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Thumbsucker - Bleib so, wie du bist USA 2004, 94 Min REGIE: Mike Mills
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Regie: Mike Mills
Filmstart: 05. Oktober 2006
Zunächst einmal ist man froh, dass sich hinter der Kombination des Titels „Daumenlutscher" mit Schauspieler Vince Vaughn kein gängiger Klamauk a la Ben Stiller versteckt, sondern eine liebenswerte amerikanische Independentproduktion. Justin Cobb ist eigentlich ein ganz normaler Jugendlicher – mit dem Unterschied, dass er Stress und Frust durch Daumenlutschen abbaut. Ihn selbst stört eher seine Unsicherheit als das Lutschen, doch sein Vater Mike (Vincent D'Onofrio) hätte gerne einen „normalen" Jungen. Justins Kieferorthopäde und Hobby-Esoteriker Dr. Perry (Keanu Reeves) versucht, durch Hypnose den Drang zum Daumen zu unterbinden. Und die Methode funktioniert, allerdings etwas zu gut. Denn Justin wird immer aggressiver und ruheloser, da er kein Ventil mehr für seine Gefühle hat. Eines Tages geht er zu weit, und die Schulpsychologin bietet den überforderten Eltern (ADHS, ganz klare Sache...) Ritalin an.
Ausgerechnet Justin selbst hofft, mit der Wunderpille sein Innenleben in den Griff zu bekommen. Scheinbar behält er damit auch Recht – nur dass sich Ritalin und das jetzt arg übersteigerte Selbstbewusstsein gegenseitig hochpuschen. Justin zieht die Notbremse und setzt das Ritalin wieder ab. Die entstehende Leere versucht er, durch Sex und Drogen auszugleichen - bis er lernt, dass Unsicherheiten zum Leben gehören. Und dass, während er alle mit seinen Problemen beschäftigte, jeder sein eigenes Päckchen zu tragen hatte – sein Vater, der einer abgebrochenen Football-Karriere nachtrauert, seine Mutter, die von einer Affäre mit dem schmierigen TV-Schönling Matt Schramm (Benjamin Bratt) träumt. Und nicht zuletzt sein Bruder, der darunter leidet, die Neurosen des älteren Bruders durch übersteigertes Normalsein ausgleichen zu müssen. Diese Lektion wird in nette Bilder gebettet. Gut, manchmal klugscheißern die Figuren schon arg und halten sich gegenseitig Vorträge, die man in dieser Form drucken könnte. Und man merkt, dass sich (bei den bekannten Schauspielern wie Keanu Reeves) die Synchronstimmen als Manko erweisen: eigentlich nutzen die Schauspieler die kleinen Rollen, um auch einmal gänzlich ungewohnte Charaktere spielen zu können. Durch die deutsche Stimmfassung werden die liebenswerten Außenseitercharaktere jedoch dem bekannten Schubladenschema einverleibt; Keanu Reeves beispielsweise wird so zu einem Neo in Gestalt eines Kieferorthopäden. Absolut gerechtfertigt scheinen auf jeden Fall der Silberne Bär 2005 sowie der Sonderpreis der Jury beim Sundance Film Festival 2005 für Lou Taylor Pucci, der es wunderbar versteht, eine breite Palette von verletzlich bis aggressiv auszuspielen und keine Sekunde unglaubwürdig zu werden.
Gesehen von Johannes Prokop
Wie die Welt durch Klimawandel und Pandemien aussehen könnte, thematisiert der Kinofilm Tides. Wir haben ihn gesehen...
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Tokyo Tribe 120 Min., Action, Japan 2014 REGIE: Shion Sono DARSTELLER: Ryôhei Suzuki, Young Dais, Shôta Sometani, Shunsuke Daitô, Denden, Riki Takeuchi, Shôko Nakagawa, Yôsuke Kubozuka, Yui Ichikawa, Takuya Ishida, Mika Kanô, Ryûta Satô |
Regie: Shion Sono
Kinostart: 16. Juli 2015
Inhalt:
Tokio, nahe Zukunft: Die Stadt wird von verschiedenen Clans beherrscht. Manche davon sind eher friedlicher Natur, andere hingegen gewalttätig und kriegerisch. Zu den schlimmsten der letzten Sorte zählen die brutalen 'Bukuro Wu-Ronz', deren dekadenter Boss Buppa [Riki Takeuchi] die einzelnen Stämme immer wieder gegeneinander aufhetzt, um sich seine Macht zu sichern. Eines Tages gerät dessen Schützling Mera [Ryohei Suzuki] in eine Auseinandersetzung mit Tera [Ryûta Satô], der bei allen Stämmen sehr beliebt ist, und tötet ihn versehentlich. Die Tat löst ein erdbebenartiges Echo aus: Die restlichen Gangs der Stadt vergessen ihre Streitigkeiten und rotten sich zusammen, um Bubbas Imperium zu vernichten. Dieser wiederum schickt die 'Waru', eine Armee von Freiwilligen, in den Kampf. Und mittendrin in dem Tumult befindet sich die junge Sunmi [Nana Seino], die gern ihre Unschuld verlieren würde, da ihr jungfräuliches Blut von einem Hohepriester zugunsten der Götter vergossen werden soll.
Kritik:
Der japanische Regisseur Shion Sono machte die breite Masse das erste Mal im Jahre 2001 auf sich aufmerksam, als er seinem "Suicide Circle" eine der wohl schockierendsten Eröffnungsszenen überhaupt verpasste und so beim Publikum für einen nachhallenden Knalleffekt sorgten konnte. Dem hintergründigen Schulmädchen-Massaker folgten dann unter anderem der rauschartige Alptraum-Trip "Strange Circus" [2005] und das ausladende, vierstündige Liebes-Epos "Love Exposure" [2008], welche seinen Ruf als bizarren Ausnahme-Künstler erfolgreich zementierten. Mit dieser Reputation im Rücken inszenierte er 2014 schließlich "Tokyo Tribe", die Verfilmung einer besonders in ihrem Heimatland sehr beliebten Manga-Vorlage, und entfesselte dabei einen exorbitanten Bildersturm, der vor ausgeflippter Extravaganz und schriller Attitüde fast überkocht und einen zwei Stunden lang in eine wilde Welt des Wahnsinns entführt. Denn die feindlichen Stämme, die hier gegeneinander in den Krieg ziehen, führen ihren Konflikt in erster Linie nicht mit Waffen aus, sondern mit Worten. Sie rappen.
"Tokyo Tribe" treibt die Idee eines parallelen Hip-Hop-Kosmos' dabei auf die Spitze: Fast der gesamte Text wurde ins Versmaß übertragen, die Darbietung desselben mit wummerndem Dauer-Bass unterlegt. Das Ergebnis präsentiert sich als apokalyptisch angehauchte Abart der "West Side Story", als gigantische Rap-Oper, bei der ständig alles in Bewegung und im Rhythmus ist und keine Kugel und kein Schwert jemals auf die Idee käme, außerhalb des Takts ins Ziel zu treffen. Und auch der Zuschauer ist bereits nach wenigen Minuten voll und ganz im Flow und wippt den Fuß zum Beat des Bandenkriegs. Bereits die Eröffnungsszene, eine ausschweifende Plansequenz durch das Ghetto Shibuyas (inklusive rappender Oma am Plattenteller), welche die ersten Clans und Charaktere vorstellt (ein Job, der später von einem Bandenchef per Messer auf nacktem Frauenleib fortgesetzt wird), saugt einen hinein in dieses fremde Universum aus Gesang und Gewalt, das nie zur Ruhe kommt und stets im Schwung bleibt. Und mittendrin zelebriert Sono ausgiebig die eigene Skurrilität und erschafft einen ins Rotlicht getauchten Orkan aus Kunst und Kampf.
Der Überschuss an Eindrücken und Ereignissen ist zu Beginn enorm, und es dauert ein wenig, bis man sich zurechtfindet und alles korrekt einordnen kann. Dann aber kann man sich kaum sattsehen und -hören an der Fülle verrückter Figuren und fideler Flausen: Menschen als Möbelstücke, Muskelmänner im Stringtanga, Jungfrauen auf der Suche nach Sex, um nicht den Göttern geopfert zu werden, und altehrwürdige Hohepriester mit langem Zauselbart, die sich per Videokonferenz zuschalten und lauthals „Muthafuckaz“ rufen. Dazu kommen riesige Ventilatoren mit rotierenden Rasierklingen und computeranimierte Panzer, die Tokios Straßen zu Klump ballern. Und über allem thront Riki Takeuchi als wie besessen grimassierender Kannibale, der sich einen ganzen Hühnerstall an Haremsdamen hält und sich wie ein kleines Kind darüber freut, wenn er mit der Gatling Gun ein infernales Gemetzel anrichten darf.
Die Comic-Vorlage ist bei all dem unübersehbar und gilt zudem als ausreichende Legitimation für die eigene Exzentrik. Denn natürlich bestünde eigentlich gar kein Grund, für eine im Prinzip sehr simple Geschichte so ausufernd auf die Kacke zu hauen. "Tokyo Tribe" ist fraglos ein Poser, eine um Aufmerksamkeit heischende Hure, die sich auf den Marktplatz stellt und laut und deutlich ruft: 'Seht her! Hier bin ich, und das kann ich!' Aber es ist eine, der man gern dabei zusieht. Und es ist eine, die sich auf Witz und Ironie versteht: Alberne, in der Szene dennoch weitverbreitete Vorstellungen von maximal möglichem Männlichkeitsbeweis (auf die Länge kommt es an!) werden hier ebenso aufs Korn genommen, wie vorgebliche Kultur-Experten, die populäre Zitate für die Originale halten: Als eine der Protagonistinnen die Szenerie kurz verlässt, um kurz danach im gelben Trainingsanzug wiederzukommen, meint ihr Gegner selbstsicher: „'Kill Bill', richtig?“ „Nein“, antwortet die Dame abschätzig, „ich bin Bruce.“
Aufgrund des Umstands, dass auf eine klare Identifikationsfigur verzichtet wurde, muss sich "Tokyo Tribe" freilich den Vorwurf einer gewissen Spannungslosigkeit gefallen lassen. Es gibt quasi keinen herausstechenden Charakter, dem man seine Sympathien entgegenbringen könnte, keine Person, mit der man in irgendeiner Weise mitfiebern möchte. Auch die Frage, worin eigentlich der große entscheidende Unterschied zwischen den rivalisierenden Gangs besteht und warum die sich so inbrünstig bekriegen, muss unbeantwortet bleiben. Hier geht es nicht um Individualitäten, nicht um ein umfassendes Verständnis, hier geht es um die reine Attraktion. Die Darsteller dafür suchte sich Shion Sono unter anderem auch in der japanischen Rapper-Szene und über ein YouTube-Casting, was für ein authentisches 'Straßen-Gefühl' sorgt. Lediglich Riki Takeuchi war zu dem Zeitpunkt bereits ein etablierter Name, stand er doch beispielsweise auch auf der Besetzungsliste von "Battle Royale 2" oder der "Dead or Alive"-Trilogie.
Shion Sonos von grellbunter Endzeitstimmung (die teilweise auch Assoziationen zu Klassikern wie "Die Klapperschlange" oder fast mehr noch zu dessen Epigonen wie "The Riffs" zulässt) durchzogenes 'Yakusical' gebärdet sich wie eine pubertierende Mischung aus Baz Luhrmanns "Romeo und Julia", Anne Fletchers "Step Up" und Takashi Miikes "Crows Zero". Die dazu abgefeuerte Action ist zwar blutig, aufgrund der vorherrschenden Ausgeflipptheit aber nicht im Mindesten ernstzunehmen. Kung Fu, Schwertkampf und Schusswechsel ergänzen die auf den Straßen ausgetragenen Schlägereien per Faust und Fuß und machen "Tokyo Tribe" zu einer wahrlich orgiastischen Unterhaltungs-Bombe, die auch für Leute zu empfehlen ist, die ansonsten nichts mit Hip Hop am Hood... ääh... Hut haben.
gesehen von Boris Bertram