MC: Wie sind Sie auf die Idee zu dem Film gekommen? Was war die
Hauptmotivation?
CP: Es gab mehrere. Ich hab jetzt schon mehrere Jahre in der Prignitz
Filme gedreht und mich beschäftigt das immer noch. Wie kann man in
einer Gesellschaft der die Arbeit ausgegangen ist , der die Indentität
dadurch auch ausgeht -denn was wir machen sind wir-, wie kann in
dieser Gesellschaft gelebt, geliebt werden. Das zu untersuchen steht
so ein bißchen als Thema über all diesen Filmen in den letzten
Jahren. Und Jerichow ist Einer in dieser Reihe.
MC: Der Bezug zu "Wenn der Postmann zweimal klinget"
ist der während der Entwicklung entstanden oder war das von
vornherein klar, dass Sie ihre Version der Geschichte erzählen
wollten.
CP: Es war so, dass bei Yella der Hans Fromm mit dem ich
zusammenarbeite, der redete über den Klassenkampft im amerikanischen
Kino. Er meinte, dass "The postman always rings twince" ein
Klassenkampf für ihn ist und da hatte er völlig recht. Da haben wir
dann drüber gesprochen, und wir drehten gerade "Yella" in
der Prignitz, so hat sich in die Prignitz die Geschichte von dem Cain
hineingearbeitet und hat den nächsten Film, also "Jerichow"
angestoßen.
MC: War das dieses Mal wieder so? Haben Sie wieder eine Filmidee
die aufgrund des letzten Films entstaden ist?
CP: Ja, das ist dort passiert, weil ich dort in der Nähe eines
Krankenhauses gewohnt haben, ein Krankenhaus, das nun leer steht in
der ehemaligen DDR, und da mit Ärtzen sprach und da gings darum, Ärtze
die flüchten wollten in den 70er Jahren, weil das ärztliche
Schweigegelübte unterminiert und mißbraucht worden ist und die
wollten fliehen. Über diese Flucht von DDR-Ärzten Ende der 70er
Jahre, darüber wollte ich meinen nächsten Film machen.
MC: Interessant. Sie scheinen ja gar keine Angst vor dem Drama
zu haben. Finden Sie, dass wir das Drama brauchen?
CP: Erstmal hat man natürlich Angst vor Drama, das ist kein
Selbstzweck. Und zweitens tauchen, wenn man bei AMAZON eine DVD
bestellen will, ja immer die Kategorien auf: Drama, Action, Anspruch
und wie das alles heißt, letztendlich ist alles Drama. Ich war
letztens mit der Kleinen in dem neuen Coen-Brüder Film, der ja eine
Farce ist, aber er ist ein Drama, da kann man machen was man will.
Heile Welt ist es auch nicht. Also ich denke das Drama ist das Grundsätzliche
im Kino und Film.
MC: Das stimmt natürlich. Die erste Szene, in der die Männer
ihr Geldeintreiben wollen, hat für mich nicht so richtig
hineingepasst. Ich war erst unsicher, was da auf mich zukommt, wird
das jetzt tatsächlich ein Gangsterfilm?
CP: Das war so geplant. Ich mag das in letzter Zeit nicht mehr, dass
ein Film von Anfang an erstmal eine Welt errichtet und dann in dieser
Welt sein Drama vollzieht und dann verlassen wir diese Welt wieder.
Mir kam das alles so Pillepalle 50er Jahre vor. Ich dachte mir, wenn
wir das Ende eines anderen Films sehen und mit einem Überlebenden aus
diesem Film geht jetzt die nächste Geschichte weiter. So hatte ich
mir das gedacht. Und so sieht man das Ende einer Männerfreundschaft,
das Ende einer Geschäftsbeziehung und das Ende eines Gangsterfilms
vielleicht sogar und ein Überlebender aus diesem Gangsterfilm
schleppt sich verwundet in eine neue Geschichte hinein und versucht
sein Leben nochmal zu leben. Daraus bezieht die Figur von Benno Führmann
ihre Energie.
MC: Wie nähern Sie sich einer Vision an? Wie sind die Schritte
wenn Sie eine Idee haben?
CP: Erstmal bin ich ja von Anfang an nicht alleine, sondern mit Hans
zusammen insofern ist es nicht meine Version, sondern es geht schon in
Richtung Kollektiv und wir arbeiten zusammen an einem Plot oder Ideen
und Dialogen und es wird langsam so wie ein Buch. Und dann gibts die
Finazierungsgeschichte, wo das Buch irgendwie anschaffen gehen muss,
um ein Budget zusammezustellen und dann beginnt die eigentliche
Kinoarbeit, das Industrielle des Kinos. Da trifft man sich mit
Szenenbildnern, Kostümbildnern, Kameraleuten und ich versuche immer
denen keine Visionen von mir mitzuteilen, weil ich möchte nicht das
das Kino die Realisition der Vision von einem Einzelnen ist, sondern
dass das Kino zum Schluss einen Film hervorbringt, der mehr ein
industrielles Produkt ist und Viele dran beteiligt werden. Alles
andere ist 19 Jahrhundert und interessiert mich nicht.
MC: Den Eindruck bekommt man auch, weil Sie sehr häufig mit
denselben Leuten zusammen arbeiten.
CP: Ja, da liegt der Hund begraben.
MC: Wie gehen Sie an die Proben? Proben Sie in einem Stück oder
jeweils die Szene vor dem Dreh?
CP: Ich habe so eine Art Seminar. Ich versammle die Schauspieler und
auch Teile des Teams und wir lesen zusammen das Buch, wir schauen
Filme an, sehr viele sogar, Fotografien, Comics, Literatur. Wir
besuchen die Schauplätze, bevor sie Set geworden sind, also wo sie
noch ein Eigenleben haben. Wir sprechen über dieses Eigenleben, die
Elbe, das Jerichower Land, die Bewaldung der Prignitz, die Geräusche,
die Gerüche der Prignitz und dann fangen wir irgendwann mal an zu
drehen und dann beginnen die eigentlichen Proben an jedem Drehtag
morgens. Vor elf Uhr wird bei uns keine Kamera angestellt. Die ersten
zwei Stunden gehören den Darstellern und der Szene und die proben wir
dort und wenn das alles geprobt ist richte ich den Tag mit dem
Kameramann, dem Beleuchter und dem Tonmann zusammen ein. Und wir
ziehen das meistens in einen oder zwei Takes durch.
MC: Stimmt es, dass Sie ohne Monitor am Set drehen?
CP: Ja immer.
MC: Wie ist es dazu gekommen? Hatten Sie einmal mit gedreht?
P: Ja, haben wir einmal gehabt. Mache ich nie wieder. Okay wenn man 60
Millionen Budget hat und Massenszenen hat, die man nicht überschauen
kann, dann macht das vielleicht Sinn, dass man sich das Zeug gleich
aufnimmt und am Abend im Hotelzimmer anschaut. Aber direkt nach einer
Szene stürzen sonst alle zum Monitor und sie reden über das was
gespielt worden ist , gefilmt worden ist schon als ob wir am
Schneidetisch sind und so bespricht man im Grunde genommen ein Bild
"Wär schöner wenn der langsamer da rein gekommen wäre"
und "Uh dahinten, wenn der in einem anderen Moment von rechts
nach links gegangen wäre" und während der ganzen Zeit stehen
die Schauspieler verloren herum und auf die kommt es eigentlich an und
mit ihnen muss ich eine Sprache finden, das kann nicht die Sprache des
Monitors sein und deshalb verbiete ich den Monitor.
MC: Da in "Jerichow" wenig Musik ist, die einen
einlullen könnte, ist mir aufgefallen, dass der Ton Ihnen wichtig zu
sein scheint. Welchen Wert hat für Sie der Ton?
CP: Ich habe ja jetzt ganz viele Interviews gegeben, in den letzten
Tagen und alle sagen immer wie schön die Landschaft eingefangen ist,
dabei gibt es überhaupt kein einziges Landschaftsbild in diesem Film.
Ja. Und trotzdem hat man das Gefühl, im Gegensatz zu anderen Filmen,
die auf richtige Landschaftstotalen setzen um der Landschaft nachdruck
zu verleihen, dass da weniger Landschaft eingefangen ist als in diesem
Film und das hängt mit dem Ton zusammen. Wenn man die Landschaft hört,
sieht an sie imaginär, erweitert den engen Kameraausschnitt im imaginären
und so finde ich, dass der Ton sowieso sträflich behandelt wird im
Kino, nicht in allen Kinos, aber in Deutschland ganz oft. Ich lege
ganz großen Wert darauf, dass man Landschaften hört.
MC: Sie arbeiten ja immer mit Hans Fromm zusammen, der ja für
Sie die Kamera macht. Was zeichnet ihn für Sie aus? Was ist Ihnen an
seiner Kamerarbeit wichtig?
CP: Er stellt seine Kamera in den Dienst der Geschichte und das ist
wirklich eine große Tugend und es ist nicht jemand der mit einem Stil
auf die Welt kommt und sie sich Untertan macht, sondern er versucht
erstmal etwas zu sehen, die Welt so zu sehen, sprich die Darstellung
durch die Darsteller, die Welt wie sie vorhanden ist und versucht sich
zu ihr in ein Verhältnis zu bringen und das ist etwas was ich ein
"demütiges" Kameraverhalten finde und dadurch ein viel stärkerer
und exaktere Stil erwächst als wenn man sagt "Wir gehen hier nur
mit ganz wenig Lämpchen rein und machen "LowKey" und so
ohne jemals eine Performance der Darsteller gesehen zu haben. Das mag
ich nicht.
MC: Lichtsetzung ist also auch von den Schauspielern abhängig.
Also erst wenn sie da sind wird ausgeleuchtet?
CP: Es ist nicht ganz so einfach. Man muss schon vor der Probe ein
gewisses Grundlicht setzen, denn das Licht beeinflusst ja das Spiel
aber wir machen ja nie unnatürliches Licht, wir versuchen soweit wie
möglich mit vorhandendem Licht zu arbeiten und das vorhandene Licht
vielleicht ein wenig zu verstärken, damit es noch natürlicher
aussieht, das macht nämlich Arbeit etwas natürlich aussehen zu
lassen. Aber für die Proben gibt es ein bißchen Licht, damit die
Schauspieler ungefähr die Atmosphäre des Raumes empfinden, der später
in der eigentlichen Szene da ist und deshalb steht ein Teil des Lichts
schon und nachher wird das was der Oberbeleuchter mit dem Hans ausklübelt
wird im Grunde das, was wir in der Probe schon gehabt haben nur
nochmal exakter und präziser gesetzt. Aber wir setzen viel Licht.
MC: Ja, man muss es ja nicht immer so sehen.
CP: Ja , es ist eine große Kunst, viel Licht zu setzen, ohne dass man
das Gefühl hat, dass Licht gesetzt ist.
MC: Bettina macht ja auch sehr häufig für Sie Schnitt.
CP: Fast ausschließlich, ja.
MC: Was schätzen Sie an ihrer Schnittechnik? Was zeichnet sie
aus?
CP: Wagemut. Muss man echt sagen. Sie ist vielleicht die Dynamischste
mit der ich je gearbeitet habe. Sie hat immer noch eine kleine
Wendung, noch eine Werf mehr, als ich mir das überhaupt ausmalen
kann. Sie überrascht mich. MC: Das heißt, sie setzt sich jetzt nicht an den Schneidetisch und
sagt hier ist das Drehbuch.
CP: Nein. Sie hat das Drehbuch einmal gelesen und während des
Schnitts liest sie das nie mehr. Sie kommt auch nicht ans Set, schaut
sich nicht an wie wir drehen, sondern möchte einfach nur das
Mustermaterial haben und will sehen, was ist da an Drama und Suspense
verborgen? Daran arbeitet sie. Sie schneidet auch während wir drehen.
Wir sind meistens drei Wochen nach Drehschluss mit dem Schnitt fertig.
MC: Schauen Sie es sich denn zwischendurch an?
CP: Ja, ich fahre jedes Wochenende zu ihr, zwei Tage.
MC: So wissen Sie dann zwischendurch wo Sie stehen.
CP: Ja, das muss ich haben.
MC: Mit der Produktionsfirma Schramm arbeiten Sie ja auch schon
lange zusammen. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen und warum
funktioniert diese Zusammenarbeit so gut?
CP: Wir sind zufällig zueinander gekommen, weil ein Freund von mir,
Thomas Arslan, einen Film mit denen gemacht hatte und ich hatte dann
auch Geld für das kleine Fernsehspiel und Thomas sagte "Geh zu
denen, die sind okay" und die waren okay. Es gibt Produzenten,
die sind jeden Tag am Set und die kommen nie. Produzenten die nie
kommen sind entweder faul oder sie sind richtig gut und die sind
richtig gut.
MC: Haben Sie einen Tipp für unsere Jungen Filmemacher?
CP: Ich würde immer sagen, dreht so viel wie es irgend möglich ist
und dann geht an den Schneidetisch oder Avid oder Final Cut und wie
das alles heißt und da lernt man am meisten. Am Schneidetisch lernt
man alles übers Kino.