
Regie & Drehbuch: Marie Kreutzer
Produktion: Alexander Glehr, Johanna Scherz, Jonas Dornbach, Janine Jackowski, Jean-Christophe Reymond, Marie Kjellson
Musik: Camille
Kamera: Judith Kaufmann
Schnitt: Ulrike Kofler
Verleih: Alamode Film
Was macht das mit den Nächsten, mit der Frau, dem Kind, den Angehörigen, wenn sich, wie in diesem Film erzählt, herausstellt, dass der Mann mit Kinderpornographie Geld verdient. Diese Prämisse hat die Regisseurin angepackt und an einer Pianistin und einem Filmemacher hautnah durchdekliniert. Lucy die Konzertpianistin und Philip wohnen in einem Landhaus in der Nähe von München. Doch das scheinbar friedvolle Leben im Grünen wird jäh gestört, als die Polizei vor der Tür steht und sämtliche Computer von Philip beschlagnamt. Ermittelnde Polizeikommissarin ist Elsa, gespielt von Jella Haase, die sich um ihren dementen Vater kümmert. Marie Kreuzer erzählt das Vergehen nicht auf dem Täter, sondern auf den Angehörigen, das ist auf jeden Fall eine spannende Perspektive. So wie in Lucy Zweifel wachsen, was der Mann mit dem sie verheiratet ist, hinter ihrem Rücken getan hat, ahnt auch die Kommissarin Elsa dass ihr Vater Abgründe hat. So wird die Geschichte der beiden Frauen parallel erzählt. Lucy sucht Rat bei ihrer Mutter, gespielt von der Grand Dame des französischen Kinos, Catherine Deneuve, die schon mit der Nouvelle Vague ihre Karriere begann.
Mit diesem Film hat Regisseurin Marie Kreutzer ein bedrückendes Thema angepackt, mit welchem sie Jahre nachdem sie mit der Arbeit am Drehbuch begann, bei einem anderen Film konfrontiert wurde. Denn ein Darsteller ihres letzten Films, dem Kostümdrama Corsage (2022), Florian Teichtmeister wurde später in Zusammenhang mit pornografischen Darstellungen Minderjähriger verurteilt. Vieles bleibt den Film über in der Schwebe, die Spannung liegt eher in den Innenwelten der Figuren.

Nicht zuletzt wegen der Starbesetzung mit Léa Seydoux, Jella Haase, Laurence Rupp und Catherine Deneuve wurde der Film zu den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2026 in den Wettbewerb eingeladen. So ganz gelungen ist der Film leider nicht, da er ein wichtiges Thema behandelt, traut man sich nicht so recht, die Schwächen anzusprechen. Vielleicht hat auch der Wunsch, einen internationalen Film zu drehen, die Notwendigkeit verschiedene Produktionsländer und vor allem auch Wünsche der verschiedensten Fördereinrichtungen zu berücksichtigen und das Ignorieren von gewissen inneren Logiken etwas entstehen lassen, was gewisse Limitierungen erzeugt.
Warum macht man sowas fragt man sich unwillkürlich, wenn man einen Film anschaut, bei dem internationale Filmstars unterschiedlicher Sprachräume miteinander spielen und sie nicht nur ihre eigene, sondern auch noch eine dritte Sprache in die Dialoge hinein drücken müssen. Für das Phänomen gibt es den unschön gewählten aber leider oft treffenden, in den 80er, 90er Jahren entstandenen Begriff "Europudding", der genau solche Filme meint. Sie fühlen sich nämlich wie Zweckprodukte an, nicht wie organisch glaubwürdiges Zusammenleben realer Figuren. Tatsächlich hat so etwas in der Vergangenheit nur selten funktioniert und ist entsprechend kaum noch im Kino zu sehen gewesen.
Leider stellt sich dieser Eindruck auch bei dem Film "Gentle Monster" ein, in dem Marie Kreutzer ihre Chance, mit zwei französischen Filmstars, Lea Sedoux und Catherine Deneuve zu drehen, mit einer dritten Sprache (Englisch) zu einem die Distanz zwischen Zuschauer und Filmfiguren aber auch der Figuren untereinander überstrapazierenden Konstrukt werden lässt.
Hier treffen Deutsch und Französisch für einen internationalen Cast und Englisch für die internationale Vermarktung aufeinander und man fragt sich den Film über ständig, ob die Figuren wegen der Geschichte wirklich international sein müssen, weil diese nur so erzählt werden kann. Diese Frage beantwortet die Regisseurin in Interviews eindeutig mit ja, sie habe dadurch die Hauptfigur Lucy stärker isolieren wollen. Aber reden Menschen aus zwei Sprachräumen wirklich so miteinander? Ja doch, irgendwo wird es so etwas veilleicht geben, doch wenn man sich als Zuschauer nie ganz darauf einlassen kann und ständig fragt warum er jetzt auf Englisch antwortet, sie mit dem Kind Französisch spricht, das Kind wieder auf Deutsch antwortet? Wie lange leben sie und ihre Mutter in Deutschland?
Für die Zuschauer überwiegt vermutlich der Eindruck, dass die Geschichte international geschrieben wurde, damit diese Schauspieler gemeinsam in einem Film auftreten können. Im Ergebnis kommt man den Figuren über weite Strecken nicht wirklich nahe, obwohl Lea Sedoux den Schmerz auf ihrem Gesicht deutlich sichtbar werden lässt.
Das wird vielleicht auch deshalb zu einem emotionalen und dramaturgischen Hindernis, weil auch jenseits der sprachlichen Komponente, einiges überfrachtet ja konstruiert wirkt. Denn auch den Lebensraum der Figuren will man nicht wirklich glauben, Lucy und ihr Partner leben als finanziell eher unterfinanzierte Künstler in einem großen Landhaus, was irgendwo im Münchner Umland stehen soll, während die Mutter (Catherine Deneuve) in einer Wohnung in München Giesing angesiedelt wurde. Vieles ist übererzählt oder übersymbolisiert, selbst der Song den Lucy, die eine Pianistin ist, übt oder aufführt, wie das "Would I Lie to You?“ vom Anfang müsste nicht wirklich sein in einer Geschichte bei der das Zusammenstürzen jahrelanger Lügen im Mittelpunkt steht.
So spielen sich die Schauspieler irgendwie die Seele aus dem Leib, aber zugleich oft nebeneinander her. Das ist ein wenig schade, zumal bei einem wichtigen Thema, doch manchmal passiert so etwas wenn man vielleicht zu viele Kompromisse eingeht, trotz oder möglicherweise sogar wegen hervorragender Besetzung. Dennoch sehenswert.
Gesehen von Mathias Allary
