Doku-Erbe Moore

Michael Moore - Ein Erbe des Cinéma Vérité?

 

Preisverleihung auf dem Münchenr DokFest

Preisverleihung auf dem Münchner DokFest

Man könnte nahezu behaupten, dass der zeitgenössische Dokumentarfilm seinen Publikumserfolg in den vergangenen Jahren Michael Moore zu verdanken hat. Michael Moore, der vor allem als Bush-Kritiker in Europa dankbar von der antiamerikanischen Bewegung der letzten Jahre angenommen wurde, ist in seiner Heimat in der Branche ein alter Hase.

 

Seine Karriere begann er als Journalist, in diversen Printmedien, im Radio und wechselte schließlich ins Fernsehen, als sein erster Dokumentarfilm "Roger & Me" in den Kinos das bis dahin höchste Einspielergebnis eines Dokumentarfilms eingebracht hatte. Das Format, das er dann als Reporter des Fernsehmagazins bestreitet, heißt "TV Nation". Schon hier finden sich die typischen Merkmale, die Moores Stil seiner Dokumentationen ausmachen. Es ist ein gesellschaftskritisches Reportagenformat, das brisante Themen aufgreift. Im Mittelpunkt steht der Reporter, also Michael Moore, der auch vor der Kamera agiert, sein Vorgehen kommentiert. Stilbildend ist das so genannte ambush interview - unangemeldet fordert der Reporter Antworten von vermeintlich oder tatsächlich Verantwortlichen.

 

Charakteristisch für Moore ist dabei sein ironischer, satirischer Ton, der sich durch die Sendung zieht und unterhaltend wirkt. Schon in "TV Nation" wird die Intention Moores klar und ist in seinen Dokumentationen noch deutlicher zu spüren: Er möchte Soziakritik oder Systemkritik ausüben. Seine Herangehensweise, sein Ansatz, ist dabei nicht nur investigativ-journalistisch, sondern deutlich von seiner Subjektivität geprägt, was die Kritiker Moore ja oft und gerne ankreiden. Seine Position zu seinen Filmen formuliert er aber recht klar: "They are cinematic essays presenting my point of view". Dabei nutzt er verschiedene Mittel, um die Subjektivität in der jeweiligen Thematik des Filmes zu verdeutlichen. In fast allen seiner Filme gibt es eine Verknüpfung mit dem Thema und seiner eigenen Biographie, die von Beginn an die persönliche Sicht des Regisseurs verdeutlicht. In den Voice-over-Kommentaren, die Moore selbst spricht, kehrt er immer wieder mit der Intonation, den Wiederholungen, seinen ironischen Ton, seine subjektive Meinung in den Vordergrund. Indirekt wird weiterhin durch den Schnitt, das Einflechten von Fremdmaterial und die Auswahl der Musik die persönliche Sichtweise des Filmemachers wiedergegeben.

 

Am deutlichsten ist aber der subjektive Ansatz durch die stete on-camera-Präsenz des Regisseurs, indem er durch den ganzen Film führt, die Zuschauer praktisch auf seine Reise nach der Suche der Wahrheit mitnimmt und (gezielt) führt. Wichtig ist dabei, dass Moore nie als intellektueller Kritiker erscheint, der von oben herab belehrt. Er präsentiert sich immer als typischer Amerikaner, betont meist auch seine Wurzeln aus der Unterschicht. So wird er nicht als Außenstehender wahrgenommen, sondern signalisiert mit seinem Äußerem, seiner unbeholfenen, vermeintlich naiven Art: "Hey, ich bin einer von euch. Ich versteh euch".

 

Das Problem der Objektivität bzw. Glaubwürdigkeit

 

Polster-Willi

"Polster-Willi", Dokumentarfilm, leise beobachtend

Alle genannten Merkmale führen zu einem Problem, dem sich Moore regelmäßig stellen muss, weil es ihm Kritiker besonders gerne vorhalten. Das hohe Maß an Subjektivität führt im Glauben der Allgemeinheit zu geringer Glaubwürdigkeit. Dieser kausale Zusammenhang erklärt sich aus der Tradition des Dokumentarfilms heraus. Erste Theoretiker des Dokumentarfilms wie Grierson und Vertov erkannten in den Dokumentationen einen ganz spezifischen Wirklichkeitsbezug. Der Dokumentarfilm sollte eine soziale Funktion übernehmen. Grierson ging sogar so weit und hielt eine Instrumentalisierung bis hin zur politischen Propaganda als gerechtfertigt. Diese Ansichten hatten sich vor dem 2. Weltkrieg besonders im anglo-amerikanischen Raum durchgesetzt.

 

Nach dem Krieg setzte das Direct Cinema aber ein Objektivitätspostulat und prägte die Zuschauererwartungen durch die wenig kontroversen Dokumentationen im Fernsehen entscheidend mit. Das Objektivitätspostulat des Direct Cinema vermied jede Form von subjektiver Argumentation. Tatsächlich wurde wenig später Kritik gegen diesen Ansatz laut, denn reine Objektivität ist niemals erfüllbar. Jeder Filmemacher bringt ein gewisses Maß an Subjektivität mit und legt diese ob bewusst oder unbewusst in den Film. So hat sich in den 70ern wieder ein verantwortlicher, politischer Film mit bewusster subjektiver Stellungnahme herausgebildet. Allerdings hat das Direct Cinema sehr starke Spuren bei den Zuschauern hinterlassen, die vermeintliche Objektivität mit Glaubwürdigkeit gleichsetzen. Tatsächlich bedeutet das aber aus heutiger Sicht, dass jeder Regisseur, der vorgibt, objektiv zu sein, eigentlich höchst unglaubwürdig ist. Andererseits kann ein Filmemacher, der offen subjektiv ist nicht per se den Anspruch auf Glaubwürdigkeit gültig machen. Er muss fair bleiben, er muss Argumente abwägen, logisch argumentieren und Fakten anbringen, also gut recherchieren. Aber auch das erscheint vielen als problematisch, da ein ausgewogener Standpunkt, den eigenen möglicherweise unterdrückt. Die einzige Möglichkeit diesen auszudrücken liegt dann in einer eigenen Interpretation.

 

Zurück zu Michael Moore

 

Wie weiter oben gezeigt wurde, inszeniert Moore seinen Ansatz der Subjektivität und erklärt dies auf folgende Weise: "The work I do must be an honest expression of what I see and believe". Um der Subjektivität einen Gegenpol zu liefern, setzt er gezielt Elemente ein, die seine Glaubwürdigkeit untermauern sollen. Dazu gehört der low-tech-look, also der Einsatz von technisch nicht einwandfreiem Material, das entweder über/unterbelichtet oder verwackelt ist. Der Zuschauer spricht solchen Aufnahmen ein hohes Maß an Authentizität zu, da sie das Gegenteil von perfekt inszenierten Dingen zu dokumentieren scheinen. In "Bowling for Columbine" trifft das zum Bespiel auf eine Szene zu, in der das Material vollkommen überbelichtet ist, so dass der Zuschauer nichts erkennen kann. Michael Moore hat diese Sequenz kurz vor dem ambush interview mit den zwei Opfern bei K-Markt bewusst nicht rausgschnitten, um die Spontanität der Aktion darzustellen.

 

Moore verwendet, wie schon erwähnt wurde, viel fremdes Material. Darunter finden sich in "Bowling for Columbine" einige Schwarz-Weiß-Aufnahmen, Nachrichtenauschnitte und Aufnahmen der Bewachungskamera in der Schule während des Massakers. Alle drei Formen gelten bei den Zuschauern als glaubwürdig, weil sie quasi einen Authentizitätsbeweis liefern. Dieser Mix aus verschiedenen Materialen - der Vollständigkeit halber sollte hier noch der kurze Comic über die Geschichte Amerikas genannt sein - kann als tabloid-style bezeichnet werden und ist an die besonders in der amerikanischen Mittelschicht sehr beliebten TV-Magazine angelehnt. Moore verwendet diesen Stil bewusst, er spricht in der Sprache seines Publikums, um eben nicht als intellektueller Kritiker zu erscheinen und genießt daher mehr Glaubwürdigkeit. Ein anderes Mittel hat seine Tradition ebenfalls in der amerikanischen Fernsehtradition und wird als Muckraking bezeichnet. Es handelt sich um den investigativen Journalisten, der im "Dreck wühlt", um die Wahrheit, die Machenschaften von korrupten Politkern oder Wirtschaftsbossen, ans Tageslicht zu bringen. Gerade das macht diese Art von Journalismus glaubwürdig. Er vermittelt den Eindruck, den Einfluss zu haben, die Mächtigen stürzen zu können. Moore spielte diese Rolle schon in seinem Fernsehformat "TV Nation" und wiederholt sie in seinen Dokumentationen. Liebste Waffe der Muckraker ist das schon erwähnte ambush interview.

 

Trotzdem zu viel Moore bei Moore? Doch führen viele diese Vorgehensweisen von Moore zu herber Kritik. Viele seiner Kritiker werfen ihm vor, er recherchiere schlampig oder stelle seine Recherchen in ein opportunistisches Licht. Wie weit darf man im Dienste der Subjektivität gehen? Oft stellt Moore Dinge verkürzt oder einseitig, sinnenstellt dar, um seine Ansichten zu bestärken. Er verändert die Chronologie von Ereignissen zu seinen Zwecken. Kritiker unterstellen ihm auch zum Teil inszenierte Szenen und halten die unterhaltende Komponente für zu dominant.

 

Das Erbe des Cinéma Vérité bei Moore

 

Dass Moores Filmansatz rein gar nichts mit dem Direct Cinema zu tun hat, sollte nach seiner beschriebenen Arbeitsweise klar geworden sein. Bleibt nur noch zu klären, inwieweit Moore in der Tradition des Cinéma Vérité steht. Seine voice-over-Kommentare, sein Agieren vor der Kamera liefern die ersten Verbindungspunkte zum Cinéma Vérité. Auch die Interviews, die das Ziel haben, etwas Verdecktes zum Vorschein zu bringen, haben ihren Ursprung beim Cinéma Vérité. Genau wie die französischen Filmemacher hat Moore einen äußerst selbstreflexiven Umgang mit dem Medium.

 

Er ist kein Beobachter, vielmehr bildet er das Gegenteil davon. Er ist aktiv, er leitet die gesamte Handlung, er ist stets vor der Kamera, er provoziert und evoziert Situationen, die ohne sein Zutun nicht zustande kommen würden. Die Unterschiede zwischen allen drei Ansätzen wird besonders anhand des ambush interviews in "Bowling for Columbine" deutlich. Zusammen mit zwei Opfern des Schulmassakers versucht Moore, K-Markt wegen dem Verkauf von Schusspatronen zur Rede zu stellen. Von vornherein, beim Direct Cinema wäre diese Situation erst gar nicht zu Stande gekommen. Im Cinéma Vérité hätten die Regisseure die Jugendlichen wahrscheinlich dazu provoziert, ihren Antrag an K-Markt zu stellen und sie dann dabei filmisch begleitet. Moore treibt die beiden Jungen nicht nur dazu an und begleitet sie filmisch, sondern ist vor der Kamera mit ihnen dabei. Er hält sich nicht aus der Situation, die er eingeleitet hat, heraus. Es ist auch sein Kampf, den er führt. Moore übernimmt also einige Elemente aus dem Cinéma Vérité und widerspricht einem vermeintlich objektiven, rein beobachtenden Dokumentarfilm, durch sein eingreifendes Handeln. Die Selbstreflexivität, die beim Cinéma Vérité anklingt, wird bei ihm durch seine Präsenz überdeutlich.

 

Und die Moral von der Geschicht': Echte Regeln gibt es also im Dokumentarfilm nicht. Wichtig ist der Ansatz des Regisseurs. Dass gerade Michael Moore mit seinem subjektiven Ansatz im Mittelpunkt der Kritik stand, ist verständlich. Aber wollen wir denn tatsächlich glauben, dass andere Filmemacher nicht mit Mitteln der Inszenierung spielen? Glauben wir tatsächlich, dass sich die Geschichte des Kamels von Anfang bis Ende so abgespielt hat? Gerade die Filme der letzten Jahre zeigen, dass die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Manchmal muss man eben inszenieren, um dem Zuschauer die Realität ein bisschen näher zu bringen. Oder etwa nicht?

 
von Despina Grammatikopulu