
Aurore (Natacha Krief) wird von alten Gefühlen eingeholt. © Stromboli Films / arte
Mini Serie, Frankreich 2026, 139 Minuten (drei Teile)
Produktionsfirma: Stromboli Films/Arte France
Cast: Natacha Krief (Aurore), Édouard Sulpice (Noé), Laurent Stocker (Luc), Olivia Côte (Karin), Marc Citti (Noés Vater)
Buch & Regie: Jérôme Bonnell
Kamera: Pascal Lagriffoul
Musik: Amaury Chabauty
Schnitt: Julie Dupré
Aurore (Natacha Krief), eine junge Frau reinigt Swimming-Pools und kämpft sich so durch ihr Leben, ihr Freund trennt sich von ihr und dann erfährt sie auch noch vom Tod ihres einstigen Cello-Lehrers, was sie sehr aufwühlt. Rund um diesen Lehrer gab es in ihrer Kindheit Vorfälle an die Sie nicht zurückdenken möchte.
Ihr Versuch, sich dem Freund wieder anzunähern scheitert, weil diese bereits eine Andere hat und in ihrer Verlorenheit läuft ihr mehrmals ein absoluter Anti-Held, Noé (Édouard Sulpice) über den Weg. Der schwärmt diffus für eine andere Frau die ihm nur kurz auf der Straße begegnete und Aurore weiß noch nicht, was sie von dem etwas ungeschickten Typ halten soll. Dass sie ab und zu schwindelt, geschieht nicht aus böser Absicht sondern nur weil es ihr einfach passiert.
Dieser Noé erinnert in manchen Zügen übrigens stark an Francois Truffauts Nouvelle Vague Film "Antoine Doinel" Figur, wie er sich durch die Straßen bewegt, wie er ungeschickt läuft, wie er Personen schüchtern heimlich beobachtet. Noé kümmert sich um seinen alkoholabhängigen Vater und obwohl Aurore und er so unterschiedlich sind, kommen sie immer wieder zusammen, aus vordergründigen praktischen Gründen, deren tieferen Hintergrund sie beide noch nicht kennen. Mit Noé taucht Aurore in ihre gar nicht einfache Vergangenheit ein. Und natürlich kann so eine Nichtbeziehung unter schwierigen Rahmenbedingungen nur kompliziert werden.

Nein, es ist keine klassische französische Liebesgeschichte, sondern vielmehr ein heiter melancholischer dreiteiliger Film darüber, wie komplex das Leben und die Beziehungen von Menschen zueinander und zu ihren Familien sein können. Wir begleiten zwei Menschen dabei, wie sie durch das Leben und jede Menge Probleme, auch aus der Vergangenheit, davon abgehalten werden, eine einfache Beziehung miteinander zu führen. Wie sie darum ringen, vergangenen Ballast loszuwerden und im Leben anzukommen.
So ist die Mini Serie auch ein Einblick in die Schwierigkeiten des Lebens zweier erst auf den zweiten Blick großartiger Menschen und die Erkenntnis dass man sich manchmal auch selbst Steine in den Weg legt. So schwanken die beiden sehr unterschiedlichen Menschen wie Äste im Sturm zwischen Schicksal und Hoffnung hin und her und das macht diese Mini Serie so stark. Sie ist keine Feelgood Liebesgeschichte, liefert keine Eindeutigkeiten, hat einige Momente schrägen Humors und andere von tiefem Schmerz. Und so manche Handlungsabläufe wirken zufällig, manche Absichten verlaufen im Ungefähren,- und das schenkt ihnen einen erstaunlichen Realismus ganz so wie wir es auch aus manchen Filmen der Nouvelle Vague der 1960er Jahre kennen.

Natacha Krief (Night Call – Überlebe die Nacht) und Édouard Sulpice (Mein fabelhaftes Verbrechen) sind in dieser seltsamen undefinierten Beziehung sehr überzeugend und man schaut ihnen gerne zu. Die Gesichter der Protagonisten sind nicht unter dicken Schichten von Filmschminke versteckt, sie dürfen sichtbar erröten, schwitzen, weinen. Viele kleine Momente der beiden am Leben Verzweifelnden berühren und überzeugen auch ohne Dialog und bei allen Widrigkeiten des Lebens schwingt auch immer stille Hoffnung mit. Was leise Momente, Blicke ja einfach Glaubwürdigkeit für eine Kraft haben können. Eine absolut sehenswerte Mini-Serie über das Abenteur Leben, über verlorene Seelen irgendwo im Universum.
Es ist einfach fantastisch, wie überzeugend Serien sein können, wenn ihre Drehbücher tatsächlich gut geschrieben sind, mal keinen Streamer-Algorithmen folgen und keine von Quotenangst getriebenen Redakteure hinein gequasselt haben. Es geht eben doch. Danke Jérôme Bonnell, seinem Cast und dem Team,- danke arte.
Gesehen von Mathias Allary
