Interview
Movie-College: Was hat Sie denn an dem Themenkomplex Roma- bzw. Ausländerfeindlichkeit, soziales Engagement und Integration interessiert? Was hat Sie angesprochen, den Film zu machen?
Philippe: Ausgegangen ist das alles von einer wahren Begebenheit. Cécile Duflot, eine Ministerin unter Hollande, war mal in einer Fernsehdebatte und saß jemandem gegenüber, der sie provoziert hat. Sie sagte ihm: Ich habe überhaupt kein Problem damit, zu mir könnt ihr alle nach Hause kommen. Das war so ein Punkt, den wir irgendwie ganz witzig fanden. Daraus haben wir dann versucht, eine Geschichte zu entwickeln. Denn ich interessiere mich für die Rolle der Kultur, und ich fand auch spannend wie so ein Linksintelektueller, der aber aus einem sehr wohlhabenden Hause kommt auf einen Roma trifft, der wirklich die Armut kennt. Die beiden zusammen zu tun ist schon mal etwas, wo Konflikt entsteht, wo Komik entsteht. Sicher sind das sehr schwere Themen, aber ich finde mit der Komödie kann man auch solche schweren Themen angehen.
Ein weiterer Grund warum ich den Film machen wollte war: Man sieht nie wirklich Roma im Kino, die werden eigentlich nie gezeigt, die haben ein sehr negatives Image. Ich wollte zeigen, was passiert innerhalb so einer Familie, wie komplex das alles ist. Was ich dabei auch ganz spannend fand war, dass die Roma noch so eine gewisse Punk-Attitude haben. Die leben wirklich am Rande dieser Gesellschaft, legen diese Gesellschaft auch bis zu einem gewissen Punkt ab, und das wollte ich alles auch mal zeigen.
Movie-College: In „Hereinspaziert!“ nehmen Sie eigentlich jeden auf die Schippe, kritisieren, drücken ein wenig oder auch viel, dort wo es wehtut. Wie haben Sie die Gradwanderung zwischen Kritik und doch wohlwollendem Blick bewältigt, war das schwierig?
Philippe: Das ist ja das, was an einer Komödie spannend ist: dass man die menschlichen Fehler aufzeigen kann, dass man die Mittelmäßigkeit aufzeigen kann. Das ist ja allein komisch. Wir haben so viele Eigenschaften, auf die wir als Menschen überhaupt nicht stolz sind, und trotzdem habe ich so einen wohlwollenden Blick darauf. Mir ist es halt wichtig, dass dennoch all meine Figuren sympathisch bleiben und dass es dann auch eine gewisse Komik auslöst, weil wir Menschen weit davon entfernt sind perfekt zu sein. Auf unsere Fehler zu schauen macht immer ein bisschen mehr Spaß. Mir ist es wichtig mich über diese Fehler ein bisschen zu amüsieren, aber mich nicht darüber lustig zu machen.
Movie-College: Könnten Sie die Familie Fougerole für mich beschreiben? Was war Ihnen an der Darstellung besonders wichtig?
Philippe: Monsieur Fougerole ist ein typischer französischer Linksintellektueller, ein Professor, der es mag, anderen Lektionen zu erteilen. Seine Frau Daphne ist eine sehr reiche Erbin, sie kommt aus dem agro-industriellen Komplex. Wir fanden das sehr witzig, weil wir eigentlich einen sehr sehr schlechten Ruf hatten, dass sie genau aus dieser Branche stammt, also eine reiche Erbin, die sich dann mit Bildhauerei befasst. Ihr Mann betrügt sie auch mit seinen Studentinnen, er ist also ein Typ voller Fehler. Sie haben einen gemeinsamen Sohn, ein Einzelkind, der auch schon 18 Jahre alt ist. Er ähnelt seinem Vater in der Beziehung, dass er sich bereits sehr für die Frauen interessiert. Und dann hat diese Familie, die in einem sehr schönen Anwesen wohnt, auch noch einen Diener. Das ist schon eine gewisse Karikatur, die wir da gemacht haben, aber wir hatten unseren Spaß daran.
Movie-College: Wie haben Sie sich auf die Darstellung des Romaclans vorbereitet?
Philippe: Ich bin zunächst mal nach Rumänien gefahren und habe mich da mit Sorin Mihail getroffen, der selber Roma ist, und habe ihm das Drehbuch gezeigt. Ich habe gesagt: Lies mal das Buch. Ich wusste, er war sehr offen, ein Intellektueller. Ich habe ihm dann auch gesagt: Klar, es handelt sich hier um eine Karikatur. Sag mir einfach wenn es da Dinge gibt, die dich schockieren oder die einfach nur falsch sind. Aber er hat natürlich gespürt, dass ich da auch diesen wohlwollenden Blick auf seine Community geworfen habe und hat mir dann noch zwei, drei Dinge gesagt, die einfach nicht gestimmt haben. Dann hat er auch geholfen bei den Dialogen, bei den Kostümen und hat einfach mit mir zusammen dafür gesorgt, dass das glaubwürdig wurde. Immer in dem Wissen, dass es sich dabei um eine Karikatur handelt, das heißt einerseits ist es realistisch, aber eben realistisch im Kontext einer Komödie, sodass man die Dinge auch zuspitzt, dass man übertreibt. Aber wichtig ist eben dieser wohlwollende Blick auf das Ganze.
Movie-College: Es braucht natürlich die Fougeroles und den Romaclan, um zwei entgegengesetzte Elemente in einem Kulturzusammenprall zu zeigen. Aber wie passt da die Figur des Erwan hinein? Wie können Sie die ein bisschen beschreiben und warum wurde sie eingebaut?
Philippe: Nun, wir wollten einfach mal einen Franzosen haben, der wirklich eine negative Figur ist, ein kleiner Gauner. Daheim irgendwie sehr menschlich, sehr komisch ist, aber der sozusagen der Bote von etwas, ein Franzose, der sich für einen Roma ausgibt. Das fanden wir schon mal sehr komisch. Und dann ist er der einzige, der wirklich überall nur klauen will. Er will die ganze Familie beklauen, er will die Frau klauen, und das konnte letztendlich nur ein Franzose sein. Aber er ist eben auch sehr menschlich.
Movie-College: Vielleicht eine etwas schwierige Frage: Wissen Sie denn, was Sie an Jean Etiennes Stelle getan hätten?
Philippe: Ich hätte sie bei mir zu Hause aufgenommen, ich wohne im Boulevard Victor Hugo Nummer 6.
Naja, es ist natürlich ein bisschen komplizierter, man hat ja schon Probleme, die eigene Schwiegerfamilie in seinem Garten oder in seinem Haus willkommen zu heißen, das kann ja schon anstrengend genug sein. Insofern habe ich Verständnis für alle, ich habe auch Verständnis für Leute die gar nicht helfen wollen, das muss jeder mit sich selbst ausmachen.
Das Interview führte Mathäa Gerner
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