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Interview mit Nicole Ansari

 

Nicole Ansari

Nicole Ansari auf der Berlinale 2004  

Movie-College: Du machst in Deutschland hauptsächlich TV-Movies und Serien. Wie kommt man an solche Projekte heran?

Nicole Ansari: Man hat hoffentlich eine Agentur - das ist das erste. Dann wir man angefragt. Da hat irgendjemand einen irgendwo gesehen. Wenn das hohe Einschaltquoten hatte, dann wird man auch mal für ein TV-Movie vorgeschlagen. Es hat ja alles mit Einschaltquoten zu tun beim Fernsehen. Ich sag mal so, Qualität ist da nicht so wichtig. Ich hab im Theater angefangen und mach das auch immer wieder gern. Und ich habe immer wieder Arthouse Movies gemacht, jetzt gerade einen in Mexiko. Fernsehen in Deutschland läuft aber so ab: wenn ein Redakteur denkt, dass du jetzt gerade mal in bist, bist du gefragt.

Movie-College: Hat sich das gewandelt über die Jahre, was für Rollen gefragt sind, bzw. für welche Rollen man angefragt wird?

Nicole Ansari: Vor zehn Jahren wurde ich nicht gefragt, ob ich eine Mutter spielen will, jetzt spiele ich auch Mütter. Mit zwanzig gibt es zwar auch Mütter, aber seltener. Das ist schon ein Unterschied.

Movie-College: Ganz Deutschland ist zur Zeit ja in einer großen Jammerphase, dass nichts produziert wird, dass Fernsehsender knappe Haushalte haben… Ist davon etwas zu spüren von Deiner Seite her? Ist es schwieriger für Schauspieler an Aufträge heran zu kommen?

Nicole Ansari: Da ist auch eine ganz große Krise. Die Leute, die damals Kino gemacht haben und A-Liste, machen jetzt die Fernsehfilme. Die, die Fernsehfilme gemacht haben, machen jetzt die TV-Movies. Diejenigen, die damals TV-Movies gemacht haben, machen jetzt die Serie. Die, die damals die Serie gemacht haben machen jetzt die Soaps. Obwohl, die Soapstars bleiben immer die Soapstars. Die machen also jetzt "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" Es ist ganz klar spürbar. 

Ich habe ein paar Serien und TV-Movies, die ich schlecht fand, abgelehnt und dann war erst mal ein Jahr lang nichts. Und das ging genau im Moment der Krise los. Ich bereue nicht, dass ich das abgesagt habe, denn irgendwann fragt man sich ja auch, was mach ich eigentlich hier? Das ist alles Zeit von meinem Leben, was mir da verloren geht. Ich spreche schlechte Dialoge, arbeite nur auf mittelmäßigem Niveau. Will ich eigentlich so meine Zeit vergeuden? 

Da bekomme ich lieber ein Kind und bin glücklich und mach andere Dinge: fange an zu schreiben, mache eine Yogaausbildung. Ich habe mein eigenes Projekt letztes Jahr verwirklicht und versucht aus der Krise etwas Kreatives zu machen. Nämlich, mir die Sinnfrage zu stellen: Warum mach ich das eigentlich? Ich muss nicht unbedingt ein TV-Star werden. Lieber sind mir kleiner Projekte, die ich vom künstlerischen Standpunkt her vertreten kann, wo ich sage, da steh ich hinter. Das mache ich gerne. Das Leben ist eben echt zu kurz.

Movie-College: Es ist ja so, dass das Schauspielfach total überlagert ist. Es kann sich jeder heutzutage zum Schauspieler erklären und im Filmgeschäft anfangen. Das wird ja auch immer häufiger gemacht. Wenn man sich einmal auf der Berlinale umschaut, gibt es viele Darsteller, die das zum ersten Mal gemacht haben, direkt von der Straße weggecastet wurden. Ärgert das eigentlich einen Schauspieler, der das von der Pike auf gelernt hat, dass solche Leute in größeren Projekten vertreten sind? 
Am Beispiel von der Hauptdarstellerin in Fatih Akins "Gegen die Wand", die ja tatsächlich auf der Straße entdeckt wurde. Das ist ja keine Genugtuung, für jemanden, der es gelernt hat, wenn ein anderer, der es nicht gelernt hat, einem die Rolle wegnimmt.

Nicole Ansari: Ich sehe das immer vom Qualitätsstandpunkt. Wenn jemand gut ist, dann sage ich ‚Bravo!'. Derjenige hat Glück gehabt, aber auch gepaart mit Talent, Können, Offenheit und Integrität. Ich hätte mich auch gefreut, wenn mich damals jemand von der Straße weggecastet hätte und ich hätte es auch ungerecht gefunden, wenn dann jemanden gesagt hätte: ‚Du blöde Göre, du bist ja nur eine Schuhverkäuferin.' Das ist dann in Ordnung. Es gibt ja auch genug Schauspieler, die es gelernt haben und trotzdem nichts können.

Was ich schlimm finde, und wo ich echt sauer werde, ist, wenn Leute, die eigentlich kein Talent haben, plötzlich so gepuscht werden, weil sie besonders blond sind, oder besonders dünn, besonders sexy. Manchmal auch besonders hässlich. Es muss ja nicht immer nur die eine Seite sein. Dann ärgere ich mich. Das sieht man ja leider auch viel zu oft, Es gibt eine deutsche, mittlerweile Schauspielerin, die erst Moderatorin war. Als sie damals anfing, gab es da so eine Preisverleihung. Dort sagte sie mit Schnatterschnauze: ‚Ja und jetze für den nächsten Preis, da freue ich mich, denn die Schauspielerin hat das nie gelernt, äääähhhmm, so wie ich, und da freu ich mich besonders, also weil äh äh, die kriegt den ersten Preis als beste Darstellerin.' Da haben alle hochgradigen Schauspieler ‚Buh' gerufen und das hat mich echt gefreut. Da saß ich da und habe gedacht: ‚Das hast du nicht anders verdient Mädchen.' Die kann vielleicht mittlerweile was und hat auch was gelernt, aber dann bin ich sauer, wenn Leute mit einem Nicht-Können das schaffen, weil sie Glück gehabt haben, weil irgendjemanden an sie glaubt aus irgendwelchen doofen Gründen. Einschaltquoten laufen wie gesagt ja nicht unbedingt nach Qualität.

Movie-College: Du lebst in Amerika. Dein Mann ist auch Schauspieler und spielt in größeren Projekten mit. Was ist der größte Unterschied, da in den USA die Trennung zwischen Fernsehen und Kino klarer verläuft. Wenn man sich für ein Fach entscheidet, ist man darauf fast schon festgelegt. Was ist da der größte Unterschied zu dem deutschen Film- und Fernsehmarkt?

Franta

Nicole Ansari 

Nicole Ansari: Der größte Unterschied ist erst einmal, dass da viel mehr Filme gemacht werden. Wenn hier Leute nur Kino machen, dann haben sie nicht so viel Arbeit, weil für das Kino nicht so viel produziert wird. Wenn man in Amerika im Movie-Business ist, werden da immer viele Filme gedreht und dann ist es da natürlich gegeben, dass man immer wieder Arbeit hat. Das hat sich in Amerika aber auch ziemlich vermischt in letzter Zeit. Viele Stars machen Gastauftritte in Serien, wie "Sex and the City", "Frasier", "Friends", "Six Feet under". In den besseren Serien, nicht so etwas wie "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten", da würden sie nicht als Gaststar auftreten. Das ist schon Gang und Gebe mittlerweile und viele Stars haben den Absprung geschafft, als sie gemerkt haben, dass ihre Karriere nicht mehr auf so einem Level ist, wie früher. Die haben dann eine Serie gemacht, wie Kiefer Sutherland. Ich habe letztens Joely Richardson getroffen, die Tochter von Vanessa Redgrave. Sie hat gesagt, dass sie heilfroh ist, dass sie di Serie "Nip/Tuck" jetzt macht. Die läuft hier noch nicht, ist aber ziemlich großartig. Sie hat früher Filme gemacht, und dann sagte ihr Manager: ‚Hör mal, du hast diese Serie in Florida angeboten bekommen.' Sie meinte darauf: ‚Ich kann doch keine Serie machen.' Da sagte er: ‚In England läuft nichts, es wird nichts gemacht. Du sitzt hier auf heißen Kohlen.' Sie hat dann die Serie gemacht und Glück und Erfolg damit gehabt. Das kann natürlich auch den Bach runtergehen.

Movie-College: Wenn man als Schauspieler nach Amerika kommt und sich da etablieren will, wie kann man da am besten vorgehen? Wie ist es Dir ergangen?

Nicole Ansari: Wenn du eine Lösung gefunden hast, dann sag es mir! Das Einfachste ist, wenn man wie Franka Potente im eigenen Land ein Star ist und quasi von dort das Geld mitbringt. Dort werden dann Koproduktionen gemacht und gefragt, wer der größte Star in Deutschland ist? Franka Potente. Ja, die kann mitmachen, dann machen wir die Postproduktion dort… Das hat dann natürlich alles mit Verträgen zu tun. Es ist das Glücklichste, was einem passieren kann. Wenn das nicht der Fall ist, muss man hin und sich durchschlagen, wie andere Schauspieler auch - an deinem Akzent und vor allem an deiner GreenCard arbeiten. Ohne GreenCard geht gar nichts. Ich bin zwei Mal gecastet worden, bin aber kein Star hier wie Franka Potente und da hat man die die GreenCard nicht durchbekommen. Einmal für ein ganz tolles Theaterprojekt und ein zweites Mal für einen Film. Da gab es fünf Arbeitsbewilligungen, die sie für den ganzen Film bekommen haben und meine hat jemand anderes bekommen. Das ist sehr schwer. Es gibt kaum jemanden, der das so geschafft hat.

Movie-College: Du hast sehr viele Fähigkeiten und bist dermaßen vielseitig in deinen Interessen. Du machst sehr viel Sport, Musik, du tanzt. Ist es sehr wichtig für einen Schauspieler in vielen Dingen bewandert zu sein? 

Nicole Ansari: Ich weiß nicht, wie das für die anderen ist, aber bei mir kommt das völlig natürlich. Ich hab mich schon immer für Yoga interessiert. Schon als ich ein Teenager war, bin ich nach Indien. Es hat mich völlig fasziniert und so war die Schlussfolgerung: Aha, das ist meine Leidenschaft. Ich habe dann eine Ausbildung gemacht und angefangen in London zu unterrichten, was mir sehr viel Spaß gemacht hat und was sehr erfüllend war. 
Es gibt noch Dinge, die nicht mit Ego und Eitelkeit zu tun hat, warum man den Beruf macht. Und das ist die naive Vorstellung, dass das was man tut auch irgendwie die Welt verändern kann, die Leute anregen kann zu denken, und so weiter. Das finde ich unabdingbar am Anfang - diese gewisse Naivität und Blauäugigkeit. Ich habe das ein paar Mal erlebt, am Theater, als ich mit Ariane Mnouchkine gearbeitet habe in Paris. Da hatte ich das Gefühl gehabt: ‚Ja, das macht jetzt echt Sinn was wir hier machen'. Es war hochpolitisch und hat Leute aufgewühlt. Wir wurden dann auch verboten mit dem Stück. Wenn so etwas passiert, dann ist das großartig. Im Film passiert das auch, aber seltener. Der Film mit Mathias Allary ist so einer, wo man einfach sagen muss ‚Wow - der ist künstlerisch einfach wertvoll, da wird etwas angesprochen, was nicht nur die Oberfläche berührt.' 
Als ich angefangen habe Yoga zu unterrichten war das von der allerersten Klasse an da. Ich stand da und sah die ganzen Menschen, die alle gestresst waren und habe sie gefragt was denn los ist und woran wir arbeiten könnten. Und sie sagten, dass sie mentale oder Rückenprobleme haben. Und sie gingen raus nach eineinhalb Stunden und haben so ein offenes Gesicht und plötzlich so eine Ruhe in sich gespürt. Da hab ich gedacht, das ist eigentlich das, was ich mit dem Schauspiel schaffen wollte. Nicht unbedingt immer nur Entspannung, darum geht es jetzt gar nicht, sondern dass sich etwas bei dem Menschen getan hat, mit dem, was ich ihm gegeben habe, dass ich irgendetwas dazu getan habe, dass das Rad jetzt besser läuft.

Nicole Ansari

Nicole Ansari  

Movie-College: Du hast ja von Regisseuren gesprochen und ihrem künstlerischen Einfluss. Wie wichtig ist ein Regisseur für einen Schauspieler? Wichtig bei der Arbeit oder auch auf dem Lebensweg, weil man ja mit jedem Film mitwächst

Nicole Ansari: Total wichtig. Wenn man Glück hat, dann trifft man Leute auf seinem Weg, die so eine Art Mentor für einen werden. Ich habe das immer geschätzt und auch ein paar Mentoren getroffen. Das waren u.a. Regisseure, und zum Teil Schauspiellehrerinnen. Wenn ich jetzt zurückschaue auf meine Arbeit, sehe ich, dass da ein ganz großer Einfluss war. 
Ein Regisseur ist absolut unabdingbar für einen Schauspieler. Wenn ich jetzt auf einen Regisseur treffe, der es versteht einen Schauspieler zu führen und zu dem ich Vertrauen habe, dann gebe ich mich voll in seine Hand. Das ist manchmal ganz schöne gefährlich, denn wenn der Regisseur nicht so großartig ist, wie man das gerne hätte, dann kann das auch schief gehen. Aber das ist das Risiko, das man eingehen muss. Man kann deswegen nichts zurückhalten und sagen ich bin mir nicht sicher, der kann das nicht richtig. Klar eine gewisse Distanz muss man haben, sonst wirst du wahnsinnig. Aber ab einem bestimmten Punkt muss man sich total darauf einlassen und die Vision und den Weg mitgehen. 
Wenn es ein guter Regisseur ist, dann schafft er es einfach das Beste aus seinen Schauspielern und vom ganzen Team herauszuholen. Das ist auch seine Aufgabe.

Movie-College: Es gibt ja verschiedene Extremfälle in dieser Ergebenheit zu dem Regisseur. Ich habe bei der Berlinale ein Beispiel gehabt, da hat sich eine Darstellerin bereit erklärt, 20 Kilo abzuspecken, weil sie eine magere Frau spielen sollte - "Primo Amore". 
Und sie hat gemeint, dass dieser Film sie auch als Mensch sehr stark verändert hat, sie reifer geworden ist und ganz anders darüber denkt über das Leben. Ist es auch schon mal bei dir vorgekommen, dass du nach einem Film als Mensch dich verändert hast?

Nicole Ansari: Das ist mir bei dem Theaterstück Alma, von Joshua Sobol, passiert. Das haben wir begonnen bei den Wiener Festwochen. Paulus Manker hat Regie geführt. Das wurde dann auch gefilmt. Es waren wirklich Extremsituationen, denn wir haben abends immer sehr lange Vorstellungen gehabt - dreieinhalb Stunden. Es war etwas Besonderes, da die Zuschauer mit den Schauspielern durch verschiedene Räume gehen, das heißt ich spiele nicht Theater auf der Bühne, sondern ich spiele wirklich so. Hier wären jetzt Zuschauer um uns herum, und wir unterhalten uns, als ob wir nicht spielen. Eher wie Film. 
Jede Szene war von Joshua Sobol so konzipiert, als wäre die Szene ein ganzes Stück. So dass man egal, wo man als Zuschauer dazukam, weil es Parallelszenen gab, immer wieder Anschluss fand. Nicht: ‚Oh Mist, ich habe die ersten beiden Szenen verpasst', man konnte immer wieder einsteigen. Du hast als Schauspieler dann nicht einen großen Bogen den ganzen Abend lang gespielt, sondern du hast jede Szene einen Bogen gehabt, mit Einleitung, Höhepunkt, Schluss. Jede Szene ging es um die Wurst. Leben, Tod, Schmerz…
Das ist anstrengend gewesen und danach waren wir immer fertig, und dann ging das Drehen los - die ganze Nacht, manchmal bis zum nächsten Morgen, um 9, 10 Uhr. Dann wurde alles verdunkelt, wenn die Sonne kam. Es war irgendwann so, dass alle schützenden Mauern, die man so um sich hatte, alle Vorsicht weg war, vor lauter Müdigkeit und Erschöpfung. Da sind dann ganz tolle Sachen entstanden, die man als Schauspieler dann nicht mehr gespielt hat, sondern die so entstanden sind. Nicht dass ich jetzt auf Ewigkeit so arbeiten möchte, denn das lässt einen ja auch altern.

Movie-College: Gibt es ein Rezept, dass du dir über die Jahre hin angeeignet hast, wie man Rollen erarbeitet? 
Beim Film kommt ja noch dazu, dass man nicht chronologisch dreht, man springt zwischen verschiedenen Szenen in der Handlung hin und her. Dabei kann man sich wahrscheinlich nur schwer in eine Rolle einfühlen und in deren Entwicklung. Wie kommt man damit zurecht, wenn man nicht mit der Rolle wachsen und sich mitentwickeln kann, vom Anfang bis zum Ende.

Nicole Ansari: Es ist schon so, dass man vorher die Arbeit machen muss, von vorne bis hinten. Man muss vorher schon emotional, alles was im Drehbuch; der Geschichte vorkommt, innerlich gelebt haben. Und man musst wissen, wo du, bzw. die Figur damit hin will, so dass man nicht überrascht ist: ‚Oh, jetzt kommt das! Wie machen wir das denn jetzt?' Das muss vor dem Dreh schon passieren, so dass es eine Verwurzelung in einem selbst gibt, dass es dann auch parat ist, wenn es dran kommt. 
Es gibt kein Rezept. Ich habe in Deutschland studiert und bin dann nach Amerika gegangen, nachdem ich zwei Jahre in Zürich gespielt hatte, weil ich unglücklich war. Mir ging das alles nicht tief genug. Ich wollte lernen, wie ich die emotionale Bindung schaffen kann. In Amerika habe ich am Actor's Studio studiert, und Method Acting gemacht, wo es wirklich darum geht, dass du der Charakter bist. Dann gibt es auch keine Distanz mehr. Das kann einen ganz schön fertig machen. 
Dann kam ich nach Deutschland zurück und habe einen Fernsehfilm gemacht und landete in Frankreich beim Théâtre du Soleil von Mnouchkine, nach einem Marathonvorsprechen von drei Monaten. Bei der zweiten Improvisation, habe ich Method Acting, das sehr realistische, angewandt, und darauf hat die mich angeschrieen: "Hör auf mit dem blöden Realismus. Das hasse ich und wenn du das noch mal machst, kannst du das Gebäude sofort verlassen." Ich war völlig verstört, weil ich dachte, dass es darum doch die ganze Zeit ging. Das, was ich gelernt hatte, war da plötzlich völlig out. 
Théâtre du Soleil arbeitet mit großen Kunstmitteln, mit Masken, mit sehr vielen orientalischen Einflüssen… Ich war total fertig und habe ein paar Tage gar nicht gewusst, was ich machen soll, bis ich dann mit ihr gesprochen habe. Dort geht es um etwas anderes, um etwas Künstlerisches, um eine Kunstform, nicht um Realismus. Ich habe mich darauf eingelassen und es war wieder etwas völlig anderes. Ich war vorher mit dem Method so sehr verbunden, dass ich dachte, man kann gar nicht mehr anders arbeiten. Man muss das Tier des Charakters finden und die Kindheit rekonstruieren und das macht man dann auch. 
Bei irgendetwas hatte ich aber dann keine Zeit mich vorzubereiten und habe mir einen Kopf gemacht, bis ich dann alles über den Haufen warf. Ich hab das Drehbuch noch mal nach Instinkt gelesen und gemerkt, dass mein Ding Instinkt ist. Wenn die Rolle etwas mit mir zu tun hat, dann saug ich das auf wie ein Schwamm und der Instinkt führt mich dann auch in die richtige Richtung, wo ich beim Arbeiten einfach nur sein muss. 
Method hat etwas als Fundament gebracht, um die Tür aufzumachen zu dem emotionalen Werkzeug. Aber dann muss man es wegwerfen, sonst wird es Arbeit und ich sehe das immer wieder bei Leuten, die Method benutzen. Da sieht man, dass sie arbeiten. Aber das kann ja nicht der Sinn sein vom Spielen, dass andere erkennen, dass man sich abrackert.

Franta

Nicole Ansari als Mascha in "Franta"  

Movie-College: Das ist ja so eine zweischneidige Sache. Es gibt Regisseure, die das Realistische wollen und andere wieder nicht. Muss man denn als Schauspieler alles persönlich erlebt haben, was man später auch darstellt, oder gibt es auch Dinge mit denen man nichts anfangen kann, sich aber trotzdem irgendwie aneignet. 
Das emotionale Werkzeug, wie Du das gesagt hast, entsteht ja vor allem durch die eigene Erfahrung. Wenn das jetzt vollkommen fehlt, worauf greift man dann zurück?

Nicole Ansari: Auf das "Was wäre wenn?" Was wäre wenn ich als Kind vergewaltigt worden oder auf den Strich gegangen wäre? Was wäre dann aus meinem Leben geworden? Wie hätte ich mich emotional dazu verhalten? Was wäre, wenn ich aus irgendeinem Grund angefangen hätte zu morden und plötzlich Lust daran empfunden hätte? Was wäre wenn ich zur Serienmörderin werde, weil es das einzige ist, was mich spüren lässt? Oder  wenn ich ganz arm wäre und auf der Straße leben müsste? 
Meine Lehrerin am Actor's Studio hat immer gesagt, dass der Mensch bis zum Alter von 25 emotional alles erlebt hat, was er erlebt haben muss, um etwas darzustellen. Und es muss auch nicht das sein, was man dann auch darstellt. Das wäre ja absurd. Anthony Hopkins hat ja auch nicht erst Leute umgebracht, bevor er Hannibal Lector spielen konnte. Außerdem wird damit etwas reduziert auf das eigene Erlebnis. 
Es gibt Leute, die denken, dass Schauspiel so läuft, dass man alles in dem Moment erleben muss. Das ist für mich dann aber keine Kunst mehr. Da kann man irgendjemanden nehmen, der ein bisschen offen und ein bisschen masochistisch veranlagt ist. Den in die Hölle führen und sagen, das ist jetzt großartige Kunst. Was ja auch schon in ein paar Filmen passiert ist. Was auch debattiert wird. Ist dieser Mensch oder dieser Schauspieler, diese Schauspielerin jetzt großartig oder ist er nur zu Tode gequält worden vom Regisseur? Ich finde, dass man das sehen kann, ob jemand eine künstlerische Distanz trotzdem bewahrt.

Movie-College: Das ist auch das, was wir schon besprochen haben. Die Tendenz besteht Menschen von der Straße zu nehmen, die in die Rolle passen, die im Leben diese Rollen sind, aber nicht die Facetten aufweisen. Und dadurch der Beruf des Schauspielers in der Öffentlichkeit etwas entwertet wird.

Nicole Ansari: Ja, das ist eine große Tragik, die passiert, auch durch das ganze Reality-Zeug, dass mittlerweile jeder ein Superstar sein will. Es geht ja nur noch darum irgendwie ins Fernsehen zu kommen, oder irgendwie im Rampenlicht oder im Scheinwerferlicht zu stehen. Hauptsache die anderen sehen mich und jubeln - dann bin ich lebendig. 
Star sein auf Populärniveau ist jetzt die Tendenz, die hoffentlich nicht lange anhält. Das kann ich mir auch nicht vorstellen. Wenn jemand von der Straße kommt und sich nicht weiterentwickelt. Es gibt Leute, die werden entdeckt und entwickeln sich dann weiter. Das ist okay. Aber die Leute, die das nicht tun, die werden diesen Weg nicht weitergehen können. Das war dann eben nur eine Sternschnuppen, die verbrennt.

Movie-College: Der Film "Die Spielwütigen" hat auch so etwas thematisiert. Das Auswahlkriterium lag dabei, dass die Studenten diese Leidenschaft, diese Unbedingtheit mitbringen mussten. Man wird nicht von heute auf morgen Star, man muss sich das über Jahre erarbeiten. Diesen Traum zu leben, Schauspieler zu werden. Ist es für einen jungen Menschen, der zum Theater oder zum Film will der einzige Weg über die Ausbildung zu gehen, oder kann man heute auch sagen: ‚Geh in eine Agentur, sprich da vor und versuche den Weg außerhalb der Schule'. Oder eher: Leidenschaft, aber bitte mit Schauspielschule?

Nicole Ansari

Nicole Ansari 

Nicole Ansari: Da teilen sich auch die Wege. Ich bin auch jemand, der die Schauspielschule nicht von A bis Z durchgemacht hat. Ich hab immer wieder eine Ausbildung gemacht, aber nicht in dem Sinne, dass ich auf die Ernst-Busch und da vier Jahre geblieben bin und dann hatte ich die Ausbildung. Ich fing an in Hamburg auf eine Privatschule, wo ich rausgeschmissen wurde oder wo ich mich rausschmeißen lassen habe, weil ich da nicht weiter sein wollte. Ich habe damals von Reiner Müller "Quartett" gespielt, auf eine sehr moderne Art und Weise - "Sex, Drugs and Rock'n Roll" - wir haben damit sehr provoziert. Ich habe Regie geführt und auch gespielt. Das war zu schockierend für die Lehrer, weil es eine Musicalschule war und wir da nur "Singing in the rain" und Tapp-Dance gemacht haben und ich kam dann mit dieser Aufführung. Ich glaub da war ihre Leidenschaft für mich erloschen. Jetzt lach ich mich darüber tot, aber damals war ich 18. Ich wurde zum Direktor gerufen und dieser hat gemeint, dass es wohl nicht die richtige Schule für mich ist. Da hab ich gesagt: ‚Das stimmt!' - ‚Dann gehst du doch lieber!' - ‚Ja, dann geh ich lieber.' 
Danach bin ich im Grunde von der Straße entdeckt worden und fing im Theater an, unter anderem in Zürich, wo ich zwei Jahre gespielt habe. Ich habe also eine halbe Schauspielausbildung hinter mir, aber keine volle. Ich merkte, dass ich noch an mir arbeiten muss. Ich langweilte mich immer wieder das Gleiche zu spielen. Eigentlich macht das ein Schauspieler von allein und muss es auch machen: jeden Tag etwas Neues lernen. Auch bei der gleichen Rolle muss und kann man tagtäglich immer wieder etwas Neues entdecken. Immer wieder das gleiche Stück zu spielen, ist die Kunst. Es einmal toll hinzubekommen, eine tolle Improvisation kann auch ein Laie. Kunst ist das immer wieder herstellen zu können bei jedem Take, bei jeder Aufführung immer wieder auf dem Punkt zu sein. Das konnte ich nicht. Deswegen bin ich nach Amerika und habe da zwei Jahre studiert und mir geholt, was mir fehlte. 
Aber wie gesagt, ich bin eine von denjenigen, die auf halben Weg entdeckt wurden. Ein gewisses Talent und die Spielwut waren auf jedem Fall da. Ich war wie ein Rohdiamant, völlig ungeschliffen und deswegen habe ich mich gelangweilt. Nach ein paar Vorstellungen dachte ich mir: ‚Man, die wollen das ihr Leben lang machen, immer wieder das Gleiche, das ist ja voll langweilig.' Jetzt ist es tatsächlich so, dass ich nach der 30. Vorstellung noch etwas Neues entdecke und etwas perfektionieren will. Das ist der Unterschied. 
Die Tochter einer Freundin von mir hat in England eine Soap gemacht und man hat sie wirklich gepusht. Dann wollte sie weitermachen, aber man hat ihr gesagt, dass sie lieber erst einmal auf eine Schule solle. Sie könne nebenher weiterarbeiten, solle sich aber ein Fundament aufbauen. Wenn sie fällt, hat sie dann ein Netz, das sie auffängt. Wenn man als Laie fällt, gibt es kein Netz. Man hat dann nur seine Naivität, seine Offenheit, ein bisschen Talent und seine Leidenschaft mitgebracht, aber kein Werkzeug. Das reicht dann doch nicht für eine ganze Karriere. 
Man muss als Schauspieler, wenn man den Beruf wirklich liebt, auch auf lange Sicht denken. Es geht nicht darum jetzt sofort ein Star zu sein, obwohl sich das jeder wünscht, auch wenn er so tut, als sei das nicht war. Um noch einmal darauf zurück zu kommen: eine Schauspielerin aus New York mit der ich zusammen gearbeitet habe, hat immer gesagt: Wenn du etwas anderes machen kannst, dann mach es. Weil sie meint, dass es eigentlich eine Qual ist Schauspieler zu sein. Als Frau ist es noch viel schlimmer, weil es immer mit Aussehen zu tun hat. Bei Männern ist das nicht so schlimm, da es viel mehr Rollen für Männer gibt, und es erlaubt ist hässlich zu sein und müde. Man geht jeden Tag raus mit dem Wunsch ‚Jetzt klappt es aber, jetzt geh ich auf das Casting und treffe Woody Allen und das wird ganz toll.' Und dann wird man an der Tür schon abgelehnt. Sie haben schon jemanden gefunden, oder man ist gar nicht blond, oder so klein… 
Wenn du schreibst, was ich jetzt angefangen habe, produzierst du etwas. Das können sich die Leute anschauen, aber es ist nicht immer dein Körper. Denn wenn du als Schauspieler abgelehnt wirst, dann bist es du. Klar hat es mit der Rolle zu tun und so weiter, aber trotzdem ist es dein Körper, deine Stimme oder dein Augenaufschlag. Vor ein paar Monaten habe ich ein Kurzfilm gedreht, den ich geschrieben und wo ich auch Regie geführt habe. Dabei habe ich etwas über die Schauspielerei kapiert. Als Schauspieler hat man meistens das Gefühl, man könne alles spielen. Aber als ich jetzt selbst gecastet habe, merkte ich, dass das gar nicht stimmt. Es stimmt oder es stimmt nicht für die Kamera, und das hat nicht immer unbedingt etwas mit dem Talent zu tun. Es gibt vielleicht jemanden, der hat etwas weniger Talent, stimmt aber eher für die Rolle. 
Es ist beim Film schwer zu sagen, wenn jemand von der Straße weggecasted wird, ist das ungerecht. Nicht unbedingt, weil es da vielleicht gerade gestimmt hat. Und Fünfzehnjährige oder jünger, die auf der Schauspielschule waren und voll ausgebildet sind, findet man nicht. Und dann gibt es auch Leute, die behaupten, dass die Schauspielschulen das Talent nur versauen. Es gibt Regisseure, die wollen nicht mit ausgebildeten Schauspielern arbeiten, weil sie verschult worden sind. Ich weiß, was sie damit meinen, weil man jungen Leuten oft ansehen kann, auf welcher Schule sie waren. Und das kann ja auch nicht eine Ausbildung sein - das ist Ernst-Busch, das ist Max-Reinhardt… Das sollte man ja nicht sehen.

Nicole Ansari

Nicole Ansari 

Movie-College: Du kennst ja beide Seiten. Du hast beim Theater angefangen, machst aber auch Filme und Fernsehen. Was sind die größten Unterschiede für einen Schauspieler bei der Darstellung? Und ist es für das Theater nicht noch viel dringender, dass man eine Ausbildung als Grundhandwerk braucht, in Bezug auf Stimmbildung, Präsenz und Haltung…

Nicole Ansari: Absolut. Wenn jemand zum Theater will, sollte er unbedingt eine Ausbildung machen. Du weißt sonst gar nicht, wie gehst du über die Bühne, wie öffnest du dich zu den Schauspielern, wie bediene ich 350 Leute in einem Saal, wie bediene ich 3000? Wie muss ich meine Stimme einsetzen, so dass sie drei Stunden hält? Diese Sachen muss man einfach lernen. Man muss auch eine gewissen Bildung haben, die Klassiker kennen… 
Früher war es ja vor allem in England noch so, dass die älteren Schauspieler die jüngeren an die Hand genommen und denen das Handwerk gezeigt haben. Leider ist das verloren gegangen. Ich weiß auch gar nicht warum. Und jetzt ist es so, dass sich jeder selbst ein bisschen durchwurschtelt, vielleicht auch durch den Film, weil sich die Leute nicht mehr nur auf das Theater konzentrieren. Früher hat ein Schauspieler erst kleine Rollen gespielt, irgendwann dann die Rolle des Romeo, dann Hamlet… und ist stufenweise aufgestiegen. Heute hat das gar keine Richtung mehr. 
Beim Film braucht man vielleicht nicht unbedingt eine Ausbildung. Es muss das Talent da sein. Der iranische Filmemacher Abbas Kiarostami arbeitet sehr viel mit Laien und macht großartige Filme. Es gibt aber Rollen, die er nie mit Laien besetzen würde, die können nur Schauspieler. Wenn es um eine gewisse Differenzierung oder Vielschichtigkeit geht, kann das ein Laie nicht bedienen. Dann gibt es aber wieder Dinge, die ein Laie besser kann, als ein Schauspieler.

Movie-College: Es stehen ja vor allem auch immer junge Schauspieler vor einem Konflikt. Sie wollen Kunst machen und suchen nicht unbedingt den schnellen Erfolg. Dann kommen aber Angebote von Daily Soaps. Soll man die annehmen und damit in eine gewisse Schiene hineingeraten, oder ablehnen. Wenn man zuviele Angebote ablehnt, ist man ja auch gleich wieder weg. Kannst du da einen Tipp geben, welchen Weg man gehen soll?

Nicole Ansari: Mir ist das so passiert, dass ich am Anfang in die Sexy-Ecke hineingerutscht bin. Habe dann aber gesagt ‚Das will ich nicht' und mich drei Tage vor Drehbeginn verabschiedet. Der Regisseur hatte mir etwas versprochen, was er nicht halten konnte. Man wollte dann doch wieder Arsch und Busen sehen, obwohl es wochenlang besprochen wurde, wie wir das machen wollen. Ich wollte das nicht machen und hab gesagt, dass sie sich jemanden anderes suchen müssen und das haben sie dann tatsächlich gemacht. 
Ich bereue nicht, dass ich da Nein gesagt habe. Es war schmerzhaft, weil es eine große Rolle war und ich danach sicher mehr in Deutschland hätte machen können, aber was hätte ich machen sollen? Es ist tatsächlich so, dass, wenn man zu viele Sachen absagt, wie ich das gemacht habe, dann erst einmal allein dasteht. 
Das ist auch einem Regisseur passiert, den ich kenne. Er hat nur erstklassiges Fernsehen machen wollen, hat ganz viele Sachen abgelehnt und dann kam die Krise und mit ihr nichts mehr. Das gibt es bei Regisseuren wie bei Schauspielern. Dann kommen Gerüchte: Die ist schwierig, die wollte sich nicht ausziehen. Es hat nichts mit Nacktheit zu tun, denn das ist eine Sache, die kann ab und zu richtig stimmen. In Fatih Akins Film zum Beispiel war viel nackte Haut zu sehen, aber das hat gar nicht gestört, weil es richtig war. Es gab einen künstlerischen Grund, es hatte gestimmt.

 

Das Interview wurde geführt von Bogdan Büchner, Berlinale, 13.02.2004

 
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