Tage später...

Zwei Drehtage liegen inzwischen hinter den Studierenden und Professoren und der dritte Tag will bewältigt sein.

 

Drehtage 2 und 3

Für eine der Fahrten am zweiten Drehtag verlegen die Studenten Schienen und bauen den Panther-Husky-Dolly der mhmk auf.

Für eine der Fahrten am zweiten Drehtag verlegen die Studenten Schienen und bauen den Panther-Husky-Dolly der mhmk auf.

 

Der zweite Drehtag in der eingerichteten Wohnung: Nach wie vor kriecht die Kälte unter die Jacken und besonders die Schauspieler sind dankbar für die wenigen Heizstrahler, vor denen sie sich aufhalten können. Besonders hilfreich ist jener, den eine Studentin von Zuhause mitgebracht hat und der sich mit Gas betreiben lässt. Denn die strombetriebenen Heizlüfter fressen so viel Energie, dass sie immer wieder abgeschaltet werden müssen, um für die Scheinwerfer genügend Leistung bereitzustellen.

 

Inzwischen haben alle Studierenden das Problem verinnerlicht, rechnen Sie bei jedem Gerät, ganz gleich ob Kaffeemaschine, Videomonitor oder Scheinwerfer, ob die Leistung noch passt oder den Rahmen des Möglichen sprengt.

 

Aus der einen hauseigenen 16-A-Leitung dürfen maximal 2500 Watt elektrische Leistung gezogen werden, um auch die Einschaltspitzen der HMIs zu berücksichtigen. Und wenn die Leistung nicht in Watt auf das Gerät geschrieben steht? Unsicherheit macht sich breit, doch die Frage ist wichtig. Entweder kracht das Stromnetz zusammen oder aber nicht und die Regie kann das Bild am Monitor mitverfolgen. Wie war das noch mal, die Formel...? Strom (in Ampere) mal Spannung multipliziert... ? Auf dem Typenschild des Monitors stehen 0,8 Ampere bei 230 Volt Spannung, das sind 184 Watt an Leistung. Erleichterung. Der Monitor darf eingeschaltet werden.

 

Kündigung

HMI-Licht, durch einen Frostrahmen

HMI-Licht, durch einen Frostrahmen "weich" gemacht, simuliert konstantes Tageslicht für die Treppenhausszene. Seitlich an die Wand geklebte Depron-Platten leiten das Licht zusätzlich auch auf die gegenüberliegende Wand.

 

Die "hinterhältige" Kündigung des Vermieters und Bens geschickte Gegenmaßnahmen stehen am zweiten Drehtag im Mittelpunkt. Ein enges Treppenhaus will ausgeleuchtet sein. Gleich morgens strahlt der Flur in phantastischem Sonnenlicht, dass man versucht wäre, gleich auf den Auslöser zu drücken. Die Frage des Kamera-Professors, ob das so gewünscht ist, wird nach kurzem Zögern verneint. Man kennt das mit der Sonne. So herrlich sie gerade das Motiv bestrahlt, sie wandert und wird niemals so lange an einem Fleck bleiben, bis die Szene im "Kasten" ist.

 

Also muss das Fenster im Treppenhaus mit schwarzem Molton abgehängt und durch ein künstliches Tageslicht ersetzt werden. Damit es schön weich ist, so wie das natürliche Licht, verwendet man einen Frostrahmen, einen mit Diffusion-Folie bespannten Holzrahmen.

 

Dann wollen diverse zu helle Wände mit Abdeckfahnen abgedunkelt, zugleich aber auch eine Aufhellung auf der dem Scheinwerfer gegenüberliegenden Seite per Reflektor eingerichtet werden. Als das Licht steht, zeigt sich, dass man mit nur einem Scheinwerfer auskommen kann. Dafür aber werden zahlreiche Stative zum Abdecken und reflektieren benötigt.

 

Umsetzung

Eine Regiestudentin baut Reflektor und eine kleine Arri 200 Watt HMI auf - Grundelemente, um eine Nachtsituation für die Szene herzustellen.

Eine Regiestudentin baut Reflektor und eine kleine Arri 200 Watt HMI auf - Grundelemente, um eine Nachtsituation für die Szene herzustellen.

 

Heute führt der Student Regie, der ansonsten die Produktionsleitung inne hatte. Keine leichte Aufgabe, sich auf die gestalterische Umsetzung zu konzentrieren und all die organisatorischen Probleme im Hinterkopf zu haben. Wird die Drehgenehmigung bei der Bahn für die kommende Woche klappen? Woher kommt das Catering für den Tag, klappt es mit dem bei einem anderen Filmteam in der Nähe geliehenen Strom für den Drehtag?

 

Elisa-Lena Fischer, Benedikt "Ben" Blaskovic und Bernardus Manders arbeiten mit großem Engagement und eigenen Ideen mit Regie und Kamera zusammen. Zu Beginn des Drehtages ist die Regie noch etwas distanziert, wird teilweise aus der sicheren Position direkt neben der Kamera geführt. Doch im Verlauf des Tages wird die Regie direkter, arbeitet näher an den Schauspielern und entwickelt mehr spielerische Fantasie.

 

Tag 3: Flirting with Disaster

Zwei 2,5 KW HMI und eine 1,2 KW HMI durch die Fenster von außen und zwei schwächere Aufhellungen von innen beleuchten den langen Gang der Hauptdarsteller durch den Markt.

Zwei 2,5 KW HMI und eine 1,2 KW HMI durch die Fenster von außen und zwei schwächere Aufhellungen von innen beleuchten den langen Gang der Hauptdarsteller durch den Markt.

 

Der dritte Drehtag will gar nicht gut beginnen. Als wenn es nicht schon schwer genug für die Studierenden war, eine Drehgenehmigung in einem Getränkemarkt zu bekommen, passiert noch, bevor die erste Klappe geschlagen wird, eine mittelschwere Katastrophe: Ein mannhoher Turm Getränkekästen kippt um und unzählige Liter Apfelsaft und Glasscherben ergießen sich über den Boden des Getränkemarktes.

 

Mindestens eine Stunde lang ist eine Task-Force, zu der auch Regie und Kamera gehören, damit beschäftigt, den klebrigen Fruchtsaft und die Glasscherben zu beseitigen und den Boden zu wischen. Es grenzt an ein kleines Wunder: Niemand verletzt sich an den Glasscherben und die Studenten fliegen nicht in hohem Bogen aus dem Getränkemarkt, sie dürfen ihren Drehtag, dank eines großherzigen Besitzers, fortsetzen.

 

Technische Probleme begleiten den Dreh. Doch sie sind selbstgemacht und machen den Studierenden auf schmerzliche Weise klar, wie wichtig die Eigenorganisation bei Dreharbeiten ist. Wenn man die falschen HMI-Kabel mitnimmt oder zu wenige Stahlstative für die schweren 2,5-KW-Arri-Daylights einpackt, bedeutet dies, dass das ganze Team warten muss, bis die fehlenden Teile aus dem 30 Minuten vom heutigen Drehort entfernten München geholt wurden. Und wenn man keinen heißen Kaffee von Zuhause in die großen Thermoskannen füllt, muss man schmerzlich erfahren, wie viel man für eine volle Kanne Kaffee aus dem Coffeeshop bezahlen muss.

 

Doch auch Probleme, die die Studierenden nicht zu verantworten haben, wollen gelöst sein. So hat der Ton permanent Störsignale im Mikrofon. Diese werden immer dann stärker, wenn das Mikrofon näher an der Kamera ist. Die Funkstrecke (die hier eigentlich unnötig wäre) wird gegen Kabel ausgewechselt, die Störung bleibt. Nach längerem Suchen wird das BNC-Kabel zum Kontrollmonitor als Übeltäter identifiziert. Kaum ist das Kabel weg, ist der Ton sauber.

 

Knapp und stark

Die Dollyfahrt in dem engen Gang, der bewusst verengt wurde, um die Getränkekästen auch gut im Bild zu haben, muss präzise geübt werden.

Die Dollyfahrt in dem engen Gang, der bewusst verengt wurde, um die Getränkekästen auch gut im Bild zu haben, muss präzise geübt werden.

 

Die Regiestudentin lässt sich durch die Ereignisse nicht aus der Ruhe bringen und erarbeitet mit den Schauspielern einen langen Dialog zwischen den Getränkegängen, der als Plansequenz die ganze Szene in einer Einstellung abbildet. Das ist gar nicht einfach, weil auch mehrere emotionale Wechsel in der Sequenz untergebracht sein wollen.

 

Das Credo des Regieprofessors, nicht dauernd in den Kontrollmonitor zu starren, sondern den eigenen Augen zu vertrauen und dicht neben der Kamera das Geschehen zu verfolgen, macht in den engen Getränkemarkt-Gängen zwar Schwierigkeiten, doch die Regisseurin setzt es souverän um.

 

Fragerunde

 

Wie jeden Abend wird nach Drehschluss und Aufräumaktion die Runde befragt. Was lief gut, was nicht, was kann man ändern? Selbstkritik aber auch Lob für souveränes Arbeiten werden angeführt. Nach den Studenten sind die Professoren an der Reihe, ihre Beobachtungen zu erläutern. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten: Auch am dritten Tag hat sich das Team gesteigert, allerdings fallen die Gedankenlosigkeiten, die Vergesslichkeiten und Unorganisiertheit umso mehr auf. Dass benutztes Zubehör einfach irgendwo abgelegt wird, statt es wieder in den Koffer, aus dem es stammte, zu räumen. Dass man Dinge vergisst und das ganze Team deshalb warten lässt. Oder etwa dass Fahrzeuge einfach offen draußen unbewacht gelassen wären, wenn dies nicht aufgefallen wäre.

 

Und doch ist eine visuell und gestalterisch interessante Lösung gefunden worden: eine Szene, die sogar ohne Schnitt funktionieren kann. Der nächste Drehtag soll noch besser laufen, da sind sich alle sicher.