On location lernen...

Team des Studiengangs FF der mhmk beim Außendreh im Münchner Luitpoldpark

Team des Studiengangs FF der mhmk beim Außendreh im Münchner Luitpoldpark

Making of des Drehbuchs "Hol die Vergangenheit ein" für den Drehworkshop 2013 an der MHMK Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation von Julia Susanne Johanna Nelhiebel (6. Semester)

 

Alle Jahre wieder gehen die Studierenden des Studiengangs "Film & Fernsehen" der mhmk, Deutschlands größter privater Medienhochschule, mit ihren Professoren und mehreren Gastdozenten auf einen zweiwöchigen Dreh on location. Trotz zahlreicher praxisbezogener Seminare und Vorlesungen lässt sich das Filmemachen eigentlich nur durch das aktive Tun wirklich erlernen. Bereits im Vorfeld hatte Drehbuchstudentin Julia Nelhiebel mit ihrem Professor Egbert van Wyngaarden ein geeignetes Drehbuch entwickelt, welches die besonderen Anforderungen des Drehworkshops erfüllte. Zu den besonderen Bedingungen gehörte, dass zwei parallele Studentenfilmteams gleichzeitig an unterschiedlichen Szenen des gleichen Filmes drehen konnten, ohne dass die gecasteten Schauspieler dem jeweils anderen Team fehlen würden.

 

Inhalt des Drehbuches 

 

Rosalie und Sebastian leben den Alltag einer modernen Beziehung. Gefangen in Gewohnheit, Abneigungen und Vorlieben sind sie konfrontiert mit dem, was Millionen von Menschen jeden Tag erleben. Wie lebt es sich zusammen? Sie treffen auf ihre gemeinsame Zukunft in Gestalt von Rosa und Sebi, die ihnen allerhand Kopfzerbrechen bereiten. Wie wichtig sind gleichgerichtete Interessen für eine harmonische Beziehung? Karriere oder Familie? Können Gegensätze doch noch zusammenfinden? Ihre Verbindung besteht aus Liebe, doch nicht aus Gemeinsamkeit. Das Leben schenkt den beiden einen Ausblick auf eine mögliche Zukunft, die nicht grausig, doch nicht glücklich scheint. Nutzen sie diese Chance, um den Blick wieder aufeinander zu richten, der in der Vielschichtigkeit des Alltags verloren gegangen ist?

 

Besonderheiten

Heute Ton-Assi, morgen Regisseur...

Heute Ton-Assi, morgen Regisseur...

Durch den Kunstgriff, die Hauptfiguren einmal jung und einmal alt auftauchen zu lassen, konnten beide Filmteams (Team A abwechselnd betreut von Prof. Mathias Allary und den Kameraleuten Thomas Gottschalk und Thomas Merker und Team B betreut von Kamera-Prof. Michael Leuthner sowie Regisseur Pierre Politz) parallel arbeiten. Eine besondere Herausforderung bei einem solchen Drehworkshop ist sicher auch, dass die Studenten Tag für Tag die Aufgaben wechseln. Heute Regisseur, morgen Tonassistenz und übermorgen Aufnahmeleitung - das bedeutet einerseits eine gewisse Unruhe, ja: Stress, aber auch ganz viel Lernerfahrung. 

 

Eine Woche vor Drehbeginn fanden Einzelvorbesprechungen mit den Professoren Allary und Leuthner sowie Herrn Politz und den Regie- und Kamerastudenten sowie ihren Assistenten statt. Hier wurden die Regiekonzepte und die Auflösung der jeweiligen Szenen besprochen.

 

3. Drehtag

Szene 16 und 18 I/T Küche: Rosa und Rosalie beim Kaffetrinken, Gespräch über Rosas Leben und Karriere in Bezug auf Sebi

Lichteinwirkungen

Lichteinwirkungen

Es ist 13 Uhr. Die Mittagspause liegt uns noch im Magen und die wenigen Stunden Schlaf zwecks Nachbearbeitung und Vorbereitung verschleiern die Augen. Unser Drehteam gibt alles! So ist das eben im Leben eines Filmemachers. Am Set geht man ganz und gar für sein Werk auf - und jede Position ist wichtig, jeder wirkt mit und hinterlässt einen Teil von sich in diesem Film. Diskussionen erwecken den Geist und regen Ideen an. Das Team ist unentschlossen, wie die Kaffetassen im Bild zu stehen haben. Das heißt Wartezeit für die Schauspieler, Rumschieberei bis alles sitzt und passt. Die Feinheiten des Szenenbilds. 

 

Als die Tassen nun endlich in Szene gesetzt sind, bereitet uns die Mittagssonne Schwierigkeiten. Es werde Licht! Die Beleuchter tüfteln eifrig an der Außen- und Innenbeleuchtung. Zwei Stunden später: das gleiche Problem. Aber wir sehen es mit Humor.

 

Nicht nur den Schauspielern gebührt große Aufmerksamkeit. Eine Blume steht auf dem Tisch - und dominiert das Bild. Wie dreht man sie am Besten? Wie holt man die beste Wirkung aus diesem Detail heraus? Die Blüte kann seitlich im Bild positioniert sein oder frontal. Es bleibt spannend. Eine weitere Schwierigkeit zeigt sich in den Übergängen. Die Stirn der Schauspielerin verschmilzt mit der Wand. Da muss die Schärfe der Kamera eingestellt werden! Und immer wieder die Frage: Wo steht die Blume?

 

6. Drehtag

Szene 4 I/T Küche: Sebi und Sebastian beim Teetrinken; Gespräch über Sebis Leben und Sportlerlaufbahn in Bezug auf Rosa. 

 

Sebastian und Sebi beim Kaffetrinken

Sebastian und Sebi beim Kaffetrinken

Als wir den Raum betreten, ist bereits ein hitziger Streit im Gange - ohne Kamera. Es sind auch nicht die Darsteller, die hier glänzen. Unsere Studenten haben sich einen Spaß erlaubt: Die Figuren erfahren eine Neubelebung in einer Auseinandersetzung um die Blume! Ein amüsanter Einstieg in das kommende Geschehen.

 

Wir haben es mit einem altbekannten Schreckgespenst zu tun: Das Licht! Nachmittags und im April schwankt die Sonne wie sie will. Dem können die Beleuchter Abhilfe schaffen. Dazu wird eine extra Leuchte im Raum aufgestellt. Der Tonmann musste seinen eigentlich idealen Platz opfern. Aber das macht ja nichts. So ein Drehort ist groß.

 

Auch wenn eine Menge Leute herumspazieren. Das neu entstandene künstliche Licht entspricht noch nicht ganz dem Wunschmaß. Es wird abgedunkelt. Ein grüner Lichteffekt entsteht in der Mitte des Kamerabildes. Nach korrekten Einstellungen ist wieder alles gut und bereit. Kein grünes Licht, aber irgendwie doch. Ein Trick: Das Bild wirkt zu monoton.

Zwischenbesprechung mit Kameradozent Thomas Merker und Prof. Allary

Zwischenbesprechung mit Kameradozent Thomas Merker und Prof. Allary

Dafür rücken wir den Tisch ein wenig in die Schräglage, denn der soll im Idealfall nicht parallel zum Fenster stehen. Das wirkt schon interessanter. Die Kamerafahrt ist noch etwas wacklig auf den Beinen. Schrauben des Fahrgerüsts sind locker. Anziehen! Zudem bei der Geschwindigkeit aufpassen: Die Kamera fährt zu schnell ins Bild! Die Folge: Köpfe ab.

 

Auch an den Ansagen der Regie wird gefeilt. Zuerst sollte man für die allgemeine Stimmung am Set Lob aussprechen. Dann sind die Veränderungen dran. Allerdings diese zunächst persönlich mit den Schauspielern besprechen, dann mit den Kameraleuten - persönlich - und Licht und Ton. Vortreten und auf die Leute zugehen. So kommen wir uns alle ein bisschen näher. Und jedes Wort kommt da an, wo es ankommen soll. Nun wird die Szene etwas verändert. Denn wir streben eine andere Kameraposition für den Schnitt an. Diesmal ist nur Sebi im Vordergrund, Sebastian ist nur leicht angeschnitten, damit man seine Anwesenheit erahnt. Keine Kamerafahrt. Die Vorbereitungen für diesen Wechsel laufen etwas schleppend. Einige Diskussionen über die Kameraeinstellungen halten uns auf. Nicht lamentieren! - Ausprobieren! 

 

Regiestudent David F. und Prof. Allary

Regiestudent David F. und Prof. Allary

Und schon wieder: Das Licht. Die Sonne macht auf und die Schatten verändern sich. Zuletzt hantieren wir noch einmal an der Kameraposition: Sebastian ist frontal im Bild, Sebis Umrisse nur angedeutet. Die Blume steht nicht am Tisch. Gedreht wird nur mit ihr.

 

7. und letzter Drehtag

 

Szene 9A A/N Wohnzimmer: Sebastian und Rosalie liegen zusammen auf der Couch, halb eingeschlafen, es donnert. 

 

Nach den langen Vorbereitungen und dem Warten auf den Schauspieler beginnen die Dreharbeiten. An diesem Tag wird das Tempo angezogen, denn es ist der letzte Drehtag. Es müssen noch einige Szenen in den Kasten. Ein künstliches Flackern, das den Eindruck eines Fernsehers hinterlassen soll, wird mit einem Lichtbildschirm und den davor gehaltenen, sich bewegenden Händen hergestellt. Es sind die Hände eines unserer Kamera-Studenten, die etwas zu regelmäßig über den Bildschirm huschen. Die Schatten an der Wand, die den laufenden Fernseher symbolisieren sollen, wirken abgehackt und nicht authentisch. Nach ein paar Handübungen ist auch diese Hürde gemeistert.

 

Szene 9 I/D Wohnzimmer: Rosalie kommt mit dem Einkauf nach Hause, Sebastian sitzt auf der Couch vorm Fernseher. Unordnung herrscht, die er unter ihren unangenehmen Blicken schnell beseitigen will. Sie geht in die Küche und reicht ihm dann eine Buttermilch, eine Geste der Liebe.

 

Lichteffekte mit Styropor-Reflektor

Lichteffekte mit Styropor-Reflektor

Zu dieser Szene gibt es einige Umstellungen des Lichts und der Kamera. Fragen entstehen: Wie viel soll der Fernseher im Bild zu sehen sein? Ist es dem Zuschauer klar, dass hier ein Fernseher steht? Noch dazu brauchen wir eine abendliche Atmosphäre, die nur künstlich hergestellt werden kann. Mehrere Lichtquellen sind erforderlich, denn im Bild zeigen sich sowohl Wohnzimmer und Küche als auch das Treppenhaus durch das Hereinkommen von Rosalie. Fenster werden abgedunkelt und Leuchten im Raum unterschiedlich positioniert. Nun wird die Perspektive der Szene verändert. Die Couch war im Fokus. Jetzt zeigt die Kamera nur Rosalie, die vom Wohnzimmer in die Küche schreitet, mit halbnaher Kameraeinstellung. Diese Aufnahmen werden für den Schnitt gebraucht. 

 

Wieder ein Wechsel, diesmal sind Sebastian und Rosalie im Bild, wie sie ihm die Buttermilch überreicht. Die Schärfe ist unklar. Da muss unser Kamerateam noch mal ran.

 

Hinzugefügte Szene I/D Küche: Rosalie macht den Abwasch, Sebastian tritt in die Küche und umarmt sie, kurzer Dialog. 

 

Neue Kameraeinstellungen für die wechselnden Szenen

Neue Kameraeinstellungen für die wechselnden Szenen

Diese Szene soll ausgleichend wirken. Denn neben Streit und Disharmonie, braucht es auch beruhigende, stille Momente, die das Bild der Geschichte vervollständigen. Hier gibt es ebenso einige Takes. Die Schauspieler müssen erst mal von angespannter Stimmung zu ruhig, sensibel, versöhnend wechseln.

 

Szene 27 I/D Wohnzimmer (umgeschrieben/Dialoge eingesetzt): Rosalie packt wütend ihren Koffer, rennt ins Wohnzimmer, Sebastian folgt ihr, kurzer Dialog. 

 

Ein lautstarker Streit entbrennt. Was zuvor amüsiert von unseren Studenten gemimt wurde, wird jetzt ernst. Eine Herausforderung an die Schauspieler, aber auch an die Kamera. Rosalie sucht nach dem Zittern in ihrer Stimme. Sebastian hüpft sich die Müdigkeit aus den Knochen. Die Kamera soll der schnellen, aufgeregten Bewegung folgen, zugleich aber nicht wackeln. Auch die Schuhe müssen aus. Noch eine Aufnahme frontal und ab zur nächsten Szene!

 

Szene 23 I/T Wohnzimmer (stark umgeschrieben): Streit zwischen Rosalie und Sebastian, über Haushalt, Terminkalender und die fehlenden Kinder. 

 

Ein Problem taucht kurz vor Szenenwechsel auf: Die Schauspielerin hat die Email mit ihrem Text für die vorgesehene Szene an diesem Tag nicht erhalten. Während dem Umbau also heißt es: Lernen! Kurzerhand steht sie am Set - mit einem Spickzettel.

 

Team des Studiengangs FF der mhmk beim Außendreh im Münchner Luitpoldpark

Team des Studiengangs FF der mhmk beim Außendreh im Münchner Luitpoldpark

Durch einen Kamera-Trick trotzen wir dieser unwillkommenen Begebenheit: Overshoulder. Was uns noch teurer zu stehen kommt, ist der Zeitdruck. Drehschluss ist um 19Uhr, in einer knappen halben Stunde. Die Schauspieler laufen uns gleich davon. Die kleinen und großen Tiraden über die Kameraeinstellung und die Standorte des Lichts haben uns zeitraubend aufgehalten. Der Text verhaspelt sich. Und doch schaffen wir noch eine andere Kameraposition. Der Fokus geht frontal auf Rosalie, die nun ihren Text im Kopf hat. Die Kamera fährt langsam auf sie zu - oder doch zu schnell? Licht und Kamera sind sich uneinig. Die Reihenfolge stimmt so nicht. Erst muss sich auf ein Kamerabild geeinigt und dann das Licht entsprechend eingestellt werden. Sonst herrscht Chaos, und das wollen wir ja bekanntlich nicht. Auch diese Aufnahme ist im Kasten. 

 

Cut!

 

Was noch nicht gesagt wurde:

 

Der Ton macht die Musik!

Der Ton macht die Musik!

Der Ton hat so gut wie immer gestimmt, es gab wenig Problematiken trotz abwechselnder Ton-Studenten. Hin und wieder stellte man die Tassen zu laut auf dem Tisch ab oder die Tür schlug zu fest zu. Auch die Ton-Angel hing manchmal bis selten im Bild. Doch alles in allem: Gute Arbeit!