Vorlesung "On Location 2011"

Dollyfahrt am Münchener Hauptbahnhof, voller Einsatz trotz kaltem Wind und kühlen Temperaturen

Dollyfahrt am Münchener Hauptbahnhof, voller Einsatz trotz kaltem Wind und kühlen Temperaturen

Eine neue Runde der mhmk-Drehworkshops, eine Besonderheit des Studiengangs "Film und Fernsehen" und zweifelsohne eines der Highlights im Semester. Die Studierenden des dritten Semesters gehen zwei Wochen mit jeweils zwei Professoren/Dozenten aus den Bereichen Kamera und Regie auf Dreh.

Wegen eines vom Wetterdienst angekündigten Dauerregens wurde der Drehplan umgestellt und statt eines überschaubaren Innenmotivs stand gleich am ersten Tag der Dreh am Münchner Hauptbahnhof an. Eine ganz besondere Herausforderung, schließlich sind erste Drehtage auch dafür da, sich als Team zusammenzufinden, Abläufe einzuüben und die Schauspieler an die Arbeitsweise heranzuführen. Der Dreh an den Gleisen der Fernzüge bedeutet erschwerte Bedingungen. Das Motiv ist weitgehend unkontrollierbar, schließlich darf man nirgendwo absperren, ständig laufen zahllose Menschen von und zu den Zügen und selbst die Züge fahren dauernd ein oder aus.

Nun mag das nicht überraschen, dass an Bahnhöfen Züge fahren, wenn jedoch bei einer begonnenen Szene im Hintergrund der Hauptdarsteller mal ein roter, dann ein blauer und danach gar kein Zug steht, kann von Kontinuität kaum mehr die Rede sein.

Die Regiestudentin des ersten Tages schlägt sich, wie im übrigen das ganze Team, gut, bespricht sich mit ihren Schauspielern, achtet darauf, dass sie, wenn nicht gedreht wird, diese wärmende Jacken überziehen - eine Maßnahme, die dem halben Team gut tun würde; trotz vorheriger Warnungen sind viele deutlich zu dünn gekleidet. Bahnhöfe sind zugig und der gleichzeitige Temperatursturz macht die Arbeit zusätzlich schwierig.

Ständig wechselnde Züge erschweren es, die Kontinuität durchgängig einzuhalten (hier eine Dialogszene mit den Schauspielern Katharina Müller und Manuel Frederick).

Da Stromkabel nicht zu den Bahnsteigen verlegt werden dürfen, muss das durch die Bewölkung schwache einfallende Himmelslicht mit einem Reflektor auf die Gesichter der Hauptdarsteller umgelenkt werden. Vor allem, wenn Züge an beiden Seiten des bespielten Bahnsteigs stehen, wird es recht dunkel und man muss die ganze Szenerie jeweils auf dem Bahnsteig an eine Stelle vorverlegen, wo noch Himmelslicht vorhanden und nicht alles abgeschattet ist.

Einmal mehr zeigt sich, dass man beim Film viele Dinge schummeln kann; der Zuschauer kann später nicht so genau ausmachen, ob der Hintergrund mit Bänken und Säulen 10 Meter verrückt ist. Solange es glaubwürdig ist, akzeptiert man recht viel. Bei einem sehr direkten Anschluss bei dem von einer Halbnahen auf eine Großaufnahme gesprungen wird, hilft man sich damit, leicht untersichtig zu drehen, so sieht man in der Großaufnahme die Decke des Hauptbahnhofs und vermisst nicht den inzwischen abgefahrenen Zug im Bildhintergrund.

Alle Studierenden übernehmen täglich andere Funktionen im Team und müssen so ihre Fähigkeiten immer wieder anders schulen und erfahren in der eigenen Arbeit, wie wichtig die jeweilige Funktion, die sie gerade ausüben, für den Dreherfolg ist. Auch für den Ton stellen die ständigen Lautsprecherdurchsagen, Anfahrten oder Bremsgeräusche der Züge eine große Herausforderung dar. Schnell wird klar, dass es wichtig ist, öfter bei noch laufenden Geräuschen, wie dem Bremsenquietschen, den Ton nicht mit dem "Aus" der Regie abzuschalten (dann reißt der Ton ab und man kann die Einstellung später kaum schneiden), sondern ihn noch ein paar Sekunden weiterlaufen zu lassen. Regie und Ton haben deshalb visuelle Signale miteinander vereinbart, damit die Regie nicht "Aus" in die laufende Tonaufnahme ruft.

Die betreuende Kamerafrau bespricht mit den Kamerastudenten die nächste Einstellung.

Die betreuende Kamerafrau bespricht mit den Kamerastudenten die nächste Einstellung.

Mutig, wie nah sich der Tonangler an den oberen Bildrand wagt. Das ist ganz wichtig, sonst kann man bei der lauten Geräuschkulisse die Dialoge schlichtweg nicht verstehen. So würden auch Profis mit der Tonangel umgehen.

Am Abend des ersten Drehtages sind alle geplanten Einstellungen im Kasten, das Set war für die organisatorischen Herausforderungen eines solchen Drehortes gut organisiert und jeder spürt, dass auch manches sich noch einspielen wird, das Team sehr gut zusammenarbeitet.

 

Drehtag 2

Der Drehtag zwei findet in einem Abbruchhaus im Münchner Norden statt. Betritt man die Räume, erspürt man sogleich die Einschränkungen des Motivs - kleine Räume, in denen man kaum Platz für Team und Aufnahmegerät hat, und vor allem eine Raumhöhe, die das Ausleuchten extrem erschwert. Bei 2,10 Meter Höhe bleibt unter der Decke einfach kein Platz, Licht zu verstecken. Die Regiestudentin des heutigen Tages kann sich über einen ruhigen und besser kontrollierbaren Drehort freuen, auch für Proben findet sie die notwendige Ruhe.

Drehen und vor allem Ausleuchten auf engstem Raum lautet die Herausforderung des neuen Motivs. Für das Kamera- und Lichtteam sind die Räume eine wirkliche Herausforderung. Was vor allem schmerzt, ist, dass die Studierenden aus unerklärlichen Gründen den größten Raum gar nicht für den Dreh genutzt haben (Wände wurden vorab von den Studierenden dunkler gestrichen und mit Möbeln ausgestattet), sondern die kleinsten Räume. Das rächt sich jetzt durch eine extreme Enge, die nicht nur den Aufbau von Schienen und Dolly erschwert, sondern auch die Auswahl der Objektive/Brennweiten extrem limitiert. Als die Scheinwerfer plötzlich ausgehen und der Blick auf den Sicherungskasten erfolglos bleibt, zeigt sich nach kurzer Fehlersuche, dass jemand vom Lichtteam offensichtlich die Kabeltrommeln nicht vollständig abgerollt hatte - ein grober Fehler, der bis zum Kabelbrand führen kann.

Dank der Lichtempfindlichkeit der Canon 7D und der lichtstarken Zeiss-Festoptiken kann in vielen Situationen mit kleinem Licht gearbeitet werden.

Dank der Lichtempfindlichkeit der Canon 7D und der lichtstarken Zeiss-Festoptiken kann in vielen Situationen mit kleinem Licht gearbeitet werden.

Nach dem Abrollen lassen sich die glücklicherweise vorhandenen Thermosicherungen der Kabeltrommeln wieder einschalten und es kann weitergehen. Weil kaum Stellproben gemacht werden, gibt es immer wieder Überraschungen, weil Dinge plötzlich anders aussehen als gedacht. Überhaupt unterschätzt man sehr, wie wichtig ganz banale Abläufe im Handeln der Schauspieler sind. Wer kommt von wo und welcher Seite der Kamera, wer macht was, wer hält wann welches Glas, bei welchem Dialog wird das Glas wieder abgestellt usw.? Viele Komplikationen kann man sich ersparen, wenn alle Abläufe vor dem Aufbau der Technik einmal durchgespielt sind. Das Set ist an diesem Tag sehr gut organisiert, die Regieassistentin macht Druck, gibt die Anweisungen laut genug, dass alle sie auch hören und hat ihr Team gut im Griff. Plötzlich geht der Ton nicht mehr. Das Tascam ist an, Stromversorgung für das Mikro (MKH 70) passt, auch die Eingänge sind richtig auf MIC und ohne Vordämpfung gestellt. Nach langem Suchen findet man zufällig heraus, dass, wenn der Trittschallfilter auf on geschaltet ist, der Toneingang stumm bleibt. Ein massiver Defekt, der den ganzen Drehtag hätte ruinieren können. Immer wieder zeigt sich, dass in so niedrigen Räumen das Tonangeln sehr schwierig ist, insbesondere mit einem langen Korbwindschutz. Der wäre eigentlich nicht nötig, wenn man einen Schaumwindschutz hätte- doch der fehlt. Ja, und es zeigt sich, dass es sinnvoll ist, sich als Tonangler die Dialoge grob zu merken, damit man das Mikrofon mit der Angel nicht erst dann von einem Schauspieler zu anderen schwenkt, wenn dieser bereits redet. Das muss in den kurzen Pausen zwischen den Sätzen passieren. Es wird viel diskutiert über Licht, Achsen und Anschlüsse - das kostet Zeit. Irgendwann gegen 19:15 ist dann Drehschluss, alle Einstellungen sind gedreht, in der abendlichen Feedbackrunde wird der Tag noch mal besprochen. Damit ist der Arbeitstag für die Studenten noch längst nicht zu Ende: Aufräumen, Geräte verpacken, in den Transporter einladen, damit am nächsten Tag an einem anderen Drehort weitergearbeitet werden kann.

So cool es auch aussieht, wegen der geringen Raumhöhe von unten zu angeln... Spätestens wenn die Gläser auf die Tischplatte gestellt werden, rächt sich die Position des Mikrofons mit einem lauten Knall. Angeln sollte man eben doch, wann immer möglich, von oben.

So cool es auch aussieht, wegen der geringen Raumhöhe von unten zu angeln... Spätestens wenn die Gläser auf die Tischplatte gestellt werden, rächt sich die Position des Mikrofons mit einem lauten Knall. Angeln sollte man eben doch, wann immer möglich, von oben.

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Dritter Drehtag, Bahnhofsvorplatz: Dass sich das Team bereits um 7 Uhr morgens, trotz Müdigkeit vom Vortag, am Drehort einfindet, bewirkt, dass die erste, durchaus anspruchsvolle Kamerafahrt mit viel Koordination von Komparsen und Darstellern bereits gegen 9 Uhr abgedreht ist - ein gutes Zeichen für den weiteren Verlauf des Drehtages. So hat man nicht dauernd die Zeit im Nacken - schließlich gilt die Drehgenehmigung nur bis 15 Uhr. Das Kamerateam und die Kamerabühne arbeiten routiniert - alle Abläufe ganz gleich ob Schienenbau, Dolly etc. laufen reibungslos. So bleibt sogar Zeit für ausgiebige Regiebesprechungen. Hier zeigt sich auch, wie viel kleine Veränderungen an der Interpretation einer Figur oder auch in den Handlungsabläufen die Wirkung der Szene verändern können. Und es bleibt sogar Zeit, Varianten zu drehen - das schafft später im Schnitt gestalterische Freiräume. Der Ton hat es angesichts mancher Halbtotale nicht leicht. Eigentlich gäbe es auch eine Funkstrecke, die in solchen Fällen zusätzlich zum geangelten Ton verwendet werden kann, aber die probiert man gar nicht erst aus - so werden wohl manche Takes einen eher dünnen Dialogton haben. Und auch hier die Erkenntnis: Tonangeln ist schwer, anstrengend und man muss extrem aufmerksam sein. Nach Drehschluss kommen Studentinnen aus der Postproduktion und geben einen ersten kurzen Bericht ab über die Güte und Verwendbarkeit des Materials. Es scheint soweit okay zu sein, jedenfalls gibt es erstmal nur die Rückmeldung, dass die Klappen zu kurz und unruhig im Bild geschlagen wurden, sodass man kaum die Beschriftung lesen konnte. Schlimmer erwischt hat es das parallel drehende Team 2, die haben wegen einer fehlerhaften Einstellung im Kameramenü den ersten Drehtag komplett stumm gedreht - ein mittleres Desaster.

Diverse Komparsen, Abläufe und eine ziemlich lange Schienenfahrt wollen gut koordiniert sein.

Diverse Komparsen, Abläufe und eine ziemlich lange Schienenfahrt wollen gut koordiniert sein.

Inwieweit unser Team die Anschlüsse etc. gut gelöst hat, zeigt sich dann erst in den folgenden Tagen, wenn es erste Rohschnittfassungen gibt. Wir sind gespannt auf die zweite Drehwoche...