Traumberuf

Exposé eines Traumjobs

 

Bild vor dem Palais de Festival

Vor dem Festivalpalais in Cannes posieren, im Mittelpunkt stehen...

Schauspieler werden und es auch sein ist bei weitem nicht der Traumjob, den die Medien so gerne vermitteln wollen. Die Wirklichkeit zwischen Arbeitslosigkeit und Prominentheit sieht doch ganz anders aus, als Superstar, Starsearch & Co kommunizieren. Insbesondere Film- und Fernsehschauspieler müssen in der Regel sehr um Arbeitsmöglichkeiten kämpfen, doch darüber sprechen die Wenigsten öffentlich.

 

Was viele Medien von Print über Hörfunk bis Fernsehen vor allem jungen Menschen an Leitbildern liefern gehört zu den größten Betrugsszenarien unserer Tage. Ausgerechnet in einem Alter, in dem die meisten Jugendlichen ihr Selbstwertgefühl über die Anerkennung durch Andere, vorzugsweise Klassenkameraden und Freunde definieren, propagieren die einschlägigen Sendungen die erreichbare Vergrößerung der Beliebtheit als Sänger oder Schauspieler. Von den avisierten Geldflüssen ganz zu schweigen.

 

Aufmerksamkeit

Beachtet und geliebt sein, möchte eigentlich jeder Mensch, das ist ein Grundbedürfnis, welches dem heranwachsenden Kind die nötigen Anreize zur positiven Entwicklung verschafft. Wichtige Bestandteile unserer Erziehung sind an Lob für Leistungen gekoppelt, noch wichtiger aber ist die Anerkennung um unserer selbst willen, weil wir einfach der Mensch sind, der wir sind. Die Medienversprechen verschieben diese sinnvolle Balance zuungunsten einer konstruierten Wertschätzung durch Medienpräsenz. Nur wer ständig durch Presse, Hörfunk und Fernsehen geschleust wird, gilt als strahlender Sieger, verdient es geliebt zu werden.

 

Mit einer solchen Lüge zu leben, ist Schicksal mancher Schauspieler, die diesem falschen Weltbild ihre ursprünglichen Wertgefüge geopfert haben. Im extremsten Fall kann dies zu narzistischen Persönlichkeitsstrukturen führen, bei denen das Lebensmotto lautet: Nur der Erfolg macht mich zu einem wertvollen, liebenswerten Menschen. Ein Fehlschluss, der stets auch die Angst in sich birgt, das Ziel nicht zu erreichen und einen Menschen zu einem atemlosen Jäger nach Selbstbestätigung verdammt. Wirklich erfolgreich werden tatsächlich nur ganz wenige Schauspieler. Es sind die kleinen und großen Bühnen, die einer großen Zahl an Schauspielern Arbeitsmöglichkeiten bieten.

 

Erfolg und seine Folgen

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Laura Berlin, Jannis Niewöhner und Maria Ehrich bei der Premiere von "Smaragdgrün"

Wenn es gelingt, zeitweise zu öffentlicher Berühmtheit zu gelangen, so kann es schnell auch wieder vorüber sein. Basierte der Erfolg zu einem großen Teil auf Schönheit, sind der Karriere absehbare natürliche Grenzen gesetzt. Das Grundprinzip des Lebens, das Altern, welches die meisten Schauspieler auch als Reifeprozess, als Zuwachs an Lebenserfahrung betrachten, wird für Andere zu ihrem größten Feind. Da werden alle Möglichkeiten der Beeinflussung genutzt, jagt eine Diät die Nächste, wird gefärbt, geschminkt, geliftet, wird der Mensch selber unter einem Schönheitskorsett aus Angst versteckt.

 

Haben Schauspieler in einem oder mehreren guten Filmen, die ihnen auf den Leib geschrieben waren Erfolg, kann es vorkommen, dass sie nie wieder vergleichbare Stoffe angeboten bekommen. Wie sollen sie sich verhalten? Alle Drehbücher ablehnen, auf die sie nicht passen oder die einfach zu schlecht sind? Dann drehen sie bald überhaupt nichts mehr und geraten in Vergessenheit. Also lässt man sich auf Kompromisse ein und gerät mehr und mehr in die nur schwer erträgliche Mittelmäßigkeit der meisten Fernsehfilme und Serien.

 

Selbst der ersehnte Erfolg birgt unabsehbare Gefahren in sich. Der Hype, der einen Schauspieler zum von tausenden gefeierten Idol auf der Premierenbühne, zum preisgekrönten Mittelpunkt einer Verleihungsfeier, zur VIP diverser Empfänge macht, ist nicht kompatibel mit dem Alltag. Nicht jeder derart Gefeierte kann damit umgehen, auch andere Tage zu erleben, an denen man einfach nur ein Mensch auf der Straße, im Supermarkt oder allein mit sich selbst in den eigenen vier Wänden ist.

 

Schattenseiten

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Wer sich den Ängsten nicht stellt, kann sich verlieren

Und wie steht es um die privaten Beziehungen? Kann man wirklich sicher sein, ob die potentiellen Beziehungen wirklich darauf basieren, dass man als Mensch geliebt wird? Oder wird da vielleicht eher der eigene Erfolg oder gar die Chance auf Teilnahme am Erfolg geliebt? Kann man überhaupt noch ohne diesen Zweifel Beziehungen eingehen? Isoliert man sich sicherheitshalber, baut einen sicheren Schildkrötenpanzer um sich herum auf? Kann man sich neben der Schauspielarbeit überhaupt ein Privatleben, eine Familie leisten? Verzichtet man auf Kinder? Akzeptiert man die Einsamkeit? Manchmal lebt man monatelang in irgendwelchen Hotelzimmern, weitab von Zuhause.

 

Depressionen sind unter Schauspielern weiter verbreitet, als in anderen Berufsfeldern. Betroffene holen sich nicht immer professionelle Hilfe in Form von Therapien. (Die meisten US-Schauspieler haben einen Psychotherapeuten). Manchmal bekämpfen sie diese in Selbstmedikation durch Alkohol, Psychopharmaka und Drogen. Da trifft es sich gut, dass viele andere Kollegen in den edlen In-Lokalen Alkohol und Kokain längst wie Lebensmittel konsumieren. Das hilft, sich bei Bedarf die nötigen Höhenflüge zu verschaffen, beinhaltet neben dem High aber auch stets das Down. Wer nicht auf sich aufpasst, bei dem werden die Abstände zwischen den beiden Zuständen immer kürzer.

90 % aller Schauspieler arbeiten jenseits des versprochenen Starruhms, leben die Schauspielarbeit nur selten, erleiden Arbeitslosigkeit, jobben in anderen Berufen oder arbeiten in Schulungen für Industriemitarbeiter etc. Nur ein Zehntel der Schauspieler, nicht nur bei uns sondern auch in den USA arbeiten regelmäßig in ihrem Beruf. Die anhaltende Medienkrise hat dazu geführt, dass selbst relativ bekannte Schauspieler hinter vorgehaltener Hand berichten, dass sie im vergangenen Jahr lediglich einen Drehtag hatten.

 

Agenturen wollen vorzugsweise nur erfolgreiche Schauspieler aufnehmen, bei denen haben sie die wenigste Arbeit, doch wo bleiben all die anderen Schauspieler? Beziehungen helfen häufig, an Jobs heranzukommen, so bemühen sich zahllose Schauspieler auf Empfängen mit Redakteuren, Producern, Castern oder Regisseuren ins Gespräch zu kommen. Von freundlichen Gesprächen bis zu sich selbst verleugnender Anbiederei reicht die Bandbreite dieses ebenfalls zum Job gehörenden Teil des Spiels. Wer sich nicht gut verkaufen kann, läuft Gefahr, übersehen zu werden.

 

Abgründe

Angst und Depression können Menschen in die Enge treiben. Bereits der erste große Hollywood Filmstar, Florence Lawrence, nahm sich 1938 das Leben nachdem sie in mehreren Filmen so kleine Rollen spielte, dass sie nicht einmal im Abspann stand und ihre Szene in "Hollywood Boulevard" herausgeschnitten wurde. Marilyn Monroe, Margaux Hemingway, Brian Keith, Carole Landis, Walter Slezak, Pier Angeli, Trevor Goddard, Leslie Cheung oder Jonathan Brandis folgten ihrem Beispiel. Es sind nur einige Namen von Schauspielern, die dem äußeren Druck nicht standhalten konnten, die an den inneren Konflikten, welche ihr Erfolg mit sich brachte, zerbrochen sind und sich das Leben nahmen.

 

Keine psychische Notlage und sollte sie noch so schwerwiegend sein, rechfertigt einen Selbstmord. Kurzschlussreaktionen in denen einen niemand auffängt, in denen die Isolation es unmöglich erscheinen lässt, sich auszusprechen, sind die Ausnahmen, die Extremsituationen. Zugleich werfen sie aber ein Schlaglicht auf die Schattenseiten eines nie wirklich leichten Berufes, den zu wählen man sich gut überlegen sollte. Talent ist nur ein kleiner Bestandteil der Erfordernisse um in diesem Umfeld arbeiten zu können.

 

Schauspieler verdienen unsere Hochachtung, im Gegensatz zu anderen Berufen, in denen eine Ware oder eine Leistung bewertet wird, sind sie es selbst, die im Zentrum der Beurteilung stehen. Wer sich für diesen Weg entscheidet, sollte sehr gefestigt sein, kein Versprechen auf die große Karriere erwarten und sich den damit verbundenen Ängsten offen stellen.