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Regen wird für die Protagonistin in "Shiki-Jitsu" zur Herausforderung. (Pressefoto / Copyright Tokuma Shoten/King Records)

 

Japan 2000
Drehbuch & Regie: Hideaki Anno
Kamera: Yuichi Nagata
Musik: Takashi Kako
Darsteller: Ayako Fujitani, Shunji Iwai, Shinobu Otake, Jun Murakami

Die Schauspielerin Ayako Fujitani hatte eine bewegte Kindheit, ist sie doch schließlich die Tochter des kontroversen (Möchtegern-)Martial-Arts-Stars Steven Segal, der seine damals vierjährige Tochter 1983 verließ und von Japan in die USA zurückzog, wo er seine Schauspielkarriere begann. Fujitani, die zwischenzeitlich acht Jahre in Los Angeles lebte, verarbeitete ihre Erfahrungen in dem autobiografischen Roman "Tohimu". Der perfekte Stoff für den schrägen Regisseur Hideaki Anno, der selbst eigene Probleme und Konflikte in seinen Serien und Filmen aufarbeitete - insbesondere in seinem Anime-Klassiker "Neon Genesis Evangelion". So entstand im Jahr 2000 Annos zweiter Realfilm, das psychologische Drama "Shiki Jitsu". 

 

Morgen ist Geburtstag

Ein junger Filmemacher trifft beim Spaziergang auf eine junge Frau, bunt geschminkt, mit auffälligen roten Schuhen und einem roten Regenschirm - auf dem Gleisbett liegend. "Morgen ist mein Geburtstag", verkündet sie freudig. Sie ist der Gegenentwurf zu dem stillen Gegenüber. Die Begegnung auf den Gleisen wird zu dem Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft. Alsbald lernt der namenlose Regisseur, dass sich hinter dem exzentrischen Äußeren und der so energetisch-lebensfrohen Art der ebenfalls namenlosen Frau, die in einem verlassenen Firmengebäude wohnt, eine große Schwere verbirgt. Sie schläft kaum, hört ständig die aggressiven Nachrichten ihrer Mutter auf dem Anrufbeantworter ab und stellt sich jeden Morgen an den Rand des Daches, um zu überprüfen, ob sie den Tag durchhält - oder springen soll. Nebst der täglichen Ankündigung des morgigen Geburtstages ist das das titelgebende Ritual. 

 

Leid und Freude in allen Facetten

Anno findet zu seinen beiden Protagonisten einen feinfühligen, nuancierten Zugang, der sich dem Zuschauer durch seine distinktive Ästhetik eröffnet, die sich verschiedener gestalterischer Mittel bedient. Dazu zählt auch die filmische Ebene im Film selbst. Der Filmemacher findet durch seine Dokumentation seinerseits einen Zugang zu der Protagonistin, die ihm zu Anfang verschlossen bleibt. Der Film wechselt dafür von 35mm in 2:35:1 zu frühem Digitalfootage in 1:33:1. Dadurch bewegen wir uns in den Handheld-Aufnahmen (im wahrsten Sinne) in einer eigenen kleinen Welt, in der die Enge des Bildes die intime Entwicklung der Freundschaft des ungleichen Duos in nostalgischer Video-Optik einfängt. Die Umgebung der Industriestadt Ube wirkt dabei mitunter oft menschenleer und verstärkt so den Eindruck der Einsamkeit der beiden Hauptfiguren. Das verlassene Firmengebäude repräsentiert den Zustand der Protagonistin. Eine eigene Fantasiewelt, sprühend vor Kreativität, wie ein Künstleratelier. Die Räume sind chaotisch, oft verspielt - voller geheimer Ecken. Jedes Stockwerk, das die Frau stets als "geheim" bezeichnet, will sie dem Filmemacher zeigen - außer dem Keller. Über die erste Hälfte des Films bleibt dieser ein Mysterium, ein schwarzer Fleck, den wir über das Treppengeländer immer wieder mal erspähen. Bedrohlich ragt dessen Dunkelheit durch das ganze Gebäude - wohl auch deshalb ist das provisorische Wohnzimmer der Frau stets hell erleuchtet. Sie fürchtet den Keller und der Zuschauer tut dies bald auch. Immer wieder hören wir das schrill-laute Ringen eines alten Telefons aus dem Keller - so unbehaglich, dass es uns in ihre (roten) Schuhe versetzt. Ebenso mysteriös und unheimlich wirkt der Countdown, der mit jedem weiteren Tag verkündet wird.

 

Die Schwere des Regens

Regnet es, wandelt sich nicht nur die Stimmung der Frau, sondern auch die Lichtstimmung - in Außenaufnahmen in ein kaltes blau getaucht. Die Tropfen kommen durch das undichte Dach - die Traurigkeit bricht in die fragile Welt hinein. Sie hasst den Regen, er zieht sie runter - in den Keller. Dieser ist durch seine - einem Shintoschrein nachempfundenen - Aufmachung durchgehend unter Wasser. An diesem Ort zeigt sich nicht nur höchst eindrucksvoll Annos visuelles Geschick, sondern auch das Trauma der Protagonistin, das wir in albtraumhaft-surrealen Animationen erahnen. Der Filmemacher will sie nicht im Regen stehen lassen und wird durch seine ruhige Art zu einem Anker für die zerbrechliche Frau - und mehr. Dabei driftet der Film nicht ins Klischeehafte ab, sondern zeigt eine komplexe Beziehung der beiden Figuren, die von Traumata, Eifersucht und Zweifeln belastet wird. Diese Konflikte kommuniziert Anno oft in wenigen Worten, visuell und aus beiden Perspektiven. Den äußeren gehen inneren Konflikte voraus. In den Ritualen liegt der Wunsch nach Halt, in der Exzentrik der Wunsch nach eigener Identität - auch aus der Angst vor den Vergleichen von der verhassten Mutter - und dem Angleichen an diese.

Trotz seiner Schwere bewahrt sich das Drama stets eine Wärme und einen leisen Humor, wodurch es nie in Bitterkeit versinkt, sondern im Gegenteil eine sehr positive Energie innehat. Da der Film über die Grenzen Japans hinaus leider eher unbekannt ist und nie eine deutsche Veröffentlichung erhalten hat, ist dieser nur schwer als Hardcopy bzw. Stream verfügbar - dabei verdient das Meistwerwerk einen höheren Bekanntheitsgrad. So ist derzeit noch etwas Findigkeit von Nöten - sie lohnt sich.

Gesehen von Tristan Rembold

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