Anschlussfehler

Veränderungen im Bild

Immer wieder löst dieses Wort Entsetzen am Drehort oder schlimmer noch im Schneideraum aus. Von einer Einstellung zur folgenden ist etwas im Bild verändert, was jedem Zuschauer sofort auffallen wird. Stand in der Totalen noch ein Glas auf dem Tisch, so ist der Tisch in der Halbnahen leer. Das Glas wurde einfach vergessen. Peinlich. Im laufenden Film wird es nach dem Umschnitt einfach weg sein, wie von Zauberhand. Oder in der Zweier hat der Held, während er das Zimmer betritt, die Hand in der rechten Jackentasche. In der nächsten Einstellung ruht die Hand bedauerlichweise in der linken Jackentasche. Der Cutter flucht. Wie soll ich das nur zusammenkriegen?

 

Das kann den teuersten Produktionen passieren...

Im ersten Harry-Potter-Film etwa sieht man Harry nach dem Kampf mit „Du weißt schon, wer“ mit einem blutigen Kratzer am Kinn. Als ihn später Albus Dumbledore am Krankenbett besucht, ist der Kratzer verschwunden. Als Harry kurz darauf mit dem "Hogwarts Express" nach Hause fährt, ist der Kratzer wieder da. In einer anderen Szene, als Harry mit Hagrid einen Besen ersteht, gehen die beiden kurz nacheinander an den gleichen „Komparsen-Hexen“ vorbei. Und beim traditionellen Festessen zum Schulbeginn in Hogwarts sitzt Harry erst neben Ron, dann urplötzlich neben Hermine. Diese steht übrigens beim finalen Schachspiel statt auf dem weißen Schachfeld auf einem Schwarzen. Bei einem Budget von 160 Millionen Euro hätte das Team und die Continuity etwas sorgfältiger mit den Anschlüssen umgehen können.

 

Allerdings ist die Filmgeschichte voll von Fehlern, die auf Unachtsamkeit zurückzuführen sind: In „Casablanca“ (1942) stößt Humphrey Bogart ein Weinglas um. Was er aber einen Moment später wieder aufhebt ist ein Whisky-Glas! In „Angeklagt“ (1988) geht Jodie Foster mit weißen Schuhen in eine Bar. Als sie diese wieder verlässt, trägt sie dunkle Schuhe. In „Forrest Gump“ (1994) gibt es eine Szene, in der im Hintergrund ein Bügeleisen selbsttätig je nach Einstellung aufrecht steht oder flach auf dem Bügelbrett liegt. In „Good Will Hunting“ (1997) verändert die Tafel im Hintergrund während der Vorlesung mehrfach ihre Position. Originell auch Sharon Stone in „Basic Instinct“ (1992): Beim Polizeiverhör wechselt mitten in der Szene ihre Frisur.

 

Eine Kamera...

Alle Schwierigkeiten entstehen meistens nur, weil man mit einer Kamera dreht und die verschiedenen Abläufe für die unterschiedlichen Einstellungen oft mehrmals aufgenommen werden. Es könnte alles so einfach sein, wenn Filme wie Fußballspiele gedreht würden: Drei bis vier Kameras, eine für die Totalen, zwei für die Nahaufnahmen (Schuss/Gegenschuss) und eine vielleicht für die Zweier. So würde jeder Ablauf nur einmal aufgenommen, man müsste sich nie mehr merken, wie man den Ablauf bei der letzten Einstellung gespielt hat. Würde man das Geschehen auf diese Weise drehen, hätten die Akteure immer in allen Einstellungen und aus allen Blickwinkeln die richtigen Bewegungsabläufe. Und auch die Gegenstände befänden sich in jeder Einstellung an der gleichen Stelle. Genial! Beim Fußball gibt es ja auch keine Anschlussfehler. Der Stürmer kickt den Ball sowohl in der Totalen als auch in der Halbnahen mit dem gleichen Fuß und der Ball fliegt im gleichen Winkel davon.

 

Warum nur dreht man die Spielfilme nicht genauso? Nun, bei teuren, aufwändigen Produktionen kommen durchaus mehrere Kameras gleichzeitig zum Einsatz. Diese werden aber meistens aus einer Richtung verwendet. Ein entscheidendes Argument, welches gegen die Aufnahme von Spielfilmen á la Fußballspiel spricht, ist das Licht. Beim Film wird die Ausleuchtung stets für eine ganz bestimmte Kamerarichtung optimiert. Nur so kann man mit Licht und Schatten optimal modellieren. Für die Fußballvariante muss alles gleichmäßig (hell) ausgeleuchtet sein, damit jede der drei oder vier aufzeichnenden Kameras auch ausreichend Licht zur Verfügung hat. TV-Soaps wie die Lindenstraße werden übrigens so aufgenommen. Entsprechend stimmungsvoll ist die Lichtführung.

 

Viele Fehlerquellen

Beim anspruchsvollen Spielfilm muss man also auch weiterhin auf die Anschlüsse achten. Dafür sind beim Film mehrere Personen verantwortlich:

 

Continuety.gifDer Kameramann ist für die Licht-Kontinuität von Einstellung zu Einstellung, die Requisite für die Gegenstände, das Kostüm für die Kostüme und die Maske für Frisur und Make-up verantwortlich.

 

Die Continuity versucht all dies ebenfalls im Auge zu haben, vor allem aber die Positionen und Bewegungsabläufe der Darsteller. Richtungen, Blicke, Handbewegungen spielen eine große Rolle in diesem Zusammenhang. Auf den Script-Blöcken ist der große freie Bereich unterhalb der Eintragungen für die Einstellungen und Wiederholungen dafür vorgesehen, den Ablauf und die Einzelheiten aufzuschreiben, um Anschlussfehler zu vermeiden.

 

Kommentare (0)

500 Zeichen verbleiben

Cancel or