Wer weiß, wie sehr in Spanien wegen der Wirtschaftskrise an allen Ecken und Enden eingespart werden muss, begreift, was für ein starkes Commitment die Stadt Valencia damit signalisiert. 

Die beiden existierenden Festivals wurden zu einem zusammengefasst. Neben den Wettbewerbsfilmen laufen auch diverse Reihen u. a. open air in dem trockengelegten Flussbett Valencias. Auch vom spanischen Regisseur Chumilla Carbajosa, der auch neben Teona Strugar Mitevska und Christine Repond in der diesjährigen Jury für die Langfilme sitzt, werden mehrere Filme gezeigt.

 

Wettbewerb

Cinema Jove

Eröffnungsveranstaltung des 29. Filmfestivals

Im Wettbewerb sind sowohl Kurz-, als auch Langfilme, die vor allem in der Filmothek von Valencia, unmittelbar am Placio de Ajuntamente, gezeigt werden. Längst sind die Altersgrenzen für die Nachwuchsregisseure angehoben worden, Nachwuchs ist heute durchaus auch in den Vierzigern, man kennt das auch von anderen Festivals. Markenzeichen der Auswahlkommission sind sicherlich eher die unkonventionellen bis sperrigen Filme, hier beweist das Festival Mut und schärft zugleich sein Profil. Mainstream überlässt man gerne anderen Festivals und bietet damit die Plattform für echte Entdeckungen.

 

Eröffnung

Bereits die feierliche Eröffnung des Festivals im Theatro zeigte im vollbesetzten Haus, welchen Stellenwert das Festival im kulturellen Leben der Stadt einnimmt. Besonders beeindruckend war die Live-Performance des Animationsfilmers und Sand-Malers Ferenc Cakó aus Ungarn, der eine Reise durch die Filmgeschichte mit aus Sand in Windeseile dahin gezeichneten Skizzen generierte (eine Retrospektive seiner Animationsfilme läuft ebenfalls im Programm). 

Viele der Regisseure präsentieren ihre Filme selbst, die nachfolgenden Diskussionen können sich je nach Startzeit ganz dem Tagesrhythmus entsprechend auch in die Nacht hinein ziehen. In der vierten Etage der Filmotheka laufen die Wettbewerbsfilme. 

 

Violet

Ferenc Caco

Der ungarische Animationskünstler Ferenc Cacó
bei seiner Live Performance mit Sandmalerei

Einer von ihnen ist Violet aus Belgien. Dass er nicht konventionell sein will, beweist der flämische Regisseur Bas Devos gleich mit der Entscheidung für 4:3.  Zu Beginn sieht man die Bildschirme der Überwachungskameras einer Einkaufspassage, sieht Jugendliche, sieht schemenhaft einen Sicherheitsmenschen der irgendwann aufsteht und den Raum verlässt, Videorekorder beginnen zu spulen und man sieht wie zwischen den Jugendlichen ein Streit ausbricht und einer von  ihnen niedergestochen wird.

Dann plötzlich sind wir in der Passage, das Opfer liegt am Boden, ein Kumpel, Jesse spricht ihn an. Dann Polizei und Absperrungen, dann springen wir zu den Eltern von Jesse, die Mutter wäscht ihm Blut von den Händen. Es wird wenig gesprochen über das Geschehene, das Trauma und der Weg heraus werden zumeist über das Gesicht des Hauptdarstellers erzählt. Immer wieder unterbrechen Videosplitter Erinnerungsfetzen digitaler Pixeligkeit die realen Szenen.

Später holen ihn die BMX-Freunde ab, wollen wissen, was mit Jonas, dem Opfer, geschehen sei. Jesse meint, er habe die Täter nie zuvor gesehen. Von da an rätselt man, was der Hintergrund der Tat war und was Jesse wirklich weiß. In verrätselten Bildern begleitet man ihn zu den akrobatischen BMX-Trainingsorten, beobachtet nachts mit ihm ein Nachbarhaus, besucht mit ihm den Vater des Opfers, nimmt das Fahrrad des toten Freundes mit. Die Bilder haben alle eine sehr geringe Schärfentiefe, Full Frame in Reinkultur, ob das noch schön ist, wenn einem bei der Fahrt über eine Landstraße die Blätter der Bäume wie Weihnachtskugeln entgegenfliegen. Vieles wirkt unverständlich, das vordergründige Sounddesign unterstützt den Eindruck von Geheimnis.

Violett

Standfoto aus Violet

Etwa, wenn Jesse mit seinem Vater in einem Fastfood-Restaurant spricht und man zwar jedes noch so leise Geräusch aus Vorder- oder Hintergrund hört, die beiden aber nicht. Oder wenn Jesse eines Nachts vermutlich das Haus von Jonas Familie und seine Bewohner beobachtet, hört man nur die Töne im Haus, und als dann ein junges Mädchen innen das Fenster ihres Zimmers öffnet, hört man plötzlich die Außenatmos.

Am Ende des Films holt der Vater seinen Sohn, der nachts das Haus verlassen hat, frühmorgens irgendwo in der Siedlung ab und trägt ihn heim, während die Kamera als Subjektive die Straßen der Siedlung suchend entlangfährt und den Film in einer Wand aus Nebel enden lässt. Der Regisseur hat sehr stark auf seine artifiziellen Erzählmittel gesetzt. Sie ermöglichen es ihm trotz minimaler Inhaltlicher Entwicklung Spannung zu erzeugen, auf deren Auflösung man als Zuschauer letztlich wartet. Was steckt hinter dem Tod des Freundes?

Leider wird das Gefühl von Geheimnis am Ende nicht eingelöst, man mag das arthouse nennen, vielleicht aber auch eine Schwäche des Drehbuchs. Ein interessanter Film, dem ein wenig mehr Bucharbeit zu mehr Kraft verholfen hätte.  

 

Preisverleihung

Preisverleihung

Preisverleihung der "Luna de Valencia" an den Produzenten von "Cherry Pie" durch Jury Mitglieder Christine Repond und Chumilla-Carbajosa, das dritte Jurymitglied, Teona Mitevska musste wegen Dreharbeiten früher abreisen.

Die Entscheidungen der Jurys um den Kurzfilm- und Langfilmwettbewerb werden traditionell jeweils am Vortag der Preisverleihung gefällt um, und das ist in den Vorjahren fast immer gelungen, die Hauptgewinner, so sie nicht ohnehin in Valencia sind, um ihre Filme vorzustellen, kurzfristig einzufliegen. Insbesondere für die Kurzfilmjury, die etwa 60 Filme begutachten musste, keine leichte Aufgabe. 

Doch auch für die Langfilmjury war es nicht einfach, aus 10 ambitionierten Filmen den einen Hauptgewinner zu ermitteln, der die Luna de Valencia, eine silberne Mondsichel auf einer Treppe, erhalten wird. Am Tage der Verleihung dann werden die Entscheidungen mittags der Presse mitgeteilt. Nach Begrüßung und Danksagungen durch den Festivaldirektor führte Schauspielerin Anna Alvarez durch den Abend.

Der Spezialpreis des Festivals ging an Joachim Lafosse.

Der Hauptpreis des Festivals ging an den Schweizer Spielfilm: 

"Cherry Pie" von Lorenz Merz, eine Verleihförderung für den spanischen Kinoeinsatz. 

Eine lobende Erwähnung der Jury ging an:

"Obietnica/The Word" von der polnischen Regisseurin Anna Kazejak. 

Die Kurzfilmpreise gingen an: 

"Matka/The Mother" von Lukasz Ostalski aus Polen (Luna de Valencia), 

weitere von Sponsoren gestiftete Kurzfilmpreise gingen an:

 

"Subterráneo/Underground" von Miguel A. Carmona aus Spanien (PECERA ESTUDIO AWARD), 

"Boles" von Spela Cadez aus Slovenien (CANAL+ AWARD), 

"Bikini" von Óscar Bernàcer Martínez ausSpanien (GRUPO PASARELA AUDIOVISUAL AWARD), 

"JINGLE", der Regisseurin Marta Aledo (PREMIO PROYECTO CORTO CANAL+ - PECERA ESTUDIO)

 

Abschlusszauber

Kinosaal

Flashmob auf Spanisch: Ein tanzendes Theater...

Gegen Ende der Abschlussveranstaltung zeigten die Mitarbeiter des Festivals einen während der Festivalwoche gedrehten Film, der Gäste und Festivalteam inklusive Festivalleiter in unterschiedlichsten Situationen tanzend zeigte. 

Kaum war der Applaus im klassisch anmutenden ehrwürdigen Theater zu Valencia verklungen, erhob sich einer der Macher des Films und animierte die in Abendgarderobe doch eher zurückhaltenden Gäste im Theater dazu ebenfalls mitzutanzen, ein Unterfangen dass in einem bunt beschwingten allgemeinen Tanzknäuel endete und als ungewöhnlicher Flash-Mob sicher dem Kurzfilm hinzugefügt wird. 

Selten hat man gelöstere Abschlussveranstaltungen erlebt, spanische Gastfreundschaft und Lebendigkeit machten aus einer sonst vermutlich eher ernsteren Pflichtveranstaltung eine heitere Live-Performance. Ein so heiteres, beschwingtes und den Nachwuchsfilm gleichzeitig so ernsthaft begleitendes Festival ist bemerkenswert und ein idealer Ort sich mit anderen Nachwuchsfilmern aus der ganzen Welt zu connecten. Man kann nur hoffen, dass die Veranstalter auch in Zukunft genügend Förderer finden werden, dieses zauberhafte Nachwuchsfestival ausrichten zu können.