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Daten

97 Min., Frankreich/China 2015

REGIE: Camille Dellamarre
DREHBUCH: Adam Cooper, Bill Collage
KAMERA: Christophe Collette
SCHNITT: Carlo Rizzo
MUSIK: Alexandra Azaria
KOSTÜME: Claire Lacaze

DARSTELLER: Ed Skrein, Loan Chabanol, Ray Stevenson, Lenn Kudrjawizki, Tatiana Pajkovic, Radivoje Bukvic, Mikael Buxton, Cédric Chevalme, Robbie Nock, Anatole Taubman, Gabriella Wright

 

Regie: Camille Delamarre

Kinostart: 03.09.2015 

 

Inhalt:

 

Frankreichs Unterwelt kennt Frank Martin [Ed Skrein] nur als den „Transporter“. Er gilt als der beste Fahrer, den man für Geld bekommen kann; er erledigt illegale Lieferungen, an sich sich sonst niemand herantraut. Seine neue Kundin ist die geheimnisvolle Anna [Loan Chabanol], die Rachegelüste mit sich herumträgt: Ein skrupelloser Bandenchef zwang sie seit ihrer Kindheit zur Prostitution. Nach vorgetäuschtem Tod befindet sie sich nun auf der Flucht und dürstet nach Vergeltung. Dabei hat sie ihre ganz eigenen Methoden, Frank zur Mitarbeit zu überreden: Sie entführt dessen Vater [Ray Stevenson] und injiziert ihm ein tödliches Gift. Frank hat keine Wahl und nimmt gemeinsam mit Anna und zwei weiteren Mitstreiterinnen den Kampf mit brutalen Menschenhändlern auf.

 

Kritik:

 

Als "Transporter" glückte dem Briten Jason Statham einst der Durchbruch. Das 2002 von Louis Leterrier inszeniere Action-Vehikel kreuzte Look und Dynamik des Hongkong-Kinos mit europäischem Flair und wurde in Kombination mit seinem charismatischen Hauptdarsteller überraschend zum Kassenschlager. Es folgten ein TV-Ableger und zwei Leinwand-Fortsetzungen, die der Marke eher schadeten als nutzten - wobei speziell der 2008 veröffentlichte, vollkommen an die Wand gefahrene dritte Teil den Nagel eigentlich schon dermaßen fest in den Sarg schlug, dass wohl niemand mehr ernsthaft mit einer Wiederkehr des prügelnden PS-Profis gerechnet hätte. Aber das ungeschriebene Gesetz, dass alles, was einmal Erfolg hatte, nicht ohne mindestens einen Reanimationsversuch zu Grabe getragen werden darf, gilt nicht nur in Hollywood, sondern auch in Frankreich. So durfte der Lieferheld sieben Jahre später tatsächlich noch ein weiteres Mal aufs Gaspedal treten, um Räubern wie Gendarmen gleichermaßen das Leben schwer zu machen. Da Jason Statham mittlerweile jedoch ebenfalls raus war aus der Nummer, war man gezwungen, ihm dafür ein neues Gesicht verpassen. Dieses fand man in dem des englischen Schauspielers und Rappers Ed Skrein ("Game of Thrones"), der damit fraglos ein schweres Erbe antrat. Kann ein "Transporter" funktionieren ohne Jason Statham – ohne den Mann, für den diese Rolle Ruhm und Ehre bedeutete und der in eben dieser so prägend war, dass man ihn selbst Jahre später immer noch fast ausschließlich damit identifizierte?

 

"Refueled" wurde der "Transporter" also – neu aufgetankt – womit man das Vorhaben bereits im Titel verankerte: Die Sause heißt zwar noch gleich, aber die Füllung ist eine andere. Dass man zur Einführung des 'neuen' Transporters die Anfangsszene aus "Transporter 2" nahezu 1:1 nachstellte, beißt sich hingegen sehr unsanft mit der selbst auferlegten Ambition und bietet letztendlich dann doch wieder nur Altbekanntes und Aufgewärmtes: Im Parkhaus klopft der Super-Kämpfer erst lästige Lümmel, dann lässige Sprüche und im Anschluss sich selbst das schnieke Sakko wieder zurecht, bevor er sich in sein Luxusgefährt schwingt und den Schauplatz unbeschadet verlässt. Kopie also statt Kreativität, Ideenmangel statt Innovation. Doch gerade aufgrund ihrer Ähnlichkeit zum Original taugt diese Szene natürlich bestens, um gleich auf Anhieb Vergleiche anstellen zu können. Und so ist auch schnell erkannt, dass Skrein seinem Vorgänger erwartungsgemäß nicht das Wasser reichen kann: Seine Coolness wirkt aufgesetzt, die Lockerheit erzwungen und den harten Kerl will man ihm trotz mehrerer Tage ausgebliebener Rasur auch nicht so recht abkaufen. Seine Kung-Fu-Einlagen absolviert er dank schneller Schnitte und fester Tritte zwar sehr anständig, seinen Milchbubi-Appeal jedoch kann er bis zum Schluss nicht wegknüppeln. Zweifelte man bei einem Jason Statham nicht eine Sekunde daran, dass er bei entsprechendem Missmut ganze Horden an Unholden auf die Bretter schicken konnte, wirkt die gleiche Aktion bei Skrein ebenso unglaubwürdig wie albern.

 

Schafft man es, zu akzeptieren, dass der neu aufgetankte "Transporter" keine Ausgeburt an Charisma mehr ist, können einem die folgenden 90 Minuten allerdings recht viel Freude bereiten – zumal einem nach gewisser Zeit so langsam, aber sicher bewusst wird, dass hier gar nicht so sehr der Titelheld im Mittelpunkt steht, sondern eher dessen Auftraggeberin. Tatsächlich erzählt "Refueled" in erster Linie die Geschichte der flüchtigen Zwangs-Prostituierten Anna, die sich im großen Stil an ihrem Zuhälter rächen will und dafür mit ein paar Leidensgenossinnen einen hochkomplizierten Plan austüftelt, der zwar streckenweise absolut haarsträubend ist (wer versetzt schon eine ganze Diskothek in den Tiefschlaf, nur, um sich ein paar Informationen zu beschaffen?), aber die meiste Zeit doch angenehm bei Laune hält. Die Fokussierung auf den Vergeltungsschlag dreier Frauen rückt den Beitrag zeitweise sogar weg vom simplen Stunt- und Krawall-Kino der Vorgänger und dafür mehr in Richtung einer gemäßigten Exploitation-Variante der Marke 'Rape'n Revenge' – in deutlich zahmerer Ausführung, versteht sich, aber dennoch nicht ohne Reiz. Dass Loan Chabanol ("Plötzlich Gigolo") in der Rolle der Anna nicht einen Augenblick lang so wirkt, als habe sie ein Trauma hinter sich, ist nun wieder eine andere Sache. Und dass die Ausbeutung weiblicher Körper inhaltlich zwar verurteilt wird, die optischen Vorzüge der Damen aber dennoch immer wieder lüstern ins Bild geschoben werden, ebenfalls.


Nun kann man aber natürlich auch kein feministisches Manifest erwarten von einem Werk, dessen Kamera bereits während des Vorspanns in erotischer Verzückung über das funkelnde Blech eines Audis fährt. Denn selbstverständlich ist der "Transporter" auch mit neuer Tankfüllung ein simpel gestricktes Unterhaltungs-Produkt, das stets an der Oberfläche bleibt. Fast exemplarisch dafür steht die Rolle von Frank Martins Vater, erstmals mit dabei und von Ray Stevenson ("Punisher - Warzone") als reichlich abgeschmackte Altherrenfantasie verkörpert, als alternder Dandy und Weiberheld, der es sich selbst als Entführungsopfer nicht nehmen lässt, bei seiner Kidnapperin auf Tuchfühlung zu gehen. Gleichzeitig raubt das plötzlich vorhandene Elternteil der Hauptfigur auch ihren Einzelkämpferstatus – noch einer der Gründe, warum man Ed Skrein bis zum Schluss nicht als autark operierende Persönlichkeit toleriert: Der einst einsame Kämpfer ist plötzlich ein ergebenes Vatersöhnchen, das mit seinem eitlen Erzeuger im permanenten Zwist liegt. Die daraus resultierenden Kabbeleien gemahnen ein wenig an Sean Connery und Harrison Ford in "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" – freilich ohne dabei auch nur annähernd in der Nähe dieser Spritzigkeit zu sein.


Die Action ist insgesamt seltener geworden (speziell die Fahrkünste Frank Martins spielen gar keine allzu große Rolle mehr), wenn sie stattfindet, geht sie allerdings passabel über die Bühne – nicht zu übertrieben, nicht zu bodenständig, eine gesunde Mischung. Regisseur Camille Delamarre sammelte bereits im Schneideraum von Teil 3 und am Set der Fernseh-Adaption "Transporter"-Erfahrung und inszenierte sauber und ohne Mätzchen. Irgendwo zwischen Reboot (also kompletten Neustart) und verspäteter Fortsetzung erspinnt sich so eine abstruse Rache-Mär mit diversen Geschwindigkeits- und Kampfkunst-Intermezzos, die insgesamt sogar ziemlich gut goutierbar ist - die Maschine läuft gut geschmiert und kommt trotz leichtem Schlingerkurs gegen Ende souverän und ohne allzu großes Stottern ins Ziel. Das Rad wurde zwar nicht neu erfunden (höhö!), aber "Refueled" ist zumindest doch deutlich erträglicher als der letzte Beitrag der Original-Reihe. Lediglich Jason Statham fehlt. Aber man kann nicht alles haben.

 

gesehen von Boris Bertram

 

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