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Interview mit Jan Bonny
(„GEGENÜBER“)

Jan Bonny präsentierte auf dem Filmfest München 2007 seinen ersten Spielfilm "GEGENÜBER", der das Thema der häuslichen Gewalt behandelt, die von einer Frau ausgeht.

Kritik zum Film "GEGENÜBER"

 

Wie bist Du auf die Idee zu diesem Film gekommen? Wie ist Dein persönlicher Bezugspunkt zu dieser Geschichte?

Ich bin über eine kleine Zeitungsmeldung in der Süddeutschen darauf gekommen, die über eine dänische Studie über Gewalt in Beziehungen berichtete. Und dort stand, dass Gewalt in Beziehungen eben auch von Frauen ausgeht. Das fand ich interessant, weil sofort zu spüren war: die Geschichte wird irgendwie erzählt, aber keiner will davon wissen. Es war auch die Situation herauszulesen und die Isolation, in der diese Menschen leben, die eine solche Beziehung führen. Und mein persönlicher Bezugspunkt zu diesem Thema letztendlich ist das, was auch normal ist in dieser Geschichte. Es ist keine Geschichte von zwei Monstern. Viele Punkte in dieser Geschichte knüpfen an Alltäglichkeiten an, an Dingen, die jeder schon erlebt hat. Da gibt es diesen zentralen Satz: „Ist doch kein Drama“. Den hat sicher jeder schon mal gehört. Da gibt es ganz viel, was ganz normal ist. Was den Verfallstadien ganz alltäglicher Beziehungen ähnelt. Nur sozusagen die dramatisierte Zuspitzung dessen, das ist natürlich Film. Die hab ich auch nicht erlebt. Das haben andere erlebt.

Was ist für Dich die Kernaussage des Films?

Der Film hat keine Botschaft. Ich möchte nicht erklären, was gut und böse ist, was richtig ist oder nicht. Es gibt auch kein Täter und Opfer. Seine passive Haltung ist nicht weniger aggressiv als ihre Haltung. Ich stell mir sie immer als eine Figur vor. Sie sind eigentlich so miteinander verschränkt, dass sie eigentlich eine Einheit bilden. Sie haben ja nur sich. Sie haben sich so miteinander verschränkt, dass sie halt alles mit sich selbst ausmachen müssen. Und dadurch gibt es auch kein Opfer und keinen Täter und auch keine Botschaft sozusagen. Es ist auch kein sozialkritischer Film. Ich erzähle eine Geschichte von einem Paar und daran kann jeder etwas für sich ablesen. Das ist wiederum interessant, da die Zuschauer auf ganz unterschiedliche Aspekte des Films reagieren. Es gibt ganz unterschiedliche Ansichten, wer wen sympathisch findet, wer wen versteht, denn dafür gibt es keine Anleitung.

Wo kommen die beiden eigentlich an auf ihrer Gewaltreise?

Sie kommen in der vorläufigen Leere an. Sie haben ja ganz viel verloren. Mag sein, dass es noch eine Emanzipation von ihren Eltern gibt, auf der anderen Seite hat sie sie aber auch verloren. Sie verlieren den Kontakt zu ihren Kindern. Sie verlieren den Kontakt zur Arbeit. Sie verlieren ganz viel und kommen dann zu so einem Nullpunkt. Eigentlich leben sie in einem ganz ausgeklügelten Gerüst. Sie leben in einem Gerüst aus Halbwahrheiten, Lügen, Betrug, worin sie sich irgendwie zurecht gefunden haben, was dann aber erschüttert wird. Und dieses Gerüst ist sozusagen am Ende zerfallen. Und dadurch gibt es so einen Moment, wo etwas anderes passiert als sonst. Er kann – und dass ist ganz wertfrei – zurückschlagen. Was das bedeutet ist jedem selbst überlassen. Als ich es das erste Mal gesehen hab, war es für mich eigentlich wie eine weitere Niederlage. Er lässt das Letzte, an das er sich gehalten hat, los. Andere sehen das als Befreiung. Da gibt’s keine vorgeschriebene Sichtweise für. Jeder sieht das ein bisschen anders. Deswegen sieht auch jeder ein anderes Ende, was mir sehr recht ist. Man muss das Ende ja auch mitnehmen. Es ist kein Film, der am Ende versöhnlich wird, der dann sozusagen die Leistung des Zuschauers vorwegnimmt, sondern man muss sich selber mit dem Film auseinandersetzen.

Wie hast Du dich als Autor des Films in die Charaktere eingearbeitet? Wie hast Du dich denen angenähert?

Ich hatte einen Co-Autorin, Christina Ebelt, und habe im späteren Stadium auch noch mit Sonja Heiß zusammengearbeitet. Wir haben uns am Anfang sehr schnell mit Leuten getroffen, die in solchen Beziehungen leben. Wir haben sie über Kleinanzeigen und Foren usw. im Internet gesucht und versucht Leute zu finden, die uns sprechen wollten. So eine Anfrage kann man relativ leicht formulieren. Wir haben erst mal gesagt, dass wir sie für Recherche sprechen möchten und haben ihnen dann natürlich gesagt, worum es geht und dass wir genau ihre persönlichen Geschichte nicht verwenden wollen. Es ist nicht die Geschichte von einem Paar. Es ist eine dramatisierte Geschichte, eine erfundene Geschichte. Aber es bleibt eine Liebesgeschichte. Die beiden lieben sich und ihr Dilemma entsteht natürlich auch aus dieser Liebe, von der sie nicht lassen können und die natürlich auch mutiert ist. Das kennt man natürlich in Ansätzen. Nicht so zugespitzt, aber dass sich eine Liebesbeziehung anfängt zu verändern, zu verflachen, dass sie nicht mehr dem entspricht, wie sie angefangen hat, dass man anfängt Fehler zu machen. Nicht mehr von diesen Fehlern zurückgehen kann, das kennt man ja. Die Menschen, die wir befragt haben, haben fast alle erzählt, dass dieses Schlagen aus einem Akt der Befreiung heraus entstanden ist. Wenn der Partner zu stark geklammert hat, hat man sich versucht damit zu helfen.

Wie ist es jetzt speziell so einen Charakter zu entwerfen? 

Viel mehr, als man denkt, ist normal daran. So ungewöhnlich ist das nicht. Da kann man viel aus seinen persönlichen Erfahrungen schöpfen, auch wenn man das jetzt so nicht erlebt hat.

Wie lang hat die Entwicklung des Buchs gedauert? 

Es hat ungefähr anderthalb Jahre gedauert. Natürlich nicht durchgehend, aber immer mal wieder. Die Dramaturgie war ziemlich schnell klar.

Anne mit Georg am elterlichen Tisch

Wie hast Du Dich der filmischen Umsetzung genähert?

Bei diesem Film hab ich mir gedacht, dass man eher unprätentiös rangehen muss. Man muss die Figuren schützen, da sie so extrem sind. Man darf sie sozusagen nicht zu Elementen eines ausgeklügelten Werkes machen, das zu hohen Weihen strebt. Ich wollte ganz schlicht mit ihnen umgehen. Daher arbeiteten wir vergleichsweise mit einer unprätentiösen und quasi „lookfreien“ Kamera, was dem Kameramann Bernhard Keller und mir sehr wichtig war. Das macht es dem Zuschauer nicht leicht, es könnte einfacher sein, da eine Ebene darüber zuschichten mit schönen Bildern, auf die man sich zurückziehen kann im Zweifelsfall, wenn es zu hart wird. Ich dachte mir aber, wenn man dieses Thema wählt, darf man auch nicht schönen, da es kein einfacher Film ist.

Wie siehst Du das Filmemachen?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, man sollte Filme machen, die wichtig sind. Auch eine Komödie kann wichtig wein. Man sollte Filme machen, die irgendwas wahrhaftiges haben, Filme, wo ein persönlicher Einsatz dahinter steht, die sich auch etwas trauen. Ein guter Film muss sich immer etwas trauen. Ein guter Film steht nicht von Anfang sicher auf dem Boden. Ein guter Film muss immer versuchen einen kleinen Schritt weiterzugehen.

Wie gehst Du auf Deine Schauspieler ein? Hast du da eine Methode gefunden, einen Ansatz?

Jeder hat ja so seine eigene Methode. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist auf eine Ebene zu kommen, auf der sich die Schauspieler sicher fühlen. Das muss man herstellen, damit sie dem Regisseur vertrauen. Das ist ganz wichtig. Schauspieler sollten sich nicht die ganze Zeit selber überprüfen und sich beobachten. Sie müssen dem Regisseur vertrauen, dass sie ihm die Beobachtung überlassen. Nur dann kannst du einen Schauspieler auch führen. Wenn er sich selbst beobachtet, spielt er. Er wird nie aufgehen in diesem Moment, sondern er sieht sich immer nur von außen. Das kann nicht funktionieren. Genauso bei einem solchen Film, muss man Schauspieler auch von ihren Tricks befreien, von so einem seriellen Arbeiten, wie bei vielen Fernsehfilmen, was bestimmt eine Berechtigung hat, aber da wird viel handwerklicher gearbeitet. Bei einem solchem Film, wo es um einen so hohen persönlichen Einsatz geht, muss man die Schauspieler davon befreien. Das dient einem besseren Spiel. Man muss sehr aufmerksam sein und gut beobachten. z. B.: Ich hab gesehen, du spielst das und das. Ich möchte aber das und das. Du musst auch einfach zeigen, dass du wirklich genau bist. Das schafft am Ende auch ein Klima, in dem dann auch auf ganz entspannte Art und Weise genau sein kann.

Wie befreit man die Schauspieler von ihren Tricks?

Es gibt z. B. so bestimmte Stocker, Augenaufschläge oder dramatische Atmer, aber so atmet kein Mensch, aber jeder zweite Schauspieler. Man muss einfach hingucken und sich fragen: Gefällt mir das gerade bloß, weil es süffig ist, oder macht man das wirklich? Das gilt ja auch für Dialoge. Man muss sich nur mal Drehbücher zur Brust nehmen und sprechen, was da drin steht. Da fallen Wahnsinns-Sätze, die kein Mensch sagt. Und die fallen im 5 Minuten-Takt. Ein Film verträgt eigentlich nur 2 - 3 solcher Sätze, die so groß und gewaltig sind. Viele Filme machen das drei mal die Minute. Es gibt Leute, die solche Filme anschauen, aber für ein guten Film ist das jedenfalls nicht in Ordnung, also für mich ist es jedenfalls nicht in Ordnung.

Die Figuren haben eine gute darstellerische Kontinuität im Film. Wie hat man das als Regisseur während des Drehs im Kopf?

Man muss grundsätzlich einen klugen Drehplan machen. Es gibt bestimmte Sachen, die müssen in einer Reihenfolge gedreht werden. Manche Szenen kann man nicht auseinander reißen, das macht keinen Sinn. Das lässt sich aber auch gestalten. Man sollte die letzte Szene nicht am ersten Tag drehen. Wenn es der Drehplan erzwingt, dass man bestimmte späte Sachen sehr früh dreht, dann sollte man sich die Option erkämpfen, sie später noch mal drehen zu können. Weil man nicht weiß, wie sich so ein Dreh in sechs, sieben Wochen entwickelt. Und wenn man eine kluge Produktion hat, lässt sie sich auch darauf ein. Man muss eben aufmerksam sein. In meinem Film z.B. ist es die Gewalt. Es ist nicht Thema des Films, aber es ist Kern des Films. Die Figuren leben ja schon sehr lange in dieser Gewalt und nicht nur die drei Male, die wir es im Film zu sehen bekommen. Also war es wichtig, relativ früh so eine Gewaltszene zu drehen. Einfach nur um den Schauspielern für das Körpergedächtnis ein Gefühl zu geben, wie die Personen im Film eigentlich leben und was die eigentlich durchleben. Manchmal muss man so gewisse Punkte setzen, um Kontinuitäten zu schaffen. Das müssen sie früh erfahren haben, um einen Bezug zu dem Thema zu haben, zu empfinden, was dieser Horror oder die Angst ausmacht. Das ist das Mosaik, das man mit dem Drehplan schaffen muss. Und dann kann man damit auch arbeiten. Dann kann man auf gewisse Dinge rekurrieren, die man schon gedreht hat. Auf diese Weise füllt man das emotionale Gedächtnis.

Ist das Drehbuch dem fertigen Film sehr ähnlich?

Es ist viel rausgeflogen, da es viel zu lang war. Die Szenenstruktur, die Folge der Szenen ist unverändert. Aber auch hier sind einige herausgenommen worden. Wir haben uns irgendwann entschieden noch weniger als im Buch gedacht war zu erklären, weil wir gemerkt haben, dass es durch eine Erklärung irgendwie bräsig wird. Es ist nicht richtig. Man hat natürlich noch so ein paar Sicherheitsszenen, die dreht man natürlich mit. An einigen Punkten hätte man gewisse Szenen noch drin lassen können, aber wenn man an einem Punkt das Erklären anfängt, dann vermisst man es später nur um so mehr.

Jan Bonny im Gespräch

Gab es auf produktionstechnischer Ebene Herausforderungen?

Es war eine tolle Produktion. Heimatfilm hat die Produktion übernommen. Das Budget kam zur Hälfte aus der Filmstiftung und zur Hälfte vom WDR. Der WDR war schon sehr früh drin in der Produktion. Wir haben uns dadurch ein wenig sicherer gefühlt, da man mit so einem Buch natürlich durchaus Schwierigkeiten haben kann. Die Redakteurin vom WDR ist früh eingestiegen und hat auch fest daran geglaubt, was uns gut getan hat. Es gab aber keine größeren Katastrophen beim Dreh. Es ist natürlich nicht ohne Anstrengung in einer fremden Stadt im Winter zu drehen. Essen ist eine nette Stadt, aber man hat natürlich nicht das Geld für fünf Sterne Hotels usw.

Wie hoch war das Budget?

800.000 Euro. Die NRW-Filmstiftung hat ein Nachwuchs-Paket „Sixpack“. Es werden sechs Filme mit jeweils 400.000 Euro gefördert und im Rahmen dieser Reihe haben wir einen dieser sechs Filme gemacht.

Wann ist die Kinopremiere in Deutschland?

Weiß ich nicht. Wir haben ein paar Verleiher. Durch Cannes haben wir die Filme auch ein paar mal ins Ausland verkaufen können.

Welches Projekt ist als nächstes in der Warteschlange?

Ich dreh jetzt erst mal wieder Werbung. Dann schreib ich wieder ein Buch. Vielleicht ein Liebesfilm mit Menschen unter/Mitte Vierzig.

 

Herr Bonny, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

Interview geführt von Roderik Helms

 

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