Dreh am Bahnhof

 

Zwei Tage am Münchner Hauptbahnhof inmitten hektischem Treiben Tausender Reisender stellt die Filmstudenten-Crew der mhmk vor neue Herausforderungen. Aus Sicherheitsgründen sind bestimmte filmische Hilfsmittel im Vornherein ausgeschlossen: keine Schienen, kein Butterfly, keine Kurbelstative, keine netzgebundenen Scheinwerfer. Es muss also mit Reflektoren gearbeitet werden und alle Geräte müssen selbstredend mit Batterie- oder Akkustrom laufen.

Das Team richtet die Kamera ein.

Das Team richtet die Kamera ein.

 

Bahnhöfe sind keine kuscheligen Lauben, sondern im wahrsten Sinne des Wortes zugige Plätze, man muss sich warm kleiden, und, falls das Kostüm der Schauspieler allzu sommerlich gewählt ist, diese, wann immer nicht gedreht wird, in warme Jacken hüllen. Ein besonderes Problem am Bahnhof ist die Kontinuität. Das alte Grundproblem des Films: Man versucht mit einer Kamera, dem Zuschauer einen durchgehenden Ablauf vorzugaukeln, der aber nacheinander, oft über einen ganzen Tag hinweg gedreht wird. Das ist unter kontrollierten Bedingungen wie am Drehset der letzten Tage kein Problem, doch hier am Bahnhof, wo alle 30 Minuten an unserem Bahnsteig ein- und ausfährt, lässt es die Regie- und Kamerastudenten immer wieder verzweifeln. Wie soll das gehen, wenn in der laufenden Szene später im Bildhintergrund der Filmfiguren mal blaue, mal graue und mal rote Züge stehen?

Regiebesprechung mit Alexandra Goral (Rolle: Lena) und Christian Streit (Rolle: Ben)

Regiebesprechung mit Alexandra Goral (Rolle: Lena) und Christian Streit (Rolle: Ben)

 

Und wie löst man es mit den Reisenden, die ständig wechseln? Den Bildhintergrund ganz frei halten von Reisenden? Das sähe unrealistisch aus. Besser wäre es, wenn ein paar Teammitglieder im Hintergrund konstant bleiben würden, dann fällt weniger auf, dass sich weiter hinten im Bild dauernd andere Reisende aufhalten oder bewegen. Auch ist es recht schwierig, sich über drei verschiedene Orte hinweg ohne Walky-Talkies gut zu verständigen. Am Bahnhofsgebäude ist an einer Ecke das ganze Equipment aufbewahrt. Abwechselnd muss jeweils eine/r aus dem Team das Equipment bewachen. Am Anfang des Bahnsteigs steht die Kamera, etwa 40 Meter weiter die Schauspieler, die auf die Kamera zugehen sollen. Mit Rufen kommt man an dem lauten Bahnhof nicht weit, einmal bemerkt selbst die Regie erst verspätet, dass die Kamera schon läuft.

 

Auch das strukturelle Arbeiten ist in so einem Ameisenhaufen von Bahnhof viel schwieriger, immer wieder gibt es Situationen, in denen eigentlich Jemand schnell etwas aus dem Gerätelager besorgen soll, aber gerade niemand frei ist, obwohl mehrere Filmstudenten durchaus Zeit hätten, sich aber gerade nicht am Bahnsteig aufhalten.

Schwierige Arbeitsbedingungen mit wechselnden Zügen

Schwierige Arbeitsbedingungen mit wechselnden Zügen

 

Auch die Hintergrundgeräusche belasten die Kontinuität: Dieselloks, die gestartet werden, Pressluftdruck, der bei den Wagons abgelassen wird, und andere markerschütternde Töne machen es immer wieder unmöglich, zu drehen. Auch für die Schauspieler keine einfache Situation, schließlich müssen sie die gewünschte innere Befindlichkeit trotz all dieser Widrigkeiten konstant bereithalten.

 

Die Dreherlaubnis ist auf 15 Uhr begrenzt und limitiert so den Drehtag am Bahnhof. Doch das Pensum ist zu schaffen und so kann nach zwei Tagen die Location Hauptbahnhof wieder geräumt werden. In der abendlichen Nachbesprechung mit den Professoren zeigt sich, dass auch den Studierenden eine gewisse Desorganisation und fehlende Jobverteilungen aufgefallen sind. Außerdem zeigte sich, dass nicht alle Aufgaben eindeutig verteilt waren. Aus dieser Unklarheit resultierten verschiedene Situationen, in denen sich schließlich niemand für die Lösung eines Problems zuständig fühlte. Doch das Wichtigste war: Alle geplanten Einstellungen wurden innerhalb des Zeitfensters geschafft, die Szenen waren im "Kasten".

 

Krönender Abschluss

Kamerastudenten richten den Jib-Arm und den Dolly ein (im Hintergrund: der Jalousie-Effekt und Schauspieler Michael Althauser als

Kamerastudenten richten den Jib-Arm und den Dolly ein (im Hintergrund: der Jalousie-Effekt und Schauspieler Michael Althauser als "Gäberle").

 

Der vorletzte und letzte Drehtag führen das Team wieder in die Drehwohnung. Die Stimmung am Vormittag war angestrengt und konzentriert, doch irgendwie wollte die Einrichtung des Lichts nicht voran gehen. Besonders auffällig: die Probleme im Licht-Department. Hier gab es sehr kontrastierende Eindrücke: Beleuchter, die im Eiltempo und vollem Einsatz Equipment aufstellten, und solche, die gemütlich und unter möglichst geringem Kraftaufwand irgendwie Scheinwerfer hinstellten, aber nicht wirklich Licht machten.

 

Der Grund für die Probleme lag aber vor allem in einer selbstgewählten Aufgabenstellung, die enorm viel Zeit verschluckte. Die Idee war es, eine Nachtszene, bei der ein Fenster im Bild ist, so auszuleuchten, dass fahles Mondlicht von außen hereinscheint. Allerdings ist es Tag. Wie also schafft man es, es draußen dunkel aussehen zu lassen und trotzdem von außen auch "Mondlicht" hereinleuchten zu lassen? Zahllose Versuche mit ND-Folien, mit den Rollläden und Molton, um das Fenster zu verhängen, scheitern.

Kamerastudent Francesco Luggeri richtet den Jalousien-Effekt ein.

Kamerastudent Francesco Luggeri richtet den Jalousien-Effekt ein.

 

Erst nach längerem Abwarten offenbart der Kamera- und Lichtdozent Max Plettau den Studierenden, dass diese Aufgabe mit den vorhandenen Mitteln gar nicht zu bewältigen gewesen wäre. Professionelle Teams lassen für solche Zwecke Holzrahmen von außen vor die Fenster bauen, die man komplett mit schwarzem Molton verhängt. Also schwarze "Wintergärten", in die kann man dann einen Scheinwerfer stellen, der möglichst so angeordnet ist, dass man ihn im Bild nicht mehr sieht. Auf diese Weise ist es im Bild im Fenster dunkel, kann aber gleichzeitig aus der Richtung Mondlicht scheinen.

 

Der resultierende Zeitverlust aus diesen Versuchen bringt die Regieassistentin, die das Set auch organisiert, ganz schön ins Schwitzen. Insbesondere die Mittagspause verschiebt sich erheblich und damit rutscht das Pensum des Nachmittags bedrohlich nach hinten.

Licht-und-Nebelmaschinen-Test mit Stand-In

Licht-und-Nebelmaschinen-Test mit Stand-In

 

Regiestudent Florian arbeitet konzentriert mit den Schauspielern und nimmt sich viel Zeit, ihnen zu erklären, was er sich vorstellt. Seine Ruhe und Konzentration überträgt sich auf die Schauspieler. Abends um 18 Uhr ist pünktlich die letzte Einstellung im Kasten, in der anschließenden Feedback-Runde werden verschiedene Konflikte zwischen einzelnen Departments spürbar, die durch den Zeitdruck entstanden waren. Aber auch Erkenntnisse. So gab das Tonteam des heutigen Tages, welches an einem vorherigen Drehtag Kamera gemacht hat, zu, wie schwer es eigentlich sei, die Erfordernisse des Tons an so einem Set überhaupt durchzusetzen. Künftig will man besser zwischen Kamera- und Tondepartment kommunizieren.

 

Letzter Drehtag

 

Das Arbeitstempo am letzten Drehtag ist durchaus beeindruckend, allerdings wird auch wieder eher technisch gearbeitet; die Regie ist häufig zu schnell zufrieden mit den gefundenen Lösungen. Hier könnte man sensibler vorgehen, mehr Feinheiten mit den Schauspielern herausarbeiten. Andererseits beinhalten die Bilder eher Abläufe, Gänge und Bewegungen, hier sind die Gestaltungsmöglichkeiten eher begrenzt.

Regiestudent Bruno hat kurzerhand für die Szene eine Figur erfunden, die es im Drehbuch gar nicht gibt: das

Regiestudent Bruno hat kurzerhand für die Szene eine Figur erfunden, die es im Drehbuch gar nicht gibt: das "Gewissen", hier kongenial verkörpert durch seinen Kollegen Florian.

 

Der Wunsch, einen Jalousien-Effekt zu erzeugen, wird erneut zur Lerneinheit. Problematisch ist vor allem die Enge des Raumes; für einen solchen Effekt ist ein größerer Abstand zwischen dem Scheinwerfer und der an einem C-Stand mit Auslegerarm befestigten Jalousie erforderlich. Nach längerem Probieren werden die notwendigen Spielregeln klar: Die Jalousie muss möglichst nah an den Schauspieler, ohne im Bild zu sein, die Lichtquelle sollte in größerem Abstand stehen und möglichst hell und gebündelt sein. Da der Abstand nicht realisierbar ist, wird die Lichtquelle durch Schließen der Tore künstlich verkleinert. So entsteht ein Lichtschlitz. Das Ergebnis ist zunächst noch nicht befriedigend, erst als der Lichtschlitz durch Drehen des Scheinwerfer-Tores um 90 Grad statt waagerecht senkrecht zu den Jalousien steht, entsteht der Effekt in der gewünschten Intensität.

 

Bei der Feedback-Runde am Abend sind alle erschöpft, sich aber auch zugleich bewusst, dass die zwei Wochen eine Menge Erkenntnisse gebracht haben, die nun in die nächsten eigenen Übungsfilme einfließen können. 

Zum letzten Mal gemeinsames Catering in der Mittagspause, ebenfalls selbst organisiert von den Studierenden und wichtige Grundlage für ein zufriedenes, ausgeglichenes Team

Zum letzten Mal gemeinsames Catering in der Mittagspause, ebenfalls selbst organisiert von den Studierenden und wichtige Grundlage für ein zufriedenes, ausgeglichenes Team

 

Die Studierenden haben sich großartig durch das Drehpensum gearbeitet und nicht selten spürte man während der beiden Wochen die Intensität eines professionellen Filmsets. Eine letzte Anstrengung ist noch erforderlich: Das Equipment muss gereinigt und zusammengepackt werden, damit es zur mhmk zurückgeliefert werden kann, und der Drehort muss wieder in sauberem Zustand übergeben werden. Trotz der allgemeinen Erschöpfung wird auch diese Aufgabe gemeinsam angepackt. 

 

In der folgenden Woche werden die Ergebnisse dann geschnitten und gemeinsam analysiert. Nun darf man gespannt auf die nächsten Produktionen sein.