
Warum Fernsehen so ist, wie es ist
Jahrelang haben viele tatenlos zugeschaut, wie die Qualität eines einstmals besonders vielfältigen Fernsehprogramms immer weiter nachließ. Man konnte es förmlich spüren, weil man immer öfter wegsehen, umschalten oder abschalten musste, um nicht daran zu verzweifeln. Immer weniger Menschen wollen den „Mist“, „Schrott“, „Trash“ oder wie sonst das sogenannte Programm betitelt wird, noch gerne sehen. Viele schauen lineares Fernsehen nur noch aus Gewohnheit – oder weichen längst auf Mediatheken, Streamingdienste, YouTube und andere Plattformen aus.
Vielfach läuft der Apparat auch nur zur akustischen Untermalung, als Placebo gegen die Einsamkeit der vielen Singles oder jener, die sich nichts mehr zu sagen haben. Längst hat zudem eine Bewegung das Land erfasst: Menschen, die selbst bestimmen, wann, wo und was sie anschauen. Eine Generation, die sich weder von der sogenannten Grundversorgung noch von den angeblich jungen, frischen Privatsendern ausreichend berücksichtigt fühlt.

Free-TV als Verkaufsargument
Das Schwächeln der TV-Sender hat den Siegeszug von DVD, Internet, Pay-TV-Angeboten und später der Streamingdienste überhaupt erst möglich gemacht. Lange Jahre wurde dem Pay-TV in einem Land mit vielen frei zugänglichen, qualitativ hochwertigen Sendern keine profitable Zukunft vorausgesagt. Doch die Zeiten haben sich geändert. Längst sind auch die Öffentlich-Rechtlichen nicht frei von belanglosen Formaten, während Streamingplattformen und Mediatheken mit jederzeit abrufbaren Inhalten attraktiv geworden sind.
Zudem wechseln Privatsender ihre Programmverantwortlichen beinahe ebenso oft wie ihre missglückten Programmformate. Eine Linie oder gar ein Konzept jenseits der Gewinnmaximierung kann so nur schwer entstehen.
Information, Emotion, Sensation
Statt erzählter, durchdachter und dramaturgisch optimierter Geschichten werden uns Programme in Gestalt von „Reality“-Formaten vorgesetzt, deren einzige Dramaturgie häufig aus Wettkampfvariationen, Ekelfaktor, Bloßstellung oder künstlich erzeugtem Konflikt besteht. Ganz gleich, ob Casting, Datingshow, Reality-Experiment oder Prominenten-Format: Das Kindergeburtstags-Topfschlagen ist längst in der Primetime angekommen.
TV-Manager und Formatentwickler durchwandern einen Schleudersitz-Posten nach dem anderen, wechseln beliebig die Produzenten- oder Programmeinkäuferseite und produzieren an vielen Wirkungsstätten ein inhaltliches Vakuum. Ab und an lächeln sie einem aus Fachzeitschriften entgegen, wenn wieder ein angeblich völlig neues, innovatives Format aus den Bereichen „Doku-Soap“, „Reality-Magazin“, „Scripted Reality“ oder „People Watching“ gestartet wird, und erklären wenig später nach dem Scheitern, dass der enorme Kostendruck zu mangelnder Qualität geführt habe.
Gleichzeitig findet eine völlige Vermischung von Authentischem und Fiktivem statt. Nachrichten und Magazine werden gefällig aufgepeppt, inszenierte Inhalte pseudodokumentarisch präsentiert, und auf sozialen Plattformen werden Ausschnitte daraus noch einmal zugespitzt weiterverbreitet. Die Glaubwürdigkeit wird dem kurzzeitigen Aufmerksamkeitskitzel geopfert.
Inszenierte Banalität zur Prime Time
Nein, es gibt keine höhere Gerechtigkeit, keinen Oberaufseher der Fernsehkultur, der sagt, diese oder jene Produktion war von hoher Qualität. Es gibt nur die hilflos Balken und Diagramme produzierenden Auswertungen von Vergleichsgruppen, dazu Klickzahlen, Abrufzahlen, Watchtime und die faktisch oft ungehörte Film- und Fernsehkritik.
Doch es gibt handfeste Gründe für den Niedergang der heimischen Fernsehkultur, bekannte, aber auch überraschende. Eine Trendwende kann von passiven, alles ertragenden Zuschauern jedenfalls nicht eingeleitet werden. Anders als bei Kino, Konzert oder Theater gibt es beim Fernsehen keinen direkten Zusammenhang zwischen der Bezahlung der Programminhalte und der Zufriedenheit der Zuschauer.
Der Rundfunkbeitrag wird eingezogen, ganz gleich, ob jemand öffentlich-rechtliche Programme nutzt oder nicht. Die Werbeindustrie investiert für den gesehenen Spot, nicht dafür, dass die Qualität des Rahmenprogramms gut war. Entscheidend ist lediglich, wie viele Zuschauer oder Nutzer eingeschaltet, geklickt oder gestreamt haben – ganz gleich, ob Qualität, Gewohnheit oder nacktes Entsetzen sie dazu bewegt haben.
Mechanismen

Bei den Privatsendern, die Fernsehen nicht etwa zur Erbauung der Zuschauer ausstrahlen, sondern vor allem zur Generierung von Werbeeinnahmen, ist der Zusammenhang zwischen Ursache und der bekannten dramatisch reduzierten Programmgüte am einfachsten zu erklären. Aufsichtsräte geben den Druck, dass der Sender die geplante Rendite abwirft, an ihre Abteilungsleiter und diese an ihre Redakteure weiter.
Gesunkene Werbebudgets ziehen sinkende Werbepreise nach sich. Dadurch steigt der Druck, möglichst billig produzierbare Formate zu senden, die dennoch Aufmerksamkeit erzeugen. Ob diese Aufmerksamkeit aus Interesse, Voyeurismus, Empörung oder Ermüdung entsteht, ist dabei oft von untergeordneter Bedeutung. Hauptsache, die Quote stimmt, die Abrufzahlen stimmen oder die Aufmerksamkeit in den Zielgruppen lässt sich vermarkten.
Niedrige Herstellungskosten sind heute nur ein anderes Wort für Reality-TV, Scripted Reality, Studiotalks, billig produzierte Dokusoaps oder schnell montierte Plattformformate. Früher wurden solche Sendungen notfalls mit Mini-DV gedreht und auf einem Heimcomputer geschnitten; heute können sie mit kleinen Digitalkameras, Smartphones, kompakten Tonstrecken und schnellen Schnittsystemen noch günstiger entstehen. Die Technik ist besser geworden, aber das bedeutet nicht automatisch, dass die Inhalte es ebenfalls sind.
Verkürzte Entwicklung, mangelnde Vorbereitung und minimale Preproduktion sind weitere Sparmaßnahmen am falschen Punkt. Wo keine Zeit und keine Schonfrist für neue Sendungen existiert, wird gerne auf Sicheres zurückgegriffen. Was liegt da näher, als erfolgreiche Produkte der Konkurrenz zu kopieren? Dass damit zugleich eine Übersättigung der Zuschauer an immergleichen Sujets einhergeht, will keiner der Plagiateure wahrhaben. Da gibt es dann eben viele Superstar-Sucher, Auswanderer, Renovierer, Überlebende, Rollentauscher und Dating-Kandidaten.
Quotensklaverei
Auch die öffentlich-rechtlichen Sender fügen sich häufig ohne Not dem Diktat der Einschaltquoten. Zwar werden sie heute weitgehend durch den Rundfunkbeitrag finanziert, dennoch messen sie sich oft an denselben Balkendiagrammen wie private Anbieter. Selbst Redakteure relativ anspruchsvoller Programminhalte werfen morgens, wenn sie ihren Bürocomputer einschalten, häufig zuerst einen Blick auf die Einschaltquoten, Mediathekenabrufe oder Online-Reichweiten.
Die Erkenntnis, dass man Zuschauer auch an schlechte Programmqualität gewöhnen kann oder dass Film- und TV-Kultur genau wie eine Lesekultur entwickelt und vermittelt werden muss, wird beinahe gänzlich den einschlägigen Monitoring-Verfahren geopfert. Ob es Anpassung, Feigheit, Beziehungsgeflechte mit Produktionsfirmen, mangelndes Qualitätsbewusstsein oder simpler Druck der Vorgesetzten ist, der viele Redaktionen allzu anspruchslos werden lässt, kann dem Zuschauer einerlei sein.
Einzig Arte, 3Sat, einige Dritte Programme, Mediatheken-Schwerpunkte und einzelne Streaming- oder Senderprojekte erlauben sich und vor allem den Zuschauern noch ab und an den Luxus, Kulturauftrag und Qualitätsanspruch in Form hochwertiger Programmgestaltung erleben zu können. Bei ARD und ZDF gibt es weiterhin Lichtblicke, starke Dokumentationen, Fernsehfilme, Serien und Koproduktionen – doch viele der besten Filme landen weiterhin spätabends, in Mediatheken oder in Sendeplätzen, die kaum noch ein breites Publikum erreichen.
Senderfamilien, Produzentenfamilien
Die Familie ist ein dehnbarer Begriff, wie einem aus den Filmen über das organisierte Verbrechen bekannt ist. Nun verstehen sich auch die vielen Tochter-, Schwester- und Enkelfirmen der Fernsehsender als Familie, die – welch zufälliges Zusammentreffen – mit hoher Kontinuität Produktionsaufträge von ihren Mutter-Fernsehsendern erhalten.
Diese freundliche Auftragssicherheit, die in anderen Branchen längst kritische Fragen auslösen würde, führt dazu, dass Produktionsfirmen in geschützten Räumen ihre TV-Movies, Shows oder Formatreihen abspulen können. Sie müssen nicht immer hohe Qualität oder Kreativität beweisen – der nächste Auftrag kommt mitunter auch dann, wenn man Mittelmaß oder Schlimmeres abliefert. Wem fällt noch auf, wenn manche Redakteure aus Produktionsfirmen kommen und nach ihrer oft kurzen Umlaufbahn in den Sendern wieder in Produktionsfirmen zurückwechseln? Man nennt dieses Verhalten auch „Drehtür-Effekt“: Redakteure wechseln zu Produktionsfirmen und später wieder zurück in Senderpositionen. Wer sich mal die Mühe macht, die Vita so mancher Programmverantwortlichen zu studieren, erlebt da so manche Überraschung. Nicht immer die besten Filme, sondern häufig die besten Beziehungen bestimmen einen Teil der vergebenen Aufträge. Wenn es zu offensichtlich wurde, mussten in der Vergangenheit so manche Verantwortliche etwa beim NDR, BR oder auch RBB ihre Position wieder aufgeben.
Die neuen Technologien, das Internet, Mediatheken, Streamingdienste, Video-on-Demand, soziale Plattformen und unabhängige Produktionswege geben den Zuschauern heute tatsächlich Instrumente an die Hand, der Programmeinfalt zu entfliehen und sich ihr eigenes Programm zusammenzustellen. Doch auch diese neue Freiheit hat ihren Preis: Algorithmen, Plattformlogiken und Empfehlungsmechanismen erzeugen neue Abhängigkeiten und neue Formen der Aufmerksamkeitssteuerung.
