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Flugkapsel 2000

 

Gibt es etwas Spannenderes als alte SciFi oder Fantasy Filme, deren Visionen der Zukunft manchmal präzise zutrafen oder haarscharf daneben lagen? Irgendwie laufen uns ja bereits kalte Schauer über den Rücken, wenn wir in alten Quellen lesen, welche Befürchtungen Wissenschaftler und Mediziner hatten, was geschehen könnte, wenn Menschen sich mit Geschwindigkeiten schneller als 20 Stundenkilometer fortbewegen würden. Von Schwindsucht bis zu Schleudertrauma war bei den Prognosen alles dabei. Oder bis zu welcher Höhe sich Pferdeäpfel in den Straßen der Großstädte auftürmen würden, wenn es immer mehr Kutschen gäbe. Die New York Times wusste 1936 zuverlässig, dass niemals eine Rakete die Erdatmosphäre würde verlassen können. Oder der IBM Chef Thomas J. Watson, der 1943 einen künftigen Weltmarkt für insgesamt fünf Computer prognostizierte. Microsoft Gründer Bill Gates wusste 1981, dass niemals eine Computeranwendung mehr Speicherbedarf als 640 Kilobytes benötigen würde. All diese Prognosen lagen genial daneben, kein Wunder also, dass auch Filme in ihren Zukunftvisionen nicht immer punktgenau trafen.

 

Bilder haben kürzere Verfallsdaten

Die Frage, wie die Zukunft wohl aussehen werde, hat die Menschen vermutlich zu allen Zeiten beschäftigt, doch während die Literatur da zuverlässig auf die Fantasie der Leser setzen konnte, mussten Filme echte Visualisierungen liefern. Solange diese reine Visionen waren, gab es keinerlei Grenzen für die künstlerische Freiheit. Doch wenn dann die visionierten Zeiten tatsächlich eintraten, fiel der Vergleich mitunter kurios aus. Grundsätzlich macht es einfach große Freude, die technischen und gesellschaftlichen Prognosen für die Zukunft anzuschauen, weil diese natürlich stets den jeweiligen Wissens,- und Technologiestand der Zeit ihres Entstehens repräsentierten. So muten die Feuerwehrfahrzeuge in Trauffauts Fahrenheit 451 aus dem Jahre 1966 albern an und auch Fritz Langs Megastadt Metropolis aus dem Jahre 1927 hat sich nicht wirklich eingelöst, wie sich die Szenenbildner und Modellbauer es sich damals vorgestellt haben. Luc Besson, der sich für "Das fünfte Element" (1997) übrigens intensiv bei Metropolis bediente, hat keine schlechten Chancen, dass seine Visionen der Flugtaxis und Dschunken des Jahres 2263 Realität werden,- schon jetzt deuten Flugdrohnen für den Personenverkehr eine baldige Erfüllung an.

 

Magische Visualisierungen

Wie wunderbar sind die Messing-Armaturen und Taucherausrüstungen in der Jules Vernes Stummfilm-Version von "20000 Meilen unter dem Meer" von 1916 (Regie: Stuart Paton). Als wenn es nicht schon eine Sensation für sich war, die ersten Unterwasseraufnahmen der Welt im Kino zeigen zu können, war der Film voller Spezialeffekte und aufwändiger Bauten. Dass die Taucher da mit ganz normalen Gewehren ins Wasser gehen, die in der Nässe, niemals zünden würden gehört noch zu den harmlosesten Seltsamkeiten des Filmes. Die nächste Verfilmung des Romans von 1954 konnte da schon auf deutlich realistischere Elemente zurückgreifen,- immerhin lief im gleichen Jahr Amerikas erstes Atom- U-Boot vom Stapel.

Die legendäre Orwell Verfilmung des Romans "1984" aus dem Jahre 1956 (Regie: Michael Anderson) schreit natürlich geradezu danach, mit dem Eintreten des titelgebenden Jahres verglichen zu werden.

Nun die permanent im Krieg stehenden drei Weltreiche gab es mehr oder weniger 1984 tatsächlich, allerdings in abgewandelter Form und bestenfalls in einem kalten Krieg, einem psychologischen Krieg. Das Lesen von Büchern war 1984 im Gegensatz zum Reich Ozeanien nicht verboten sondern ausdrücklich erwünscht und möglich (wenn man mal von Zensur etc. absieht). Die in dem Film thematisierte Totalüberwachung durch einen totalitären Polizeiapparat gab es in der Form 1984 nicht. Allerdings stellen die heutigen von uns Usern freiwillig zugelassenen und bereitgestellten persönlichen Daten die dystopischen Visionen aus dem Film längst in den Schatten.

 

SciFi Zukunft 4000

 

Viele SciFi Filme zeichnen Visionen, in welchen der technische Fortschritt aus dem Ruder läuft und künstliche Intelligenz die Weltherrschaft übernehmen will. Damit kanalisieren sie viele Ängste der Menschen und dramatisieren theoretische Überlegungen heutiger Wissenschaftler.

 

Ableich mit den eigenen Zukunfts-Einschätzungen

Im Grunde sind die Vorstellungen von Zukunft und der Abgleich mit dem tatsächlich Eingetroffenen deshalb für uns Menschen so spannend, weil sie uns gleichzeitig vor Augen halten, wie sehr wir mit unseren eigenen Einschätzungen unserer Zukunft daneben lieben könnten. So beschäftigen uns heute Fragen, die auch schon SciFi Autoren und Philosophen vor einem halben Jahrhundert beschäftigt haben. Etwa die Frage, ob eines Tages Maschinen die Macht über die Menschheit übernehmen würden. Waren es früher Vorstellungen von Robotern, so denken wir heute eher an KI, künstliche Intelligenz.

Natürlich werden die heutigen Bedenken gerne mit dem Argument zerstreut, dass die Menschheit doch niemals so dumm sein würde, die Macht an die Maschinen zu übergeben. Das mag in der Theorie richtig sein, doch wenn wir uns vergegenwärtigen, wie viele Informationen über uns selbst wir bereitwilligst abgeben, nur um irgendwelche Apps nutzen zu können,- wie viel Überwachung wir erlauben, nur weil wir komfortabel Nachrichten und Bilder versenden können wollen, dann ist es nicht mehr so unwahrscheinlich, dass wir Menschen irgendwann auch alle Macht an künstliche Intelligenz und Maschinen abgeben werden, einfach aus Bequemlichkeit. Weil es angenehmer ist.

Im Grund genommen sind alte Visualisierungen der Zukunft also immer auch ein Abgleich mit der eigenen Haltung der Zukunft gegenüber und eine Vergewisserung, dass nicht alles, was Menschen sich von der Zukunft erwartet (erhofft oder gefürchtet) haben, auch eintreffen wird.