Drehworkshop, die Dritte

Hauptdarstellerin Serpil Demirel in einer Szene im Treppenhaus

Hauptdarstellerin Serpil Demirel in einer Szene im Treppenhaus

Der zweiwöchige Drehworkshop on Location mit Professoren, eine feste Einrichtung des Studiengangs "Film & Fernsehen" an der mhmk, findet 2009 zum dritten Male statt. Ungewöhnlich daran ist, dass aus mehreren Seminaren, die andernorts im Hörsaal stattfinden würden, zwei intensive Drehwochen mit den Dozenten an Originalmotiven geworden sind. 

 

Die Szenen, die sich die Studierenden ausgewählt haben, sind teilweise die Gleichen, teilweise auch andere als jene, die von den früheren Drittsemestern umgesetzt wurden.

 

Und natürlich wird an einem neuen Motiv gedreht und mit neu gecasteten Hauptdarstellern, die sich freundlicherweise bereit erklärt haben, gemeinsam mit den Studierenden Filmszenen unter professionellen Bedingungen gemeinsam zu erarbeiten.

 

Doris Wedemeier, Herstellungsleiterein an der mhmk, hat die Drehgenehmigungen eingeholt und mit den Studierenden die Vorplanung erarbeitet.

 

Gedreht wird weitgehend in DVCPRO HD in 1080i und teilweise parallel auch auf Kodak-Super-16-Material mit der hochschuleigenen Aaton XTR Prod und Zeiss-High-Speed-Optiken. Kodak und Arri unterstützen den Drehworkshop der Studierenden mit Rohfilm sowie Entwicklung und Abtastung des Materials. Mit dabei sind jede Menge Licht- und Ton-Equipment, Schienen, Pather Dolly und ein Jib-Arm.

 

Bereits im Vorfeld wurden Schauspieler gecastet, die ideal auf die Rollen passen und Lust darauf haben, mit den Studierenden gemeinsam an den Filmszenen zu arbeiten.

 

Das Schwerste zuerst...

Auflösungsbesprechung im Aufenthaltsraum: Die Studierenden aus den Departments Regie, Regieassistenz und Kamera beraten sich mit einem der beiden Dozenten, Max Plettau.

Auflösungsbesprechung im Aufenthaltsraum: Die Studierenden aus den Departments Regie, Regieassistenz und Kamera beraten sich mit einem der beiden Dozenten, Max Plettau.

 

Gleich der erste Drehtag sollte eine besonders schwierige Herausforderung für die Kamera bringen, die aber nicht filmsprachlich fordernd war, sondern vor allem helfen sollte, die Enge des kleinen Treppenhauses zu überwinden. Auf nur wenigen Quadratmetern zweigen ganze vier Wohnungen ab; auf dieser kleinen Fläche muss laut Drehbuch eine ganze Menge geschehen. Hier wird einem schmerzlich klar, warum Filmteams großzügige Altbauten der Enge des sozialen Wohnungsbaus der 60er, 70er Jahre vorziehen.

 

Eine geschickte Kombination aus Schienenrückfahrt und Seitenbewegung des Jib-Armes auf dem Dolly sollte die nicht vorhandene diagonale Rückfahrmöglichkeit doch möglich machen. Stunden des Umbauens und Erprobens, auf engstem Raum am Türrahmen mit Kamera und Jib-Arm vorbei zu kommen, endeten letztlich in einem Aufnahmewinkel, der die wichtigsten Figuren der Szene ungünstig ins Bild setzte.

 

Dies herauszufinden dauerte ein wenig, doch da die Hauptdarstellerin der Szene ohnehin erst um 14 Uhr am Drehort war, beeinflusste dies den Drehverlauf nicht. Außerdem konnte sich so das Team schon mal ein wenig "aufwärmen". Dabei werden vor allem auch geregelte Abläufe und Kommandos einstudiert und Aufgabenverteilungen präzisiert. 

 

Einige der Kamerastudenten neigen dazu, alles selbst machen zu wollen, dabei ist ein Set viel effizienter, wenn man Aufgaben auch deligiert. Alle im Team sind motiviert, aber die genaue Steuerung der Aktivitäten will gelernt sein. Die Verteilung der Aufgabengebiete ist wichtige Voraussetzung effektiven Arbeitens. Einmal mehr wird deutlich, dass "Allrounder", die am liebsten alles selbst erledigen wollen das erst lernen müssen. 

 

Kalte Häuser...

Kamerastudent Moritz Rautenberg bereitet die Aaton XTR Prod für den Einsatz vor.

Kamerastudent Moritz Rautenberg bereitet die Aaton XTR Prod für den Einsatz vor.

 

Der Drehort - einmal mehr ein Renovierungshaus, diesmal im Westend - bietet ideale Voraussetzungen, um nach Lust und Laune die Räume zu gestalten. Ein kleiner Wermutstropfen war dennoch zu beklagen: Einen Tag vor Beginn des Seminars wurden von Bauarbeitern sämtliche Sanitärräume abgerissen. Aus diesem Grunde verliert das Team viel Zeit, nur um die Ersatztoiletten, vier Häuserblocks und zehn Gehminuten weiter, zu erreichen. 

 

Und auch zum Essen müssen alle zu dem entfernten Gebäude in den Aufenthaltsraum. Wie so oft, sind es ein paar Wenige, die sich schon am Wochenende vor dem Drehbeginn einfinden, und Aufenthaltsraum, Toilette und Küche so herrichten, dass ein Team sich dort aufwärmen und dort essen kann.

 

Leerstehende Gebäude sind vor allem eines: kalt. Unbeheizt fressen sich Feuchte und Kälte in die Mauern ein, weshalb das Team in den Räumen gekleidet ist, als würde auf einem winterlichen Feld außen gedreht. Besonders schwer ist es für die Schauspieler, wenn sie in manchen Szenen gar leicht gekleidet sein sollen. Das Team bemüht sich, die Schauspieler immer wieder wenn nicht gedreht wird, in warme Sachen zu hüllen.

 

Zum Glück ist noch Strom auf den Leitungen, so kann wenigstens mit Scheinwerfern geleuchtet werden. Allerdings nur Haushaltsstrom, kein Starkstrom. Das limitiert die möglichen Scheinwerfer auf maximal 2500 Watt pro Stromkreis.

 

 

Zweiter Drehtag

Serpil Demirel (Rolle: Gesa) und Christian Streit (Rolle: Ben), das Führungslicht stammt von einem Dedolight und wird über eine Styroporplatte reflektiert.

Serpil Demirel (Rolle: Gesa) und Christian Streit (Rolle: Ben), das Führungslicht stammt von einem Dedolight und wird über eine Styroporplatte reflektiert.

 

Regiestudent Matthias Kahnt setzte mit Kamerastudent Francesco Luggeri auf eine bewegliche Kamera mit Hilfe des FIGG-RIG einem einfachen, aber effektiven Stabilisierungssystem. Rück- oder Seitenfahrten sehen mit dem FIGG RIG erstaunlich ruhig aus. Die Szenen im Schlaf- sowie Wohnzimmer der Hauptfigur Ben sind mit zurückhaltendem, aber effektivem Licht ausgeleuchtet; kleine Einheiten, 200er HMI oder Dedo-Lights kommen zum Einsatz. Dank der reduzierten Technik wird die erste Klappe bereits um 10 Uhr morgens geschlagen. Und auch über den Tag gesehen wird das Pensum, immerhin 12 verschiedene Einstellungen, gut geschafft.

 

Dabei sind die Szenen teilweise sogar sehr sensibel und gar nicht so einfach für die Schauspieler, diese emotional in all dem Trubel am Set herzustellen. Abends beim obligaten Feedback aller Studierenden mit Prof. Mathias Allary und dem seit vielen Jahren als Dozent an der mhmk tätigen Max Plettau wird auch über die Lautstärke am Set gesprochen, über Organisation, über Ansagen. Wir sind mitten drin im Abenteuer Dreharbeiten und werden von Tag zu Tag routinierter.

 

 

Dritter Drehtag

 Michael Althauser in der Rolle des vereinsamten Hausbesitzers Gäberle

Michael Althauser in der Rolle des vereinsamten Hausbesitzers Gäberle

Die Szenen, bei denen Regiestudentin Stephanie Olthoff für die Umsetzung verantwortlich ist, grenzen unmittelbar an jene an, die am Vortag gedreht wurden. Sie haben also, wie man so schön sagt, "Anschluss". Dafür müssen nicht nur Kostüm und Licht, sondern natürlich auch das Tempo und der Duktus der Schauspieler mit jenen vom Vortag übereinstimmen.

 

Auch heute ist Francesco an der Kamera, doch an diesem Drehtag wird auf Stativ und Dolly gesetzt. Das Licht im Treppenhaus arbeitet vor allem mit indirekten, über große Styroporplatten gebounctem HMI-Licht, während die Fenster nach draußen im Treppenhaus mit schwarzem Molton abgehängt sind, um unabhängig von Sonnenstand oder Tageszeit drehen zu können.

 

Die Abläufe am Set sind deutlich konzentrierter und effektiver als an den ersten beiden Tagen, die Ansagen beinhalten genau die richtigen Informationen für das Team: was jetzt gerade geschieht, wie lange man worauf warten muss. Und natürlich auch die Kommandos wie: Drehfertig machen!, Ruhe bitte!, Ton ab!, Klappe! Kamera ab usw.

 

Obwohl alle Zeichen auf HD und Digital stehen, so überkommt die Studenten trotzdem immer wieder so etwas wie Ehrfurcht, wenn die HVX 200 vom Stativ genommen und statt dessen mit der Aaton Super 16 auf Film gedreht wird. Wer will da behaupten, Film sei tot?