22. Jüdisches Filmfestival Berlin & Brandenburg

Kinoeingang zum Arthaus Kino Berlin

Eine der Spielstätten des jüdischen Filmfestivals, das Arthaus-Kino "Filmkunst 66" in Berlin

»Nicht nur Gehirn und Herz, sondern auch die Augen müssen befriedigt werden«
Ernst Lubisch

 

Ein geschminktes Gesicht, mit Vollbart. Nicht Albert Einstein, der trug nur einen Schnauzer. Und die Zunge streckt hier auch niemand neckisch heraus. Das Neckische aber haben der berühmteste Physiker und der Namenlose auf dem Plakat des 22. Jüdischen Filmfestivals Berlin & Brandenburg gemeinsam. Der abgebildete Türhüter des Jüdischen Filmfestivals nimmt mit einem vielversprechendem Ja im Gesicht das Motto für 2016 vorweg: Knallbunt, viel Chutzpe, extrem jüdisch. Nur, was ist das Jüdische an einem, diesem Filmfest in Berlin und Brandenburg? Überhaupt auch stellt sich die Frage, warum Penetranz durchaus charmant sein kann und Dreistigkeit manches Mal unwiderstehlich.

 

Seit 22 Jahren präsentiert das Jüdische Filmfestival Berlin & Brandenburg eine Auswahl internationaler Filmproduktionen mit jüdischer und israelischer Thematik. In diesem Jahr stieg die Zahl auf 14 Spielstätten. 44 Spielfilme, Staffeln aus der Dramadyserie „Transparent", Dokumentationen und Kurzfilme fanden ihr internationales Publikum. Gastauftritte und ein Klezmerkonzert ergänzten das vielfältige Angebot auf über 50 Veranstaltungen.

 

Das JFBB begann mit einer Eröffnungsgala im malerisch gelegenen Hans Otto Theater Potsdam. Zum Start erwartete die Gäste eine augenscheinlich spielerische Auseinandersetzung zum Thema Nahostkonflikt mit dem Eröffnungsfilm „90 Minuten - Bei Abpfiff Frieden". Die Komödie von Detlef Buck feierte vor begeistertem Zuschauern seine Weltpremiere. Die Idee, ein Fußballspiel zwischen den Nationalmannschaften Israels und Palästinas über die Landeshoheit des Gegners entscheiden zu lassen, gewinnt bereits im Vorfeld durch gewitzten Klamauk und Humor. Bahnbrechender Starrsinn paart sich mit überbordender Zugewandtheit. Zumindest die Farben der Trikots werden zügig im Einvernehmen festgelegt: Blau-Weiss für die israelischen, Rot-Grün für die palästinensischen Spieler. Portugal wird zum neutralen Austragungsort erkoren. Bei genaueren Hinsehen passen die gewählten Farbvorgaben und die portugiesische Flagge bestens zusammen. Diese ist Rot-Grün im Hintergrund, Weiß-Blau im inneren Vordergrund. Ein Platztausch der Farben auf der Nationalflagge Portugals führte im vergangenem Jahrhundert zu politischen Unruhen. Eine spitzfindige Parallele, die der Regisseur Eyal Halfon in die Komödie eingebaut hat. Man muss als Lebender, wie Johann von Goethe dereinst betonte, auf Wechsel gefasst sein. Der im Stil einer Mockumentary aufgebaute Film mit seiner Laufzeit von 90 Minuten macht es vor.

 

Die Akzeptanz und Wertschätzung für das JFBB von hochoffizieller Seite wurde in diesem Jahr durch eine außergewöhnlich rettende Finanzleistung ausgesprochen. Zuvor erreichte die Festivalleiterin Nicola Galliner eine Hiobsbotschaft. Ohne Vorankündigung kürzte der Hauptstadtkulturfonds die diesjährige Förderung um die Hälfte. Das Auswärtige Amt unter Frank Walter Steinmeier übernahm kurzentschlossen die nötige Sonderleistung. Das 22. Jüdische Filmfestival konnte planmäßig vom 4.-19. Juni 2016 stattfinden.

 

„Aber ist es nicht genau das, was wir alle tun sollten: Uns nicht mit der halben Perspektive zufrieden geben! Sondern unseren Blick öffnen und weiten, im Versuch unser Gegenüber und die Welt besser zu verstehen!" Das sagte kein Fußballtrainer, aber Frank Walter Steinmeier als Cineast anlässlich der diesjährigen Verleihung des Ehrenbären der Berlinale an Kamerameister Michael Ballhaus. Der Bundesaußenminister appellierte in seiner Ansprache an immerwährende Neugier auf Wissensreichtum und universelle Teilhabe. Filmfestivals können den inneren und äußeren Dialog intensivieren.

 

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) begrüßte in seiner Ansprache das jüdische Kulturschaffen des Filmfestivals: „Es bringt uns jüdisches Leben nahe und fördert den Austausch zwischen Menschen, Nationen und Kulturen." Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), ebenfalls Schirmherr des zweiwöchigen Kulturvents, betonte die Einzigartigkeit der Kinolandschaft in der Hauptstadt, an dem das Jüdische Filmfestival seit 22 Jahren prägend mitwirkt. Der Schauspieler Benjamin Sadler (Wer wenn nicht wir, 2011) in seiner Rolle als Festivalpate favorisiert den Kinosaal als einen Erlebnisort der Vielfalt des Menschen, seiner Hoffnungen und Träume. Solange dieser Dialog geführt würde, so der Sohn deutsch-britischer Eltern, gäbe es die Chance, Ängste zu überwinden und der Dummheit Einhalt zu gebieten.

 

Austausch und aktuelle Filme über jüdische Thematiken bilden die Ausgangslage, Vorurteilen und Klischees abzubauen. Nicht ohne mit Selbstkritik zu sparen. Die Bonmots des Filmfests verdeutlichen die Absicht: beim JFBB kommt es auf die Vielfältigkeit an Meinungen an. Jeder Film spricht auf seine Weise von Gewohnheiten, Brüchen und der immerwährenden Suche nach konstruktiven Lösungen. Doch allzu Ernsthaftes vermischt sich in diesem Jahr betont mit Leichtigkeit. Ein probates Mittel ist die Provokation. Kaum ein andere Herangehensweise kann besser unterhalten als mitreißende Chutzpe, diese leichtfüßig daher kommende treffsichere Unverschämtheit. Frei nach der Vorstellung, ein Nerd sei, wer kein Schlawiner ist.

 

Hinter den Filmstoffen zum Judentum verbirgt sich mehr als nur Ohnmacht angesichts Holocaust und Nahostkonflikt. 3000 Jahre Geschichte des ethnischen Monotheismus wie die jüdische Religion umschrieben wird, sind der Grundstock für Filmstoff über aschkenasisches wie sephardisches Judentum. Zusätzliche religiöse Unterteilungen in Reformjudentum, konservatives und orthodoxes Judentum mit verschiedenen Strömungen folgten nach dem Durchbruch der jüdischen Aufklärung.

 

Geschwister Nurith und Emanuel Cohn

Die Geschwister Nurith und Emanuel Cohn, "The Little Dictator"

RegisseurInnen aus aller Welt greifen alte Themen neu auf. In Kooperation mit der Berliner Akademie der Künste entstanden bisher Werke wie der „Kindertransport - In eine fremde Welt" (engl. Originaltitel: „Into the Arms of Strangers: Stories of the Kindertransport". USA, 2000) von Regisseur Mark J. Harris. Der Professor am Lehrstuhl für Kino- und Filmwissenschaften an der University of Southern California realisierte die filmische Auseinandersetzung über die Rettung von 10.000 Kindern von November 1938 bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs vor dem Naziregime. 2001 mit seinem dritten Oscar als „Bester Dokumentarfilm" ausgezeichnet, erfolgte 2014 die Aufnahme des Films in die National Film Registry. Die Akademie zeigte als einer der Spielorte weitere cineastische Aufarbeitungen aus der Zeit des Holocaust. Die Katastrophe des Flüchtlingsboots Struma von 1942 im gleichnamigen Film von Sincha Jacobovic wirkt bis heute als Mahnmal. Aufsichten aktueller Lebenswege unter restriktiven Bedingungen zeigen die Deutschlandpremieren „Palestine in the South" von Ana Maria Hurtado aus Kolumbien. Palästinensische Flüchtlinge überleben nach dem Irakkrieg im chilenischen Exil. „Street Shadows - In eine fremde Welt" von David Fisher beschreibt in einem schillernden Porträt eine kleine, von Flüchtlingen geprägten Straße im Süden von Tel Aviv, einer Stadt zwischen Tradition und Moderne, orientalisches Flair und Weltoffenheit.

 

Frank-Walter Steinmeier nahm sich die Zeit das JFBB zu besuchen. Anlässlich der Deutschlandpremiere von „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" umriss er das Bedeutungsvolle des Films und das des Jüdischen als Kultur, Religion und Staat. Das Regiedebüt von Natalie Portman ist ihre Hommage an das gleichnamige Werk von Amos Oz. Sie verkörpert darin die Mutter des mehrfach preisgekrönten Schriftstellers. Amos Oz ist ein prominenter Befürworter der „Zwei-Staaten-Lösung" im Nahostkonflikt.

 

Facettenreichtum und ständiger Wandel jüdischen Lebens spiegelt sich in der Vielfalt der Sprachen. Das internationale Publikum profitiert von Übersetzungen der Originalsprachen in Ton und Untertiteln. Den universell verständlichen Geschmack jenseits aller Sprachgrenzen trifft „Hummus! The Movie" von Oven Rosenfeld. Eine köstliche Dokumentation, so die offizielle Beschreibung, jenseits der Mystik und des Wettbewerbs, und auch jenseits der religiösen und politischen Spaltungen.

 

Spannende und anregende Themen ließ auch das Rahmenprogramm nicht vermissen. Einer der Hauptattraktionen war die Begegnung mit dem Schauspieler Ilja Richter. Der frühere Moderator der ZDF-Musiksendung Disco präsentierte drei Dokumentationen über seine Spurensuche jüdischen Lebens vorrangig in seiner Heimatstadt Berlin. Rosa von Praunheim lud zum Talk mit Dokumentarfilmen über zwei avantgardistischen Künstlerinnen. Das Multitalent und avantgardistischer Künstler gilt als wichtiger Vertreter des postmodernen deutschen Films.

 

Weltweit geben über 200 jüdische Filmfestivals konzentrierte Eindrücke über die Entwicklung von Religion und Philosophie, Tradition und Lebensweise. Eindrücke über den Wandel anderer Gemeinschaften und deren Kulturen finden sich ebenso im Filmangebot wie die Auseinandersetzung mit universellen Phänomenen und Zukunftsvisionen. Die meisten der Kinoevents finden den USA statt. Der Nationalitätenstaat konfrontiert unmittelbar jeden Bürger, jeden Besucher mit der Koexistenz verschiedener Interessen und Lebensstilen. Dieser Pluralismus der US-amerikanischen Gesellschaft wirkt vorbezeichnend auf die Prägung Europas. Filme sind da ein gestalterisches Mittel auf die zunehmende Globalisierung. Überhaupt verändert die Gewichtsveränderung von nationalistischen Denken hin zu Kulturzugehörigkeit das Filmangebot und deren Inhalte allgemein. Filmfestivals dienen als Schaltstellen. Begegnungen, Gesprächsaustausch, das unmittelbare Teilen von Eindrücken,, wie gerade mit dem 22. JFBB wieder geschehen, laden ein, ethnische und kulturelle Identitäten des Judentums zu erleben.

 

Festivalleiterin Nicola Galliner

Festivalleiterin Nicola Galliner

Nicola Galliner kennt den Wandel der nationalen und weltweiten Filmlandschaft. Sie ist Gründerin und Leiterin des Festival und bedauert zu Beginn, die einzige gewesen sein, die sich überhaupt getraut habe, israelische Filme ins Programm aufzunehmen. Und sie weiß zu differenzieren: „Jede Begegnung zwischen Filmemachern und Publikum ist eine prägende Begegnung. Manche mehr, manche weniger." Gegründet wurde das Filmfest 1995 am fünfzigsten Jahrestag des Endes des 2. Weltkriegs als eines der ersten seiner Art in Europa. Die Premiere des JFBB eröffnete die damals noch völlig unbekannten dänischen Regisseurin Susanne Bier mit ihrem ersten Spielfilm. Weitere Attraktionen der Leinwand waren oscarprämierte Werke wie „West Bank Story", „Spielzeugland", „Ida", „Zug des Lebens", „Der Junge im gestreiften Pyjama" und „Fading Gigolo". Sie alle feierten beim Festival ihre Deutschlandpremiere.

 

Die Preisvergabe vorgestellt vom 22. Jüdischen Filmfestivals Berlin & Brandenburg

Juries

In 2016 wurde die Preisvergabe neu gestaltet. So werden die Preise von drei verschiedenen Jurys vergeben. Eine Kritikerjury bestehend aus drei renommierten Journalisten vergibt den Regiepreis für den besten Spielfilm. Die radioeins Hörerjury kürt den Regisseur für den besten Dokumentarfilm. Ebenfalls neu hinzugekommen ist ein Ehrengremium, das eine besondere Empfehlung für einen deutschen Film mit jüdischer Thematik ausspricht. Im Fokus der Preisvergaben steht die Anerkennung der geleisteten Regiearbeit. Alle Jury- und Gremienmitglieder werden jährlich neu besetzt.

 

Film awards 2016

Der polnische Spielfilm „Dibbuk – Eine Hochzeit in Polen" von Marcin Wrona (Beste Regie Spielfilm) und der israelische Dokumentarfilm „My Beloved Uncles" von Eran Barak (Beste Regie Dokumentation) wurden beim gestern Abend zu Ende gegangenen 22. Jüdischen Filmfestival Berlin & Brandenburg mit den mit insgesamt 7.000 Euro dotierten Geshon-Klein-Filmpreisen ausgezeichnet.

 

„Dibbuk – Eine Hochzeit in Polen" über einen Bräutigam, der von einem Dibbuk besessen ist, wurde von der Kritikerjury bestehend aus den Journalisten Sophie Albers Ben Chamo (Stern), Miriam Hollstein (Bild am Sonntag) und Jörg Taszman (Die Welt, Jüdische Allgemeine und andere) mit dem Regiepreis für den besten Spielfilm ausgezeichnet. Den Preis für den vergangenes Jahr verstorbenen Regisseur nahm seine Witwe entgegen.
Die Begründung der Jury: „Mit einer ebenso gewagten wie gekonnten Mischung aus Horror, Thriller und Burleske erzählt "Dibbuk - Eine Hochzeit in Polen" die Geschichte eines jungen Mannes, der kurz vor seiner Hochzeit wortwörtlich ein dunkles Familiengeheimnis ausgräbt und dabei selbst in die Fänge des Bösen gerät. Bildgewaltig und radikal spielt Marcin Wrona in seinem letzten Film mit der berühmten jüdischen Legende vom Totengeist, dem Dibbuk. Er holt sie in die Gegenwart, bedient das Genre des Horrorfilms, spielt mit Mythen, Ressentiments und der polnisch-jüdischen Geschichte, um sie gleichzeitig zu hinterfragen. Wrona hat damit einen Kino-Dibbuk geschaffen, der durchrüttelt, umhaut und auch lange nach dem Film nicht mehr loslässt. "Dibbuk - Eine Hochzeit in Polen" ist ein weiterer Beleg für das große Talent von Marcin Wrona, dessen früher Tod nicht nur für das polnische Kino einen großen Verlust bedeutet.

 

„My Beloved Uncles", die Familiengeschichte von Regisseur Eran Barak, ist von den Hörern von radioeins mit den Regiepreis als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet worden.

 

Die Begründung: „Es ist die sehr persönliche Spurensuche des israelischen Filmemachers Eran Barak nach einem Onkel, der vor 65 Jahren als kleines Kind aus dem Krankenhaus verschwunden ist. Barak kehrt zurück in das arme Einwandererviertel im Norden Bnei Braks und befragt seine verbliebenen Onkel und seine aus Tunesien stammende Großmutter, die bis heute überzeugt ist, dass ihr Sohn in den Gründungsjahren Israels von Aschkenasim entführt wurde. Daraus ergibt sich nicht nur das faszinierende Porträt einer schrägen Familie und eines ganzen Viertels. Der Film wirft auch ein Schlaglicht auf das Leben sephardischer Einwanderer in Israel. Ein ganz besonderer Film, der das Dokumentarische mit surrealen Elementen verknüpft und damit am Ende auch eine Verbindung zwischen den Generationen herstellt.

 

Während des Festivals wurde bereits „Simon sagt ‚Auf Wiedersehen' zu seiner Vorhaut" (R: Viviane Andereggen) mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet. Ein Ehrengremium sprach eine besondere Empfehlung für einen deutschen Film mit jüdischer Thematik aus. Der Film erzählt die Geschichte des 12-jährigen Simon, der pünktlich zur Bar Mitzwa beschnitten werden soll.

 

Gershon-Klein-Filmpreise

Gewidmet sind die Preise dem 1999 im Alter von 79 Jahren verstorbenen Gerhard Klein. In Berlin war Klein eine „Kinolegende". Das Zehlendorfer Filmkunstkino „Capitol Dahlem" ist seine Schöpfung und wurde nach seiner Gründung 1956 drei Jahrzehnte lang zu einem beliebten Treffpunkt und zu einer Institution mitten im West-Berliner Studentenviertel. Als Kinderdarsteller hatte Klein, aus einer gutbürgerlichen jüdischen Berliner Familie stammend, selbst vor der Kamera und auf der Bühne gestanden. Er war u.a. der Professor in Erich Kästners Bühnenfassung von „Emil und die Detektive" und spielte in Max Ophüls' erstem Tonfilm „Dann schon lieber Lebertran" eine Hauptrolle. 1933 traf ihn das Berufsverbot der Nazis. 1939 gelang ihm die Flucht nach Palästina, wo er in einem Kibbuz arbeitete und das noch heute bestehende avantgardistische „Teatron Kameri" in Tel Aviv mitbegründete. Seine Eltern sah er nie wieder. 1952 kehrte Klein nach Deutschland zurück. Für seine anspruchsvolle Programmgestaltung im „Capitol Dahlem" erhielt er mehrere Auszeichnungen, u.a. das Bundesverdienstkreuz am Bande.

 

Autor: Raoul Kevenhörster