
Kameraposition zum Darsteller
Eine weitere wichtige Differenzierung und Entscheidung neben den Einstellungsgrößen ist die Position der Kamera in Bezug auf den oder die Darsteller im Motiv. Diese Entscheidungsmöglichkeit ist ein zentrales Werkzeug im visuellen Erzählen. Damit lenken wir, wie wir Figuren wahrnehmen, wem wir vertrauen, mit wem wir uns identifizieren, von wem wir uns ausgeschlossen fühlen und wie intensiv wir Emotionen erleben. Man kann also unterschiedliche Aspekte berücksichtigen: technische wie psychologische.
Nähe, Distanz, Macht, Verletzlichkeit, Geheimnis
Psychologisch kann man Bewertungen aus der eigenen Erfahrung übertragen. Wie empfindest Du es, wenn jemand Dir zugewandt, ein wenig oder völlig abgewandt ist? „Jemandem die kalte Schulter zeigen“ ist in diesem Zusammenhang durchaus wörtlich zu nehmen. In diesem Sinne kann die Kameraführung durchaus den Schauspieler*Innen helfen, ihre Situation und ihre Emotionen deutlicher sichtbar zu machen. Auch wenn an dieser Stelle mögliche Bewertungen erläutert werden, so sind sie stets relativ. Einstellungen müssen immer auch in ihrem Kontext bewertet werden.
Frontal
Wird eine Filmfigur beispielsweise frontal zur Kamera aufgenommen, ist es fast wie der Theaterschauspieler, der auf der Bühne steht und zum Publikum spricht. Wir erleben die Figur am direktesten weil wir beide Augen und die Mimik komplett sehen und deuten können. Man könnte auch sagen, die Filmfigur öffnet sich uns. Es entsteht dadurch eine gewisse Intimität, Ehrlichkeit, Emotionale Öffnung, ja manchmal fühlt es sich sogar wie eine Art Beichte oder Geständnis an.
Filmsprachlich ist dieser Kamerawinkel perfekt für Innere Wahrheit, Erkenntnisse, Geständnisse, Trauer aber auch Liebeserklärungen. Regisseure wie Dreyer oder Bergmann haben diese Position besonders intensiv genutzt um die Seele der Protagonist*Innen transparent werden zu lassen. Dennoch sollte man sie nur sparsam einsetzen,- es wirkt zugleich, wie schon erwähnt, etwas Bühnenhaft.
Dreiviertel / Halbprofil
Technisch gesehen ist Film wie auch das Foto gegenüber der Wirklichkeit (dreidimensional) in seiner Räumlichkeit eingeschränkt. Film ist nun einmal nur zweidimensional. Mit Hilfe von Beleuchtung und Auswahl des Aufnahmewinkels kann man Personen, Objekte oder auch Räume plastischer wirken lassen. Das gilt insbesondere für das sogenannte Halb/Dreiviertel-Profil. Der 45 Grad Winkel kombiniert emotionale Nähe mit räumlicher Plastizität. Die Filmfigur gehört einerseits noch uns, ist aber zugleich auch Teil der Filmwelt, weil sie eben nicht zur Kamera hin agiert, sondern in der Filmgeschichte existiert. Der Mensch wirkt in diesem Kamerawinkel lebendig und glaubwürdig, weshalb diese zu den häufigsten Perspektiven des Spielfilms gehört. Dies ermöglicht Identifikation, ohne die filmische Illusion in Frage zu stellen.
Profil
Es erlaubt uns nur wenig Einblick in die Mimik, die Augen, die wichtigsten visuellen Ausdrucksmöglichkeiten für Emotionen. Die Folge ist eine gewisse Distanz, neutralere Beobachtung und Verschlossenheit. Das kann für Isolation, für Ausgeschlossenheit, für Eigenwilligkeit aber auch für Geheimnis stehen. Sehen wir die Person dann zudem noch kaum beleuchtet, also als Silhuette, kann so ein Bild stilisert wirken und fast symbolische Qualitäten bekommen.
Sieht man zwei Filmfiguren gemeinsam in einer Szene im Profil, so wirken diese emotional voneinander entfernt, obwohl sie sich ja eigentlich physisch nahe sind.
Rückansicht
Seltsamerweise ist dieser Kamerawinkel etwas ambivalent. Obwohl man zunächst daraus schließen würde, es handle sich um die maximale Distanz zum Zuschauer, kann sie trotzdem unter Umständen auch für Identifikation stehen.
Einerseits fehlt uns der Blick in ein Gesicht, es wird damit gänzlich unlesbar, vielleicht geheimnisvoll. Andererseits sehen wir die Welt, older Räume, Gänge etc. aus der gleichen Perspektive wie die Filmfigur selbst, wodurch wir uns mit ihr identifizieren können. Der Kamerawinkel eignet sich daher u.a. für Momente der Einsamkeit, Momente des Entdeckens, der Melancholie, der Unsicherheit oder auch für innere Konflikte. Menschen die am Fenster stehen, in Landschaften, inmitten von Gesellschaften. Ein Sonderfall sind Gänge und Fahrten hinter den Protagonisten her, die etwas Bedrohliches, Schicksalhaftes erzählen können. Bekanntes Beispiel: „Elephant“ (Gus Van Sant).
Kameraperspektiven auf die Figur
Die Wahl des Kamerawinkels bestimmt, wie wir eine Figur wahrnehmen: frontal, plastisch, distanziert, verborgen oder im Verhältnis zu anderen Figuren.

Vorderansicht
Die Kamera steht frontal vor der Figur. Diese Position erlaubt uns, Blick und Mimik unmittelbar zu erfassen, kann aber auch flach wirken. Sie eignet sich für Momente von Offenheit, Nähe oder innerer Wahrheit.

¾ oder 45-Grad-Winkel
Das Halbprofil verleiht Gesicht und Körper mehr Plastizität. Licht, Schatten und Konturen modellieren die Figur deutlich stärker. Diese Perspektive wirkt lebendig und gehört zu den häufigsten Kamerapositionen.

Seitlich / Profil
Die Kamera zeigt die Figur von der Seite. Dadurch entsteht Distanz, der emotionale Zugang wird reduziert. Die Profilansicht kann grafisch, stilisiert oder beobachtend wirken.

Rückansicht
Die Rückansicht entzieht uns Mimik und Gesichtsausdruck der Figur. Gleichzeitig können wir mit ihr in Räume, Situationen oder unbekannte Welten eintauchen. Sie kann Einsamkeit, Fremdheit oder subjektive Nähe erzeugen.
Gewichtung bei zwei Personen
Werden zwei oder mehrere Figuren gemeinsam gezeigt, entscheidet die Kameraposition darüber, wem sich unsere Wahrnehmung öffnet und wer verschlossen bleibt. Blickrichtung, Profil, Körperhaltung und Bildposition beeinflussen Sympathie, Distanz und Aufmerksamkeit.

