerrung und Regelbruch begehen. Es wurde schließlich festgelegt, dass Streamingfilme an den Oscars teilnehmen dürfen, insofern sie mindestens einen limitierten Kino-Release vorweisen. Diese Diskussion dürfte angesichts der Entwicklungen rund um Netflix' geplanten Kauf von Warner Brothers wohl nochmal an Fahrt aufnehmen - etablierte Filmschaffende wie auch Filmfans empfinden Netflix' Vorgehen dabei als einen Schlag ins Gesicht.

Den bekam Moderator, Komiker und Schauspieler Chris Rock 2022 tatsächlich an einem der unrühmlichsten und denkwürdigsten Oscar-Abende bei einem anderen Vorgehen ab: Nämlich dme von Will Smith auf die Bühne. Dem vorausgegangen war ein missglückter Witz Rocks über Will Smiths Frau Jada-Pinkett. Smith, am gleichen Abend für seine Rolle in dem Tennisdrama "King Richard" von Reinaldo Marcus Green ausgezeichnet, wurde später für zehn Jahre von den Oscars ausgeschlossen - die Sperre soll jedoch aufgehoben werden. 

 

Eine ungewisse Zukunft

Dieser Vorfall markierte den vorläufigen Tiefpunkt der Academy Awards, der nicht nur Will Smiths Image stark beschädigte, sondern auch die Erkenntnis zutage brachte, dass das Interesse an den Oscars immer stärker abnahm. Die Ohrfeige war der einzige Gesprächsgegenstand um die Verleihung 2022, deren Preisträger in den Hintergrund rückten. Sie zeigte aber auch, dass das klassische, fast myhische Bild des Hollywoodstars, das über Jahre hinweg als ein fester Bestandteil des Images einer ganzen Industrie diente, an seinem Ende angekommen war. Die Gründe hierfür und die Bedeutung für die Filmlandschaft bilden ein eigenes Thema für einen anderen Artikel. Zahlreiche Krisen - über MeToo, Covid und die jüngsten Epstein-Enthüllungen - haben für einen medialen Wandel und das Verblassen des einstigen (Schein-)Glanzes gesorgt. Hollywood hadert mit dem Bedeutungsverlust und die Oscars dadurch mit einer rapide sinkenden Einschaltquote. Die Oscars wirken starr und prähistorisch. Dem Zeitgeist hinterher und dabei meilenweit von diesem weg. Die Academy Awards waren schon immer eine Selbstfeier Hollywoods, die aber angesichts der Umstände und Erkenntnisse, nicht mehr zum Mitfeiern einlädt, sondern abstößt.

Sie sind zu einer reinen Selbstbestätigungsveranstaltung geworden, an derem eigentlichen Zweck, dem Werterhalt der Filmkunst, nicht einmal die Veranstalter selbst mehr Interesse zeigen. Das offenbarte eine Regeländerung 2025, durch die Komitee-Mitglieder nun verpflichtet sind, die nominierten Filme auch zu schauen. Das warf natürlich zwangsläufig Fragen ob der ohnehin schon umhergehenden Gerüchte um Korruption und Voreingenommenheit auf. Warum sollte man die Oscars noch schauen? Bislang konnte die Academy keine Antworten darauf finden. Neue Kategorien allein werden nicht helfen. Das goldene Zeitalter Hollywoods begann mit den Oscars - es sieht mehr und mehr danach aus, dass es zur Neige geht.   

 

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