Vorlesung Drehtag 4

Die zweite Drehwoche stellte das Studententeam des Studiengangs "Film und Fernsehen" an der mhmk vor neue Herausforderungen. In den leerstehenden Wohnungen mussten auf engstem Raum konfliktreiche Szenen eingeleuchtet, interessant ins Bild gesetzt und inszeniert werden.

Gleich am Montag begann der Drehtag mit der Ankunft von Hauptfigur "Ben" (gespielt von Manuel Frederick) mit "Gesa" (gespielt von Katharina Müller) vor dem Haus des Vermieters. 

Da der Himmel recht bedeckt ist, wird mit 2,5-KW-HMI-Licht und einem großen Frostrahmen als Diffusor dem Tageslicht etwas nachgeholfen.

Die Kamera fährt in einer längeren Schienenfahrt vor den beiden Hauptdarstellern her. Die zweite Einstellung ist eine feste, mit wenigen Anpassungen des Lichts ist auch diese abgedreht. Der Dreh der ersten Einstellungen vor dem Haus geht überraschend schnell von der Hand.

 

Effizienz und Filmkunst

Anschließend wurde aber sehr viel Zeit in eine kurze Dollyfahrt samt Jib-Arm-Bewegung investiert, die man vielleicht nicht ganz so elegant, aber dafür in viel kürzerer Zeit auch mit einem Schwenk hätte drehen können: Der Vermieter der Hauptfigur (Gäberle) begegnet beim hinaufgehen im engen Treppenhaus Gesa, die verärgert die Treppe herunterkommt. Er schaut ihr nach und ruft ihr etwas hinterher.

Keine Schlüsselszene und ein wirklich kurzes Bild in einem eigentlich abendfüllenden Film. Deshalb muss man genau überlegen, ob man an dieser Stelle drei Stunden Zeit investiert. Letztlich ist die Einstellung aber zufriedenstellend im Kasten und das Bewusstsein für die Verhältnismäßigkeit des Aufwandes ganz nebenbei geschärft.

Anna Crotti bespricht den Ablauf der Kamerafahrt mit den Studenten.

Anna Crotti bespricht den Ablauf der Kamerafahrt mit den Studenten.
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Anschließend wird eine Szene gedreht, in der man sieht, wie Ben die zufällig am Bahnhof aufgegabelte Gesa bei seinem Vermieter Gäberle (gespielt von Uwe Kosubek) abliefert. Der vom Regieprofessor gewünschte Drehschluss kann angesichts des Pensums und der Verzögerung für die eine Einstellung mit Jib-Arm natürlich nicht eingehalten werden. Es wird angesichts der fortgeschrittenen Stunde beim Arbeitstempo angezogen. 

Die Selbstmordszene mit Gäberle auf dem Dachboden soll gedreht werden. Die Kameradozentin Anna Crotti schlägt vor, das sehr weiche Licht der ohnehin auf dem Dachboden installierten Fluoreszenzleuchte zu verwenden. 

Doch das Kamera- und Lichtdepartment hat sich gut vorbereitet und möchte ein Lichtkonzept mit mehreren Dedo-Lights umsetzen. Und auch, wenn die Zeitangaben für den Lichtbau abenteuerlich kurz klingen - die Studierenden schaffen es tatsächlich, sehr schnell das geplante Licht einzurichten.

Schublade, aus der Zeitungsauschnitte quillen

Die Ankunft von Ben und Gesa

In einer parallelen Schienenfahrt wird gedreht, wie Gäberle auf den Dachboden kommt, sich auf einen Stuhl stellt und anschließend von der Decke baumelt. Damit der Trick gelingt, fährt die Kamera an einem Holzbalken vorbei und da der Balken nicht breit genug ist, um in der Vorbeifahrt einmal das ganze Bild abzudecken, wird kurzerhand eine kleine Abdeckfahne verwendet, um den Balken etwas zu verbreitern. Da dieser eh unbeleuchtet ist, merkt man den Unterschied nicht. 

So wird an der Stelle, wo das Bild abgedunkelt ist, später geschnitten, und der zweite Teil der Schienenfahrt gibt dann das Bild wieder frei und zeigt Gäberles baumelnde Füße. Ansonsten wird alles andere über den Ton erzählt, etwa wie der Stuhl, den Gäberle im ersten Teil der Fahrt besteigt, umfällt. Heute ist später Drehschluss, aber alles ist im Kasten und die Ergebnisse vielversprechend.

Abends kommen die Studierenden der Postproduktion zur Nachbesprechung ans Set, sie haben wichtige Hinweise, was beim bisher gedrehten Material aufgefallen ist und bringen sogar roh geschnittene Szenen mit. Ganz wichtig: Die Klappen müssen besser geschlagen werden - oft sind sie unleserlich, nicht beleuchtet oder verwackelt. Das macht das Anlegen unnötig schwer. Ansonsten aber scheinen die Einstellungen schneidbar zu sein und sie sehen sogar recht gut aus.

 

Drehtag 5

Sensible Szene mit Ben und Gesa

Sensible Szene mit Ben und Gesa
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Abläufe spielen sich immer mehr ein, das ist ganz deutlich zu spüren, die Studentengruppe hat sich zu einem gut funktionierenden Team formiert, auch wenn die Funktionen täglich durchgewechselt werden. 

Heute wird die Szene gedreht, in der Ben die angetrunkene Gesa aus den Fängen von Gäberle befreit - eine Nachsituation, zudem mit viel Bewegung und starken Emotionen. Die Auflösung ist aufwändig und erlaubt den Postlern viele Schnittmöglichkeiten.

Die anschließende Szene, in der Ben die angetrunkene Gesa in seine Wohnung trägt und ins Bett verfrachtet, ist im Gegensatz dazu eher leise und melancholisch.

Keine leichte Aufgabe für das Team und für die Schauspieler.

 

Drehtag 6

Auf engstem Raum drehen, angeln und nicht im Bild sein - keine leichte Aufgabe

Auf engstem Raum drehen, angeln und nicht im Bild sein - keine leichte Aufgabe

Am vorletzten Drehtag wird der Pakt zwischen Ben und Gäberle gedreht, bei dem die beiden jenen Plan miteinander vereinbaren, der die ganze Geschichte ins Rollen bringt. Erneut wird in der Drehwohnung gedreht, enge Räume und viel Disziplin wird vom Team abverlangt. Besonders schwierig: Auch das parallel drehende zweite Team des Jahrgangs "Film und Fernsehen" dreht in den gleichen Wohnungen. Manchmal wartet das jeweils andere Team, bis eine Aufnahme vorbei ist, um dann selbst einen Take drehen zu können.

 

Drehtag 7

Für den letzten Drehtag ist ein Nachtdreh angesetzt - nein, nicht unbedingt, weil die Szene nachts spielen soll, sondern weil es die Drehgenehmigung, die freundlicherweise vom MVV erteilt wurde, erst ab 21 Uhr gilt. Drehs in U-Bahnen sind komplizierter als man denkt. Allein schon wegen der Anschlüsse: Hintergründe und Fahrgäste im Bildhintergrund wechseln ständig; da ist es ganz wichtig, dass der direkte Hintergrund vom Team, was gleichzeitig als Komparsen fungiert, gecovert wird.

Mit erstaunlicher Disziplin und Geschwindigkeit arbeiten die Studierenden die Szenen in der U-Bahn ab.

Die Wahl der Studierenden fällt auf eine alte U-Bahn - überraschenderweise sind diese, auch wenn der Eindruck ein anderer ist, heller als die neuen, modernen U-Bahnen. Auf der Fahrt von Endhaltestelle zu Endhaltestelle der U2 in München wird Einstellung für Einstellung abgearbeitet, weitgehend mit Handkamera, um flexibel zu bleiben. Auch auf Scheinwerfer wird verzichtet, lediglich ein kleiner Reflektor hilft, die Gesichter der Schauspieler hier und da aufzuhellen.

Insgesamt verläuft der U-Bahn-Dreh enorm effizient; wirklich bewundernswert, wie flexibel und visuell anspruchsvoll die Studierenden die Szene auflösen und umsetzen. Dank der Schauspieler, die sich mit Haut und Haaren in die Szene hineinbegeben, verläuft der Nachtdreh überaus erfolgreich.

Angesichts der fortgeschrittenen Stunde fällt bei diesem Drehschluss die Feedback-Runde aus. Doch man kann schon jetzt sagen: ein toller Kurs, der sich mit ungeheurer Energie in dem Drehworkshop engagiert hat. Und alle, selbst die Professoren und Dozenten haben eine ganze Menge dazugelernt. Auf die geschnittenen und vertonten Ergebnisse sind wir schon jetzt gespannt.