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Berlinale 2005

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Man To Man
Thumbsucker
The Dying Gaul
Un Ano Sin Armor
Childstar
Dumplings
Hotel Rwanda
Provincia Meccanica
Kinderfilmfest

Sophie Scholl

Kakushi Ken
The Ballad Of Jack & Rose
Tao Se
Paradise Now
Fjorton suger
Tian Bian Yi Duo Yun
Transamerica
Anklaget

Nochnoj Dozor

Riyuu

Nok-Saek-Eui-Ja

For The Living And The Dead

Kinsey

Rezensionen Berlinale 2005

 

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Die Filmfestspiele in Berlin, ein Rausch - eine Reise von Kino zu Kino, von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, von Mensch zu Mensch, von einer Geschichte zur anderen - mit Suchtpotential.

Die Berlinale beginnt mit einem eisigen Morgen, die Temperaturen reißen Lippen auf, die Schlange vor dem Kartencounter am Potsdamerplatz wird zu der aus dem Computerspiel, die Pilze frisst und droht, sich selbst in den Schwanz zu beißen. Es wird dreist vorgedrängelt. Lügenmärchen haben Hochkonjunktur. Um einen besseren Platz in der Schlange zu ergattern, werden Prinzipien über Bord geworfen und Filmstudentinnen transformierten zu berechnenden amerikanischen Außenministerinnen.

Man To Man

Der Eröffnungsfilm "Man To Man" von Régis Wargnier entführt den Zuschauer in die Kolonialzeit und wird mit tatkräftiger Unterstützung der beiden Stars Joseph Fiennes und Kristin Scott Thomas präsentiert. Erzählt wird die Geschichte einer Gruppe Anthropologen, die auf einen Pygmäenstamm stößt und ein "Männchen" und ein "Weibchen" verschleppt, um an ihnen die Verbindung zwischen Mensch und Affe zu belegen. Mit westlicher Arroganz brüstet sich der Film, die Ausbeutung einer Minderheit zu thematisieren. Dabei scheut er sich nicht, jene Ausbeuter, die schneeweißen Westler mit später menschelnder Einsicht auf den Heldensockel zu hieven. Die Pygmäen werden zum "Free Willy" degradiert. "Man To Man" bedient genau jene Weltansicht, die er verurteilt, und ist in Mark und Bein misslungen. Eine äußerst fragwürdige Entscheidung, diesen Film als Eröffnung zu präsentieren.

Thumbsucker

Keanu Reeves absolviert sowohl in der mäßigen Coming-of-Age-Dramödie "Thumbsucker" von Mike Mills als auch auf der diesjährigen Berlinale einen Gastauftritt. Die Geschichte eines 17-jährigen Daumenlutschers versucht sich als Parabel auf menschliches Suchtverhalten mit "American Beauty"-Touch, erreicht jedoch nie die Qualität seines Vorbildes. Die erlesene Besetzung um den als besten Darsteller ausgezeichneten Lou Taylor Pucci hält einen bei der Stange: Tilda Swinton als Daily-Soap-fixierte Mutter, Vincent D'Onofrio als vom sportlichen Wettbewerb besessener Vater, Benjamin Bratt als drogensüchtiger Fernsehstar und Vince Vaughn als diskussionswütiger Lehrkörper hätten den silbernen Bären allemal mehr verdient als die allzu vertraute Darstellung des in sich gekehrten Protagonisten.

The Dying Gaul

Mit dem psychologischen Thriller "The Dying Gaul" erlebt die Berlinale in der Panorama-Sektion ihren ersten Höhepunkt. Regisseur und Drehbuchautor Craig Lucas präsentiert sein subtiles Meisterwerk als Statement zum Irakkrieg. Oberflächlich betrachtet, teilen Film und Realität nicht die geringste Gemeinsamkeit, taucht man jedoch in die Doppelbödigkeit des bösen Mysteryjuwels ab, wuchert ein Dschungel aus Parallelen: Ein schwuler Drehbuchautor schreibt eine ergreifende Liebesgeschichte, die in Fachkreisen als zweite "Love Story" gehandelt wird. Das Problem: die Protagonisten, zwei sich liebende Männer. Die Studios überbieten sich mit millionenschweren Angeboten, doch alle teilen sie ein und dieselbe Bedingung, das Buch muss auf eine heterosexuelle Zielgruppe umgedichtet werden. Schließlich erliegt der Protagonist dem Werben eines bisexuellen Produzenten und dessen Ehefrau, verrät sich selbst und seine Prinzipien und stürzt in einen kryptischen Krieg aus visionärer Manipulation und albtraumhafter Sehnsucht, in dem das Opfer zum Täter, der Täter zum Opfer wird, die Resolution vernichtet...

Im Anschluss von "The Dying Gaul" fragt ein Filmstudent den Regisseur, ob sein Werk in einem Amerika von George W. Bush überhaupt eine Chance habe. Craig Lucas erwidert enttäuscht und müde, dass mehr als 40% der Amerikaner ihr Votum gegen den Analphabeten gerichtet haben, aber dass dieser Prozentsatz vom Rest der Welt häufig vergessen werde, wenn von den USA gesprochen werde. Der Filmstudent nickt interessiert und schweigt. Ja, bei uns in Deutschland werden selbstverständlich reihum intelligente Thriller mit schwulen Protagonisten produziert, die die Zuschauerzahlen toppen!

Berlinale 2005Un Ano Sin Amor

Der argentinische Panorama-Beitrag "Un Ano Sin Amor" von Anahí Berners erzählt von einem aidskranken Schriftsteller, der in dem Jahr vor seinem Tod in die S/M-Szene abdriftet, um sich hemmungslos seiner Leidenschaft hinzugeben. Das deprimierende Handkameradrama, das zu 80% aus grobkörnigen Großaufnahmen besteht, verschreibt sich dem dokumentarischen Realismus, gehört zum Genre des abgefilmten Leids, weckt weder Emotion noch Anteilnahme an seiner Hauptfigur und wird zu Unrecht mit dem Teddy ausgezeichnet.

 

Childstar

Der Kanada-Import "Childstar" mit Jennifer Jason Leigh beginnt als aberwitzige Groteske auf die Verrohung eines amerikanischen Kinderstars. Das Bemühen des Autors, Regisseurs und erwachsenen Hauptdarstellers Don McKellar, auch mitfühlende Töne anzuschlagen, ist ehrenhaft, kostet den Film jedoch den anfänglichen Biss und führt in ein moralisches Finale, in dem die Motivationen, Versäumnisse und Besserungsgelöbnisse der Charaktere dialogisiert werden.

Dumplings

Der erste handfeste Festivalschocker, der für Ohnmachtsanfälle und fluchtartiges Verlassen des Kinosaales sorgt, stammt aus der Feder von Fruit Chan, der mit Kameramann Christopher Doyle und Hauptdarstellerin, dem Jury-Mitglied Bai Ling, aus China angereist ist. In naher Zukunft regiert der Schwarzmarkt, das Versprechen von ewiger Jugend treibt eine dekadente Dame in schäbige Wohnblocks und die Küche einer mysteriösen, jugendlichen Frau. Das Rezept der über 60-jährigen, alterslosen Schönheit: "Dumplings" (so auch der Filmtitel), gekochte, eingelegte oder frittierte Embryonen. Die gallige, bitterböse und konsequente Abrechnung auf den Schönheitswahn verstört mit dezent eingesetzten expliziten Ekelmomenten. Eine gnadenlose Abtreibungssequenz setzt den Schraubstock an, den ein Großteil des Publikums nicht über sich ergehen lassen kann. Die Empörung ist allerdings unverständlich, der Film geradlinige Kritik an der Menschenverachtung, die ihm vorgeworfen wird. Zudem beschert uns Chan einen minimalistischen, visuell und darstellerisch beeindruckenden, unberechenbaren, rauschhaften Trip, der einen bis in die (Alb)Träume verfolgt.

Hotel Rwanda

Außer Konkurrenz sorgt der mehrfach Oscar-nominierte "Hotel Rwanda", der von den Massakern des 1994 ausgebrochenen Bürgerkriegs zwischen den regierenden Hutu-Milizen und den Rebellen der Tutsi erzählt, für gepflegte Betroffenheit. Nebendarstellerin Sophie Okonedo hätte den silbernen Bären und den Oscar verdient. Hauptdarsteller Don Cheadle und Regisseur Terry George hingegen bedienen die Tränendrüsenfraktion und verstören ein allzu empfindsames Publikum mit poetisch sanften Schocks, die dem Schrecken den graphischen Horror nehmen. Im Akkord wurden Frauen vergewaltigt, Kinder exekutiert, Männer gefoltert und im Todeskampf entwürdigend zur Schau gestellt, all das mag George seinem westlichen Publikum nicht zumuten. Man darf die eine oder andere Träne vergießen, aber vor wuchtigen Schlägen in die Magengrube oder ins Gesicht und vor schamhaften Schuldempfindungen bewahrt uns "Hotel Rwanda" wie ein moralisches Kirchenoberhaupt vor unreinen Gedanken.

Provincia Meccanica

Der italienische Wettbewerbsbeitrag "Provincia Meccanica", der von einer jungen Familie erzählt, die an ihrer eigenen Verantwortungslosigkeit und an gesellschaftlichen Normen zerbricht, ist eigenartig motivationsloses Betroffenheitskino, scheint selbst nicht zu wissen, was es eigentlich erzählt, und verzichtet letztlich auf eine Auflösung. Trotz des grandiosen Stefano Accorsi, ein verdienter Festivalflop, der von Kritik und Publikum gleichermaßen verschmäht wird.

Kinderfilmfest

Das Kinderfilmfest und die Sektion 14+ erweisen sich als ebenbürtige Konkurrenz zum Wettbewerbsprogramm. Dennoch werden die Filme von einem erwachsenen Publikum gemieden. Die Tagespresse schenkt dem Genre nahezu keine Beachtung. Ein Zeugnis für die tunnelsichtige Arroganz des intellektuellen Publikums.

Der finnische Beitrag "Pelikaanimies" ist zugegebenermaßen dann auch nur etwas für die ganz Kleinen. In bunten, gesättigten Farben wird von einem Jungen erzählt, der entdeckt, dass sein Nachbar in Wirklichkeit ein Pelikan ist. Ohne Biss aber mit jugendfreiem Humor und Liebe zu ihren Figuren inszeniert Lisa Helminen ein leichtverdauliches Manifest auf den Mut zum Anderssein. Da ist der subversive "Shrek 2" allemal reizvoller.

Berlinale 2005Das israelische Jugenddrama "Sipur Kaits" begleitet den 13-jährigen Gal, der sich in ein herzkrankes, erwachsenes Mädchen verliebt. Dieses steht jedoch in romantischem Briefkontakt zu einem Soldaten im Libanon. Aus Eifersucht unterschlägt Gal einen Brief von der Front und setzt eine Kette von unerwarteten Ereignissen in Gang. Letztlich scheitert die zunächst ansprechende Liebesgeschichte an ihrem krampfhaften Bemühen, keine politische Stellung zu beziehen, und an ihrer allzu blauäugigen Schlusspointe.

In der Sektion 14+ sorgt Luis Mandokis "Voces Inocentes - Innocent Voices" für Furore. Der Film wird voraussichtlich im April in den deutschen Kinos starten, und man sollte dieses krasse Meisterwerk nicht versäumen. Im El Salvador der frühen 80er Jahre zerrt der Bürgerkrieg an den Nerven und Leben der Zivilisten. Der 11-jährige Chava wächst in einer Welt auf, in der die Vaterfiguren verschwinden und Kinder wie er für ihre Familien Verantwortung übernehmen. Ihm bleibt noch ein Jahr im Kreise seiner Mutter und Geschwister, bevor Chava an seinem 12. Geburtstag von der Regierungsarmee eingezogen wird. Selten gelang es einem Film den Schrecken des Krieges so kompromisslos auf die Leinwand zu bannen und zugleich mit einer inbrünstigen Kraft das Leben und die Liebe zu zelebrieren. Opulent fotografiert und musikalisch verzaubernd fräst sich "Voces Inocentes" in die Sinne. Das hervorragende Drehbuch von Oscar Orlando Torres, das auf autobiographischen Erlebnissen beruht, und das famose Schauspielerensemble, dessen unverbrauchte Gesichter sich ins Gedächtnis brennen, brechen die Schale und öffnen den Kern: Zunächst ist es ein drückender Kloß im Hals, schon bald schießen die ersten fassungslosen Tränen und ein herzliches Lachen im Wechselspiel mit Tränen der Rührung bricht sich Bahn. Um den unsentimentalen, ehrlichen Schluss, der von der Realität diktiert wurde, zu verdauen, braucht es seine Zeit. Obwohl der Abspann die Anspannung löst, und das Kinopublikum im Kollektiv von heftigen, heilenden Heulkrämpfen durchschüttelt wird. "Voces Inocentes" ist keinesfalls abgefilmter Kriegshorror sondern eine wunderschöne, tief bewegende Hymne an das Leben und die Menschen aus der unverklärten Perspektive eines Kindes. Der Film gewann den Jugendfilmpreis der Berlinale und wurde trotz Einreichung des Landes Mexiko von den Oscar-Juroren ignoriert. Neben ihm hätte nicht einer der ausgewählten Kandidaten bestehen können! Ansehen!

Ebenfalls in der Sektion 14+ des Kinderfilmfestes fegt die schwedische Perle "Populärmusik Fran Vittula" von Reza Bagher über die begeisterten Zuschauer hinweg. Das phantasievolle Epos über die Entwicklung zweier Rock'n'Roll besessener Jungs bis ins Erwachsenenalter und ihrer unterbewussten homosexuellen Liebe ähnelt den Geschichten eines John Irving und den filmischen Welten eines Emir Kusturica, fasziniert gleichermaßen mit irrwitzigem Humor und phantastischen Elementen, die die Protagonisten und den Betrachter überraschend in lynchige Abgründe stürzen. Da kann selbst der etwas abrupte Schluss die Stimmung nicht dämpfen, das Publikum honoriert das waghalsige, schillernd bunte und berührende Feuerwerk an Kreativität mit stehenden Ovationen.

Der Preisträger des gläsernen Bären (Kinderfilmfest) ist der niederländische Film "Bluebird" von Mijke De Jong, der von der 13-jährigen Merel erzählt, die sich gegen die Schikanen ihrer Mitschüler zur Wehr setzt. Das Herz des bewegenden Filmes schlägt hingegen für seine wunderschöne Nebenhandlung, Merels inniger Liebe zu ihrem körperbehinderten Adoptivbruder.

Sophie Scholl - Die letzten Tage

Berlinale 2005Zwielichtiger ist da schon die allgemeine Wertschätzung und Auszeichnung von "Sophie Scholl - Die letzten Tage". Zwar nicht mit untergangschem Großkotz gescheitert aber mit äußerster Vorsicht zu betrachten. Vor allem der silberne Bär für Regisseur Marc Rothemund gehört gehäutet. So wird dem Zuschauer ein heiliges, tief gläubiges, gewissenhaftes, moralisch gefestigtes und unfehlbares Geschöpf präsentiert. Handelt es sich da tatsächlich um ein authentisches Bild der 21-jährigen Widerstandskämpferin? Oder vielmehr um ein durch Weichzeichner gefiltertes und mit Heiligenschein versehenes Konzentrat personifizierter Reinheit? Der Film und seine Befürworter müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, unfreiwillig die These aufzustellen und zu stützen, dass nur ein weiblicher Jesus Hitler die Stirn bieten konnte. Der Zuschauer wird somit einmal mehr vor der entblößenden Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit verschont, denn weder mit der heiligen Sophie noch mit ihren teuflischen Richtern mag man sich identifizieren. Ein Lichtblick hingegen die Darstellung des verhörenden Gestapo-Mannes Mohr, der als einzige Figur menschliche Zerrissenheit in sich birgt. Der anhaltende Hype um die Bärengewinnerin und Sophie-Darstellerin Julia Jentsch passt ebenso wenig zum zurückhaltenden Wesen der Aktrice wie zu ihrer durchweg soliden aber reservierten schauspielerischen Leistung.

Kakushi Ken - Oni No Tsume

Der japanische Samurai-Film "Kakushi Ken - Oni No Tsume" läuft im Wettbewerb. Fernab von "Tiger & Dragon", "Hero" oder "House of Flying Daggers" wird eine unspektakuläre und altmodische Liebesgeschichte erzählt, die sich in geradezu arschpieksender und liederschwerender Gemächlichkeit in ein Rachedrama verwandelt, um später wieder auf vernachlässigte Liebespfade zurückzufinden. Ein nicht unsympathischer aber unentschlossener Hinhalter, der zu Unrecht mit Kritikerehren bedacht wird.

The Ballad Of Jack & Rose

Im Rahmen der Panoramapremiere von "The Ballad Of Jack & Rose" nimmt der vollbärtige Daniel Day Lewis die Berlinalekamera als Ehrenpreis entgegen. Die Presse boxt sich die Rippen wund, und der sich windende Star wird nicht müde, den missratenen Film seiner ebenfalls anwesenden Ehefrau, der Regisseurin Rebecca Miller (Tochter von Arthur Miller), anzupreisen. Ein Restbestand des Kommunendaseins: Die heranreifende Rose und ihr todkranker Vater Jack wurden von Mutter und Ehefrau zurückgelassen. Rose genießt die klammernde Vater-Tochter-Beziehung, bis eine neue Frau in das Leben ihres Vaters tritt und droht, die Symbiose zu zerstören. Das interessante Thema wird schon allein durch die schwache Performance der talentfreien Hauptdarstellerin Camilla Belle zum unfreiwilligen Witz auf Raten. Daniel Day Lewis müht sich redlich, doch auch er kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Angetraute nicht einen Hauch des Talentes ihres Vaters geerbt zu haben scheint: Die Dialoge halten sich auf zweitklassigem TV-Film-Niveau, die Dramaturgie holpert wie ne Achterbahn, von der peinlich esoterischen Inszenierung ganz zu schweigen.

Tao Se

Für kontroverse Panoramakost sorgt der chinesische Regisseur und Drehbuchautor Yonfan ("Bishonen"). Seine erotische Fantasie "Tao Se" verpasst der Berlinale in den Gazetten den Spitznamen Sexinale. Die empörten Schreie hallen nach. Wie zwei weitere Filme im Festivalprogramm belegen, ist ästhetisiertes sexuelles Kino selbst bei einem liberalen Publikum noch immer ein absolutes Reizthema. "Tao Se" erzählt in triefender Kitschästhetik, opernhafter Theatralik und verschachtelter, traumhafter Rätselhaftigkeit die Geschichte einer unerwiderten Liebe, die sich in einer sexuellen Obsession entlädt. Ein Mann lässt sich zur bildschönen Frau umoperieren, um den einen Mann, der ihm die Liebe verwehrt, zu erobern. Ein jeder verfällt der schönen Transsexuellen, nur der Eine mag ihr zwar körperliche Lust aber nicht sein Herz schenken. Und weil Liebe schmerzt, wird in "Tao Se" auch gepeitscht, geohrfeigt, geschluchzt, gelackt und geledert was das Zeug hält. In Anwesenheit seines nahezu kompletten Ensembles führt der Regisseur sein poppiges Spektakel mit den Worten "Das ist ein Film über Divas" ein. In seinen besten Momenten zeigt "Tao Se" viel Fantasie, ist lasziv, sinnlich, unverschämt, arrogant, avantgardistisch und humoristisch zugleich - wie eine Diva eben. Dennoch teilt der Film das ungerechte Schicksal seines amerikanischen Kollegen "Showgirls", der trotz eines enormen Unterhaltungswertes von der Fachpresse aufgrund des realitätsfremden Pornokitsches leichtfertig zum Schrott erklärt wurde.

Berlinale 2005Paradise Now

Den wohl tiefsitzendsten Schock der gesamten Berlinale erleidet das Publikum bei dem Besuch einer nächtlichen Wiederholung des Gewissensdramas "Paradise Now" von Hany Abu Assad, das mit unglaublicher Spannung und Intensität von zwei palästinensischen Selbstmordattentätern und ihren letzten Stunden erzählt. Die thematische Brisanz ist allgegenwärtig, die Zuschauer unruhig. In den vorderen Reihen hört man plötzlich, wie links und rechts hinter einem die Türen aufgerissen werden. Ein dumpfer, harter Schlag. Ein Mann schreit "Scheiße!". Das Publikum fährt in seinen Sitzen herum. Eine Vielzahl von polternden, gehetzten Schritten eilt der Leinwand entgegen. Man ist reglos, spürt die nackte Panik, die sich salzig und heiß und pochend in die Muskeln und Gelenke frisst. Man denkt an einen Terroranschlag - für 5, 6 grauenhafte Sekunden, umso demütigender die Auflösung: Ein wohl nicht mehr ganz nüchterner Kinogast hat die Vorstellung verlassen, um sich etwas zu trinken zu holen. Bei seiner Rückkehr reißt er die Tür zum Saal so heftig auf, dass sowohl ein Echo als auch der Eindruck entsteht, beide Türen würden gleichzeitig aufgerissen. Aus Schreck über den verursachten Lärm, lässt der Mann sein Getränk zu Boden fallen, schreit "Scheiße!" und eilt mit polternden Schritten der Flasche hinterher, die gen Leinwand kullert. Der Widerhall seiner Schritte schafft die Illusion von mehreren Personen, die von beiden Seiten auf die Leinwand zustürmen. So schrecklich diese Täuschung auch gwesen ist, sie ist ein Beleg für die emotionale Qualität des Films.

Fjorton suger - Forteen Sucks

Das schwedische Jugenddrama "Fjorton suger - Forteen Sucks" über ein 14-jähriges Mädchen, das im Suff vom besten Freund ihres Bruders missbraucht wird und sich niemandem antrauen mag, ist erfrischend echtes Vorstadtkino im Geiste von "Raus aus Amal": Authentisch, berührend, hoffnungsvoll und ohne die nihilistisch narzisstische Erzählweise eines Larry Clark ("Kids", "Bully", "Ken Park").

Tian Bian Yi Duo Yun - The Wayward Cloud

Die Leinwand reißt auf. Ein schriller Schrei. Das Bild einer Frau, die eine saftige, aufgeschnittene Wassermelone gegen ihre Vagina presst. Zwei männliche Finger, die schmatzend in das Fruchtfleisch bohren. Stöhnen. Die Finger beeilen sich, weiden die Melone aus, der Melonensaft spritzt, die Frau zuckt und quiekt. Das ist die Eröffnungssequenz von "Tian Bian Yi Duo Yun - The Wayward Cloud", der von der verständnislosen Fachpresse auch liebevoll "Melonenporno" genannt wird. Ja, das Geschrei ist mal wieder groß: "Porno-Alarm auf der Sexinale!" Dass das zweistündige Filmrätsel des Taiwanesen Tsai Ming-Liang in Wirklichkeit von der zarten Annäherung zweier einsamer und verdurstender Menschen erzählt, die in einem konsequenten, im wahrsten Sinne des Wortes aussaugenden Finale gipfelt, bleibt den empörten Zuschauern, die schon nach wenigen Minuten den Saal verlassen, verborgen. Und auch das allgegenwärtige verschämte Kichern der Verbliebenen ist Zeichen für die noch immer währende großflächige Unfähigkeit zur ernsthaften Konfrontation mit menschlicher Sexualität. "The Wayward Cloud" besitzt durchaus komische und comichafte Momente, aber gerade in der expliziten, fantasievollen Darstellung der Fleischeslust kann einem nur bei oberflächlicher Betrachtung zum Lachen zu Mute sein: Lässt man die Bilder ohne schamhafte Abwehr auf sich wirken, verliert man sich in dem visuellen Kosmos aus unerträglicher Sehnsucht und unversiegbarem Durst nach Zuneigung, unglaubliche Traurigkeit schlägt sich auf die Brust und das Lachen verknotet. Künstlerisch betrachtet, ist "The Wayward Cloud" die Entdeckung der diesjährigen Berlinale. Die nahezu stummen visionären Bilder von der großstädtischen Zukunft in Betonklötzen, gebeutelt von akuter Wassernot, die knallbunten, wundervoll arrangierten, herrlich abgedrehten Musicaleinlagen im kontrastreichen Einklang mit den schmerzenden Sexszenen, die beiden melancholischen Hauptdarsteller, die großen Mut beweisen und sich unaufgeregt ins Herz ihres Betrachters spielen, der gnadenlos ehrliche Schluss, der den ein oder anderen Zuschauer so erschreckt, dass zur Beruhigung wieder gelacht werden muss. Aber diesmal nur noch vereinzelt und von weit, weit weg.

Transamerica

Berlinale 2005"Transamerica" erzählt die berührende Geschichte der konservativen Transsexuellen Bree, die über Nacht erfährt, dass aus ihrer einzigen sexuellen Begegnung mit einer Frau vor 18 Jahren ein Sohn entstanden ist: Toby sitzt wegen Drogenbesitzes und Stricherei im Gefängnis. Da seine Mutter gestorben ist, hinterlegt Bree die Kaution und gibt sich als christliche Missionarin aus. Ein klassisches Roadmovie beginnt, auf dessen Reise sich Toby und Bree näherkommen. Regisseur und Drehbuchautor Duncan Tucker schuf respektvolles, wegweisendes Kino: Familientauglicher Humor gepaart mit amerikanischen Werten, die grandiose Hauptdarstellerin Felicity Huffman und eine konventionelle Dramaturgie versprechen das Potential zum weltweiten Überraschungshit. Denn auch, wenn "Transamerica" eine gesellschaftliche Randfigur als Heldin zelebriert, so dürfte sein universelles Thema sowohl Mütter als auch Väter, Heranwachsende und ein liberales Publikum gleichermaßen ansprechen. Das Berlinalepublikum honoriert die Arbeit des sympathischen Regisseurs, der sehr persönlich und witzig über seine Arbeit erzählt, mit stehenden Ovationen, und diverse europäische Verleiher lassen es sich nicht nehmen, bereits während der anschließenden Frage-und-Antwort-Runde brennendes Interesse zu verkünden.

Anklaget

Der dänische Wettbewerbsbeitrag "Anklaget" ist das düstere Psychogramm einer Familie: die 14-jährige Stine erhebt eine schwere Anschuldigung gegen ihren Vater Henrik. Das Jugendamt schreitet ein, Henrik wird verhaftet und sitzt in Untersuchungshaft, Freunde und Bekannte wenden sich von ihm ab, doch seine Frau Nina und die Prozessrichterin erklären Henrik für unschuldig. Es vergehen Monate, ehe die Eltern die Tochter erstmals wieder sehen und mit ihr über das Geschehene sprechen können. Stine bittet ihre Mutter das Zimmer zu verlassen, sie will mit ihrem Vater allein sein... Bis zum Finale tappt der Zuschauer im Dunkeln. Wer ist Opfer? Wer ist Täter? Die Enthüllung ist ein Schlag ins Gesicht, der Film von Jacob Thuesen und Kim Fupz Aakeson ein schonungsloser, kompromissloser Familienthriller in beklemmender Visualität, der bei der Preisverleihung unverständlicher Weise gänzlich leer ausging.

Nochnoj Dozor - Night Watch

Der russische Horrorthriller "Nochnoj Dozor - Night Watch" von Timur Bekmambetov kombiniert "Blade", "Matrix" und "Der Herr der Ringe", war in seiner Heimat erfolgreicher als seine Vorbilder und wird im Sommer von der 20th Century Fox weltweit vermarktet. Das erste Drittel ist ein atemlos geschnittenes und visuell berauschendes Fest für die Sinne, sobald sich jedoch die Handlungsstränge verwickeln und die Darsteller den Dialog entdecken, ist der anfängliche Zauber verflogen.

Riyuu - The Motive

Zu Beginn des dreistündigen Japan-Krimis "Riyuu - The Motive" werden vier Leichen in der Wohnung eines Hochhauses aufgefunden. Weder standen die Toten in irgendeiner Verbindung zueinander, noch war einer von ihnen Bewohner des Hauses. Bis zu 60 Zeugenaussagen setzen das pseudo-dokumentarische Puzzle zusammen, das in seiner unwirklichen Auflösung sowohl komplettiert als auch zerstört wird. Durchaus spannend, aber nicht jede Wendung ist nachvollziehbar, und zwei Stunden hätten ausgereicht.

Nok-Saek-Eui-Ja - The Green Chair

Der koreanische Panoramafilm "Nok-Saek-Eui-Ja - The Green Chair" von Cheol-su Park erzählt die sympathische unkonventionelle Liebesgeschichte zwischen einer sexhungrigen Enddreißigerin und einem potenten Teenager. Einmal mehr ein asiatischer Film, dem es gelingt, innige Liebe und Zuneigung über entwaffnende sexuelle Freizügigkeit zu erzählen.

For The Living And The Dead

Die finnische Familientragödie "For The Living And The Dead" zeigt eine sperrige Auseinandersetzung mit dem Verlust eines Kindes. In eiskalten Bildern agieren die unsympathischen, unattraktiven Figuren vielleicht authentisch, wecken allerdings keinerlei Anteilnahme an ihrem Schicksal. Der Regisseur selbst lobt sich und seinen Film mit den Worten "Ich erzähle nicht in Klischees, ich brauche keine Musik in der Luft."

Kinsey

Berlinale 2005Der Abschlussfilm von Bill Condon über den Sexualforscher "Kinsey", leidenschaftlich verkörpert von Liam Neeson, beginnt als entlarvende Satire auf die sexuelle Borniertheit, die nicht nur im Amerika der frühen 50er Jahre sondern selbst auf der diesjährigen Berlinale weit verbreitet war und noch immer ist. Das zeigt uns "Kinsey" selbst, der feig sein eigenes Thema verrät, indem er sich in rührseligem Pathos verliert und seine anfängliche Aufsässigkeit vergessen lässt. Ärgerlich!

 

Alles in Allem sei den Organisatoren für die facettenreiche Filmauswahl und den nahezu reibungslosen Ablauf ein großer Dank ausgesprochen!

Berlin im Februar 2005,   Josa-David Sesink

 
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