Treffpunkt: Haltestelle Potsdamer Platz: volle Kinosäle, ein
beißender Wind, Nils, der nette Brezelverkäufer, der der Kälte trotzt,
exquisite BMWs geparkt in den Seitenstraßen und Ich mittendrin. Die 61.
Berlinale ist in vollem Gange! Besucher stehen Schlange, um eins der
begehrten Tickets für den Berlinale Filmpalast zu ergattern. Am roten
Teppich wartet man darauf, dass ein paar Stars vorbeihuschen. Journalisten
sausen herum - auf der Jagd nach ‚dem' Promifoto; andere sind auf dem
Weg zur nächsten Pressekonferenz oder dem Photocall (das ist eine blaue
Wand vor der die Prominenten kurz halten, um sich dem Blitzlichtgewitter
der Kameras für ein paar Minuten auszusetzen). Zwischen all dem Getümmel
noch einen Kaffee trinken und dann los zur nächsten Filmpremiere.
Die Berlinale nicht als Besucher, sondern als rasende Reporterin zu
erleben - und rasen tut man tatsächlich: vom Potsdamer Platz zum
Oranienburger Tor und wieder woandershin; und das alles mit Bus und Bahn -
Hauptsache so schnell wie möglich zur nächsten Vorstellung gelangen, das
ist die Devise. Zwischendrin die Zeit nutzen, um sich aufzuwärmen und
kurz zu verschnaufen. Bei so vielen aufeinander folgenden Filmen ist es
wirklich eine Herausforderung die Eindrücke sacken zu lassen und
spätestens am Ende des Tages merkt man, wie anstrengend dies sein kann-
die klirrende Kälte trägt auch noch ein gutes Stück dazu bei, dass man
sich ausgelaugt fühlt. Am Abend war das warme Bett weitaus ansprechender
als jede Party - und dennoch ist die Nacht zu kurz. Am nächsten Morgen
heißt es wieder früh aufstehen: Empfänge, Filmmarktbesuche und wichtig
der Besuch im Hyatt, denn dort gibt es ab 8.30 Uhr die Kinokarten für die
Presse und die Anzahl ist begrenzt! Danach schnell die Tagesplanung
machen, obwohl man jetzt schon weiß, dass diese sich komplett ändern
wird - egal, keine Zeit zum nachdenken, denn es geht schon wieder weiter.
Auf den Gängen tummeln sich Journalisten aus aller Herrgottsländer- man
hört allerlei verschiedene Sprachen und tauscht sich auch mal gerne mit
seinen Kollegen aus, welcher Film sehenswert ist und um welchen man besser
einen weiten Bogen macht. Dann schnell frühstücken oder man deckt sich
direkt mit Süßigkeiten ein, um den ersten Film um 9.45 Uhr anzuschauen.
Wenn man circa 20 Minuten vor Beginn der Vorführung auftaucht, kann man
sicher sein, dass alle guten Plätze weg sind. Zur Hilfe stehen einem dann
die Platzanweiser des Kinos, die frei nach ‚Berlinaler' Schnauze durch
den Saal brüllen: "Hände hoch, wo noch ein Platz frei ist!".
Dies ist auch nötig, da man sonst den Überblick zwischen freien und mit
Taschen, Jacken und Zeitungen reservierten Sitzplätzen verliert -
erinnert ein wenig an die Liegestuhlreservierung früh morgens am Pool im
Sommerurlaub. Sobald man sitzt, kann man sich über das ganze Treiben um
einen herum amüsieren. Die Zuschauer selbst bieten eine Show der
Superlative: schreiende Kinobesucher, die Tickets quer durch den Saal
tauschen, feurig diskutierende Ehepaare und ein schreiender Mann
"Vereeeeeeeeena, Vereeeeeeena, bist du mit deinem Freund da?".
Doch im Auge des Orkans finden sich auch die etwas ruhigeren Teilnehmer -
manch Einer liest die Berlinale News und ein Anderer scheint die Zeit zu
nutzen, um etwas Schlaf nachzuholen. Die Welt ist eine Bühne und so wird
man Teil des Geschehens - diese ‚Vorführung' allein bietet schon genug
Material für einen potenziellen Film für die Berlinale 2012.
Dann geht das Licht aus, man sieht die goldenen Sterne herunterpurzeln
und der Berlinale Bär, das Symbol des Festivals, erscheint. Das ist die
Berlinale: eine andere Welt für 10 Tage in Berlin - viele Filme und
mindestens genau so viele Eindrücke!
Katja Tauber
Katja Tauber
Die
Berlinale Shorts 2011
Katja Tauber
In 90 Minuten um die halbe Welt: Schweiz/Österreich, Iran, Thailand,
Israel und die USA. Eine Reise mit all ihren Höhen und Tiefen: schöne
Panoramen, interessante Menschen und Kulturen, Übelkeit und
Anstrengungen, Hitze, unbekannte Klänge und Bräuche und viele Emotionen.
Neben den Spielfilmen hatte der Berlinale Besucher auch die Gelegenheit
sich Kurzfilme anzuschauen: die Berlinale Shorts. Eine, so schien es,
wilde Anhäufung von Kurzfilmen. Sobald man im ausverkauften Kinosaal
Platz genommen hat, geht es auch schon direkt los mit dem ersten Film von
insgesamt fünf Filmen des Abends.
In Stick Climbing von Daniel Zimmermann begann der Abend
sportlich mit
einer Wanderung, die in einem idyllischen Dorf startet. Ein Kind, das plötzlich rechts an uns vorbeiläuft, ein Mann mit Esel, zwei Jugendliche
am Wegesrand und irgendwie wir mittendrin (ob man mag oder nicht!). Alles
gefilmt aus einer ‚Ich-Perspektive' - der Zuschauer wird zum
Wandersmann. Nach dem eher gemütlichen Auftakt unseres Trips, biegen wir
links auf einen Wanderpfad ein. Der Weg wird holpriger, wackliger und es
geht aufwärts - wir machen uns an den Aufstieg. Nicht nur das Panorama
ändert sich, auch ist ein Wechsel von Steadycam zur Helmkamera
auffallend. Der Wanderer folgt einer am Boden installierten Holzlattenkonstruktion, welche
uns die Richtung vorgibt. Steine, Geröll, Stolpern, schweres Atmen und
hektische Bewegungen sind mehr störend als authentisch. Die Kamera
ruckelt, das Bild schwankt und schunkelt und umso höher wir den Fels
erklimmen, desto schlechter geht es vielen Zuschauern im Publikum. Für
den Wanderer als auch für den Zuschauer ein wahrer Kraftakt. Dann endlich nach 14 Minuten haben wir unser Ziel erreicht: den Gipfel.
Nur um einen Ausblick auf das vor uns liegende Dorf zu haben? War es das
wirklich wert? - stellt man sich begründeterweise hinterher die Frage.
Ein Film mit dem sich jeder Wanderer identifizieren kann und den
wahrscheinlich auch jeder mit der richtigen Kameraausrüstung hätte
filmen können. Demzufolge ein hochwertiger Amateurfilm. Mein Tipp: Lieber
selber wandern gehen, erspart die Kinokosten und man kann die frische Luft genießen anstatt mit der Übelkeit im Kino zu ringen.
Zeit zum durchatmen bleibt nicht viel, denn Film Nummer zwei steht
schon in den Startlöchern.
Untying the knotist ein iranischer Film von Regisseur
Jafar Panahi, der auf eine dokumentarische Art und Weise erzählt, wie ein
junger Mann und seine Schwester ihren persischen Teppich verkaufen. Sie
setzen sich hartnäckig
mit den Ankäufern auseinander, um einen für sie akzeptablen Preis
auszuhandeln. In den 8 Minuten bekommt der Zuschauer einen Einblick in die
Welt des mittleren Ostens - nicht nur das knallharte Verkaufsgeschäft,
auch die Rolle der Frau wird dem westlichen Publikum näher gebracht. Die
muslimische Schwester wird nicht als unterwürfiges Opfer der Gesellschaft
dargestellt, sondern als geschäftstüchtige Frau, die Ausdauer
im Verhandeln beweist. Trotz allem bleiben ihr bestimmte Wege zu den
Verkaufsräumen versperrt. So folgen wir dem Bruder durch die dunklen
Hallen des Teppichhandels. Am Ende gelingt es einen fairen Preis für den
Teppich zu erzielen. Interessanterweise wurde der Film lediglich aus
Respekt für den inhaftierten Regisseur Jafar Panahi, der eigentlich Teil
der Berlinale Jury war, gezeigt. Ob das wirkliches Fairplay ist, sei
einmal dahingestellt. Denn leider ist Untying the knot filmerisch
eher schwach: schlechte Bildqualität und irgendwie wirkt alles ziemlich
unprofessionell. Im Kino selber war einer von Panahis Kollegen; dieser
kritisierte ironischerweise die Vorführung des Filmes. Frei nach dem
Motto: man muss erst in den Knast bevor ein schlechter B- Movie gezeigt
wird! Recht hat er irgendwie schon.
Als nächstes betreten wir thailändisches Territorium. Der Film Sudsanan
(Schrecklich Glücklich) beginnt mit Soldaten, die die Wälder im Süden
des Landes durchforsten. Einer von ihnen ist der junge Soldat Surin, der
nach seinem letzten Einsatz in seine Heimat im Norden Thailands
zurückkehrt. Dort trifft er auf seine damalige Freundin Ann, welche nun
mit einem deutschen Rentner zusammenlebt. Surin ist verletzt und hin und
her gerissen zwischen seiner Soldatenkarriere und den Verlust seiner
Freundin.
Der Film ist sozialkritisch zu betrachten. Alte, männliche Europäer, die
nach Thailand kommen und sich eine junge Thai anlachen, um dort ihren
Lebensabend zu verbringen. Dies ist ein geläufiges Bild in unseren
Köpfen - traurige Realität aber weitaus nicht alles, was es über dieses
Land zu berichten gibt. Der Film bedient nicht das Klischee, dass alle
Männer des Westens ohne jegliche Moralvorstellung sind.
Der Film beleuchtet unter anderem auch das Soldatenleben und die
persönlichen Opfer, die damit einhergehen. Regisseur Pimpaka Towira
schafft es, dem Zuschauer die Atmosphäre des Landes näher zubringen. Mit
typisch thailändischen Gesängen und Bildern, gewusst wie in Szene
gesetzt, werden wir in den fernen Osten entführt. Grüne, saftige Felder,
Roller fahrende Thais und eben ganz alltägliche Liebesprobleme - viele
vertraute Szenen laufen vor unseren Augen ab, aber auch viele neue
Eindrücke werden vermittelt. Fazit: Ein ehrlicher im dokumentarischen
Stil gemachter Film über ein facettenreiches Land. Thailand ist weit aus
mehr als lächelnde Thais und ausländische Sextouristen. Einfach schön!
Verlassen wir nun Asien und betreten wir den mittleren Osten: das
heilige Land Israel. Susya erzählt die Geschichte von einem
Vater und seinem Sohn, die nach 25 Jahren ihrem Heimatdorf einen Besuch
abstatten. Das Dorf ist heute eine archäologische Ausgrabungsstätte. Die
beiden Palästinenser zahlen ordnungsgemäß Eintritt, um sich ihr
damaliges Zuhause anzuschauen. Bei ihrem Rundgang werden sie auf Schritt
und Tritt von israelischen Soldaten begleitet. Diese setzten einen Jeep
als Druckmittel ein, um die beiden Palästinenser zu verscheuchen. Das
grelle Jaulen des Autos hat etwas Bedrohliches und zugleich Spielerisches
- wie ein Katz und Maus Spiel. Vater und Sohn müssen schließlich den Weg
räumen und werden wie Vieh vor dem Jeep hergetrieben. tKatja
Tauber
Die Regisseure Dani Rosenberg und Yoav Gross weisen auf ein immer noch
hochaktuelles Thema hin: den Konflikt zwischen Israelis und
Palästinensern. Das Militär wird kritisiert und das respektlose
Verhalten gegenüber zwei friedvollen Menschen. Heimatverlust, Nostalgie
und die Gegenwart werden ausdrucksvoll und ohrenbetäubend inszeniert.
Kurz, knapp und intensiv! tKatja Tauber
InScenes From The Suburbsging es eher geräuschlos
weiter - leider aufgrund eines technischen Fauxpas des Kinos. Immer mal
wieder setzte der Ton aus. Dies ist insbesondere schwierig für einen
Kurzfilm und zeigt vielleicht auch das erste Manko des Filmes von
Regisseur Spike Jonze - denn die Bilder sprachen leider nicht für sich
und man konnte sich nur den Inhalt zusammenreimen. Zu viele Rückblenden
und zu dialoglastig für einen 28 Minuten langen Film. Am Ende ratlose
Gesichter und viele Fragen, was der Film eigentlich aussagen wollte. Mit
einem Wort: Potpourri. tKatja Tauber
tKatja Tauber tKatja Tauber
Spielfilme 2011
Katja Tauber
V Subbotu
Wie verbringt man die letzten Stunden seines Lebens? Die Zeit rennt.
Samstag, 26 April 1986 in Tschernobyl. Ein Reaktorturm ist explodiert.
Valerij Kabysh, Beschäftigter im Kernkraftwerk, ist einer der Wenigen,
die diese Katastrophe miterleben. Er will fliehen, doch zu spät: der
letzte Zug ist weg. Was nun? Die letzen Momente genießen und mit der
Freundin Schuhe kaufen. Die letzen Stunden verdrängen mit viel Wodka und
Wein. Für Valerij noch einmal Schlagzeug spielen mit seiner alten Band
auf der Hochzeit eines guten Freundes. Dazwischen Sekunden voller Angst,
Trauer, Verzweifelung, Prügeleien, Freudemomenten und alles begleitet von
lauter Musik, hektischen Filmsequenzen und dem schleichenden Gefühl, dass
bald alles verstrahlt sein wird. Das Bewusstsein bald zu Sterben kommt
immer näher und doch geht alles seinen gewohnten Gang. Das erwartete
"Bang" am Ende des Films bleibt aus - anstelle dessen endet der
Film im Stillen. Ein ganz gewöhnlicher Samstag geht dem Ende zu und für
die Bewohner in Tschernobyl wird dies der Letzte sein. Stille! Aus der
Film!
Kontrastreiche Bilder: grüne Wiesen, spielende Kinder - einfach ein
schöner Sommertag und dann die Nacht: laute Rockmusik, ein metallener
Beigeschmack, Prügeleien und zwielichtige Situationen. Regisseur
Alexander Mindaze schafft es, das Innenleben eines Valerij Kabysh
eindrucksvoll dem Publikum zu präsentieren. Man wird in einen
Gefühlsstrudel gesogen. Stress und störende Momente werden durch den
Einsatz von Handkamera intensiviert. Hektische Kamerabewegungen erzeugen
ebenfalls Unruhe. Die Zeit fliegt davon und mit ihr schwindet die
Kontrolle Herr der Lage zu sein - Flucht zwecklos! Der Film zeigt ein
alltägliches Leben in Russland und zeigt uns eine andere Seite der
Katastrophe. Die Kameraführung gewöhnungsbedürftig aber wirkungsvoll.
Fazit: eine Achterbahn der Emotionen und definitiv sehenswert!
Gesehen von Katja Tauber
The Future
Miteinander leben oder aneinander vorbei leben? Sophie und Jason sind
ein Paar, beide in ihren Dreißigern und teilen sich ein
Einzimmerapartment. Sie haben einen Job, der sie nicht erfüllt. Sie
unterrichtet Kinderballett, er arbeitet als Telefonist. Ihre Leben finden
fast ausschließlich in den eigenen vier Wänden statt. Im Internetsurfen
und auf der Couch herumlungern ist der Alltag. Doch beide wollen so nicht
weitermachen - es muss sich etwas ändern! Der Plan: Eine gemeinsame
Aufgabe, die Verantwortung erfordert. Was läge da nicht näher auf der
Hand als eine kranke Katze zu adoptieren. Paw Paw soll die Rettung bringen
- einen Monat müssen sich die Beiden jedoch noch gedulden, bis sie das
Kätzlein abholen können. 28 Tage bleibt ihnen, um das zu tun, was sie
schon immer machen wollten. Zuallererst die verhassten Jobs kündigen.
Sophie will jeden Tag einen neuen Tanz einstudieren und diesen dann auf
you-tube zustellen. Jason versucht sich als Freiwilliger und soll
Baumpatenschaften an den Mann bringen. Der anfängliche Enthusiasmus
bekommt schnell eine Dämpfung. Sophie ist ihrem eigenen Pensum nicht
gewachsen und Jason verzweifelt an der mangelnden Bereitschaft seiner
Mitmenschen, die keinerlei Interesse an der Rettung des Planeten haben.
Sophie beginnt dann eine Affäre mit Marshall, einem 55-jährigen Mann,
der ein geregeltes Leben führt - ganz anders als Sophie es gewohnt ist.
Flucht vom eigenen Ich - ob das gelingt? Am Ende fliegt die Affäre doch
auf. Gibt es noch eine zweite Chance für die Beiden in dieser chaotischen
Welt? - fragt sich auch Paw Paw, der immer noch hinter Gittern auf sein
Neues in der Zukunft liegendes Zuhause wartet.
Regisseurin Miranda July zeigt ein Paar, das auf dem ersten Blick
skurril wirkt: Sie liebt ihre gelbes Schnuffeltuch, macht motorisch eher
fragwürdige Bewegungen, wirkt ein wenig autistisch. Er hat eine lebhafte
Phantasie und mag ihre Eigenart. Auf den zweiten Blick verkörpern die
Beiden ein nicht so untypisches Paar; ein wenig im Alltagstrott verfangen
ohne sich Gedanken über den nächsten Tag zu machen. Der Film lässt viel
Freiraum für eigene Interpretationen. Einige zweideutige Szenen: ein sich
von Geisterhand fortbewegenes gelbes Schnuffeltuch, ein Mann im Mond, ein
im Garten verbuddeltes Mädchen. Irgendwie schräg und ein wenig sinnlos
an manchen Stellen. Eben ein verträumter Film, wo Realität und
Träumerei ineinander verschmelzen. Mein Tipp: sich vom Film treiben
lassen und schauen, wo man am Ende strandet.