Filmbesprechung

  • Filmkritik-Anfänge

    In Zeiten, in denen für Filmkritiken immer weniger bis gar kein Geld mehr bezahlt wird, obwohl sie ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Filmkultur sind, ist es vielleicht umso wichtiger, sich einmal die Anfänge und Geschichte der deutschsprachigen Filmkritik vor Augen zu führen. Nicht zuletzt bildete sie eine der Grundlagen für die Filmanalyseund Filmwissenschaft.

     

    Kinosaal historisch

    Die Anfänge: Fachzeitschriften

     

    Alter Filmscheinwerfer

    Dass man in Feuilletons Filmkritiken lesen konnte, war gar nicht selbstverständlich.

     

    Etwa zeitgleich mit der Einrichtung echter Gebäude zum Zwecke der Filmaufführung, also einem Schritt weg von den Varietes, den Spiele-Arkaden und Rummelplatzvorführungen hin zu ersten Kinos, entstanden auch die ersten Fachzeitschriften für Film. Die wohl erste, der „Kinematograph" stammte aus Düsseldorf und schrieb seit 1906 über Filme.

     

    Dabei gaben sich die frühen Filmzeitschriften aufklärerisch, schließ kannte sich kaum Jemand mit dem neuen Medium Film aus.

     

    Tageszeitungen schrieben auch über Filme, oft aber eher, um den Protest bestimmter Interessensgruppen gegen den einen oder anderen Filminhalt zu publizieren.

     

    Im Sommer 1909 erschien erstmals „Die Lichtbild-Bühne", herausgegeben von Paul Lenz-Levy, eher mit dem Hintergedanken, Hinweise auf technische oder gestalterische Fehler in den besprochenen Filmen zu geben. „Kino-Theater-Kritik" nannte der Autor diese Art von Rezensionen. Das konnte bis hin zu Vorschlägen für eine bessere Musikuntermalung reichen. Wir befinden uns schließlich noch tief in der Stummfilmära, neben den dokumentarischen Wochenschauen mit Nachrichten,- und Magazincharakter gab es aber bereits eine Reihe von Unterhaltungsfilmen, die durchaus auch ernster Natur sein konnten.

     

    Diese Fachblätter wurden allerdings kaum von den normalen Zuschauern gelesen, sie richteten sich eher an die Branchenmitglieder, Filmleute und Kinobetreiber. Ob diese sich gerne vorhalten lassen wollten, was alles an ihren Arbeiten unzulänglich sei, ist fraglich.

     

    Näher an die Zuschauer

    Tanzschuhe

    Film wurde erst langsam von reiner Jahrmarktunterhaltung zu einer veritablen Kunstform

     

    Einige der ersten Kritiken in Tageszeitungen, erschienen in den „Münchener Neuesten Nachrichten" 1910. Sie waren Kinema-Kritik überschrieben und besprachen Uraufführungen.
    Doch erst mit der zunehmenden Filmlänge machte es Sinn, Filme ausführlicher zu besprechen. Anfang des zweiten Jahrzehnts, begannen die Filmproduzenten und Kinobetreiber, Pressevorführungen anzubieten. Diese Maßnahmen hatten Erfolg, nach und nach erschienen immer öfter Filmbesprechungen von ähnlichem Umfang wie Theaterkritiken.

     

    1913 wurde bereits der angeblich erste „Autorenfilm" in Berlin uraufgeführt, „Der Andere" von Max Mack. Die Tageszeitungen berichtete erstmals über diesen Film in ihren Feuilletons, die bis dahin weitgehend der Kunst, dem Theater, der Literatur und der Musik vorbehalten waren. Doch es blieben erst einmal Ausnahmefilme, die es bis ins Feuilleton schafften. Paul Wegeners „Der Student von Prag" gehörte ebenfalls dazu und wurde künstlerisch und schauspielerisch in den höchsten Tönen gelobt. Auffällig, wie wichtig den frühen Kritikern die Bewertung der schauspielerischen Leistungen war.

     

    Die Kino-Zeitschrift „Bild und Film", von der katholischen Kirche Finanziert und ein Vorläufer des späteren „katholischen Filmdienstes" kritisierte vor allem ästhetische Mängel, war aber auch offen für neue Entwicklungen im Kino. Zu den Regelmäßigen Autor-inn-en gehörten Ludwig Hamburger, Hermann Häfker, Adolf Behne, Alexander Elster, sowie mit Malwine Rennert und Hilda Blaschitz als frühe Filmkritikerinnen. Einige von ihnen formulierten sogar so etwas wie eine Theorie des Schauspielens, etwas das Béla Balázs' in den zwanziger Jahren in seinem Buch "Der sichtbare Mensch" intensiv ausformulierte. Und auch die Montage rückte mehr und mehr in den Fokus der Filmkritiker-innen.

     

    Fragen nach den Wirkungen

    Je mehr der Film zum Massenmedium wurde, umso stärker wurde auch der Ruf nach Zensur sowie die Auseinandersetzung damit, was jene Filme denn eigentlich mit den Zuschauern anstellen könnten. Welchen Einfluss würde Film in moralischer, religiöser oder politischer Hinsicht auf die Massen haben? Der erste Weltkrieg schließlich nutzte erstmals das Medium für Propagandazwecke. Der künstlerische Film lag während des ersten Weltkrieges bei den im Krieg befindlichen europäischen Filmländern praktisch am Boden. So gab es wenig, worüber man Kritiken schreiben konnte. Lediglich frühe Blockbuster wie „Birth of a Nation" fanden ihren begeisterten Niederschlag in Filmkritiken.

     

    Nach dem Ende des ersten Weltkrieges entstanden mit „Die Puppe" oder „Das Kabinett des Dr. Caligari" sowie „Nosferatu" Filme, die deutlich durch die Traumata und Zerstörungen des Krieges geprägt waren. Kurt Pinthus und Kurt Tucholsky, schrieben unter anderem für die Zeitschrift "Das Tagebuch" und das "8-Uhr-Abendblatt", später dann für "Die Schaubühne" Filmkritiken. Siegfried Kracauer schrieb ab 1921 für die "Frankfurter Zeitung" und war wohl der bekannteste Filmkritiker der zwanziger Jahre. Sein in den vierziger Jahren erschienenes Buch „Von Caligari zu Hitler" zählt auch heute noch zu den Standardwerken der Filmgeschichte.

     

    Ab Mitte der zwanziger Jahre veröffentlichten auch Bernard von Brentano und Rudolf Arnheim Filmkritiken und versuchten Gesetzmäßigkeiten in dem noch jungen Medium zu entdecken. Die Kritik am Film war endgültig etabliert...

     

  • Kritiken 2015

    Berlinale 2015: Filmkritiken

     

    "Every Thing will be Fine" von Wim Wenders

     

    Es war die Berlinale des Wim Wenders. Neben der Verleihung des Ehren-Bären für sein Lebenswerk stellte Wenders seinen neuen Film mit James Franco und Charlotte Gainsbourg in den Hauptrollen vor. Der Film handelt von Tomas (James Franco), der sich als Autor von Romanen in einer Schreibblockade befindet und nicht recht weiß, wie er sich davon befreien soll. Er wird unverschuldet in einen Autounfall verwickelt und hat daran schwer zu schaffen. Die Beziehung zu seiner Freundin (Rachel McAdams) ist bereits lange eingeschlafen und eine Belastung für beide. Der Unfall kommt auch in dieser Hinsicht wie eine Zäsur und wirbelt Tomas Leben heftig durcheinander. Wenders drehte den Film in 3D. Nach seinem Film "Pina" ist es sein zweites 3D-Projekt und geschmackvoll in Szene gesetzt. Das visuelle Können von Wim Wenders kommt auch in diesem Film wieder voll zur Geltung und verpackt die Handlung in beeindruckende Bilder. "Everything will be fine" lief in der Berlinale außer Konkurrenz und begeisterte das ausverkaufte Haus. Es ist ein Film über die Vergangenheit und ihre Auswirkungen auf die Gegenwart. Neben der Musik sind es vor allem die Figuren, die diesen Film vorantreiben und besonders sehenswert machen. Charlotte Gainsbourg lieferte eine beachtliche Schauspielerleistung ab und gibt dem Film dadurch Tiefe. Alles in allem wird der Titel zur Parole "Everything will be fine". 

    Regie: Wim Wenders 

    Germany, Canada, France, Sweden, Norway 

    118 Minuten 

    James Franco, Charlotte Gainsbourg, Rachel McAdams Marie-Josée Croze, Robert Naylor

     

    "Knight of Cups" von Terrence Malick

     

     

    ©Waypoint Entertainment

    Nach der Tarot-Karte wurde auch der neue Film von Terrence Malick benannt. Christian Bale spielt den Hauptcharakter, der, wie es die Tarot-Karte vorgibt, schnell gelangweilt ist und permanent Reize aus seiner Umwelt braucht, um sich lebendig zu fühlen. Die Handlung des Films ist im Hollywood der Gegenwart angesiedelt und eher essayistisch zu verstehen. Eine klare Handlungslinie, wie man sie aus konventionelleren Filmen kennt, gibt es nicht. So passt sich die Handlung der Gefühlswelt des Hauptcharakters an, der in den Tag hineinlebt und sich durch das Leben treiben lässt. Reichtum, Partys und eine schier endlose Reihe an hübschen Frauen bilden seine Umgebung. Die visuelle Umsetzung ist mit Sicherheit der größte Verdienst des Films. Hier ist die vorbildliche Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki zu erwähnen, der diesen Film mit poetischen Bildern ausstattete und so der Vision Malicks ein Gesicht gibt. In den Bildern liegt Philosophie und die endlose Suche nach Antworten, die außerhalb des Wahrnehmbaren liegen. Neben Bales herausragender Leistung sind es vor allem die vielen Gastauftritte vieler bekannter Schauspieler, die den Film am Leben halten. So haben unter anderem Cate Blanchett und Natalie Portmann kurze Auftritte. Malick führt mit diesem Film zu Ende, was er in Filmen wie "The thin red line" begonnen hatte. Ein hauptsächlich durch Visualität und Emotion gestützter Regieansatz, der durch einen träumerischen Hauptcharakter vervollständigt wird. Der Zuschauer fühlt sich sofort in das reiche Hollywood der Stars versetzt und verweilt dort gerne. 

    Regie: Terrence Malick 

    118 Minuten 

    United States of America 

    Christian Bale, Natalie Portmann, Cate Blanchett

     

     

    "Freie Zeiten" von Janina Herhoffer

     

     

    Klangreise als Freizeitaktivität

    Die Sektion "Forum" zeigte den ersten Langfilm der Dokumentarfilmerin Janine Herhoffer. In "Freie Zeiten" beschäftigt sie sich mit unterschiedlichen Möglichkeiten an Freizeitaktivitäten. Man sieht einer Mädchenband bei ihren Proben zu, Frauen, die in einem Diätkurs über kontrolliertes Abnehmen sprechen, sowie verschiedenste Methoden, sich selbst ein wenig zu verbessern, wie Yoga, Lachtherapie, Rollenspiele zu Konflikten am Arbeitsplatz. Fast skurril erscheinen einem manche Aktionen. Kreativ ist der Mensch in seinen Selbstfindungsversuchen. Teilweise fragt man sich, ob es so etwas wie freie Zeit überhaupt gibt, beziehungsweise wenn ja, ob ein Mensch diese dann ertragen könnte. Die Kamera gibt sich hierbei als unauffälliger Beobachter und zeigt in langen, starren Einstellungen durch eine oft auffällige Kadrierung, wie ein einzelner seine Umwelt reflektiert. Was es in ihm auslöst, wenn er auf sie eingeht. Dies geschieht kommentarlos. Erstaunlich ist, wie leichtgängig "Freie Zeiten" dabei durchwegs bleibt. Ein Film, der so menschlich ist, dass schon eine kleine Regung der Augenbraue im halb-scharfen Hintergrund den Kinosaal mit Gelächter füllt.

    Regie: Janina Herhoffer

    71 Minuten

    Deutschland 

    Dokumentarfilm

     

     

    "Mr. Holmes" von Bill Condon

     

     

    ©Agatha A. Nitecka

    England 1947. Mr. Holmes, um genau zu sein, Meisterdetektiv Sherlock Holmes, lebt, 93 Jahre alt, in seinem Haus am Land, abgesehen von seiner Haushälterin und ihrem Sohn alleine. Der Heldenfigur, wie man sie aus Watsons Büchern oder diversen Kinofilmen kennt, gleicht er nicht. Eine Schirmkappe habe er noch nie getragen und er bevorzuge Zigarren statt der Pfeife. Die Existenz dieser Artefakte seien ganz und gar der Kreativität Dr. Watsons und der Illustratoren zu verdanken, beteuert Mr. Holmes im Film. Vorwiegend beschäftigt er sich mit seiner Bienenzucht, doch will er auch ein Buch schreiben und endlich berichten, wie sein letzter Fall in Wirklichkeit ablief. Nur leider macht ihm sein Gedächtnis Schwierigkeiten. Roger, der Sohn der Haushälterin ist ihm dabei eine Hilfe und so kommt er der Wahrheit nach und nach näher und erkennt dabei mehr über sich, über das Alter, verpasste Chancen und dass man das Verhalten von Menschen nicht immer rein mit Logik erfassen kann. Ian McKellen wirkt perfekt für die Rolle, als hätte er wirklich in der Zeit ein Jahrhundert früher gelebt. Er stellt den mit seinem eigenen Gedächtnis kämpfenden Holmes rührend dar, sodass ein ehrliches, gefühlvolles Stück Film entsteht.

    Regie: Bill Condon

    103 Minuten

    Großbritannien

    Ian McKellen, Laura Linney, Milo Parker, Hiroyuki Sanada, Hattie Morahan

     

     

    "Dari Marusan" von Izumi Takahashi

     

     

    ©Gunjo-iro

    "Dari Marusan" handelt im Kern von drei Personen. Dari, einer taubstummen, jungen Frau, die als "Pet Detective" verloren gegangene Katzen, Hunde und andere Haustiere wiederfindet, ihr Freund, der mit aller Kraft versucht, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen, um eine Hochzeit mit Dari finanzieren zu können, und Yoshikawa, ein von seiner Vergangenheit geplagter Mann. Daris und Yoshikawas Wege kreuzen sich und er gibt ihr den Auftrag, einen Papagei wiederzufinden, welchen er zwei Jahre zuvor freigelassen habe. Die beiden Charaktere unterscheiden sich sehr. Dari ist ruhig und hört auf ihre inneren Sinne, während Yoshikawa durch Verluste in seiner Vergangenheit schroff und unzugänglich geworden ist. Dari erkennt, dass es nicht nur ein Papagei war, der verloren ging. Ihre Begegnung reißt bei beiden alte Wunden auf. Takahashis Film ist bevölkert von angeschlagenen Menschen, die in ihrer Welt nicht ganz zurechtkommen. Alle drei Hauptpersonen versuchen irgendwie weiterzukommen, gleichzeitig zu verarbeiten und zu verdrängen. Doch nur durch Kommunikation zwischeneinander gelingt es ihnen ein wenig, die Schalen aufzubrechen und ihre Probleme klarer zu sehen. Jeder braucht einen Gegenpart, sonst tritt er auf der Stelle. Teilweise trostlos, aber wunderschön. Izumi Takahashi, ein Name, den man sich merken sollte.

    Regie: Izumi Takahashi

    103 Minuten

    Japan

    Hiromasa Hirouse, Miho Ohshita, Takashi Matsumoto, Midori Shin-e, Yasuhiro Isobe, u.a.

     

     

    "H." von Rania Attieh und Daniel García

     

     

    ©Helen Horseman LLC

    In der Kategorie "Forum" wurde auf dem Festival dieser anspruchsvolle und bildreiche Film präsentiert. "H." handelt von zwei Frauen, die, ohne sich jemals zu treffen, mehr als nur den Vornamen gemeinsam haben. Die Rentnerin Helen lebt mit ihrem Mann in einem großen Haus und versucht mit einem "Reborn" Baby und ihrer Gruppe von Frauen, die die lebensechten Puppen wie eigene Kinder behandeln, aus ihrer Einsamkeit zu entfliehen. In derselben Stadt namens Troy im Bundesstaat New York lebt parallel die junge Helen, die mit ihrem Freund ein Künstlerduo bildet und hochschwanger ist. Als eines Abends ein geheimnisvolles Ereignis stattfindet, welches sich später als ein Meteoriteneinschlag in Troy entpuppt, gehen plötzlich unerklärliche Phänomene vor sich: Massenmedien sind außer Betrieb, Menschen benehmen sich seltsam, ein schwarzes Pferd taucht auf. Beide Frauen werden stark, jedoch auf unterschiedlicher Weise, von den Ereignissen betroffen und werden mit ihren tiefsten Ängsten konfrontiert. 

    "H." ist ein Film, der keinem bestimmten Genre zugeordnet werden kann, wie die Regisseuren selbst auf der Berlinale aussagten. Er hat Horror-, Katastrophenfilm-, Drama- und viele Mythologieelemente in sich, die jedoch nicht beliebig und unabhängig voneinander auftreten, sondern dem Ablauf der Geschichte dienen und die fast malerischen Bilder unterstützen. Und genau wegen der Unbestimmtheit des Genres gewinnt der Film an Spannung. Dadurch, dass der Zuschauer bis zum Ende nicht genau weiß, womit er es zu tun hat, wirkt die Geschichte erschreckend echt, trotz Fantasy-Elemente, und man verlässt das Kino nachdenklich und gleichzeitig mit einem unheimlichen Gefühl.

     

    Regie: Rania Attieh und Daniel García

    97 Minuten

    Argentinien/USA

    Robin Bartlett, Rebecca Dayan, Will Janowitz, Julian Gamble, Roger Robinson.