Programmqualität

Warum Fernsehen so ist, wie es ist

 

Erklärungsversuche

Privatfernsehen

Nachmittags-Highlights des Privatfernsehens

 

Jahrelang haben sie tatenlos zugeschaut, wie die Qualität eines der einstmals besten Fernsehprogramme der Welt immer mehr abstürzte, man konnte es förmlich spüren, weil man immer öfter wegsehen, abschalten musste, um nicht daran zu verzweifeln. Immer weniger Menschen wollen den "Mist", "Schrott", "Trash" oder wie sonst das so genannte Programm betitelt wird, noch gerne sehen, viele schauen nur noch aus Gewohnheit Fernsehen an.

 

Vielfach läuft der Apparat auch nur zur akustischen Untermalung, als Placebo gegen die Einsamkeit der vielen Singles oder jener, die sich nichts mehr zu sagen haben. Längst hat zudem eine Bewegung das Land erfasst, derer, die selbst bestimmen, wann und was sie anschauen. Eine Generation, die sich weder von der so genannten Grundversorgung, noch den angeblich so jungen, frischen Privatsendern berücksichtigt fühlt.

 

Free TV als Verkaufsargument

Das Schwächeln der TV-Sender macht den Siegeszug von DVD, Internet und von Pay-TV-Angeboten überhaupt erst möglich. Lange Jahre wurde dem Pay-TV in einem Land mit so vielen frei zugänglichen, qualitativ hochwertigen Sendern keine profitable Zukunft vorausgesagt. Doch die Zeiten haben sich geändert. Längst sind auch die Öffentlich-Rechtlichen im Strudel belangloser Formate angekommen und machen damit Pay-TV attraktiv. Zudem wechseln die Privatsender ihre Programmverantwortlichen beinahe genau so oft wie ihre missglückten Programmformate. Eine Linie oder gar ein Konzept jenseits dem der Gewinnmaximierung kann so gar nicht erst entstehen.

 

Information, Emotion, Sensation

Statt erzählter, durchdachter und dramaturgisch optimierter Geschichten werden uns Programme in Gestalt von "Reality"-Formaten vorgesetzt, deren einzige Dramaturgie aus Wettkampfvariationen, Ekelfaktor oder Denunziation besteht. Ganz gleich ob "Hire or Fire", "Kämpf um Deine Frau" oder "Juda's Game", das Kindergeburtstags-Topfschlagen ist längst in der Primetime angekommen. Ewig jung gebliebene, permanent gebräunte TV-Manager durchwandern einen Schleudersitz-Posten nach dem anderen, wechseln beliebig die Produzenten- oder Programmeinkäufer Seite und produzieren an all ihren Wirkungsstätten ein inhaltliches Vakuum. Ab und an lächeln sie einem aus Fachzeitschriften entgegen, wenn wieder ein angeblich völlig neues innovatives Format aus den Bereichen "Doku-Soap", "Reality Magazine" oder "People Watching" gelauncht wird, und erklären wenig später nach dem grandiosen Scheitern, dass der enorme Kostendruck zu mangelnder Qualität geführt habe.

 

Gleichzeitig findet ein völlige Vermischung von Authentischem und Fiktivem statt, werden Nachrichten und Magazine gefällig aufgepeppt, und inszenierte Inhalte pseudodokumentarisch präsentiert. Die Glaubwürdigkeit wird dem kurzzeitigen Aufmerksamkeitskitzel geopfert.

 

Inszenierte Banalität zur Prime Time

Nein, es gibt keine höhere Gerechtigkeit, keinen Oberaufseher der Fernsehkultur, der sagt, diese oder jene Produktion war von hoher Qualität. Es gibt nur die hilflos Balken und Diagramme produzierenden Auswertungen von Vergleichsgruppen, sowie die faktisch ungehörte Film- und Fernsehkritik. Doch es gibt handfeste Gründe für den Niedergang der heimischen Fernsehkultur, bekannte, aber auch überraschende. Eine Trendwende kann von passiven, alles ertragenden Zuschauern jedenfalls nicht eingeleitet werden. Anders als bei Kino, Konzert oder Theater, gibt es beim Fernsehen keinen direkten Zusammenhang zwischen der Bezahlung der Programminhalte und der Zufriedenheit der Zuschauer. Die Fernsehgebühren werden immer eingezogen, ganz gleich, ob Zuschauer fernsieht oder nicht, und die Werbeindustrie investiert für den gesehenen Spot, nicht dafür, dass die Qualität des Rahmenprogramms gut war oder nicht. Entscheidend ist lediglich, wie viele Zuschauer den Kanal eingeschaltet haben, ganz gleich, ob sie die Qualität oder nacktes Entsetzen, was alles über den Sender geht, dazu bewegen.

 

Mechanismen

Viele Fernseher

Programmvielfalt?

Bei den Privatsendern, die Fernsehen nicht etwa zur Erbauung der Zuschauer ausstrahlen, sondern einzig und allein zur Generierung von Werbeeinnahmen, ist der Zusammenhang zwischen Ursache und der bekannten dramatisch reduzierten Programmgüte am einfachsten zu erklären. Aufsichtsräte geben den Druck, dass der Sender die geplante Rendite abwirft, an ihre Abteilungsleiter und diese an ihre Redakteure weiter. Gesunkene Werbebudgets ziehen sinkende Werbepreise nach sich, wodurch letztlich die nach Tausender-Kontakt berechneten Werbepreise die Aufmerksamkeit der Zuseher generieren, ist von absolut untergeordneter Bedeutung. Hauptsache, die Quote stimmt und die Herstellungskosten des Programms sind niedrig.

 

Niedrige Herstellungskosten sind heutzutage nur ein anderes Wort für Reality-TV, für Sendungen, die im Zweifelsfall mit Mini-DV gedreht und auf einem Heimcomputer geschnitten werden können. Verkürzte Optimierung und Preproduktion sind weitere elementare Sparmaßnahmen am falschen Punkt. Ein zweifelhafter Weg für Produzenten, auf den Kostendruck zu reagieren. Wo keine Zeit und keine Schonfrist für neue Sendungen existiert, wird gerne auf Sicheres zurückgegriffen. Was liegt da näher, als erfolgreiche Produkte der Konkurrenz zu kopieren? Dass damit aber zugleich eine Übersättigung der Zuschauer an immergleichen Sujets einher geht, will keiner der Plagiateure wahrhaben. Da gibt es dann eben viele Superstar-Sucher, außerhalb der Zivilisation-Überleber oder Rollentauscher.

 

Quotensklaverei

Auch die öffentlich-rechtlichen Sender fügen sich ohne Not (schließlich werden sie weitgehend durch Fernsehgebühren finanziert) dem Diktat der Einschaltquoten. Selbst Redakteure relativ anspruchsvoller Programminhalte, wie etwa des Kleinen Fernsehspiels im ZDF, werfen selbstverständlich morgens, wenn sie ihren Bürocomputer einschalten, erst einmal einen Blick auf die Einschaltquoten. Die Erkenntnis, dass man Zuschauer auch an schlechte Programmqualität gewöhnen könnte, oder dass Film- und TV-Kultur genau wie eine Lesekultur entwickelt und vermittelt werden muss, wird beinahe gänzlich den Balkendiagrammen der einschlägigen Monitoring-Verfahren geopfert. Ob es Anpassung, Feigheit, Beziehungsgeflechte mit Produktionsfirmen, mangelndes Qualitätsbewusstsein oder simpler Druck der Vorgesetzten sind, die viele Redakteure allzu anspruchslos haben werden lassen, kann dem Zuschauer einerlei sein.

 

Einzig Arte oder 3Sat erlauben sich und vor allem den Zuschauern noch ab und an den Luxus, die angebliche Unabhängigkeit und den Kulturauftrag eines öffentlich-rechtlichen Programms auch in Form von qualitativ hochwertiger Programmgestaltung erleben zu können. Bei ARD und ZDF nimmt die Zahl hochwertiger Eigen- und Koproduktionen stetig ab, Lichtblicke sind bestenfalls einige starke Kinofilme, von denen die Besten vorzugsweise nach Mitternacht gesendet werden.

 

Senderfamilien, Produzentenfamilien

Die Familie ist ein dehnbarer Begriff, wie einem aus den Filmen über das organisierte Verbrechen bekannt ist. Nun als Familie verstehen sich auch die vielen Tochter-, Schwester- und Enkelfirmen der Fernsehsender, die welch zufälliges Zusammentreffen, mit höchster Kontinuität Produktionsaufträge von ihren Mutter-Fernsehsendern erhalten. Diese freundliche Auftragssicherheit, die in anderen Branchen längst das Kartellamt auf den Plan gerufen hätte, führt dazu, dass die Produktionsfirmen in einem konkurrenzfreien Raum ihre TV-Movies abspulen können. Sie müssen keine hohe Qualität oder Kreativität beweisen - der nächste Auftrag kommt, selbst wenn man Mittelmaß oder Schlimmeres abliefert, mit Sicherheit. Wem fällt noch auf, wenn manche Redakteure aus Produktionsfirmen kommen und nach ihrer oft kurzen Umlaufbahn in den Sendern wieder in die Produktionsfirmen zurückwechseln? Nicht die besten Filme, sondern die besten Beziehungen bestimmen einen großen Teil der vergebenen Aufträge. Die neuen Technologien, die DVD und das Internet, werden den Zuschauern Instrumente an die Hand geben, zumindest, wenn sie es wollen, der Programmeinfalt zu entfliehen und sich selbst zum Programmveranstalter zu machen.