Wir waren unterwegs um uns einen Einblick in das diesjährige Festival zu
verschaffen. Hier sind Gedanken zu den von uns gesehenen Filmen.
Molf-E Gand
Molf-e Gand
von Mahmood Rahmani
Dieser Film fällt komplett aus dem Rahmen des diesjährigen DOK.fests. Er
besticht durch Minimalismus. Mohammad ist der einzige Protagonist und
sein Büro der einzige Drehort den der Iranische Regisseur Mahmood Rahmani
brauchte um einen ganz besonders interessanten Film auf die Beine zu
stellen.
Mohammad ist im Dienste des Staates und erzählt davon wie er als Kind den
Iran-Irak-Krieg erlebte. Er tut das so voller Leidenschaft, Humor und
erzählerischem Können, dass er es schafft die Zuschauer, auch wenn diese
auf die Untertitel angewiesen sind, in den Bann seiner Geschichte zu ziehen.
Die Struktur widerspricht ohnehin schon vermutlich jeder
Dokumentarfilmtheorie, darüber hinaus provoziert der Regisseur aber nicht nur seinen Protagonisten sein
innerstes zu offenbaren, sondern schafft es auch dieses beklemmende Gefühl auf
den Zuschauer zu übertragen. Der Film so könnte man denken sei ein
wichtiges Dokument dessen was der Krieg seelisch in einem Menschen anrichten
kann. Doch als der Regisseur dies seinem sichtlich gequälten Protagonisten
erklärt gerät dieser völlig außer Kontrolle. Ein Glas fliegt an die Wand
und Mohammad schreit ihn an, dass kein Film an Szenen, die er im Krieg gesehen
habe herankomme."
Das durchgeschwitzte Hemd Mohammads zeigt am Ende seine Erschöpfung aus
der heraus er schließlich eine Warnung ausspricht. Er und seine Generation,
seien nicht stark genug einen weiteren Krieg zu verkraften. Kaum ist diese
Warnung ausgesprochen, ist ebenso wie der Protagonist auch der Akku der
Kamera erschöpft und nach einer 53-minütigen One
Shot-sequenz wird die Leinwand schwarz.
gesehen von Lion Bischof
La Casa
La Casa
von Tayo Cortés
Die Familie Mendez lebt schon seit 40 Jahren am bewaldeten Rande von
Bogota in einem aus Müll errichteten Zuhause. Jeder Tag ist ein neuer
Überlebenskampf für sie, den vor allem die Frau Marta, ihr Mann Victor und
dessen verbitterte Mutter Elvira austragen. Ohne Ausbildung, ohne
Arbeitsstelle, mit bösen Spannungen innerhalb der Familie und einem
bedrohlichen Streit mit einem gewalttätigen Nachbarn versuchen sie sich und
ihre Kinder zu ernähren. Trotz aller Probleme verlieren Marta und Victor
ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht (zumindest für ihre Kinder).
Der Film erzählt nicht, er beobachtet. Die Protagonisten werden bei der
täglichen Arbeit verfolgt, man begleitet sie, wenn sie ihre vollbepackten
Esel durch die Stadt führen, oder Säcke und Eimer voll mit Müll füllen.
Sind sie zusammen im Bild, wird nur selten ein freundliches Wort gewechselt
und wenn sie allein zu Wort kommen, ist das eigene schlimme Schicksal das
zentrale Thema. Dem Zuschauer fällt es dabei nur sehr schwer zu beurteilen,
wessen persönlicher Standpunkt der Wahrheit denn jetzt am nächsten kommt
und wie schlimm die familiäre Situation nun wirklich ist.
Der Film kommt beinahe vollkommen ohne Musik aus, was nicht bedeuten muss,
dass die sehr depressive Stimmung es nicht schafft auf den Zuschauer
überzuspringen. Die Bilder von Armut und Dreck sind zwar ungeschönt, aber
leider auch wenig eindrucksvoll. Die Kamera wird einfach auf das Geschehen
gehalten, was einem zwar eine gewisse Nähe zu den Personen beschert,
allerdings auch ohne wirklich künstlerischen Wert ist. Von der ersten Minute
an herrscht ein bedrückendes Gefühl, das sich bis zum Ende des Films immer
mehr steigert und den Zuschauer auch nicht mehr loslässt. Ein Film den man
nicht genießen kann, aber der einen, sofern man bereit ist sich auf das
Geschehen auf der Leinwand einzulassen, einen wahren und unverfälschten
Einblick auf Armut und Verzweiflung gewährt.
gesehen von Natascha Stevenson und Mark Zaschka
David Want's To
Fly
David Want's To Fly
von David Sieveking
David Sieveking ist Absolvent einer Filmhochschule und befindet sich zum ersten mal
in einer Schaffenskrise. Er sucht nach Themen, während seine eifrige Freundin,
die Schriftstellerin Marie Pohl, an ihrem zweiten Roman tüftelt. Sein großes Vorbild ist David Lynch.
David weiß, dass dieser seiner kreative Energie aus transzendentaler
Meditation schöpft. In einem Gespräch lässt er sich von Lynchs
Faszination anstecken und wird Mitglied der von Maharashi Mahesh Yogi
gegründeten Sekte TM. Seine anfängliche Begeisterung schlägt jedoch schon
bald um, als er bemerkt, dass er sich in einem Netz von Betrug und
Scharlatanerie verfangen hat. Nun begibt er sich auf eine Michael
Mooreske Detektivreise zu Aussteigern und ehemaligen Sponsoren der Sekte.
Der Zuschauer begleitet Sieveking auf seinem bewusst einfältig
dargestellten Weg in die Fänge von TM. Die Beziehung des Regisseurs zu seiner Freundin wird ebenfalls
thematisiert. Durch ihre Perspektive soll dem Zuschauer eine andere weniger
naive Sicht der Dinge präsentiert werden. Ob die selbstdarstellerische
Tendenz beider Protagonisten oder das ohnehin eher inszeniert wirkende
Beziehungskonstrukt der Aussagekraft dieser Filmsequenzen schaden ist jedoch
schwer zu sagen.
Der Regisseur beweist allerdings Mut zur Selbstkritik, mit welcher er sowohl
von seinen Erfahrungen innerhalb der Sekte, und von seiner blauäugigen
Ikonisierung David Lynchs berichtet. Der Film beschreibt einen möglichen Weg
in die Fänge von betrügerischen Organisationen. In einigen Szene zeigt sich
zudem wie gefährlich manche Äußerungen ranghoher TM-Mitglieder sind. Aber
trotz der Reise zu einem
echten Guru der den Filmemacher über wahre Erleuchtung aufklärt und der
Bergtour, die er mit barfuß laufenden Hindus, die sich allem weltlichen
entsagen, erlebt ist der Film thematisch eher beschränkt und wirkt
oberflächlich.
Die Hoffnung auf einen außergewöhnlichen und charmanten Dokumentarfilm, die
der Trailer macht, kann er leider nicht ganz erfüllen.
gesehen von Lion Bischof
Die andere Seite des Lebens
von Stefanie Brockhaus & Andy Wolff
„Die andere Seite des Lebens - zwei Brüder aus den
Township“ von Stefanie Brockhaus & Andy Wolff (Deutschland, Südafrika
2009)
Die andere Seite des Lebens
Zwei Brüder der gleichen Mutter aber unterschiedlicher
Väter, Bongani und Lucky aus einem Township nahe Kapstadt, sind in U Haft
weil sie einen Menschen getötet haben. Szenen im Gefängnis, die eine große
Nähe des Filmteams belegen. Szenen in denen man diese jungen Gesichter
beobachten, ihre Trauer über die Eingeschlossenheit und ihre Ahnung dass
Mord wohl ein Vergehen ist, „das auch Gott nicht so gut findet“.
Die Großmutter, eine ungemein in sich ruhende, starke
Frau, hat ihre Rente eingesetzt um die Kaution für die beiden zu
hinterlegen, sie kommen auf Kaution frei. Vorübergehend, bis zur
Gerichtsverhandlung.
Von nun an verfolgt der Film die Frage, wie das
Gerichtsverfahren ausgehen wird und begleitet die beiden bei einem
Beschneidungsritual in den Bergen, welches durch seine archaische Kraft
zumindest optisch auch eine Art Reinigungscharakter hat. Die beiden Jungs
bleiben längere Zeit in den Bergen in einem Zelt bei Wind und Wetter und
werden zuletzt von den Ältesten insbesondere ihrem Großvater
eingeschworen, nun als Männer keinen Unsinn mehr zu machen und sich Arbeit
zu suchen. Die Stimmung und Atmosphäre, welche die beiden Regisseure hier
mit einer kompakten HD Kamera einfangen konnten, ist beachtlich.
Zurück in den Slums, den Blechhütten, begreift man
sogleich, dass die Wirkung des Rituals äußerst begrenzt bleibt und die
Chancen, aus der Gewalt und Trostlosigkeit herauszukommen verschwindend
gering sind. Besonders irritierend eine unverhoffte Szene in der einer der
beiden Brüder mit einer Pistole herumspielt, sie einem Mädchen an den Kopf
setzt und wie im schlechten Krimi ein Schussgeräusch imitiert. Bei aller Nähe,
die der Film zu den Protagonisten herstellt, überrascht zugleich die
Gleichgültigkeit mit der von ihnen Gewalt als Alltag akzeptiert wird.
Beeindruckend, wie mutig sich die beiden Filmemacher
als Weiße monatelang ins Township gewagt haben. Zum Teil starke Bilder aus
dem Township, dem Gefängnis, aber auch der Berglandschaft sind begleitet
von aufwändigem Sound-Design und Foley-Effekten. Das hätte vollauf genügt,
die vordergründigen coolen Musikpassagen über Hubschrauberaufnahmen etc.
des Townships versehen den Film mit Oberflächenreizen, derer es nicht
bedurft hätte.
Aus der Einbahnstraße der Beiden, die einem bereits zu
Beginn des Filmes klar ist, finden sie auch gegen Ende des Filmes nicht
hinaus. Fragen, was sich ändern kann, welche Entwicklung die Beiden machen
und ob sie da irgendwie herauskommen, bleiben unbeantwortet. Nach all dem
Verständnis, dass die Mörder noch halbe Kinder sind, endet der Film mit
den brutalen Polizeifotos des Ermordeten und lassen den Zuschauer etwas
ratlos zurück.
gesehen von Mark Zaschka
Was wird
bleiben...
Was wird bleiben...
von Knut Karger
…nichts! Das ist im Grunde
genommen die Kernaussage dieses Films.
Wenn die Menschheit
ausgestorben ist, stellt sich die Frage, was die Menschheit der Welt hinterlässt
und was eine mögliche neue, oder außerirdische Zivilisation aus unseren
Hinterlassenschaften noch herauslesen könnte. Außerdem, wie lange wird man
überhaupt noch Spuren der menschlichen Zivilisation finden? Erobert sich die
Natur die Welt gleich wieder zurück, oder hinterlassen wir nur ein riesiges
Ödland voller Schrott und Giftmüll? Wie wird die Tier- und Pflanzenwelt
dann aussehen? Sollten und können wir überhaupt etwas unserer Kultur für
die Nachwelt konservieren und wenn, wie könnte das gehen und wie geschieht
dies bereits heutzutage?
Interessante Fragen über
unser Dasein und Erbe, die dieser Film leider nicht vollständig beantworten
kann und stellenweise sogar völlig ignoriert. Verschiedene Interviews mit
meist regionalen Experten auf bestimmten Gebieten, wie zum Beispiel der
Archivierung von Schriftstücken auf Mikrofilm, oder der Erhaltung von
Kunstwerken, klären nur einige dieser wichtigen Fragen. So werden mal mehr,
mal weniger bedeutende Aspekte zur Sprache gebracht, und eher belanglose
Skurrilitäten wechseln sich mit wirklich interessanten Theorien ab.
Immer wieder tauchen Bilder
von verlassenen Straßen, Stadtteilen und Ruinen (z.B. eine
Schwimmhalle) auf. Dank VFX-Technik wirken diese Szenen durchaus
glaubhaft. Auf musikalische Untermalung wird hier keinen Wert gelegt,
lediglich eine passende Atmo (Hintergrundgeräusche), die die Leere im Raum
deutlich macht, untermalt diese Bilder.