Drehtag 5

Sprunghafte Dialoge

Die zweite Seminarwoche für die Filmstudenten der m-hmk steht unmittelbar bevor. Bei der Regiebesprechung am Sonntag Nachmittag zeigte sich Erstaunliches: Die Szene, welche die Regiestudentin des nächsten Tages umsetzen sollte, war von ihren Studienkollegen verändert worden.

Dreh am Bahnhof

Weil die Steinplatten ungleichmäßig sind, kann der Dolly nicht mit Luftbereifung fahren, die Schienen müssen verlegt werden

Das war ja soweit ganz in Ordnung, denn das "sich einrichten" und optimieren des Buches ist ja Bestandteil des Seminars. Doch der Dialog ist irgendwie zusammengestückelt, irgendwo ist sogar ein Dialogblock vermutlich direkt aus Wikipedia einkopiert. So weit ist die Copy & Paste Mentalität inzwischen gekommen...

Jedenfalls zeichnen sich bereits im Vorfeld mit einem so fehlerhaften Text Schwierigkeiten ab. Die Schlimmsten Haken werden in der Regiebesprechung ausgemerzt, doch es bleiben einige Fragezeichen.

 

Am Fernzuggleis

Gleich früh morgens am Montag wird das Equipment auf den Bahnsteig 14 des Münchner Ostbahnhofes getragen. Dolly, Schienen, Stative, Abdeckfahnen, Ton und natürlich die Kameraausrüstung.

Der erste Außen-Drehtag innerhalb des Seminars mit mehr Abhängigkeit von Äußeren Umständen wie Wetter, fremde Menschen, Geschehnisse im Bildhintergrund.

Am Fernzuggleis

Mit unterschiedlich starken Holzklötzen werden die Panther-Schienen auf dem unebenen Boden des Bahnsteigs verlegt. Die Wasserwage ist hier unentbehrlich

Logistisch gesehen ist der Bahnsteig ein Glücksgriff, fährt dort im Prinzip nur ein Nachtzug ab, der Bahnsteig ist also weitgehend frei von realen Fahrgästen, die sonst leicht Anschlussprobleme bereiten würden, wenn sie in der einen Einstellung im Bildhintergrund wären und in der nächsten nicht. Die Stimmung im Team ist entspannt, die Luft ist warm und man sieht der zweiten Drehwoche erwartungsvoll entgegen.

 

Ton

Bahnhöfe haben die Eigenschaft, dass ständig auf den Nachbargleisen Züge kommen und gehen. Dies geschieht nie lautlos und so wird es für den Ton eine ständige Herausforderung, auf die Hintergrundgeräusche zu achten und gegebenenfalls auch einzufordern, dass mit dem nächsten Take gewartet wird, bis lärmende Lokomotiven davongefahren sind.

Außerdem werden Absprachen getroffen, dass wenn während der gedrehten Einstellung ein Zug hörbar einfährt, am Ende zwar die Kamera ausgeschaltet wird, der Ton aber noch weiterläuft, bis der Zug zum Stehen gekommen ist. Das erleichtert es für die spätere Postproduktion, die Einstellung nutzen zu können. Wenn da der Ton einfach abbrechen würde, dann würde man beispielsweise im Schuss einer Einstellung einen Zug anfahren hören, der dann im anschließenden Schnitt auf den Gegenschuss einfach nicht vorhanden wäre.

 

Sonnenpläne

Licht

Die Lichtstragegie: Kante wird von der Sonne von hinten erzeugt, die Führung durch einen flexiblen Reflektor von Vorne erzielt

Die Sonne ist morgens um, 9 noch von einem hohen Gebäude verdeckt, doch es ist absehbar, dass sie wenig später den Bahnsteig voll beleuchten wird. Die Richtung in der gedreht wird, muss festgelegt werden. Denn auch wenn volle Sonne die Lebensgeister weckt und Wärme verspricht, so wünschen sich Filmmenschen doch meistens einen leicht bedeckten Himmel mit weichem, weißen Tageslicht. Nun also pralle Sonne...

Der Kameraprofessor erläutert, dass wenn man so dreht, dass die Sonne den Darstellern frontal ins Gesicht scheint, im Verlauf des Drehtages unvermeidlich sein wird, dass die hellere Gesichtshälfte zunächst links und dann später rechts sein würde. Wenn man solche Aufnahmen zusammen schneidet, fallen dem Zuschauer die Lichtsprünge enorm auf.

Weniger auffallen würde die Wanderung der Sonne, wenn man die Schauspieler ins Gegenlicht stellt, die Sonne also eine Kante erzeugt. Für das Führungslicht kann man dann die Sonne reflektieren (Bouncen). Das hat den Vorteil, dass dem Zuschauer nicht wirklich auffallen wird, ob der helle Lichtkranz auf der Rückseite der Haare durch die Wanderung der Sonne mehr links oder rechts ist.

Licht

Gegen Spätnachmittag, als die Sonne flacher steht, muss sie mit einem Frostrahmen abgeschwächt und weicher gemacht werden

Für den Reflektor zeigt sich, dass eine gleichmäßige weiße Reflektorfläche besser ist, als eine stark spiegelnde, bei der man jede Bewegung des in der Hand gehaltenen Reflektors als Helligkeitsänderung sehen würde. Der glattsilberne Reflektor wirft zwar deutlich mehr Licht zurück, aber das unruhige Flackern der Helligkeit, weil niemand die Hand ganz ruhig halten kann, würde in der Nahaufnahme zu sehr stören. Dass der gleichmäßig weiße Reflektor weniger Licht zurückwirft, kompensieren die Studenten, indem sie mit dem Reflektor näher an die Schauspieler gehen, in diesem Fall sogar noch näher als die Kamera selbst.

Da den ganzen Tag über die Sonne scheint, ist die gewählte Strategie optimal um später die Einstellungen, die zwar über den ganzen Tag gedreht, in der fertigen Szene aber in nur ein oder zwei Minuten ablaufen werden, glaubwürdig zusammenschneiden zu können.

 

Probleme mit dem Dialog

Die Studenten entscheiden sich für den Vorschlag mit dem Gegenlicht und beginnen mit dem Aufbau für die erste Schienenfahrt, Diagonal über den Bahnsteig. Die Schauspielerin ist nur heute an einem einzigen Drehtag da und stellt sich, ebenso wie der Darsteller des Ben, Fragen zu dem etwas verunglückten Dialog. Gemeinsam mit der Regiestudentin finden sie auf hervorragende Weise Lösungen, die unlogische Verkettungen innerhalb des Dialoges aufheben.

Regie am Bahnsteig

Die Regiestudentin beobachtet die Abläufe- Die Schauspieler Katharina Kleffner und Benedikt Blaskovic füllen die Drehbuchfiguren mit eigenen, unverwechselbaren Eigenschaften

Für die Örtliche Abweichung, im Buch spricht die Filmfigur Lena über die Dachkonstruktion des Bahnhofes, welche es hier am Gleis nicht gibt, improvisiert die Schauspielerin rasch und bietet verschiedene Lösungen an. Sie könne ja die spitzen Stachel auf den Anzeigen und Uhren besorgt betrachten, welche am Bahnsteig die Tauben fernhalten sollen, oder die Markierungen auf dem Boden betrachten.

Sehr spannend, wie aus der papierenen Drehbuchfigur Lena dank Katharina Kleffner mehr und mehr eine reale, von manchen Psychosen bewegte Filmfigur wird. Langsam entwickeln sich die richtigen Abläufe, die Gänge und Stops, die Momente, in denen sich die Stärkegefüge zwischen den Filmfiguren verändern. Und auch der Hauptdarsteller, Benedikt Blaskovic lässt sich intensiv auf diese neue Spielfigur ein.

Die erste Klappe wird relativ spät geschlagen, daran haben auch diverse Zugveränderungen am Gleis schuld, doch das Pensum für den Drehtag wird noch vor Einbruch der Dunkelheit geschafft.

 

Fragerunde

Abends dann Besprechung mit allen Studierenden, wie immer ohne die Schauspieler. Denn die Kritik an der eigenen Arbeit würde sie mehr verwirren als unterstützen. Kein genialer Drehtag, aber auch kein schlechter, die Schauspieler haben Wege aus den unklaren Dialogstellen gefunden, haben durch ihre Persönlichkeit eigene Farben in die Figuren gebracht und auch das Lichtproblem ist gut gelöst worden.

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