Festgedanken

Um auf dem Münchner Filmfest richtig viel zu sehen benötigt man entweder etwas Geld für die Eintrittsgelder oder man besorgt sich eine, ebenfalls nicht ganz billige, Akkreditierung. Besser hat es da nur die Presse – aber die muss dem Rest der Welt dafür auch Bericht erstatten.

 

Wer den Tag über ohnehin nicht viel Zeit hat und einfach nur Filme sehen will, dem empfehle ich das tägliche Open Air-Kino im Gasteig, jeweils um 22:00 Uhr. Dort laufen noch bis Samstag Filme, die zwar nicht brandneu, wohl aber sehenswert sind.

 

Allerdings ist es mitunter nicht so bequem, wie in den Kinosesseln: Wer nicht frühzeitig anreisen will, um die begehrten Café-Stühle zu ergattern, der sollte prophylaktisch die Isomatte einpacken.

 

Apropos Kinosessel: Auch diese haben wir wieder stark strapaziert. Um eine Bilanz der Festivals der Filmhochschulen zu ziehen, mag es noch etwas früh sein, aber gegenüber dem vergangenen Jahr zeichnet sich eine deutlich positive Tendenz ab. Schade nur, dass zahlreichen Talenten der Zugang zur erlesenen Klientel der Filmhochschüler versagt bleibt... Dennoch bietet das Filmfest auch hier etwas: “Die lange Nacht der Shocking Shorts” am Freitag ab 22:30 im Arri-Kino (Schwabing). In dieser Vorstellung werden bis etwa 5:00 Uhr morgens zwanzig ausgewählte Kurzfilme gezeigt. Wer den Schlafentzug nicht scheut, wird hier mit tollen Filmen belohnt.

 

Doch zurück zu den Profis, die aus aller Welt angereist sind, um auf dem Münchner Filmfest Ihre Werke zu präsentieren. Auch wenn es auf die Besucher des Movie-College wohl nur eingeschränkt zutrifft: Als durchschnittlicher Kinogänger vergisst man nur zu schnell, dass es nicht immer das bombastische Hollywood-Erlebnis á la Herr der Ringe oder Spiderman sein muss, die einen Film  sehenswert machen. Beeindruckt hat mich in dieser Hinsicht dieses, wie auch letztes Jahr, eine asiatische Produktion

One Fine Spring Day

Regie: Hur Jin-Ho, Japan/Korea/VR China 2001

Die Handlung des Films ist trivial: Er verliebt sich in sie und wird wegen einem anderen sitzen gelassen. Dennoch schafft der Regisseur Hur Jin-Ho es in dem Film, nur mit dem Rascheln eines Bambushain im Wind oder dem Rauschen eines Flusses, den Zuschauer gefangen zu nehmen. Während viele Filme Freiheit und Gefangenschaft nur erzählen, zeigt dieser Film sie in beeindruckenden Bildern und Tönen, vermittelt Gefühle. Und wenn man am Schluss des Films nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll, dann merkt man, dass Film weit mehr sein kann und sollte, als ein gutes Drehbuch und dessen technisch perfekte Umsetzung.

 

Überhaupt sind Festivals eine phantastische Gelegenheit, andere Kulturen, andere Länder verhältnismäßig preiswert zu erleben. Dadurch, dass Film von den Konflikten einer Gesellschaft lebt, erfährt man in Ihnen Sorgen, Hoffnungen, Träume und subjektive Realität eines anderen Menschen in einem anderen Kulturkreis. Amerikanische Filme nehmen in diesem Kulturlehrgang eine Sonderrolle ein: Der Einfluss, den die CocaCola- und Mc Donald’s-Weltmacht auf Europa hat, ist kaum zu leugnen...

Dominik Leiner, 1.7.

 

Die zwei Hauptcharaktere dieser Liebesgeschichte sind der Tontechniker Sang-woo (Ji-Tae Yoo) und die Radiomoderatorin Eunsu (Young-Ae Lee). Sangwoo zeichnet die Geräusche der Natur auf, er versucht sie in ihrer Reinheit und Vollkommenheit festzuhalten. Eunsu begleitet ihn dabei und verwendet die Aufnahmen für ihre Sendungen. Im laufe ihrer gemeinsamen Arbeit kommen sich die beiden langsam näher und verlieben sich ineinander. Doch nach einiger Zeit wird die Liebe Einseitig. Eunsu sucht Abwechslung und wendet sich immer mehr von Sang-woo ab. Dieser aber glaubt fest an ihre Liebe.

 

Auf sehr ruhige und behutsame weise nähert sich der Regisseur Jin-Ho Hur den Hauptcharakteren. Dabei spielen Geräusche und Töne eine sehr wichtige Rolle. Ob nun das ruhige Rauschen des Bambuswaldes, der durchdringend prasselnde Regen oder das leise Summen einer Melodie, auf bemerkenswerter Weise stellt er die Gefühlswelt der Liebenden auf der Tonebene dar. Sein Film erzählt den Kreislauf der Liebe, von ihrer Entstehung bis zu ihrem Verschwinden. So wie sich die Jahrezeiten ändern so ändert sich auch die Liebe der beiden Darsteller. Sie leben von den kleine Gefühlen und entdecken darüber das ganz Große. Ein wirklich sehr schöner Film, der eine wunderbar einfache Geschichte eindrucksvoll erzählt.

Michael Metz, 3.7.

Thirteen Conversations About One Thing

Regie: Jill Srecher, USA 2001

Während die Filme Osteuropas uns eine oft seltsam anmutende Armut zeigen, haben die „Wohlstandsgesellschaften“ ganz andere Probleme: „Show me a happy man“ sagt uns die erste Texttafel des Films und natürlich geht es dabei nicht um das leibliche Überleben. Vielmehr zeigt der Film, wie uns die sozialen Strukturen, die wir uns selbst gestaltet haben, nicht mehr loslassen. Die Rahmenhandlung erzählt von einem Anwalt, der beruflich alles erreicht hat, was er wollte. Der Preis ist seine zerrüttete Ehe. Um diesen Anwalt spinnen sich mehrere Geschichten, so z.B. die eines Staatsanwalts, dessen Schuldgefühle ihn auffressen obwohl er sich derer entledigen will („Fuck guilt“). Oder die Geschichte eines Zimmermädchens, das gerade von ihrem Traummann die harte Realität des modernen Kasten- und Ständewesens erfährt. Wer den Film anschauen will kann beruhigt sein. Nach dem Genuss dieser Independent Produktion stürzt man sich nicht verzweifelt aus dem nächsten Fenster, denn dafür ist man viel zu nachdenklich geworden.

 

Nachdenklich übrigens auch darüber, warum die deutsche Kinolandschaft so auf Hollywood fixiert ist. Thirteen Conversations about One Thing wird man hier in München kaum noch einmal in einem der großen Multiplexe zu sehen bekommen. Mit diesem Film verschwinden zahlreiche andere in kurzen Kritiken, vielleicht einige in den kleinen Programmkinos. Ohne Frage sind auch die Kinobesucher nicht unschuldig, aber die Betreiber sollten sich dennoch mit der Frage auseinander setzen, ob kulturelle Vielfalt nur Mehrkosten bedeutet oder ob man damit langfristig das Kino hierzulande wieder attraktiver machen kann...

 

Der Film, der diesen Abend auf dem Open Air im Gasteig lief war übrigens Das Experiment. Wer ihn noch nicht gesehen hat, dem sei er als Beispiel für die Darstellung von abschreckender Gewalt und Grausamkeit auch ohne viel Filmblut wärmstens empfohlen.

 

Dominik Leiner  2.7.

City of Ghosts

Regie: Matt Dillon, USA 2002

Der Hochstapler Jimmy Cremming (Matt Dillon) flieht – das FBI auf den Fersen – nach Kambodscha, um seinen Ertrag aus einem Versicherungsbetrug ins Trockene zu bringen. Vor Ort hilft ihm nicht nur sein Vater Marvin (James Caan), der es durch Betrügereien zu leidlichem Reichtum gebracht hat; auch der ruppige Hotelbesitzer Emile (Gérard Depardieu) steht ihm mit Rat und Tat zur Seite. Während Jimmy sich in die bezaubernde Sophie (Natascha McElhone) verliebt, entführt eine Bande gewalttätiger Geiselnehmer Jimmys Vater in ein abgelegenes Anwesen, um Jimmy und Marvins Handlanger (u. a. Stellan Skarsgård) zu erpressen...

 

Matt Dillons Regiedebüt ist der erste große Hollywood-Film seit über 40 Jahren, der in Kambodscha gedreht wurde. Mit 17 Millionen Dollar und einer fähigen Darsteller-Riege standen die Zeichen günstig – wäre da nicht das zerfahrene Drehbuch aus der Feder von Matt Dillon selbst und Barry Gifford („Lost Highway“). Die elenden Lebensverhältnisse vor Ort verkommen zur exotischen Kulisse für ein Thrillerstück nach klassischem Muster, dessen klischeehafte Figuren sich wie abgesprochen stets zum rechten Zeitpunkt über den Weg laufen. Dass Dillon mit simplen Humoreinlagen versucht, Sympathien für die in Wahrheit gebrochene Figur des Protagonisten zu heischen, verrät nicht nur seine Eitelkeit sondern auch seinen mangelnden Mut, die eigentliche Geschichte von der Wandlung eines egoistischen Betrügers zum Menschenfreund zu erzählen. Schade eigentlich.

Michael Wolf,  3.7.

Buffalo Soldiers

Regie: Gregor Jordan, D, UK, USA 2001

Stuttgart 1989: Im Theodore Roosevelt-Armeestützpunkt schützen amerikanische Soldaten unter dem Kommando des sensiblen Colonel Wallace Berman (Ed Harris) die freie Welt vor den Gefahren des Ostens. Dass der Krieg die Hölle ist, ahnen sie; dass der Frieden höllisch langweilig ist, spüren sie täglich. So vertreibt sich der miserabel ausgebildete Haufen die Zeit mit Football-Spielen, Panzerspazierfahrten und Drogengeschäften. Letzteres verschweigt der Soldat Ray Elwood (Joaquin Phoenix) dem Colonel ebenso wie seine Nebenbeziehung zu dessen Frau (Elizabeth McGovern).

 

Erst als der neue Sergeant Robert Lee (wunderbar grantig: Scott Glenn) sich anschickt, Ordnung in den Laden zu bringen, ahnen die Soldaten – allen voran Elwood – was Krieg wirklich bedeutet: Vorschriftsmäßige Stuben, keine krummen Dinger und erst recht keine Bestechungsversuche. Als Elwood aus Rache Lees reizende Tochter Robyn (Anna Paquin) verführt, tritt er einen Krieg in den eigenen Reihen los...

 

Regisseur Gregor Jordan wandelt mit seiner coolen Satire auf den Spuren von David O’Russells „Three Kings“ (USA 1999), ohne freilich dessen Klasse zu erreichen. Doch auch wenn er dann und wann über die Strenge schlägt, vermittelt seine erfrischende Satire mit bissigem Humor, gutem Timing und mitunter sogar leisen Zwischentönen die Erkenntnis, dass Krieg weniger ein notwendiges Ereignis als vielmehr eine menschliche Haltung ist.

Michael Wolf,  3.7.

Halbzeit-Bericht

Nachdem wir uns die vergangenen Tage vor allem um die Filmhochschulen und Kino aus aller Welt, nämlich die Rubriken „World Cinema“ und „US Independents“, gekümmert haben, ist es an der Zeit, sich auch in der deutschen Filmlandschaft etwas umzusehen. Im konkreten Fall geht es um die Kategorie „Made in Germany - TV“, genauer um den Thriller „Der Morgen nach dem Tod“ von Sybille Tafel für Pro 7.

 

Das Programm verspricht „ein intellegenter, spannender Psycho-Thriller mit überraschenden Wendungen“ und das hielt der Film auf der Leinwand auch tatsächlich - auch wenn es sich dabei eben mehr um teuer und gut verfilmtes Abendprogramm als um großes Kino handelt. Aber wenn der Fernsehzuschauer nicht spätestens zur Mitte der Films eine konkrete Ahnung hat, wer denn der geheimnisvolle Böse ist, würde er wohl umschalten.

 

Trotzdem hat das Kinoerlebnis gegenüber der Flimmerkiste nicht nur den Vorteil der großen Leinwand. Weil es sich bei den Aufführungen oft um die erste und einzige Kinovorstellung des Films handelt, sind meist neben dem Regisseur, bzw. in diesem Fall der Regisseurin und zugleich Autorin des Films, auch der restliche Stab und nicht zuletzt die Darsteller anwesen. Und wer möchte nicht mal neben Karina Krawczyk ("Der Eisbär") im Kino sitzen?

 

Zugegeben, ich saß eine Reihe hinter den Hauptdarstellern. Diese sind bekanntlich auch kein bisschen so abgehoben, wie man es von den Hollywood-Stars aus dem Fernsehen kennt, wodurch sich das Fan-Erlebnis in Grenzen hält. Wenn es aber in deutschen Filmen so etwas Glanz und Glimmer gibt, dann ist es die Selbstbeweihräucherung, die sich die Filmschaffenden auf Festivals und Preisverleihungen nach getaner Arbeit vergönnen. Und bei den öffentlichen Aufführungen der deutschen Filme im Rahmen des Münchner Filmfestes kann man daran ganz ohne exklusive Einladung teilhaben...

Dominik Leiner

Welcome to Collinwood

Regie: Anthony und Joe Russo, USA 2002

Der Kleinkrimminelle Cosimo wird bei einem Autodiebstahl eingebuchtet und erfährt im Gefängnis von dem Coup seines Lebens. Er will ihn sofort ausführen; da ist nur ein Problem: Er sitzt hinter Gittern! Also beauftragt er seine Freundin, einen Komplizen zu suchen, der ihm bei der Ausführung seines Plans hilft. Doch die Suche gerät etwas aus den Gleisen und so entsteht nun ein Team aus vier durchgeknallten Looser-Typen, die den Coup ohne Casimo durchziehen wollen. Den Plan umzusetzen erweist sich für die vier Tollpatsche jedoch schwieriger als erwartet und hält so gute Lacher für den Zuschauer parat.

Katja Zeiner, 4.7.

Kissing Jessica Stein

Regie: Charles Herman-Wurmfeld, USA 2001

Die konservative Jessica hat ein typisches Problem in ihrem Leben: Die Männer. Sie findet einfach nicht den richtigen. Obwohl ihre Mutter stets aufmerksam darum bemüht ist, den richtigen für sie zu finden. Doch keiner ist gut genug! Dabei stellt Jessica kaum Ansprüche, er sollte eigentlich einfach nur perfekt sein! Doch eines Tages liest sie eine Kontaktanzeige in der Zeitung, die ihr sofort zusagt. Das einzige Problem: Die Rubrik lautet „Frau sucht Frau“. Wider ihren konservativen Prinzipien antwortet sie trotzdem und trifft sich mit Helen. Diese ist jedoch genau das Gegenteil von Jessica und experimentiert gerne. So hat sie in einer Woche Lust auf Henna-Tatoos und in der nächsten beschließt sie eben mal lesbisch zu sein, obwohl sie eigentlich auf Männer steht. Also treffen sich die beiden Nicht-Lesben und kommen sich auf überaus amüsante Weise Stückchen um Stückchen um Stückchen näher.

 

Katja Zeiner, 4.7.

Britney, Baby, One More Time

Regie: Ludi Boeken, USA, Frankreich, Niederlande 2002

Die wahre Geschichte eines wahren Fans. Der Film erzählt von dem wohl größten Britney Spears Fan, den es gibt. Doch wieder erwarten handelt es sich dabei nicht um irgendein Teenie-Girl, sondern um Robert Stephens, der sich nichts sehnlicher gewünscht hat, als so zu sein wie sein Idol Britney. Und Tatsache: er gewinnt den Britney Spears Look-a-like-Contest und soll seinem Star endlich persönlich gegenüber stehen.  Doch daraus wird nichts! Währenddessen versucht ein verrücktes Filmteam ein Interview mit Britney zu bekommen um Geld für ihre nächste Filmproduktion zusammen zu kratzen, aber auch sie werden zurückgewiesen. Wie es der Zufall will treffen sie auf den enttäuschten Robert und wittern ihre Chance. Sie reden Robert ein, dass sie einen Bericht über ihn als bestes Britney-Double drehen wollen und versprechen ihm ein Treffen mit dem Popstar. Robert ist begeistert und stimmt sofort zu, bis er dem durchgeknallten Team letztlich auf die Schliche kommt.

 

Dem Regisseur Ludi Boeker ist mit seiner True Story, die in den USA durch die ganze Presse ging, eine zweifellos lustige Darstellung der Drag-Queen Geschichte gelungen. Allein die beiden schrägen Typen des Filmteams sorgen schon für ausreichend Unterhaltung. Und wer könnte Robert Stephens schon besser spielen als Robert Stephens!

Katja Zeiner, 4.7.

Manito

Regie: Eric Eason, USA 2002

Eric Easons Kinodebüt spielt im Latino-Ghetto der Washington Heights und beschreibt das harte Leben der Latinos in ihrem kriminellen Viertel. Der junge Manny Moreno, ist der Stolz seiner ganzen Familie, da er trotz seiner schwierigen Lebensumstände im Ghetto, seinen Highschool-Abschluss feiern kann und auf die Universität gehen soll. Auch sein älterer Bruder Junior hat es geschafft sein Leben nach Drogen und Gefängnis wieder einigermaßen in die Griffe zu kriegen. Doch sie können ihrem Schicksal nicht entfliehen! Manny gerät in ausweglose Schwierigkeiten und der Traum von einem besseren Leben platzt für Junior und ihn.

 

Der Film wirkt – wohl vor allem durch die Besetzung mit wahren Ghetto-Latinos und der wackeligen Kameraführung – wahnsinnig authentisch, ja schon fast dokumentarisch und zieht den Zuschauer emotional in die Geschichte hinein.

Katja Zeiner, 4.7.

À la folie – pas du tout!

Regie: Laetitia Colombani, Frankreich 2002

Angélique ist eine junge Kunststudentin, die sich bis über beide Ohren in den Arzt Loïc verliebt hat. Vor ihren Freunden schwärmt sie laufend von ihrer Beziehung mit  Loïc, da dieser sie ja so wahnsinnig liebt. Der einzige Störfaktor in ihrer vermeintlich perfekten Beziehung ist nur leider Luics Frau. Doch sie glaubt fest daran, dass Loïc seine Frau für sie verlassen wird. Der Arzt scheint Angélique das Blaue vom Himmel zu versprechen, versetzt sie dennoch jedes Mal. Was ihn bis dato zum Bösewicht in der Story macht. Aber jede Geschichte hat zwei Seiten! Als die anfangs so banale Liebesgeschichte eines naiven Dummchens plötzlich aus einer anderen Perspektive noch einmal erzählt wird, entwickelt sich die ganze Geschichte schon fast zu einem unerahnt kreativen Thriller. Denn es stellt sich bald heraus, dass Angelique im wahrsten Sinne “wahnsinnig” verliebt ist.

Katja Zeiner, 4.7.

Passing Stones

Regie: Roger Majkowski, USA 2001

Der dreißig jährige Leon (Roger Majkowski) ist Zeitungsjunge und lebt immer noch bei seiner Mutter. Diese ist meistens etwas verwirrt und sein Bruder Anthony (Thomas Majkowski) dröhnt sich den halben Tag mit irgendwelchen Lösungsmittel voll. Leon hat’s also nicht leicht und das einzige auf was er hoffen kann ist ein Wunder, darum betet er täglich zu Gott. Er glaubt sein bitten erhört als er einen, in polnisch verfassten, Brief in die Finger bekommt. Doch wer kann polnisch? Kein Problem, es gibt da ja noch einen Bruder. Nach erfolgreicher Übersetzungsarbeit von Greg (Tom Ellis) stellt sich der Brief als eine Art Schatzkarte heraus. Auf der Stelle machen die drei sich auf die Suche nach ihrem Glück. Unterwegs tauchen jede Menge skurieler Figuren auf und ein Sack voll Geld kommt auch noch mit ins Spiel...

 

Zuallererst einmal ein paar Fakten über diesen Film: 3.500 $ Produktionskosten, zwölf Tage Drehzeit und aufgezeichnet auf einer hauseigenen Digital-Kamera.

Und wenn man sich dann das Resultat ansieht, gebührt dem Macher Roger Majkowski schon aller Respekt, das kann sich sehen lassen. Sein Film ist skurril, verrückt, spannend, traurig, bewegend, krass, witzig, einfallsreich... die reinste Achterbahnfahrt.

 

Den Kern der Geschichte bilden zwei Familien. Auf der einen Seite die drei Brüder Leon, Greg und Anthony und auf der anderen die verwaiste Familie des polnischen Briefverfassers. Da wäre die senile Mutter (im Film immer wieder liebevoll als “living Zombie” bezeichnet), die ältere Tochter Sheila (eigentlich die einzige “Normale”) und die jüngere Schwester (eine von epileptischen Anfällen geplagte Drogensüchtig). Der Regisseur schafft es wirklich jeder Figur eine Macke zu verpassen und das macht sie dann auch so unberechenbarer und interessant. Die Charaktere werden glaubhaft Dargestellt und im laufe der Story finden jeder sein passendes Gegenstück. Doch eigentlich fragt man sich am Ende, was will uns dieser Film sagen, vielleicht das Familie wichtig ist, das Geld nicht alles ist oder einfach das doch jeder so seine Macken hat. Irgendwie etwas von allem und auf jeden Fall steckt eine Menge Wahrheit darin. Mit Sicherheit kann man sagen, ein Independent Film der diesen Namen zu Recht verdient hat.

Michael Metz,  6.7.

Cinemania

Regie: Angela Christlieb, Stephen Kijak, D, USA 2002

Warum wollen wir eigentlich Filme machen, wer soll sie sich anschauen? Und warum? Die unterhaltsame und unvermeidlich amüsante Doku Cinemania  gibt uns Antwort: Filme entstehen für Menschen, die ihr Leben für das Kino leben, die Arbeit und Freundeskreis dafür opfern, alle Filme zu sehen und sogar ihre Ernährung so einrichten, dass sie dem Kinoerlebnis nicht in die Quere kommt. Während die Besucher eines Filmfestivals diesen Zustand nur einige Tage auskosten, leben die gefilmten Cinemanen jeden Tag unter dem psychischen Zwang möglichst viele Filme zu sehen. Der eine hat seit Jahren keinen Sex mehr, weil er dieser leider nicht in schwarz-weiß möglich ist, der andere hat die Handynummern aller Filmvorführer, damit er sie anrufen kann, wenn am Bild mal wieder etwas nicht stimmt, der dritte betrachtet die Realität ohnehin nur als Abbild der Leinwand und sammelt alle Soundtracks ohne eine Stereoanlage zu besitzen.

 

Nun könnte man meinen, es ist ein unglaublich tragischer Stoff, vier Suchtkranke durch ihren Tag zu begleiten. Aber die Filmemacher machen es nicht leicht, die Tragödie auch als solche anzunehmen. Die Hauptfiguren stehen zu ihrer Sucht – ihr Leben ist zwar nicht normal, aber als Krankheit würde es keiner von ihnen bezeichnen, in der Traumwelt zu leben. Wahrscheinlich ist es aber gerade diese subjektive Perspektive der Cinemanen, die uns zu verstehen gibt, was diese Menschen bewegt, so zu leben, wie sie es tun.

Dominik Leiner, 7.7.

Scherbentanz

Regie: Chris Kraus, D 2002

Es wird oft geäußert, dass die Drehbücher den Hauptschwachpunkt des deutschen Kinos darstellen. Nun... um eine richtige Familientragödie zu motivieren, muss man eben etwas tiefer in die Kiste greifen damit unsere an Blutkrebs erkrankten Hauptfigur (Jürgen Vogel) eine schwere Kindheit bekommt: Man nehme einen egoistischen und durch die Geschäftswelt verdorbenen Vater mit brauner Vergangenheit der ständig fremdgeht, eine psychisch kranke – oder besser verrückte – Mutter, die verstoßen wird und für eine Knochenmarkspende aus den Sozialwohnungen in die hohe Gesellschaft geholt wird und einen Bruder, der ganz nach seinem Vater kommt und der seine ehemals sexsüchtige Freundin „Zitrone“ (Nadja Uhl)
bei einer Selbsthilfegruppe für Suchtkranke kennen lernte. Damit man aus dieser trivialen Konstellation Handlung gestalten kann, muss der Chauffeur der wohlhabenden Familie noch strohblöd und zudem der ehemalige Freund Zitrones sein, die der Bruder wegen seiner Ex verlässt und unsere Hauptfigur benötigt noch einen dritten, verheimlichten Bruder für die Knochenmarkspende.

 

In dieser deutschen Durchschnittsfamilie entwickelt sich im Laufe des Scherbentanzes trotzdem alles zum Guten. Von den Schauspielern richtig gut getragen und aufwändig gestaltet, aber eben mit einer Geschichte, die tragischer ist als ihr Inhalt...

Dominik Leiner, 7.7.