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Professorin Saraswati mit Sari (links) und Nivedita umringt von Demonstrant/innen (Copyright: Alamode Film / Razor Film)

 

Regie: Randa Chahoud
Bildgestaltung: Julian Hohndorf
Drehbuch: Frederike Jehn
Basierend auf dem Bestsellerroman von: Mithu Sanyal
Kostümbild: Frauke Firl
Maskenbild: Diana Badalova, Heike Ersfeld
Musik: Uli Frank
Verleih: ALAMODE FILM

Kinostart in Deutschland: 12. November 2026
Länge: 1 h 43 min
Genre: Politdrama

 

Inhalt

Die Buchverfilmung „IDENTITTI“ behandelt eine generationsübergreifende sozio-politische Debatte über Rassismus. Die Studentin Nivedita Anand (Amanda Babaei Vieira) versucht zwei Dinge herauszufinden: Zum einen, warum ihre beliebte Professorin Saraswati (Stephanie Eidt) vorgibt „People of Colour“ zu sein, obwohl sie weiß ist. Ein Skandal oder steckt doch mehr dahinter?
Zum anderen arbeitet Nivedita in ihrem Podcast auf, wer sie selbst ist und wo sie zugehörig ist, bei einer polnischen Mutter und einem indischen Vater. Kaali (Sabrina Setlur) begleitet Nivedita auf ihrer Reise der Zerstörung und Transformation. Für welche Werte steht Nivedita, die sogenannte „IDENTITTI“ Podcasterin ein?

 

Kameraführung und Wirkung

Nivedita ist Tochter, Freundin, Partnerin, Mitbewohnerin, Studentin und politische Aktivistin. In jeder dieser Lebensbereiche zeigt die Hauptfigur die unterschiedlichen Facetten ihrer Persönlichkeit. Immer wieder wird die visuelle Bildgestaltung von Julian Hohndorf nicht nur verwendet, um eine Filmästhetik herzustellen, sondern auch um die subjektive Wahrnehmung der Studentin widerzuspiegeln. Weitwinkelaufnahmen werden genutzt, um den Raum noch größer wirken zu lassen. Zusätzlich wird der Fokus auf einen Punkt in der Mitte gelegt, sodass die Details im Hintergrund verschwimmen. Die Kamera nimmt dabei nicht die Position der Hauptfigur ein, sondern begleitet sie. Dadurch entsteht Nähe zur Figur Nivedita.
Die Einarbeitung einer Detailaufnahme eines Konvexspiegels, kann eine technische Herausforderung beim Dreh darstellen. Dieses Detail kann andeuten, dass sich der Kameramann womöglich mit dem Künstler Jan van Eyck und dem Gemälde „Die sogenannte Arnolfini Hochzeit“ von 1434 auseinandergesetzt hat. Nur über die Spiegelung ist es den Zuschauer/innen − und im Falle der Kunst, den Betrachter/innen − möglich, noch mehr Details im Raum wahrzunehmen, als der Rahmen des Bildes vorgibt. Damit werden Informationen preisgegeben, die sonst im Verborgenen geblieben wären. Und genau das ist es, was Nivedita macht, sie geht dem Unbekannten auf die Spur.

 

Aufarbeitung von Gefühlen durch audio-visueller Gestaltung

Die Mitmenschen von Nivedita bewegen sich zwischendurch rhythmisch zu Tönen, die das Publikum hören kann. Davon ausgeschlossen sind vermutlich alle, die nicht in die Choreographie eingebunden sind. Die Studentin sucht einen Zahnarzt auf, um nach der Wahrheit des möglichen Bruders von der Professorin Saraswati zu suchen, der ihr vielleicht mehr Aufschlüsse geben kann, was es mit der Identitätsvortäuschung auf sich hat. Kaum liegt Nivedita auf dem Zahnarztstuhl, löst sie ihre Tarnung auf und konfrontiert den möglichen Zeugen. Der Zahnarzt beginnt mit Bewegungen, er führt einen Tanz auf, der ihn vom Behandlungszimmer über den Gang bis hin zur Anmeldung der Praxis bringt. Die Kameraführung wirkt verzerrt, Ton und Bild ergänzen sich mit dem Rhythmus zwischen Takt und Bewegung. Zugleich kann durch die verzerrten Weitwinkelaufnahmen ein Gefühl von Überforderung, Ungläubigkeit und Ohnmacht beim Publikum ausgelöst werden. Anstatt ein normales Gespräch zwischen Doktor und angeblicher Patientin zu führen, wirkt der tanzende Auftritt mit der rhythmischen Filmmusik bizarr.

 

Kaali tanzt durch die Straße (Copyright: Alamode Film / Razor Film)

 

Farbgebung und Metaebene

Die Farbe blau spielt im Film „IDENTITTI“ eine zentrale Rolle in der Farbgebung. Beistand auf der Reise der Selbst- und Fremdwahrnehmung bekommt Nivedita von der indischen Göttin Kaali. Diese wird in blau dargestellt. Das Original in der indischen Lehre hat eine blaue Hautfarbe und vier Arme. Die Kostümbildnerin Frauke Firl hebt die Kleidungsfarben von Kaali hervor und unterstreicht den Reichtum der Figur mit Haarschmuck, Hals- und Armbändern. Lange spitze Fingernagel mit Ornamenten und Ringe schmücken ihre Hände. Alles wirkt pompös. Auch Maskenbildnerinnen Diana Badalova und Heike Ersfeld haben das äußere Erscheinungsbild der fiktiven Figur in der Farbgestaltung ebenso mit blauen Schmucksteinen am Kinn und über den Augenbrauen ausgestattet. „Cat eye“, ist der Fachausdruck für die blaue Kajal Umrandung der Augen. Durch Reflektion und Fragen holt Kaali ein Gefühl in der Studentin Nivedita hervor, dass bei Frauen seit Jahrtausenden unterdrückt, abgesprochen und schlecht geredet wird: Wut.
Und diese Wut kocht Stück für Stück in der „IDENTITTI“ Podcasterin hervor. Intuitiv, expressionistisch, unberechenbar. Doch die Parallelen zwischen der Farbe blau und der Entwicklungsreise der Hauptfigur liegen eng beieinander. Nach der indischen Chakren-Lehre steht das fünfte Chakra für die Kommunikation, Wahrheit und Ausdruck. Es ist das Halschakra und wird mit der Farbe blau in Verbindung gebracht. Im Interview mit Movie-College hatte die Regisseurin jedoch erwähnt, dass sie von diesen Zusammenhängen nichts wusste. Auch die Hinweise, dass beispielsweise das Auto von Amir Nawfal (Mohamed Kanj Khamis) blau ist und diverse weitere blaue Requisiten zu finden sind, wurden nicht konzeptionell wegen der Farbe gewählt.

 

Politischer Film

„IDENTITTI“ behandelt auf der sozialen und ökonomischen Ebene das Thema Rassismus. Generationsübergreifender Umgang mit rassistischen Verhalten, wie beispielsweise, dass Personen in öffentlichen Verkehrsmitteln ihre Taschen, näher an sich heranziehen, aus Angst, ein Mensch, der gesellschaftlich als „person of colour“ wahrgenommen wird, könnte die andere Person beklauen. Es sind Erzählungen des Vaters von Nivedita, Jagdish Anand (Murali Perumal), die tiefer blicken lassen, wie sehr Rassismus generationsübergreifend in der Gesellschaft verankert ist. Statistiken scheinen nur bedingt etwas zu verändern, doch über Empathie, Verständnis und Aufklärung, ohne den Finger auf jemanden verächtend zu zeigen, schafft Raum für Selbstreflektion. Bei dem Film geht es nicht nur um Entertainment, auch wenn dies seitens der Kameraführung, sowie Ton- und Bildgestaltung, gut gelungen ist, steigt der Film tiefer ein. Dialoge von Nivedita und Sarah Vera Thielmann, der Professorin Saraswati, sind hoch explosiv und übersteigen jegliche Grenzen. Philosophisch und sozial-politische Grenzen der Gesellschaft, die das Thema Rassismus wie von einem Stacheldrahtzaun eingepfercht hat. Wo ist der Anfang von Rassismus, wo endet er? Wer ist in die Debatte eingeschlossen und wer nicht? Muss in Europa der Begriff Rassismus neu definiert werden, weil er eigentlich aus dem Amerikanischen kommt und dort eine andere Bedeutung hat?

Kritik wird auch am Kapitalismus geübt, weil dieses Wirtschaftssystem vom Rassismus profitieren würde. Denn Saraswati spricht immer wieder von der „Entkolonialisierung der Seele“. Sie fordert ihr Plenum dazu auf, sich von gesellschaftlichen Strukturen ebenso zu lösen, wie von der Art und Weise, wie Rassismus international diskutiert und behandelt wird. Die Autorin Mithu Sanyal und die Drehbuchautorin Friederike Jehn beweisen Mut, indem sie die Figuren und deren Gedankengut mittels der Dialoge zum Leben erwecken. Die Regisseurin Randa Chahoud zeigt eine komplexe Arbeit der Schauspielführung auf, die sie mit Bravour gemeistert hat. Der Film ist nicht trocken, obwohl er Politik und Drama verbindet. Durch die Kameraführung wird Dynamik im Bild geschaffen. Mittels der Bewegungen und Tänze, sowie der Filmmusik wird Rhythmus und ein Impuls freigesetzt.

Im Interview von Randa Chahoud mit Movie-College geht die Regisseurin detaillierter auf die Vorbereitungszeit ein, in der die Choreographie mit der Filmmusik extra für den Film „IDENTITTI“ komponiert wurde.

Gesehen von Dschamila Noe

 

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