Vorlesung "On Location"

Gäberle (Martin Wichmann) und Jana (Patricia Heinz) aus

Gäberle (Martin Wichmann) und Jana (Patricia Heinz) aus "Stehengelassene Frauen" beim Kaffeetrinken

 

Inzwischen in der vierten Ausgabe des Drehworkshops schon längst eine feste Einrichtung des Studiengangs "Film und Fernsehen" an der mhmk, sind die Studierenden des dritten Semesters gemeinsam mit Profi-Schauspielern und den Professoren für Kamera und Regie wieder zwei Wochen lang auf Dreh gewesen, um ausgewählte Szenen eines Spielfilm-Drehbuchs professionell umzusetzen.

 

Das Curriculum des Studiengangs schreibt für die zwei Regie- und Kameramodule gar keine Dreharbeiten vor, die Unterrichte könnten genauso (aber nicht genauso gut) in den Hörsälen der Hochschule abgehalten werden. Doch gemeinsam zwei Wochen lang an Szenen zu gestalten ist schlichtweg unvergleichbar mit Übungen und Unterricht im Seminarraum.

 

Harte Zeiten

 

Für die Studenten bedeutet der Drehworkshop eine viel höhere Workload als reiner Unterricht, schließlich müssen sie den Drehort, leerstehende Wohnungen, welche die Herstellungsleiterin der mhmk, Doris Wedemeier organisierte, streichen, vorbereiten, einrichten, sie müssen die Szenen vorbereiten, die Schauspielrollen besetzen, das Equipment zusammenstellen, abholen, laden, kurzum: Es bleibt wenig Schlaf und jede Menge Arbeit.

 

Jeden Tag führen andere Studierende Regie, mehrmals wechseln auch die Kamera-Studenten sich ab und auch alle anderen Positionen im Team werden von Tag zu Tag durchgewechselt. Eine wichtige Erfahrung, wie die Studierenden bestätigen, selbst wenn manche Jobs weniger attraktiv, dafür aber arbeitsintensiver sind. Dass man die für eine organisierte Teamarbeit notwendige Innensicht der jeweils anderen Arbeitsfelder erhält, ist einer der Pluspunkte dieser Rotation. Und dass man an sich selbst die eigenen Möglichkeiten und Grenzen in unterschiedlichsten Aufgabenbereichen erkunden kann, vielleicht sogar neue favorisierte Gewerke entdeckt, kann einfach nicht in der Theorie abgehandelt werden.

Aus verschiedenen Blickwinkeln werden die einzelnen Einstellungen gefilmt, um sie im Schnitt zusammenfügen zu können.

Aus verschiedenen Blickwinkeln werden die einzelnen Einstellungen gefilmt, um sie im Schnitt zusammenfügen zu können.

 

An Szenen gemeinsam zu planen, sie auszuleuchten, Kameraarbeit zu planen, mit den Schauspielern von den Stellproben bis zu den gedrehten Takes zu arbeiten, die Drehabläufe zu organisieren und mit dem gesetzten Zeitfenster zurechtzukommen, das sind Herausforderungen, welche die Studierenden gemeistert haben.

 

HD und Super 16

 

Gedreht wird mit eigenem Equipment der Hochschule, mit der Canon 7D, einer Spiegelreflexkamera mit HD-Videooption, mit einem P&S-Festoptikensatz, Chrosziel-Kompendium und Follow Focus sowie parallel in ausgewählten Szenen als Vergleichsmöglichkeit auch mit der Panasonic HVX 200 sowie auf Super 16 mit der Aaton XTR. Außerdem sind unser Dolly von Grip Factory, der Jib-Arm und jede Menge Schienen, Scheinwerfer, Ton-Equipment etc. mit am Start, kurzum: Der Transporter der Hochschule ist randvoll mit Geräten gefüllt.

 

Mieter und

Mieter und "Frauenfinder" Ben (Benjamin Jorms) macht Vermieter Gäberle (Martin Wichmann) die Hölle heiß, dabei muss jede Bewegung und jeder Handgriff sitzen.

 

Filmset

 

Gleich der erste Drehtag in den unbewohnten, unbeheizten Wohnräumen wird von den Temperaturen her eine Herausforderung. Nicht alles, was gewohnt und cool ist, eignet sich für die dort herrschenden kühlen Temperaturen. Und mit kalten Füßen in Turnschuhen von 7 bis 21 Uhr zu arbeiten ist nicht einfach. Zumal man sich ja öfter, wenn geprobt oder gedreht wird, gerade nicht bewegen darf. Seltsam auch der Kontrast: Draußen in der Sonne ist es mild und angenehm, kaum ist man im Haus am Motiv, ist es feucht und kalt.

 

Schwierig ist die Kälte auch für die Schauspieler, die ja in den Szenen keine warmen Windjacken tragen dürfen, sondern vorzugsweise in Hemd oder in machen Szenen auch nur im Pyjama zu sehen sind. Hier unterstützen die Studierenden die Schauspieler mit Wärmedecken, die aber eben im Bild auch nicht zu sehen sein dürfen und nur in den Pausen helfen.

 

Drehverlauf

Trotz Kälte müssen auch Szenen gedreht werden, die im Bett und leicht bekleidet stattfinden (hier im Bild: Gabriele König als Lena).

Trotz Kälte müssen auch Szenen gedreht werden, die im Bett und leicht bekleidet stattfinden (hier im Bild: Gabriele König als Lena).

 

Die ersten Drehtage verlaufen bereits überraschend gut, es zeigt sich, wie viel Absprache, Erprobung und Rhythmusgefühl erforderlich ist, um die Abläufe im Spiel der Schauspieler mit den Kamerabewegungen zu koordinieren und auch in Hinblick auf den späteren Film knappe, kompakte Einstellungen zu drehen. Die Pausen zwischen den einzelnen Stationen des Handelns, zwischen den Blicken, den Reaktionen, den Dialogen müssen knapper, kürzer werden. Die Regie-Studierenden kriegen sehr schnell ein Gefühl für das richtige Timing, besonders wichtig, wenn Szenen auf Schnitt gedreht werden, wenn man also keine Überlappungen gedreht hat, mit denen man unnötige Pausen im Schnitt beseitigen könnte.

 

Jeder Regie-Student hat seine eigene, andere Herangehensweise an die Szenen und versucht, die eigenen Intentionen auf seine Art den Schauspielern weiterzugeben. Spürbar wird auch, welche große Bedeutung der Regieassistenz zukommt, die bei uns nach amerikanischem Vorbild das Set auch organisiert, also den Dreh stets durch die richtigen Informationen, Kommandos und Steuerung am Laufen hält. Diese Funktion wird an anderen Sets hierzulande auch an den Set-Aufnahmeleiter vergeben, allerdings laufen die relevanten Informationen alle bei der Regieassistenz zusammen, deshalb ist es sinnvoller, wenn diese auch das Set organisiert.

 

Aufgabenverteilung im Team

Nach jedem Drehtag gab es Feedbackrunden, bei denen gemeinsam mit den Professoren über Schwierigkeiten und positive Erfahrungen gesprochen wurde.

Nach jedem Drehtag gab es Feedbackrunden, bei denen gemeinsam mit den Professoren über Schwierigkeiten und positive Erfahrungen gesprochen wurde.

 

Das heißt übrigens auch, die Regieassistenz hat das Kommando "Ruhe, bitte, wir drehen!" sowie die Ton-, Klappen- und Kameraansage zu geben. Die Kamera signalisiert dann nur noch dass sie bereit ist ("Kamera set") und die Regie sagt "Bitte" und später dann "Aus". Überhaupt gehört zu den ersten Drehtagen auch das klare Abgrenzen der verschiedenen Aufgabenbereiche, wer wofür am Set verantwortlich ist. 

 

Und die Erkenntnis, dass man in den Leitungsfunktionen (Regie, Kamera, Oberbeleuchter, Regieassistenz, Ton) am Motiv selbst nur die Arbeiten ausüben sollte, für die man wirklich zuständig ist. Deligieren lernen, das Set organisieren lernen, das sind wichtige Schritte an den ersten Tagen. Als diese Abläufe und Hierarchien eingeübt sind, verlaufen auch die Drehtage noch konzentrierter und kompakter.

 

Von Tag zu Tag erleben wir unterschiedliche Arten der Regie, manche eher technisch, um Abläufe bemüht, andere mit psychologischen Bögen für die Filmfiguren, manche überschütten die Schauspieler mit ausschweifenden Anmerkungen, andere sind knapp und präzise. Auch für die Schauspieler eine ungewohnte Erfahrung, sich auf immer neue Regiepersönlichkeiten einzulassen. Doch alle Regiestudenten und ihre jeweiligen Teams schaffen es, ihre Szenen abzudrehen, nicht immer mit allen vorgesehenen Einstellungen, doch stets mit ausreichend Bildern, um die Szene erzählen zu können.

In den zwei Workshop-Wochen wurden die verschiedenen Aufgabenbereiche am Set jeweils von anderen Studenten übernommen.

In den zwei Workshop-Wochen wurden die verschiedenen Aufgabenbereiche am Set jeweils von anderen Studenten übernommen.

 

Wichtige Rückmeldungen

 

Während das Drehteam vor Ort an der Umsetzung arbeitet, haben die Postproduktions-Studenten in den Schnitträumen der Hochschule Unterricht und arbeiten mit dem gedrehten Material. Wertvolle Rückmeldungen bringen Alex und Sabrina jeweils abends direkt aus dem Schnitt mit. Da kommen Hinweise wie: Mehr Nahaufnahmen drehen, mehr Zwischenschnitte, mehr Überlappungen, um Variationen zuzulassen. Solche Informationen während des Drehs zu bekommen, ist Gold wert, schließlich befindet man sich noch im Arbeitsprozess und kann an den nächsten Drehtagen nachsteuern, wenn man erst nach Drehschluss erstmals mit den Cuttern spricht, verschenkt man diesen wichtigen Korrekturfaktor gänzlich.

 

Finally: Dreh am Hauptbahnhof München

 

Die letzten beiden Drehtage finden außen statt, das Risiko, die Außendrehs auf die letzten beiden Drehtage zu legen (normalerweise legt man Außendrehs an den Anfang der Dreharbeiten, um bei schlechtem Wetter die Tage durch Innenmotive ersetzen [=covern] zu können), wird durch feinstes, sonniges Herbstwetter belohnt. Der erste Außendreh findet am Gelis 26 am Münchner Hauptbahnhof statt mit allen Widrigkeiten, die so ein reger Bahnverkehr anschlusstechnisch so mit sich bringt. Ständig wechseln die Züge im Bildhintergrund, manchmal stellen sie sich überraschend zwischen Kamera und Darsteller, manchmal erzeugen sie soviel Lärm, dass Tonaufnahme unmöglich wird. Schmerzlich macht sich bemerkbar, dass die Studierenden vergessen haben, Walky-Talkies mit Headsets aus dem Geräteleih der Hochschule mitzunehmen. Durch die erschwerte Kommunikation dauert alles länger und viele schöne Zugdurchfahren, die das Bild hätten bereichern können, werden mangels Absprachemöglichkeit, nicht gedreht.

 

Ungewohnt war für die Kameraleute die

Ungewohnt war für die Kameraleute die "Shoulder-Mount", die zwar das Halten der Kamera erleichtert, aber auch höchste Konzentration erfordert, um nicht jede Bewegung im Bild sichtbar zu machen.

 

Am letzten Drehtag am Vorplatz des Münchner Hauptbahnhofs dann tauchte mittags ein weiteres, allerdings professionelles, Filmteam auf, welches ebenfalls am gleichen Ort eine Szene für ein Spielfilmprojekt abdrehen musste. Dank Absprachen auf dem kurzen Dienstweg zwischen dem Kameramann des Spielfilmdrehs, Michael Boxrucker und unserem Film-und-TV-Studenten Patrick, der an diesem Tag engagiert und bestens organisiert die Regieassistenz innehatte, ließ sich vermeiden, dass sich die Teams gegenseitig im Bild standen.

 

Die von den Innendrehs in den ausgekühlten unbewohnten Wohnungen gewohnte warme Bekleidung wurde bei den überraschend warmen Außentemperaturen eines 29. Oktobers zur echten Herausforderung. Bei T-Shirt-Wetter in warmer Winterkleidung herumzurennen ist schweißtreibend und macht einmal mehr klar, wie wichtig optimale Arbeitskleidung ist.

 

Der letzte Drehtag war ab Mittag durch ziemlich ideale Lichtverhältnisse gekennzeichnet, die Treppen vor dem gewählten Eingang zum sogenannten Starnberger Bahnhof waren weitgehend von direkter Sonne verschont, dafür reflektierten die Häuser der Arnulfstraße hervorragend weiches Licht, sodass gänzlich auf Reflektoren (zum Aufhellen) und Butterflys (zum Abmildern direkter Sonne zur Diffusionsstoff) verzichtet werden konnte. Am Vormittag war bei anderem Sonnenstand nämlich noch der Aufbau unseres 12 qm großen Butterflys erforderlich gewesen.

 

Am Hauptbahnhof bauten die Studenten einen Dolly für Kamerafahrten auf und konnten so die gelernte Theorie in die Praxis umsetzen.

Am Hauptbahnhof bauten die Studenten einen Dolly für
Kamerafahrten auf und konnten so die gelernte Theorie in die Praxis umsetzen.

 

Als besonderes Highlight zum Abschluss des Workshops hatten sich die Studierenden noch eine sehr raffinierte Plansequenz mit der Steadicam ausgedacht, die sie am Vorabend ausgiebig geprobt und dann mit der entsprechenden Sicherheit mit den Schauspielern umgesetzt haben.

 

Feedback

 

Die letzte Feedback-Runde gehört vor allem den Studierenden selbst, das Echo ist nach all den Anstrengungen durchwegs positiv. Fünfmal soviel gelernt, wie in normalen Vorlesungen, heißt es da. Und, auch sehr wichtig: die Erkenntnis, dass man mit wenigen richtigen und starken Einstellungen seine Szenen viel besser erzählen kann als mit einer Unzahl von Einstellungen, die einem den ganzen Drehtag zerstören und trotzdem die Szene nicht besser machen.

 

Spannend zu sehen, so Kamerastudent Johannes, wie durch die unterschiedlichen Regie- und Kamerastudierenden auch die Interpretation der Filmfiguren, die Bildsprache, ja, die ganzen Szenen jeweils sehr unterschiedlich ausgefallen sind. Wie deutlich spürbar wird, wie sehr individuelle Personen den Ausdruck der Szenen prägen. Derartige Vergleichsmöglichkeiten gibt es im realen Produktionsalltag ja nie, schließlich wechseln da die Teammitglieder nicht täglich die Positionen.

Patrick (Regie-Assistenz), Jo (an der Steadicam) und Andreas (Tonangler) besprechen noch einmal die letzten Feinheiten der folgenden Einstellung.

Patrick (Regie-Assistenz), Jo (an der Steadicam) und Andreas (Tonangler) besprechen noch einmal die letzten Feinheiten der folgenden Einstellung.

 

Abschließend war deutlich spürbar, wie sehr der Workshop den ganzen Kurs noch mehr zusammengeschweißt hat. All die erworbenen Fertigkeiten und Erkenntnisse werden ihnen für die künftigen Übungsfilme sowie die späteren Filme im Berufsleben zur Verfügung stehen. Ein solches Unterrichtsmodell ist nur dank des großen Engagements der Studierenden, der Schauspieler und aller anderen Beteiligten möglich.