Profile, Valene Kane

© Bazelevs, Valene Kane

 

Regie: Timur Bekmambetov Mit: Valene Kane, Shazad Latif, Christine Adams

 

Der Abspann beginnt, augenblicklich wird geklatscht. Es fühlt sich an, als seien sich alle einig, dass das, was sich soeben knapp 2 Stunden auf der Leinwand abgespielt hat, Zuspruch verdient. PROFILE ist der neue Film des kasachischen Regisseurs Timur Bekmambetov, der zuletzt bei der gefloppten Neuverfilmung des Klassikers BEN HUR Regie geführt hat und der jetzt mit einem Thriller, der sich ausschließlich auf einem MAC-OS Desktop abspielt, das Berlinale Publikum begeistert.

 

Vom Skype-Gespräch zum Mails checken, vom Mails checken zum Kalender-Eintrag, vom Kalender-Eintrag zum YouTube-Video – durch die Welt des Digitalen erschließt sich uns die Handlung des Films. Diese geht wie folgt: Die Londoner Journalistin Amy Whittaker (Anfang 30, smart, ambitioniert, attraktiv) möchte einen Artikel über die Rekrutierung europäischer Frauen bei dem IS schreiben. Für die Recherche legt sie sich einen falsches Facebook-Profil an und gibt sich als Konvertitin aus. Mit dieser neuen Identität nimmt sie Kontakt mit dem IS-Kämpfer Bilel auf. Nach einem kurzen Chat-Verlauf kommt es zur Skype-Aufforderung. Auf dem Sofa sitzend, die Haare vom Hijab verhüllt, redet sie stundenlang mit ihm. Der charismatische Brite mit pakistanischen Wurzeln präsentiert seinen Alltag als Dschihadist, kocht mit ihr, macht Komplimente und kommt dann rasch zur Sache: Er drängt sie, nach Syrien zu kommen, um seine Frau zu werden. Amy, die die Gespräche heimlich für einen investigativen Fernsehbeitrag aufzeichnet, muss immer schneller zwischen der Realität und der Lügenwelt, die sie gegenüber Bilel aufbaut, wechseln. Dabei gerät sie immer stärker in seinen Bann und die Grenze zwischen ihrer Persona und ihrer echten Identität verschwimmt.

 

PROFILE, dessen Geschichte tatsächlich auf einer wahren Begebenheit beruht, schafft es mit seinem rasanten Tempo und seinem verstörenden Inhalt die dunklen Tiefen und die überfordernde Hektik des Internets filmisch darzustellen. Durch die ungewöhnliche Form entsteht ein neues Spannungsfeld, denn ein Computer-Desktop ist immer Ort des Intimen und Fenster zur Welt zugleich. Somit erzählt einem der Bildschirm des Mac-Books sowohl das Innere der Figur, als auch die äußere Welt, die sie umgibt. Desktop-Film nennt sich das Genre, das zwar mit PROFILE nicht erfunden wurde – bereits im Jahr 2014 kam UNKNOWN USER des georgischen Regisseurs Levan Gabriadze in die Kinos – doch dieses Mal scheint die spezielle Form zum ersten Mal einen geeigneten Inhalt gefunden zu haben. Auch wenn es dem Film an gewissen Stellen an Glaubwürdigkeit mangelt und gewisse Side-Plots eine Tendenz zur Flachheit mit sich bringen, ist PROFILE allein durch seine Machart ein Must-See und zeichnet, so hoffe ich, erst den Anfang von einer ganzen Reihe von Filmen, die solch eine Art der Narration verwenden, denn diese öffnet, dadurch, dass sie sich vom Internet und der digitalen Welt bedient, eine Unendlichkeit an Türen und erzählerischen Möglichkeiten, die sich letzten Endes vielleicht sogar noch besser auf einem Laptop ansehen lassen, als auf der Kinoleinwand.

 

Gesehen von: Luis Schubert

 

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