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Marseille 95 min., Spielfilm, Deutschland 2004 REGIE: Angela Schanelec KAMERA: Reinhold Vorschneider, Kareem La Vaullee SCHNITT: Bettina Böhler |
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Regie: Angela Schanelec
Kinostart: 23. September 2004
"All meine Filme beruhen auf dem Gedanken, dass ein Großteil des Lebens undurchschaubar, voller Missverständnisse und dem Zufall überlassen ist. Die Figuren leben im Widerspruch zwischen diesem Ausgeliefertsein und dem mehr oder weniger ständigen Versuch, sich dagegen aufzulehnen", so die Regisseurin Angela Schanelec. Auch Marseille beruht auf diesem scheinbar unlösbaren Konflikt.
Sophie, eine junge Fotografin (Maren Eggert) tauscht ihre Wohnung mit einer französischen Studentin und fährt mitten im Februar nach Marseille. Die Stadt wirkt abweisend und unzugänglich. Sophie ist allein und nimmt die Stadt nur durch ihre Kameralinse wahr. Sie geht durch Marseille, bleibt an dieser oder jener Ecke, an einer Straße oder Kreuzung stehen, richtet ihre Kamera ein und fotografiert. Man erwartet die tollsten Bilder zu sehen, wird jedoch enttäuscht, wenn man dabei zuschauen darf, wie sie die Bilder langwierig an ihre Apartmentwand klebt. Jeden Tag isst sie gegenüber einer Autowerkstatt Birnen und fragt eines Tages den Mechaniker Pierre (Alexis Loret), ob er ihr ein Auto besorgen kann, um die Gegend zu erkunden. Im Film passiert dies nie, man sieht sie nur am nächsten Abend, wie sie ihm die Schlüssel zurück gibt und sie ein belangloses Gespräch führen. Zwei Tage später sehen sie sich in einer Bar wieder.
Mitten in dieser Szene führt uns ein abrupter Schnitt plötzlich wieder nach Berlin in der ihr ein junge Frau hinterher rennt, um ihr ihre Mütze zu bringen. Man bemerkt diesen plötzlichen Ortswechsel nur durch die Umstellung der Sprache von Französisch auf Deutsch. Auch folgen wir nicht mehr Sophie, die plötzlich nur noch als Nebendarstellerin agiert, vielmehr finden wir uns im Familien- und Berufsalltag ihrer Freundin Hanna und ihres Mannes Ivan wieder. Erneut sitzt man im Kinosessel und wundert sich und versucht der Geschichte etwas abzugewinnen. Warum rennt da plötzlich eine unbekannte Frau durch den Park und sucht einen kleinen Jungen? Warum müssen wir uns ansehen, wie Ivan irgendwelche unbekannte scheinbare Fabrikarbeiterinnen fotografiert und was sollen die langen Theaterproben? Sophie bleibt ausgeklammert, im Hintergrund. Um sie am Ende doch wieder in den Mittelpunkt zu rücken, schickt sie die Regisseurin noch einmal nach Marseille, wo sie ausgeraubt wird, was wir auch nicht zu sehen bekommen, stattdessen aber ein langwieriges Verhör in einer Polizeistation.
Der Film zeigt alles, was im Alltag schon viel zu lange dauert, und das in Echtzeit. Man sieht, wie sie ihre Schuhe zubindet oder wartet, bis sie endlich ihren Kaffee erhält. Man lernt ständig Menschen kennen, die für den Film nie wieder relevant sind. Man kann die Geschichte zwar zusammen puzzeln, ist aber ständig verwirrt, was das alles soll, und was es zum Film beiträgt.
Letztendlich wirkt Schanelecs Film, wie sie das Leben beschreibt: ein Großteil des Films ist undurchschaubar, voller Missverständnisse und dem Zufall überlassen.
Gesehen von Kathrin Metzner
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Mauer Frankreich, Israel 2004 REGIE: Simone Bitton KAMERA: Jacques Bouquin SCHNITT: Catherine Poitevin-Meyer, Jean Michel Perez |
Regie: Simone Bitton
Kinostart: 12. Mai 2005
Eine Dokumentation über die Mauer, die Israel vor palästinensischen Extremisten schützen soll und die Bewohner doch nur einengt. Ein Film über die Mauer in den Köpfen der Menschen. Eine filmische Meditation über Schranken und Mauern auf der Welt, egal zwischen welchen Schichten, Religionen oder Völkern. Exemplarisch wird an Israel gezeigt, wie Menschen dazu neigen, sich gegen andere abzugrenzen- und sich damit doch nur selber die Zukunft zu verbauen.
In langen, ruhigen Einstellungen zeigt Simone Bitton, wie entlang der Grenze zwischen Israel und Palästina diese unsagbar hässlichen Betonwände eingelassen werden und ganze Städte und Landstriche aus dem Blickfeld verschwinden. Als die Crew ein paar Anwohner filmen, die auf einen günstigen Moment warten, die Trennlinie zu überschreiten, wird die Angst und Anspannung fast körperlich spürbar- man weiß nicht, ob von den Grenzposten nicht doch jemand zu schießen beginnt. So reizvoll diese meditative Art des Dokumentarfilms sein kann (man denke nur an KOYAANISQATSI mit dem Soundtrack von Philip Glass), so ist es doch schnell ermüdend, über 90 Minuten Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich einen Weg durch die graue Betonwüste bahnen. Beeindruckend sind die kleinen Interviews mit betroffenen Anwohnern, einfachen Menschen: wie heißt du? Und immer: woher kommst du? Als Fremdkörper und vor allem unnötig erweist sich die Szene, als die Regisseurin via Webcam mit einem palästinensischen Psychiater Kontakt aufnimmt und pathetisch fragt, ob sie denn als einzige verrückt sei, da sie sich als Jüdin UND Araberin sehe. Die Antwort, man ahnt es bereits: nein, du bist die einzige Normale; die Welt ist verrückt. Überhaupt hat sich in diese Dokumentation ein etwas übertrieben dramatischer Zug eingeschlichen. So widmet die Regisseurin ihr Werk "allen Menschen, die diesen Film bewohnen". Film als grenz- und tabufreie Zone- grundsätzlich eine wünschenswerte Utopie. Angesichts von Interviewaussagen wie "Filmt mich nicht, die PLO bringt mich sonst um" wirkt so etwas jedoch grenzenlos naiv- oder einfach nur überheblich.
Gesehen von Johannes Prokop