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Davis Want's to Fly

 

Dokfest 2010

Filmkritik zu Die andere Seite des Lebens

www-dokfest.de

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Wir waren unterwegs um uns einen Einblick in das diesjährige Festival zu verschaffen. Hier sind Gedanken zu den von uns gesehenen Filmen.

 

Molf-E Gand

 

Dolce Vita

Molf-e Gand

von Mahmood Rahmani

Dieser Film fällt komplett aus dem Rahmen des diesjährigen DOK.fests. Er besticht durch Minimalismus. Mohammad ist der einzige Protagonist und sein Büro der einzige Drehort den der Iranische Regisseur Mahmood Rahmani brauchte um einen ganz besonders interessanten Film auf die Beine zu stellen. 
Mohammad ist im Dienste des Staates und erzählt davon wie er als Kind den Iran-Irak-Krieg erlebte. Er tut das so voller Leidenschaft, Humor und erzählerischem Können, dass er es schafft die Zuschauer, auch wenn diese auf die Untertitel angewiesen sind, in den Bann seiner Geschichte zu ziehen.

Die Struktur widerspricht ohnehin schon vermutlich jeder Dokumentarfilmtheorie, darüber hinaus provoziert der Regisseur aber nicht nur seinen Protagonisten sein innerstes zu offenbaren, sondern schafft es auch dieses beklemmende Gefühl auf den Zuschauer zu übertragen. Der Film so könnte man denken sei ein wichtiges Dokument dessen was der Krieg seelisch in einem Menschen anrichten kann. Doch als der Regisseur dies seinem sichtlich gequälten Protagonisten erklärt gerät dieser völlig außer Kontrolle. Ein Glas fliegt an die Wand und Mohammad schreit ihn an, dass kein Film an Szenen, die er im Krieg gesehen habe herankomme." 

Das durchgeschwitzte Hemd Mohammads zeigt am Ende seine Erschöpfung aus der heraus er schließlich eine Warnung ausspricht. Er und seine Generation, seien nicht stark genug einen weiteren Krieg zu verkraften. Kaum ist diese Warnung ausgesprochen, ist ebenso wie der Protagonist auch der Akku der Kamera erschöpft und nach einer 53-minütigen One Shot-sequenz wird die Leinwand schwarz. 

 

gesehen von Lion Bischof

 

La Casa

 

Hardcover & Paperback

La Casa 

von Tayo Cortés

Die Familie Mendez lebt schon seit 40 Jahren am bewaldeten Rande von Bogota in einem aus Müll errichteten Zuhause. Jeder Tag ist ein neuer Überlebenskampf für sie, den vor allem die Frau Marta, ihr Mann Victor und dessen verbitterte Mutter Elvira austragen. Ohne Ausbildung, ohne Arbeitsstelle, mit bösen Spannungen innerhalb der Familie und einem bedrohlichen Streit mit einem gewalttätigen Nachbarn versuchen sie sich und ihre Kinder zu ernähren. Trotz aller Probleme verlieren Marta und Victor ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht (zumindest für ihre Kinder).

Der Film erzählt nicht, er beobachtet. Die Protagonisten werden bei der täglichen Arbeit verfolgt, man begleitet sie, wenn sie ihre vollbepackten Esel durch die Stadt führen, oder Säcke und Eimer voll mit Müll füllen. Sind sie zusammen im Bild, wird nur selten ein freundliches Wort gewechselt und wenn sie allein zu Wort kommen, ist das eigene schlimme Schicksal das zentrale Thema. Dem Zuschauer fällt es dabei nur sehr schwer zu beurteilen, wessen persönlicher Standpunkt der Wahrheit denn jetzt am nächsten kommt und wie schlimm die familiäre Situation nun wirklich ist.

Der Film kommt beinahe vollkommen ohne Musik aus, was nicht bedeuten muss, dass die sehr depressive Stimmung es nicht schafft auf den Zuschauer überzuspringen. Die Bilder von Armut und Dreck sind zwar ungeschönt, aber leider auch wenig eindrucksvoll. Die Kamera wird einfach auf das Geschehen gehalten, was einem zwar eine gewisse Nähe zu den Personen beschert, allerdings auch ohne wirklich künstlerischen Wert ist. Von der ersten Minute an herrscht ein bedrückendes Gefühl, das sich bis zum Ende des Films immer mehr steigert und den Zuschauer auch nicht mehr loslässt. Ein Film den man nicht genießen kann, aber der einen, sofern man bereit ist sich auf das Geschehen auf der Leinwand einzulassen, einen wahren und unverfälschten Einblick auf Armut und Verzweiflung gewährt.

 

gesehen von Natascha Stevenson und Mark Zaschka

 

David Want's To Fly

 

Bean Sprout Project

David Want's To Fly  

von David Sieveking 

David Sieveking ist Absolvent einer Filmhochschule und befindet sich zum ersten mal in einer Schaffenskrise. Er sucht nach Themen, während seine eifrige Freundin, die Schriftstellerin Marie Pohl, an ihrem zweiten Roman tüftelt. Sein großes Vorbild ist David Lynch. David weiß, dass dieser seiner kreative Energie aus transzendentaler Meditation schöpft. In einem Gespräch  lässt er sich von Lynchs Faszination anstecken und wird Mitglied der von Maharashi Mahesh Yogi gegründeten Sekte TM. Seine anfängliche Begeisterung schlägt jedoch schon bald um, als er bemerkt, dass er sich in einem Netz von Betrug und Scharlatanerie verfangen hat. Nun begibt er sich auf eine Michael Mooreske Detektivreise zu Aussteigern und ehemaligen Sponsoren der Sekte.

Der Zuschauer begleitet Sieveking auf seinem bewusst einfältig dargestellten Weg in die Fänge von TM. Die Beziehung des Regisseurs zu seiner Freundin wird ebenfalls thematisiert. Durch ihre Perspektive soll dem Zuschauer eine andere weniger naive Sicht der Dinge präsentiert werden. Ob die selbstdarstellerische Tendenz beider Protagonisten oder das ohnehin eher inszeniert wirkende Beziehungskonstrukt der Aussagekraft dieser Filmsequenzen schaden ist jedoch schwer zu sagen. 
Der Regisseur beweist allerdings Mut zur Selbstkritik, mit welcher er sowohl von seinen Erfahrungen innerhalb der Sekte, und von seiner blauäugigen Ikonisierung David Lynchs berichtet. Der Film beschreibt einen möglichen Weg in die Fänge von betrügerischen Organisationen. In einigen Szene zeigt sich zudem wie gefährlich manche Äußerungen ranghoher TM-Mitglieder sind. Aber trotz der Reise zu einem echten Guru der den Filmemacher über wahre Erleuchtung aufklärt und der Bergtour, die er mit barfuß laufenden Hindus, die sich allem weltlichen entsagen, erlebt ist der Film thematisch eher beschränkt und wirkt oberflächlich.

Die Hoffnung auf einen außergewöhnlichen und charmanten Dokumentarfilm, die der Trailer macht, kann er leider nicht ganz erfüllen.

 

gesehen von Lion Bischof

 

Die andere Seite des Lebens

 

von Stefanie Brockhaus & Andy Wolff

„Die andere Seite des Lebens - zwei Brüder aus den Township“ von Stefanie Brockhaus & Andy Wolff (Deutschland, Südafrika 2009)

Vitus

Die andere Seite des Lebens

Zwei Brüder der gleichen Mutter aber unterschiedlicher Väter, Bongani und Lucky aus einem Township nahe Kapstadt, sind in U Haft weil sie einen Menschen getötet haben. Szenen im Gefängnis, die eine große Nähe des Filmteams belegen. Szenen in denen man diese jungen Gesichter beobachten, ihre Trauer über die Eingeschlossenheit und ihre Ahnung dass Mord wohl ein Vergehen ist, „das auch Gott nicht so gut findet“.

Die Großmutter, eine ungemein in sich ruhende, starke Frau, hat ihre Rente eingesetzt um die Kaution für die beiden zu hinterlegen, sie kommen auf Kaution frei. Vorübergehend, bis zur Gerichtsverhandlung.

Von nun an verfolgt der Film die Frage, wie das Gerichtsverfahren ausgehen wird und begleitet die beiden bei einem Beschneidungsritual in den Bergen, welches durch seine archaische Kraft zumindest optisch auch eine Art Reinigungscharakter hat. Die beiden Jungs bleiben längere Zeit in den Bergen in einem Zelt bei Wind und Wetter und werden zuletzt von den Ältesten insbesondere ihrem Großvater eingeschworen, nun als Männer keinen Unsinn mehr zu machen und sich Arbeit zu suchen. Die Stimmung und Atmosphäre, welche die beiden Regisseure hier mit einer kompakten HD Kamera einfangen konnten, ist beachtlich.

Zurück in den Slums, den Blechhütten, begreift man sogleich, dass die Wirkung des Rituals äußerst begrenzt bleibt und die Chancen, aus der Gewalt und Trostlosigkeit herauszukommen verschwindend gering sind. Besonders irritierend eine unverhoffte Szene in der einer der beiden Brüder mit einer Pistole herumspielt, sie einem Mädchen an den Kopf setzt und wie im schlechten Krimi ein Schussgeräusch imitiert. Bei aller Nähe, die der Film zu den Protagonisten herstellt, überrascht zugleich die Gleichgültigkeit mit der von ihnen Gewalt als Alltag akzeptiert wird.

Beeindruckend, wie mutig sich die beiden Filmemacher als Weiße monatelang ins Township gewagt haben. Zum Teil starke Bilder aus dem Township, dem Gefängnis, aber auch der Berglandschaft sind begleitet von aufwändigem Sound-Design und Foley-Effekten. Das hätte vollauf genügt, die vordergründigen coolen Musikpassagen über Hubschrauberaufnahmen etc. des Townships versehen den Film mit Oberflächenreizen, derer es nicht bedurft hätte.

Aus der Einbahnstraße der Beiden, die einem bereits zu Beginn des Filmes klar ist, finden sie auch gegen Ende des Filmes nicht hinaus. Fragen, was sich ändern kann, welche Entwicklung die Beiden machen und ob sie da irgendwie herauskommen, bleiben unbeantwortet. Nach all dem Verständnis, dass die Mörder noch halbe Kinder sind, endet der Film mit den brutalen Polizeifotos des Ermordeten und lassen den Zuschauer etwas ratlos zurück.

 

gesehen von Mark Zaschka

 

Was wird bleiben...

 

Vitus

Was wird bleiben...

von Knut Karger

…nichts! Das ist im Grunde genommen die Kernaussage dieses Films.

Wenn die Menschheit ausgestorben ist, stellt sich die Frage, was die Menschheit der Welt hinterlässt und was eine mögliche neue, oder außerirdische Zivilisation aus unseren Hinterlassenschaften noch herauslesen könnte. Außerdem, wie lange wird man überhaupt noch Spuren der menschlichen Zivilisation finden? Erobert sich die Natur die Welt gleich wieder zurück, oder hinterlassen wir nur ein riesiges Ödland voller Schrott und Giftmüll? Wie wird die Tier- und Pflanzenwelt dann aussehen? Sollten und können wir überhaupt etwas unserer Kultur für die Nachwelt konservieren und wenn, wie könnte das gehen und wie geschieht dies bereits heutzutage?

Interessante Fragen über unser Dasein und Erbe, die dieser Film leider nicht vollständig beantworten kann und stellenweise sogar völlig ignoriert. Verschiedene Interviews mit meist regionalen Experten auf bestimmten Gebieten, wie zum Beispiel der Archivierung von Schriftstücken auf Mikrofilm, oder der Erhaltung von Kunstwerken, klären nur einige dieser wichtigen Fragen. So werden mal mehr, mal weniger bedeutende Aspekte zur Sprache gebracht, und eher belanglose Skurrilitäten wechseln sich mit wirklich interessanten Theorien ab.

Immer wieder tauchen Bilder von verlassenen Straßen, Stadtteilen und Ruinen (z.B. eine Schwimmhalle)  auf. Dank VFX-Technik wirken diese Szenen durchaus glaubhaft. Auf musikalische Untermalung wird hier keinen Wert gelegt, lediglich eine passende Atmo (Hintergrundgeräusche), die die Leere im Raum deutlich macht, untermalt diese Bilder.

 

von Natascha Stevenson und Mark Zaschka

 

 
© 1999-2011
Movie-College

Allary Film,
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Quelle: Movie-College (www.movie-college.de)

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