Filmgedanken von Mathias Allary

Samstag, 19 März 2016 20:00

Unterhändler

DFiffuses Schaufenster

Einkaufen ist nicht immer nur schön, besonders wenn einen Gewissensbisse plagen. Irgendwie ist es beruhigend, was Verkäufer-innen einem sagen, wenn man dem Wahn verfällt, sich neben der schon vorhandenen Kamera noch eine weitere zulegen zu wollen. Schließlich ist das ein Investment und vor allem treibt einen die Angst um, bereits in wenigen Monaten könnte das gute Stück veraltet, ein Nachfolger deutlich besser sein.

 

Umso wohltuender, wenn einem im Laden all diese hässlichen Bedenken vom Verkaufspersonal genommen werden, inklusive dem Eigenverdacht, vielleicht etwas sorglos, um nicht zu sagen unnötig, hohe Beträge ausgeben zu wollen:

 

Nein, da käme sicher nichts Neues von dem Hersteller zur nächsten Photokina. Höchstens bei den kleineren Modellen. Es käme letztlich auch nicht nur auf die Auflösung an, die Abstimmung mache auch sehr viel. Ja, das möge so sein, dass die andere Kamera zwei Blenden mehr Belichtungsumfang anbiete, aber wer brauche das schon. Dafür sei die Kamera zu einem wirklich fairen Preis zu haben. Ja, zugegeben, der verbaute Sensor ist schon vier Jahre alt, aber früher habe man noch solider gebaut, das müsse kein Nachteil sein.

 

Nach etwa 15 Minuten am Verkaufstresen kennt er mich so gut, dass er persönlicher wird und mir anvertraut, er stamme eigentlich berufsmäßig aus der Autobranche. Da sei früher auch solider produziert worden. Ja und die Kamera wäre kombiniert mit dieser Optik eben eine gute Ergänzung zu der Kamera die ich schon hätte. Eine Ergänzung quasi. Für andere Aufgabengebiete, wenn man mal so richtig rasante, sportliche Einsätze plane.

 

Plötzlich ging mir ein Licht auf. Unmerklich ersetzte ich in Gedanken, während ich zuhörte, seine Kamerabezeichnungen durch Automodelle, die Sensorangaben durch PS-Angaben und das Kamerahandling durch Cockpitdesign. Und siehe, alle Verkäufersätze funktionierten ohne jede Einschränkung weiter:

 

Das sei ja eine längerfristige Anschaffung. Er selbst habe bei sich Daheim auch beide Modelle, je nach Einsatzzweck. Mal bevorzuge er das eine, mal das andere. Viele Kunden würden dieses Modell bevorzugen und so lange er hier arbeite hätte es noch nie Ausfälle oder Reparaturen gegeben. Außerdem gäbe es ja 12 Monate Garantie. Wenn man es ernst meine und damit professionell arbeite, habe man ohnehin das Geld schnell wieder reingeholt. Allerdings wisse er nicht, wie lange dieses Modell noch vorrätig sei, das Angebot gelte ohnehin nur diese Woche und falls Nachlieferungen kämen, könne der Preis auch ganz schnell in die Höhe schnellen.

 

Probieren Sie es doch selber mal aus, wenn Sie das nächste Mal im Foto,- Eisenwaren,- Espressomaschinen,- Hifi,- Fitnessgeräte,- Uhren,- Waffen oder Fahrradgeschäft landen.

 

Funktioniert garantiert.

Donnerstag, 10 März 2016 19:20

Runterveredelt

Diffuser Blick in Burgerbraterei

Früher war alles einfacher. Die schlechten, niveaulosen Filme und Beiträge erkannte man eigentlich schon allein an ihrer visuellen Anmutung. An der großen Schärfentiefe den die EB Mühlen lieferten, an den plastikartigen Farben, die dank PAL-Farbtiefe auf die heimischen Fernseher geknallt wurden, an der allzu simplen Kameraführung. Man brauchte nicht viel Lebenszeit investieren, um zu erkennen: Das war einfach billigster TV-Trash.

 

Inzwischen hat sich daran vieles geändert. Die großen Sensoren in den Kameras sollen inzwischen helfen, selbst banalsten Reisemagazinen, Kuppelshows oder Tatoobegutachtungen die höheren Weihen des Kinos zu verleihen. Und wenn dann auch noch ein netter farbentsättigter Look-Up Table drübergelegt wurde, kann es schon mal einige Zehntelsekunden länger dauern, bis man merkt, wes Geistes Kind die Macher des gerade konsumierten Videos waren. Die über ein ganzes Jahrhundert mühsam erarbeitete visuelle Autorität des Kinos ist längst im Schund-TV angekommen und wird mehr und mehr selbst für primitivste Formate eingesetzt.

 

Und doch gibt es da Dinge, die einem recht schnell vor Augen führen, dass Anspruch so viel mehr bedeutet. Eine erste Ahnung bekommt man, weil die Schärfe eigentlich selten richtig sitzt und auch nie mitgeführt wird, weil die EB Teams nun mal keine Focus-Puller kennen. Und natürlich haben die Kameraleute auch weiterhin ihr Kamera-Headlight eingeschaltet, statt wirklich glaubwürdig auszuleuchten, aber das ist ein anderes Thema. Da nützt es auch nichts, wenn man Teile des Videos farbentsättigt als Schwarzweißbild in Zeitlupe zeigt und diese mit sentimentalen Piano,-oder Orchesterklängen als Emotionstrigger unterlegt, sowie ohne jeden Plan wahllos Schwarzblenden einfügt.

 

Es stimmt allerdings genauso nachdenklich, wenn die auch nicht mehr ganz taufrischen Programmentscheider in den öffentlich-rechtlichen Sendern meinen, sie müssten sich mit Handy-Video/GoPro-Weitwinkel-Look bei der jungen Generation anbiedern. Als Hipster-Gegengewicht zum zunehmenden Kinolook bei den Privaten quasi. Ob die Inhalte dann ähnlich trashig sind, wie die Fullframe-Kinolook-Schmonzetten der Privatsender,- darüber lässt sich streiten.

 

Der Gedanke, dass wir im Privatfernsehen in Bälde schon das übergewichtige, tätowierte und gepiercte deutsche Urlauberpaar sogar in 4 oder 8 K Auflösung bei seiner Suche nach Ungeziefer in ihrem Hotelzimmer in Tessaloniki beobachten und gleichzeitig crossmedial auf unserem Tablet Fotos vom Abendbüffet oder ihren Swinger-Club Freunden betrachten können, macht seltsamerweise auch nicht wirklich glücklicher.

Donnerstag, 25 Februar 2016 09:19

Flirting with Desaster

Diffuser Abendhimmel

Es ist schon spannend, sich vor Augen zu führen, welche Wirkung, ja Beklemmung so manche Dystopie früherer Science-Fiction Filme in den Zuschauern auslöste. Seltsamerweise waren und sind in diesem Genre traumhafte Paradieszustände deutlich unterrepräsentiert während die Schauergeschichten stets überwogen. Das ist insofern nachvollziehbar, weil gute Science-Fiction stets versucht hat, die Menschen vor negativen Entwicklungen und Konsequenzen ihres Tuns zu warnen. Letztlich waren sie immer eine nur mäßig versteckte Aufforderung an die Menschheit, ungute Entwicklungen aufzuhalten.

 

Ob es die drohende Kernschmelze in atomaren Kraftwerken war, der Chemieunfall mit weitreichendsten Folgen, das allwissende Kontrollsystem, die selbstgezüchteten resistenten Viren oder gar das Umkippen ganzer Klimazonen, die Vorstellung, das Unvorstellbare im Kino vorgeführt zu bekommen, war stets verlockend, ja faszinierend.

 

Ganz gleich ob „1984", „Fahrenheit 451", „Terminator", „Blade Runner" oder „I am Legend", die beispielsweise völlig abseitige Vision, dass sich in irgendeiner Zukunft praktisch überall Kameras und Mikrofone befinden, welche die Menschen einmal beobachten, belauschen würden,- war immer wieder gut für einen filmischen Horror.

 

Oder der Gedanke, dass vollautomatisierte selbststeuernde Gerätschaften und Fahrzeuge außer Kontrolle geraten oder mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Computer sich dem Willen ihrer Besitzer widersetzen, ja sogar gegen sie kämpfen würden, war jahrzehntelang absolut tauglich, in Kinosälen Gänsehaut zu verbreiten.

 

Oder jene Medaillons, Stirn,- oder Armbänder, welche alle nur erdenklichen Körperfunktionen wie Herzfrequenz, Körpertemperatur einschließlich vasomotorischen Reflexen drahtlos an irgendwelche unheimlichen Mächte übermittelten, - was für eine gruselige Idee, seine Privatsphäre gänzlich an anonyme Konzerne oder Datenbroker zu verlieren.

 

Nach Fukushima, Polareisschmelze, Schweinepest und NSA sind viele der einstigen Scifi-Bedrohungen deutlich näher gerückt. Und auch der einstmals beängstigende Gedanke, in jeder Wohnung könne sich in ferner Zukunft einmal jeweils eine Kamera befinden, ist angesichts von Handys, Tablets, Flatscreens etc. geradezu lächerlich banal geworden. Die im Kino aufgezeigten, bedrohlichen Technologien und Entwicklungen gibt es natürlich nach wie vor, nur feiner und perfekter.

 

Mit einem winzigen Unterschied: Heute fragen die Menschen nicht mehr, wie man um Himmels Willen so etwas verhindern könne, sondern eher wo man so etwas kaufen oder in welchem App-Store man es downloaden kann...

 

Mittwoch, 23 Dezember 2015 21:10

Gehirnverlängerungen

Lichtstreifen

Die meisten, die vollmundig über das Internet der Dinge philosophieren, haben mehrheitlich die Knackigkeitsgrenze längst überschritten und baden sich in immer neuen Vernetzungsphantasien als wäre es ein Jungbrunnen.

 

Was bei der fernsteuerbaren Heizung und der Hausbeleuchtung vielleicht halbwegs nachvollziehbar war, jedenfalls für Leute, die einen sehr unregelmäßigen Tagesablauf haben und ständig nachjustieren müssen, ist bei manch anderen Gerätschaften von sanfter Absurdität.

 

Zu Letzerer Gattung gehören etwa Kühlschränke, die mit zwei Kameras ausgestattet, bei jedem Öffnen der Kühlschranktür ein Bild machen und sie auf eine Handy-App laden. Sinn soll es sein, stets den Überblick zu behalten, was man alles hat und was nicht. Dummerweise versperren Einkäufe, die etwas größer sind, etwa Milchtüten oder Getränke, meistens die Sicht in die Tiefen des kühlschränklichen Universums. Schade eigentlich.

 

Ob man LED-Birnen wirklich per App steuern können muss, ist auch fraglich. Die Kosten für die intelligente Steuerung betragen ein Vielfaches und man fragt sich, was der Unsinn soll, aus der Ferne mitzuteilen, dass die Beleuchtung nicht mehr gebraucht wird. Das erledigen Bewegungsmelder besser und sie sind zuverlässiger als der Mensch, der dauernd an seine Beleuchtung Zuhause denken soll.

 

Ob der intelligente Wasserspender für Katzen, den Eignern wirklich per app mitteilen muss, wie viel das Tierchen denn getrunken hat, oder ob der Blick auf den Wasserstand im Schälchen genügt, diese Frage zu beantworten, gehört zu den Fragen, die man nur mit einer gewissen Technologieabhängigkeit abschließend beantworten kann.

 

Eine intelligente Bratpfanne ist in der Entwicklung, welche die Temperatur des Bratgutes nicht etwa per Display anzeigt, sondern per Funk auf die entsprechende Handy-App überträgt. Muss man dann immer zwischen Handy und Pfanne hin und herlaufen, um die Temperatur zu überwachen oder wird es, wie für Navis auch eine Handyhalterung für die Bratpfanne geben?

 

Auch die Frage, weshalb sich Garagentore oder Haustüren per Internet öffnen können sollen, wo klassische Fernbedienungen dasselbe ohne die Gefahr des Hackens beherrschen, können vielleicht nur die Hersteller beantworten. Und noch weniger können all die Hersteller beantworten, weshalb selbst die wenigen sinnvollen Anwendungen jeweils eigene Softwarelösungen benutzen und keine Standards.

 

Immer mehr seltsame Konstrukte wollen uns Probleme abnehmen, die wir gar nicht haben. Und immer mehr Sensoren erfassen endlich auch noch jene Bereiche unseres Lebens, die wir bisher noch nicht per Handy, Internet oder Smart-TV verraten haben. Das wird ein Fest für all die Big Data Sammler und Händler, wenn sie uns noch gezielter die Produkte vorschlagen können.

 

Doch auch wir ewig gestrigen Kritiker werden noch mal froh sein, wenn die Heizungsapp im Handy der Einkaufsapp mitteilt, dass die Heizung defekt ist und wir besser warme Pullover kaufen sollten. Oder wenn uns die Milchtüten im Kühlregal hinterherrufen, dass im Kühlschrank daheim die fettarme Sorte zur Neige geht.

 

Und dann drohen da am Horizont bereits die Kameras mit Motiverkennung, die selbsttätig mit der Aufnahme beginnen, wenn bestimmte Parameter erfüllt sind. Natürlich arbeiten sie mit automatisierten Drohnen zusammen, die sich selbsttätig aufladen wie Staubsaugroboter. Die lang ersehnte Ablösung dieser überflüssigen Kameraleute kommt spätestens mit der Kamera 4.0

 

Alles wird guuuut.

Samstag, 05 Dezember 2015 19:29

Holt das Stöckchen

Silhuetten vor Schaufenstern

Die Überlegenheit über die Kreatur bescheinigt sich der Mensch gerne durch Haustiere, wobei Hunde hier sicherlich den Spitzenplatz einnehmen. Sind sie erst einmal konditioniert, wissen sie automatisch, dass wenn Frauchen oder Herrchen mit dem Stock wedelt, derselbe kurz darauf durch die Luft fliegt und geschnappt sowie apportiert sein will. Doch praktisch jeder Hundehalter hat seinen Hund auch schon mal leer loslaufen lassen, ohne den Stock zu schmeißen. Stimmts? War lustig oder?

 

Doch allzu überlegen sollte Mensch sich nicht wähnen, schließlich sind auch wir längst gut konditioniert, noch dazu gläsern und damit durchschaubar geworden. Jedenfalls alle, die sich der Segnungen des weltweiten Netzes nicht enthalten.

 

Die Sammelwut der Big Data- Kraken ist schier unendlich und es soll ja angeblich nur zu unserem, Vorteil und Nutzen sein. Doch seltsamerweise lauern an allen Ecken mehrheitlich neue Möglichkeiten, unser Aller Tun und Handeln in Gewinne münden zu lassen. Möglichkeiten, das Gemeinwohl oder unser individuelles Wohlbefinden zu steigern, erschließen sich da seltsamerweise kaum.

 

Die Auswertung der über uns gespeicherten Daten lässt uns bisweilen ähnlich atemlos hecheln, wie der junge Hund, dem man signalisiert man werfe das Stöckchen, worauf dieser losrast obwohl wir gar nicht geworfen haben.

 

Etwa wenn die Fluglinie uns wieder, wenn wir nur Hündchenschnell genug sind, enorm günstige Angebote verspricht, sich aber, oh Wunder, vom Heimatflughafen kein einziges preiswertes Maschinchen erhebt. Nur von sämtlichen anderen Flughäfen des Landes.

 

Wenn die versprochenen günstigen Bahntickets (manchmal wird man sogar zum Mitfeiern aufgefordert...) stets nur zu Zeiten vorhanden sind, zu denen man noch nie in den letzten 20 Jahren Bahn gefahren ist, während die üblichen Verbindungen, die man wählt, dicht am Normalpreis angesiedelt sind. (Das sollen die mal ohne mich feiern).

 

Oder wenn wir beim Onlineversender kurzfristig preiswerte Bekleidungsangebote anklicken können, aber seltsamerweise nie in der eigenen Größe oder wenn doch, dann eben teurer als in der ursprünglich preisgünstigen Ankündigung.

 

Aber wenn man schon mal da ist, und all die Angaben eingetippt, die viele Zeit verschwendet hat, dann kauft man vielleicht doch oder etwas anderes als das, was man eigentlich bräuchte.

 

Die betreffenden Online-Händler und Datenauswerter werden uns sicher niemals sagen, wie hoch die so erzeugte "conversionrate" ist. So kann man nur erahnen, wie viele von uns, bzw. den armen Hündchen trotz der Täuschung losgelaufen sind...

 

Stöckchen 2.0 quasi.

 

Dienstag, 10 November 2015 20:16

Vorausgetrauert

Herbstlaub spiegelt sich im Wasser

Journalismus ist schon eine merkwürdige Angelegenheit. Man wundert sich stets, wie schnell wenn bedeutende Persönlichkeiten versterben, die Fernsehprogramme und Titelseiten der Tageszeitungen und ihrer Online-Auftritte geändert werden. Da werden bis zu mehrstündige Filmbiographien und seitenlange Rückblicke auf die erfüllten Leben der von uns Gegangenen präsentiert, bei denen man sich einfach fragt, wie konnten die das nur so schnell produzieren.

 

Auch wenn man ungern darüber spricht, erfahrene Journalisten wissen das,- praktisch jede tagesaktuelle Publikation produziert Nachrufe auf Vorrat. Breitgefächert, in allen Sparten der öffentlichen Wahrnehmung, Personen aus Kultur, Politik, Wirtschaft und Sport, betrauert auf Verdacht. Eine Art Vorratsdatenspeicherung im anderen Wortsinn.

 

So wie unlängst beim Tode von Altkanzler Helmut Schmidt, wo die SZ beim Online stellen am 10. November 2015 vergaß, das ursprüngliche Datum der Artikelerstellung zu ändern. Ganze drei Minuten lang war der Nachruf auf Juni 2012 datiert, dann wechselte das Datum. Vielleicht hatte man sich seinerzeit schon einmal Sorgen um seine Gesundheit gemacht.

 

Drei Minuten genügen, um die pragmatische Mechanik hinter den Nachrufen mit eindringlicher Klarheit zu verdeutlichen. Ein seltsamer Gedanke, wer von uns virtuell zumindest, gar nicht mehr lebt und auf Vorrat sozusagen, längst in schwermütigen Trauergedanken und Filmausschnitten verabschiedet ist. Wenn man es wüsste, könnte man möglicherweise per einstweiliger Verfügung derartige vorauseilende Trauer untersagen. Doch man weiß es ja nicht, aber vielleicht ist das ja auch ganz gut so.

 

Das Einzige, womit man all dem vielleicht entgegenwirken könnte, wäre schnell noch intensiver zu leben. Und wenn intensiver leben mit viel Bewegung verbunden ist, dann lebt man ohnehin viel länger als die alle denken und dann sind die vorbereiteten schriftlichen und filmischen Nachrufe irgendwann völlig veraltet, wenn es einen vielleicht doch irgendwann erwischt.

 

Schade, dass der Altkanzler nicht noch weitergelebt, Nobel,- und andere Preise geholt und jede Menge Talkshows aufgemischt hat. Dass er nicht weiter jene wichtige moralische Instanz mit Weitblick geblieben ist. Die hätten sich ganz schön geärgert, die ganzen Voraustrauerer, mit all ihren veralteten Sendungen und Rückblicken...

 

Montag, 19 Oktober 2015 05:38

Brot und Spiele

Baugerüst

Geschichten möglichst plastisch und dramatisch zu erzählen, ist eine Kulturleistung, die tausende Jahre alt ist, das Theater, die bildende Kunst, später die Fotografie und dann der Film haben auch die visuelle Ebene hinzugefügt und bis ins 21te Jahrhundert immer mehr verfeinert.

 

Wer heute Filme anschauen möchte, kann unter diversen Distributionswegen wählen, das Kino ist da, wenn man mal von manch harter oder durchgesessener Bestuhlung absieht, die komfortabelste und durch das Erleben mit vielen Anderen auch die interessanteste Variante. Allerdings mit durchschnittlich 10 Euro auch die teuerste Möglichkeit, Filme anzusehen.

 

Aus dem finanziellen Einsatz, den Umständen wie Fahrweg, Zeitaufwand etc. generieren nicht wenige Zuschauer, vor allem der jüngeren Generation, höchste Erwartungen an das Kinoerlebnis. Man möchte etwas Erleben, was man im Alltag so nicht erfährt, möchte das Außergewöhnliche zu Popcorn und Süßgetränk serviert bekommen.

 

Der überwiegende Teil kommerzieller Kinofilme bedient diesen Anspruch mit mehr oder weniger aufsehenerregenden visuellen Momenten, die nahezu pausenlos auf die Zuschauer einprasseln. Da wird pausenlos die Welt gerettet, werden sämtliche physikalischen Grenzen mühelos überschritten, fliegt, schleudert, taumelt oder explodiert alles, was sich visuell ansprechend verwirbeln lässt.

 

Im Zweifel geschieht das auch in 3D oder auch per VR und nicht mehr im Kino, sondern höchst individuell und mehr als plastisch. Allein die Geschichten und Filmfiguren werden immer weniger plastisch, verlieren ihre erzählerische Tiefe, werden immer eindimensionaler. Vielschichtigkeit ist im Blockbuster-Kino nicht allzu gefragt, es lebe die Eindeutigkeit.

 

Damit weicht die klassische Spannung, die sich aus Charakteren, Konstellationen und dramatischen Entwicklungen nährte, mehr und mehr dem visuellen Augenkitzel, dem akustischen "Crescendo" (Immer lauter werden). Wenn nicht jede Minute neue Reize gezündet werden, langweilen sich die, ähnliche Feuerwerke gewohnten, Zuschauer schnell.

 

Zum Glück kann man die Lücken mit dem Smartphone oder angeregten Gesprächen mit den Sitznachbarn überbrücken. In vielen asiatischen Kinos kann man konsequenterweise seine Gedanken auch gleich per App im Kinosaal für alle sichtbar neben dem eigentlichen Film auf die Leinwand beamen. So eine Art Live-Facebook im Kinosaal und nur konsequent, wenn einen die immer wiederkehrenden visuellen Effekte langweilen. Second Screen quasi als Kompensation fehlender Erzählfähigkeiten.

 

Von der einstigen Kulturleistung der Menschheit, haben sich diese Investoren,- und Geldvermehrungs-Produktionen inzwischen meilenweit entfernt. Und es scheint fast so, als wenn sich auch das jüngere Publikum längerfristig mehr und mehr von den Kinoleinwänden entfernen wird. Internet, Streaming-Dienste, Games und Virtual Reality nehmen enorm viel Aufmerksamkeit in Anspruch. Dafür gehen immer mehr Zuschauer über Vierzig in die Kinos, Menschen, die noch wissen, dass es Filme gibt, die sich nicht ausschließlich aus Augenkitzel nähren.

 

Die demographische Entwicklung zeigt schon jetzt an, dass in ein paar Jahrzehnten auch diese Klientel den Kinos fernbleiben wird, doch momentan ist das spürbare Wachstum dieser Zuschauergruppe kein schlechter Grund, wieder verstärkt über bessere Geschichten und gut entwickelte Charaktere im Film nachzudenken.

 

Dienstag, 13 Oktober 2015 05:09

Hipness 2.0

Katzen in Blumenkübel

Es gibt da so einige Begriffe, die vor allem ältere Herren aber auch unbedarfte Damen in Entscheidungspositionen wie eine Hormonbehandlung in Wallung kommen lassen. Da spürt man, wie "Game Changer", "Youtube", "Transmedialität", "Apps", "Transdevices" und "Co-Creation" zum Viagra der um Jugendlichkeit Bemühten, werden.

 

So sehr, dass angesichts dieser Flut an "Buzzwords" klarer Verstand und Fachkenntnis gänzlich ignoriert und Weichenstellungen in Richtung irgendwelcher Anwendungen und Abspielkanäle getroffen werden, wo es eigentlich um Handwerk und Inhalte gehen müsste.

 

Da verwechselt man auch gerne Abspielplattformen mit Content und Genres und proklamiert vollmundig, künftig mehr "Youtube-Filme" machen zu wollen. Man könnte auf der Suche danach, was mit "Youtube-Filmen" für ein Genre gemeint sein könne, nun versuchen sich nach den Zugriffszahlen zu orientieren,- doch wer will schon ernsthaft die überaus erfolgreichen Katzen,- und Hundewelpenfilme oder "Unboxing-Videos" drehen? Oder so viele andere "Blockbuster" zwischen dümmlicher Häme und Situationscomic.

 

Da vergisst man, dass die ebenfalls als hip empfundenen neuen Player wie Netflix, die man gerne als gänzlich innovative mediale Zukunft feiert, auch nur Ergebnisse hervorragenden filmischen Handwerks senden. Auf der Crew-Liste von Seienerfolgen wie "House of Cards" etwa, finden sich mitnichten hippe Handyfilmer, die mal eben eine moderne Serie gedreht haben. Interessanterweise versäumen es Vertreter selbst der angesagtesten Unternehmen nie, auf die Frage, was sie dem Nachwuchs empfehlen, stets und ohne wenn und aber, solides Handwerk und praktische Fähigkeiten einzufordern.

 

Der beste Schutz vor Worthülsen, PR getriebenen Trends und kompletter Ahnungslosigkeit ist solides Handwerk gepaart mit Neugier auf alles, was man mit diesem reichen Gestaltungsfundus noch wird variieren können. Alles Neue, was da so auf uns zukommt, sollte ausgiebig erprobt und mit Derivaten bisheriger visueller und akustischer Erzählerfahrung ausgestattet werden.
Dann kann man auch getrost verschmerzen, auch in der Vergangenheit Hipness-Trends wie MTV, VIVA, Google Glass oder 3D Kino "nur" neugierig und unaufgeregt begleitet zu haben.

 

Montag, 29 Juni 2015 04:32

Selfie ist der neue Diaabend

Ballon wird fotografiert

So mancher von uns kennt sie noch, diese als Familienzusammenhalt getarnten Selbstbestätigungsabende der Väter, welche das Investment in die Spiegelreflexausrüstung, die Schlepperei auf höchste Berggipfel oder in heißeste Wüstenebenen, das Schneiden der Filmstreifen und Einrahmen wenigstens ab und an durch ungeteilte Aufmerksamkeit belohnt wissen wollten. Da wurden dann Rollleinwand und Diaprojektor in Stellung gebracht, Fenster verhängt und riesige Stapel mit Diamagazinen, die Munition quasi, auf dem Projektionstisch gestapelt. Ja es stimmt, es gab auch Ausnahmen, jene kurzweiligen, durch radikale Selektion und dramaturgische Lenkung kurzweiligen Abende, doch zu 90 % hatten Diaabende eher den Charakter asiatischer Folterkammern.

 

Die allgegenwärtige Verfügbarkeit von tageslichtfähigen Bildschirmen ließ die verdunkelte Diashow nahezu aussterben, vor allem sind Betrachter nicht mehr zwingend dem Umschaltrhythmus des Vorführenden ausgeliefert, ja sie können sogar per Thumbnail oft selbst eine Auswahl treffen, was sie anschauen möchten. Irgendwie fühlt sich das nach Befreiung an, wären da nicht schon längst würdige Nachfolger der Diashow nachgerückt.

 

Es sind nicht mehr die schweren Kameraausrüstungen, sondern kleine, leichte Kameras, die auf Brust, Fahrradlenker oder Helm gespannt, in der Hand, an Selfie-Sticks oder sonstwo platziert, dank großer Speicherkarten neben manchmal Interessantem auch gerne stundenlang gefilmte Inhaltsleere aufzeichnen. Was für ein Triumpf über das Dia-Magazin, man drückt nur noch auf Record und schon kann man ohne lästige Auswahlarbeit, ohne Einrahmen oder Sortieren, bedeutende Ereignisse des eigenen Lebens festhalten. 

 

Wie etwa die letzte Mountainbike-Tour (Mountain-Biking Videos), den letzten Skateboard-Nachmittag (Skateboard Selfies) das morgendliche Zähneputzen (Morning routine Videos), den Einkaufsbummel (Shopping-Selfies), die abendliche Rückkehr nach Hause (Evening Routine Videos) seinen Mitmenschen aufs Auge drücken. Der überwältigende Anteil der unzähligen Uploads bei den einschlägigen Plattformen fristet wegen des völligen Fehlens an Inhalt, Fantasie und Aufbau verständlicherweise eher ein Schattendasein.

 

Viele Videos werden definitiv nur von ihren Machern hin und wieder angeklickt. Gestaltung wäre hier sicher die adäquate Lösung, doch die muss man erstmal lernen und sie macht Arbeit. Wird man von Selfie-Begeisterten dazu angehalten, sich mit ihnen gemeinsam diese medialen Erzeugnisse anzuschauen, wird es schwer, sich zu entziehen. (Kennwort: Diaabend) Der verschickte Link zum Online-Video macht es da schon leichter, sich mit sanfter Ignoranz zu schützen. 

 

Bis die Nachfrage kommt: Und wie fandest Du es? Dann hilft alles nichts, man muss ran und schauen. Und wer beim Anschauen dann einschläft, sollte keinesfalls vergessen, auf Record zu drücken, um den großen Moment festzuhalten (Sleeping-Selfies).

 

Donnerstag, 14 Mai 2015 17:41

Flatscreening

Einsichten

Verquere Sichtweisen

TV, Tablett, Handy und Watch sind die natürlichen Partner des modernen Menschen, so jedenfalls streben es nicht nur die Industrie sondern auch diverse Online-Medien an. Und da sie in ihrem Tun selbstverständlich in Konkurrenz zueinander stehen, wird um die Aufmerksamkeit der User hart gerungen. Wenn man nicht gerade Nerd, Fußballerfrau oder arbeitslos ist, begrenzt sich die Aufmerksamkeit logischerweise auf unsere Freizeit und die ist recht begrenzt. Da trifft es sich gut, dass die "Mobile Devices" uns durch ihre permanente Verfügbarkeit des Internets frühere Leerlaufphasen, etwa an Haltestellen, in Verkehrsmitteln oder an roten Ampeln abringen um uns... ja was denn eigentlich anzubieten? Nun die Möglichkeit überall lesen, kommunizieren, nebenbei Werbung ansehen, und auch gleich etwas online bestellen zu können.

 

So weit so gut, man gewöhnt sich an die vielen Displays irgendwo zwischen Parkbank, öffentlichem Verkehr und Zahnarztpraxis, doch irgendwie spürt man instinktiv,- die Sache muss doch irgendeinen Haken haben. Die Zeiten, die man uns abgetrotzt hat, nannte man früher altmodisch Pausen, Wartezeiten oder gar Langeweile. Begriffe  können schon mal aus der Mode kommen, das ist erst einmal nicht tragisch, doch wie verhält es sich um die Sachverhalte, die dahinter stehen. Den sich im Nirgendwo verlierenden Blick aus dem Busfenster, dem Betrachten der Marmorierung auf dem Fußboden, oder den Wolkenmustern? Was ist mit unseren Tagträumen, dem Abschweifen, dem Entspannen, dem Fabulieren, dem sich treiben lassen?

 

Sie alle sind geopfert worden, jenen allumfänglichen 24/7 aktuellen und stets neue Updates bietenden Displays und tatsächlich empfindet man Pausen zunehmend als Gefahr, als verlorene Zeit, als Mangel. Nicht nur unsere mobile Devices, sondern wir selbst sind "always online", eine seltsame permanente Anspannung hat von uns Besitz ergriffen, die nach immer neuen Reizen fordert, weil es keine Pausen mehr gibt, jene uralten dramaturgischen Tricks, um "Peaks an Valleys" zu erzeugen, die Struktur und Rhythmus bilden. Bildschirme begleiten uns von der Arbeit, über die Wege, die Mahlzeiten, die Toilette bis ins Bett. Dank ihrer weisen wir zunehmend ADHS Symptome auf, die uns allerdings nicht als Krankheitsbild sondern als Modernität verkauft werden.

 

Längst weiß man, dass die allgegenwärtigen Displays auch die Augen schädigen, Wissenschaftler schlagen Alarm, dass insbesondere die jüngere Generation, die von klein auf mit der Display-Verseuchung aufgewachsen ist, an einer digitalen Krankheit leidet. Ihre Augenlinsen haben keine Elastizität mehr, die Augen sind trocken, gerötet, das Sehen wird bereits im mittleren Alter unscharf, Rücken, Nacken und Kopfschmerzen runden das Bild einer ernsthaften Bedrohung der Gesundheit ab. US- amerikanische Ärzte raten inzwischen dazu, mehr in die Natur zu sehen.

 

Vielleicht lohnt es sich ja doch, mal aus dem Busfenster zu schauen, den Blick mal wieder in die Ferne schweifen zu lassen, nach den Wolken zu schauen und das zweifellos größte Display, die wirkliche Welt, wieder mal genauer zu betrachten.

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