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...Der amerikanische Drehbuchautor und Regisseur Cary Fukunaga ("Sin Nombre") spricht mit uns über seine kulturelle Identität, wichtige Eigenschaften eines Regisseurs und gibt uns Tipps mit auf den Weg...

Filmkritik "Sin Nombre"

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Cary Fukunaga

 

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Cary im Interview

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Zur Filmkritik zu "Sin Nombre"

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Herr Fukunaga, das war nun ihre erste große Spielfilm Produktion, aber es scheint als hätten sie schon hunderte von Filmen gemacht. Was ist für sie das wichtigste an ihrem Film?

Ich würde mir wünschen, dass der Film in 10 oder 20 Jahren immer noch einen recht authentischen Eindruck davon liefert, wie die Situation in Mittelamerika und Süd Mexico in den Jahren 2004 und 2005 war. Ich denke es ist eine Art fiktionales Porträt dieser Gegend geworden. Aber es gibt auch etwas universelles, das in dem Film mitschwingt und auch für andere Gegenden dieser Welt gilt. Nämlich das Menschen von einem Ort der Schwierigkeiten und Konflikte fliehen und irgendwie versuchen ihre Lebenssituation zu verbessern. Ob nun Immigranten, Gangmitglieder oder wer auch immer, es geht um Menschen die Underdogs sind  und versuchen aus dieser Situation auszubrechen. Die essentielle Story des Films dreht sich um Menschen die ums überleben kämpfen und darum sich über Wasser zu halten, und darum wie sie das anstellen. Ich hoffe, dass das auch in Zukunft noch von Bedeutung ist.

Als ich den Film gesehen habe kamen mir gleich einige Bilder sehr metaphorisch vor. Die Zugfahrt an sich zum Beispiel, steht die vielleicht für eine Art Lebensreise oder auch einen Neubeginn?

Richtig... Mark Helprin, ein amerikanischer Autor, schreibt in seinem Buch "A Soldier of the Great War" von einem Mann der zum Tode verurteilt ist und seinen letzten Gang von der Zelle zum Galgen geht und in diesen letzten Schritten steckt ein ganzes Leben. Man könnte vielleicht sogar jede Reise im Leben, ganz egal wo sie beginnt oder endet, als einen Mikrokosmos für ein ganzes Leben sehen, eben weil sie einen Anfang und ein Ende hat. Ich wollte, dass die Handlung des Films sich zwischen zwei Flüssen abspielt. Das Skript begann auch ursprünglich am Fluss und endete an einem Fluss.

Sie haben ja einen recht vielseitigen sozialen Hintergrund, sind gereist und haben in verschiedenen Ländern gelebt. Hat das einen Einfluss auf ihre Arbeit?

Mhm, das ist schwer zu sagen, ich kann mir nicht vorstellen wie es gewesen wäre ohne all diese Einflüsse aufzuwachsen.

...thematisch vielleicht?

Thematisch...Ich denke dadurch, dass ich zwischen zwei Kulturen aufgewachsen bin habe ich kein richtiges Kulturbewusstsein, weil man eigentich immer alles von außen betrachtet. Ich denke, dass diese Erziehung mein Interesse an Geschichten entscheidend mit beeinflusst hat.

Sie mögen es zu Beobachten?

Ja..., aber nicht einfach willkürlich, sondern mit dem Hintergedanken, andere Kulturen und Hintergründe zu beobachten die mir ähnlich fremd sind wie mein eigener. Denn mein eigener kultureller Hintergrund ist mir irgendwie fremd.

Wie lang und wie genau haben sie sich auf diesen Film vorbereitet?

Den Kurzfilm (auf diesem basiert "Sin Nombre") habe ich 2004 gemacht und habe danach etwa ein Jahr an anderen Projekten gearbeitet. Erst danach habe ich das Skript für "Sin Nombre" fertig geschrieben. Danach habe ich aber noch zwei weitere Jahre recherchiert, denn es gab gerade über die Gang sehr viele Informationen. Ich wünschte aber, dass ich mehr Zeit gehabt hätte um mich auf den eigentlichen Dreh vorzubreiten. Vielleicht ein weiterer Kurzfilm..., denn der Kurzfilm der den Stein ins rollen gebracht hat, war überhaupt mein erster richtiger Film. An der Filmschule, auf der ich damals war, macht man als erstes einen Schwarz-Weiß-Film ohne Dialog, ohne Musik und nur Außenaufnahmen, dazu ohne Schrift und auch ohne rhytmische Geräusche. Es geht um visuelles Erzählen. Erst im darauf folgenden Jahr kann man seinen ersten Farbfilm mit Dialog machen. Also hatte ich nur eine Chance zu lernen damit umzugehen. Dann habe ich auf einmal die Möglichkeit bekommen diesen Film zu machen. Ich hatte einfach keine Zeit mehr zu üben, oder noch einen Film vorher zu machen.

Wie hat diese große Produktion nun ihr kreatives Arbeiten beeinflusst? Oder hat es das überhaupt?

Es ist natürlich etwas Anderes als einen Studentenfilm zu drehen, denn an manchen Sets gab es manchmal nur drei von uns. Bei diesem Dreh gab es eine Situation in der ich mir die Kamera schnappte, weil Paulina Gaitan die "Sayra" spielt, auf einem Randstein eines Parkplatzes saß und mir die Art wie sie da saß eben gefiel. Die Szene ist übrigens im Film gelandet. Ich habe ein paar Aufnahmen von ihr gemacht und als ich aufsah und um mich herum sah, standen da auf einmal ca. 50 Menschen mit ihren Notizblöcken, bereit etwas zu tun. Ich weiß jetzt nicht, ob es die Art beeinflusst hat, wie ich gearbeitet habe, aber man steht eben die ganze Zeit unter Beobachtung. Daran muss man sich gewöhnen. Daran, dass jemand zuhört wie du mit deinen Schauspielern redest, wie du mit deinem Kameramann redest, dann will jemand noch mehr Antworten und man wiederholt sich 10 mal. Auch im Schneideraum wird man beobachtet. Es gibt keine Privatsphäre mehr im kreativen Prozess.

Sie haben ja Erfahrung im Umgang mit der Kamera, beeinflusst das die Arbeit mit ihren Kameraleuten?

Ich habe bisher mit drei Kameramännern gearbeitet und die waren alle super. Ich habe einen Levi's Werbespot mit Darren Lew gedreht und Adriano Goldman hat die Kamera für "Sin Nombre" gemacht. Beide sind großartige Kameraleute mit einem guten Auge. Aber was sie auch zu guten Kameramännern macht ist die Tatsache, dass sie kein übergroßes Ego haben. Sie haben mir sehr geholfen meine Wünsche umzusetzen. Sie machten Vorschläge und wir diskutierten darüber, aber sie bestanden nie auf ihren Ideen.

Ich fand das Licht in ein paar Szenen sehr schön. Ist das etwas worauf sie besonderen Wert legen.

Oh ja, definitiv, ich spreche sicher auch für Adriano wenn ich sage, dass wir unseren Tag um die besten Lichtverhältnisse herum geplant haben. Sagen wir mal, wir hatten eine Szene in der wir dem Himmel ausgesetzt waren und später am Tag vielleicht eine unter ein paar Bäumen und nachmittags vielleicht eine in einem offenen Gebäude, oder so. Und dann merkt man, dass eine der Szenen zu eine bstimmten Tageszeit vielleicht wirklich schlecht zu drehen ist, weil die Schauspieler auf Grund des Sonnenstandes Schatten auf den Augen hätten. Das würde die Kameraarbeit natürlich erschweren und so muss man eben den Drehplan an die Lichtverhältnisse anpassen. Man kann ja nicht warten bis das Licht perfekt ist, dazu hat man keine Zeit. 

Welche Fähigkeiten oder Talente sind ihrer Meinung nach wichtig für einen Regisseur?

Mhm... ich glaube wenn man mal am Set ist, geht es eigentlich nur noch um das Lösen von Problemen, denn die ganze kreative Arbeit muss eigentlich schon im Vorfeld erledigt sein. Wie es aussehen wird und auch die Auswahl der Schauspieler meine ich. Wenn erst mal die richtigen Leute ausgewählt sind, sollten sie dir nicht auch noch Performances abliefern, die 180° davon abweichen was du dir selbst vorgestellt hast. Es geht nämlich immer noch genug schief. Wie gesagt es geht um das Problemlösen und mir ging es glücklicherweise so, dass ich gefallen daran gefunden habe.

Hat man da noch Zeit zu improvisieren oder die Schauspieler auch mal improvisieren zu lassen?

Ich tendiere eigentlich dazu nicht so besonders viel zu improvisieren. Schon allein weil manche Schauspieler es wirklich hassen. Aber auch weil man sich eigentlich, es sei denn es gibt ein Problem, nicht all zu weit vom Drehbuch entfernen sollte. In unserem Fall war das sogar besonders wichtig, weil es viele Mittelamerikaner gab die Mexikaner spielten und die Grammatik sich unterscheidet. Damit hier keine Fehler entstehen konnten mussten wir recht nah am Drehbuch bleiben. Aber es gibt natürlich Regisseure die sehr viel improvisieren. Ken Loach oder Spike Lee zum Beispiel. Ihre Filme entstehen praktisch während sie gedreht werden. Aber bei einem Film wie diesem, mit so vielen logistischen Herausforderungen, gibt es höchstens Platz zum Improvisieren, was die Positionierung der Schauspieler oder Kameraeinstellungen betrifft.

Da gibt es diese ganz prägnante Szene mit dem kleinen Jungen Smiley. Ich stelle mir vor, dass die Arbeit mit Kindern sich stark von dem mit professionellen, erwachsenen Schauspielern unterscheidet.

Ich glaube ich habe bisher fast nur mit Kindern gearbeitet. Aber die Arbeit ist eigentlich unkompliziert, denn wenn man die richtigen Kinder ausgewählt hat, lässt man sie einfach machen. Das liegt aber auch daran, dass die meisten Kinder sehr steif klingen, wenn man ihnen ein Drehbuch vorsetzt. Es ist wirklich anders mit Kindern zu arbeiten. In dieser Szene, die so übrigens gar nicht im Drehbuch vorkommt, wollte ich, dass Smiley einmal seine Macht vor seinen gleichaltrigen Freunden demonstriert. Denn sonst wird er von allen herumgeschubst, darum geht es in dieser Szene, also habe ich ihn einfach mal ein bisschen angeben lassen.

(Die PR Dame unterbricht das Interview kurz um uns darauf hinzuweisen, dass ich noch zwei fragen stellen darf)

Wie reagieren sie auf unvorhersehbare Schwierigkeiten?

(lacht) So wie wenn einem die Zeit davon rennt?

Zum Beispiel...

Reduktion, dann muss man sich eben auf das Wesentliche beschränken und einen Weg finden mit der Situation umzugehen.

Welchen Rat würden sie jungen Menschen wie uns geben, die Filmemacher werden wollen?

Wisst ihr, ich bin auf eine Filmhochschule gegangen. 
Ich denke nicht, dass das unbedingt nötig ist, aber ich denke es hilft einem sich ein Netzwerk aufzubauen und sich unter Freunden gegenseitig auszuhelfen. Ganz besonders wenn man Regisseur werden will. Ich denke als Produzent geht man nicht auf eine Filmhochschule, man sucht eben Menschen mit Geld. 
Aber Wenn man Regisseur oder Drehbuchautor werden will, muss man vor allem produktiv sein. Ich habe so viele Freunde die einfach irgendwelche eintägigen Übungen gemacht haben, weil sie ein Idee hatten und einfach losgegangen sind und losgefilmt haben und genau diese kleinen Übungen, und nicht die Kurzfilme für die sie 10.000$-20.000$ ausgegeben hatten, waren es die auf den Sundance oder sogar in Cannes liefen. Man muss eben so viel machen wie möglich. Man weiß nie was es vielleicht bringen wird. Gerade wenn man erst am Anfang steht und noch seinen Stil sucht. Es geht auch gar nicht so darum seinen Stil zu finden sondern eher um das suchen. Man sollte dabei auch nicht zu viel Nachdenken.

Darüber was andere vielleicht gern sehen wollen?

Ganz genau, denkt auf keinen Fall darüber nach was andere sehen wollen. Macht einfach was euch gefällt.

Vielen Dank!

Alles Klar, Cool!

 

Interview geführt von Lion Bischof

 
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