Außer bei einer Liveübertragung hat man es bei jedem Film, gleich ob
fiktiv oder dokumentarisch, stets mit einer von der Wirklichkeit abweichenden
Zeit zu tun. Das ist auch ganz im Sinne des Zuschauers; wer will schon die
ganze Zeit zusehen, wie Meister Gepetto seinen Pinocchio schnitzt? Nur sehr
selten dauert eine Handlung im Film genau so lange wie in Wirklichkeit.
Weniger ist mehr...
Geschehnisse, die sich real über längere Zeiträume hinziehen, werden im
Film zu wenigen Minuten zusammengerafft und der Zuschauer akzeptiert das ohne
jede Frage. Man hat sogar das Bewusstsein, an diesem langen Zeitraum
teilgenommen zu haben, selbst wenn ein ganzes Menschenleben im Film erzählt
wird.
Doppelte Zeit
Dann wieder werden Abläufe, die sehr schnell vonstatten gehen oder sogar
gleichzeitig mit anderen geschehen, langsamer oder durch Zeigen paralleler
Geschehen in doppelter Zeit dargestellt. Oder ein und dasselbe Geschehen wird
im Laufe eines Filmes mehrfach wiederholt. Zeit kann für Filmhelden in
Todesangst bei Bedarf unendlich lange gedehnt werden. Regisseure und Cutter
lassen sich die Wartezeit, bis rettende Hilfe naht, genüsslich auf der Zunge
zergehen. Und der Zuschauer akzeptiert es.
Film vermag also in unserer Wahrnehmung physikalische Gesetzmäßigkeiten
außer Kraft zu setzen, unsere natürliche Zeiterfahrung zu verwischen.
Doch wo genau, an welcher Stelle findet dieser Verlust der wirklichen Zeit
statt? Zunächst einmal natürlich im Drehbuch, wo nur ganz bestimmte
Ereignisse erzählt und viele andere weggelassen werden. Am Drehort gibt es
in Form jeder gedrehten Einstellung Momente realer Zeit. Jede Einstellung
hält von Anfang bis Ende wirkliche Zeit fest. Doch wenn die Kamera
ausgeschaltet wird, läuft die wirkliche Zeit am Drehort weiter und geht,
weil die Kamera nicht mehr läuft, verloren. Wir sammeln also auf unserem
Filmnegativ oder der Videoaufzeichnung Ausschnitte der realen Zeit.
Sobald eine Einstellung im Schnitt
mit einer davor liegenden und einer folgenden kombiniert wird, entsteht eine
ganz andere Zeitebene, die Filmzeit.
Schaffen einer eigenen Wirklichkeit
n jeder Szene wird beim Schnitt reale Zeit herausgeschnitten und durch das
Kombinieren eine eigene zeitliche Wirklichkeit geschaffen. Jede verwendete
Einstellung ist natürlich ein Ausschnitt der realen Zeit. Die Kombination
verschiedener Einstellungen (realer Zeitausschnitte) zu einer Szene
vermittelt dem Zuschauer den Eindruck eines Zeitablaufs, der sich von der
realen Zeit nicht unterscheidet. Das ist auch ein Ziel des Schnittes, zu
einer Szene gehörende Einstellungen, die vielleicht über einen ganzen
Drehtag verteilt gedreht wurden, als glaubwürdige zeitliche Handlungsfolgen
in einen Fluss zu bringen. Das Ergebnis des Drehtags dauert als Szene
vielleicht ein oder zwei Minuten.
Der Zuschauer
Wer sich auf einen Film einlässt, liefert sich einem zeitlichen Nirwana
aus, einer nur in diesem Film existierenden Zeit. Als wie lang die filmische
Zeit subjektiv empfunden wird, hängt von den Zuschauern ab. Ob sie sich
langweilen, oder ob die Zeit nur so rast, entscheiden sie selbst. Auch
darüber, ob sie die im Film komprimierte, neue Zeit als glaubhaft, ja
vielleicht sogar als real empfinden. Unser Gehirn bestimmt das Zeitempfinden.
Um die Empfindung der Zuschauer in die eine oder andere Richtung zu lenken,
sind dramaturgische Mittel nötig. Drehbuch, Auflösung
und Schnitt können gleichermaßen Einfluss nehmen auf das Zeitempfinden der
Zuschauer. Und weil Regisseure, Kameraleute oder Cutter zugleich auch immer
Zuschauer sind, orientieren sie sich bei der Beurteilung an ihrem eigenen
Empfinden.
Solange die Handlungsabläufe innerhalb einer Szene in ihrer zeitlichen
Abfolge so wirken, als wären sie real, akzeptiert der Zuschauer die
filmische Zeitebene. Als Verstöße gegen das Zeitempfinden nimmt der
Zuschauer eher Zeitraffer oder Zeitlupe wahr.
Die ganz großen Verstöße gegen die Realzeit, das Weglassen von Zeit und
Handlung zwischen einzelnen Szenen oder die Sprünge von Vergangenheit über
Gegenwart bis in die Zukunft, akzeptieren die Zuschauer als dramaturgisches
Mittel aus Gewohnheit mehr oder weniger unbewusst.
Wie auch bei anderen Erzählformen erwarten es die Zuschauer sogar, nur
die wesentlichen, die interessanten Zeitausschnitte zu erfahren. Völlig
klar, dass Nick Nolte und Eddy Murphy in „Nur 48 Stunden“ („48 Hrs.“,
USA 1983) lediglich 92 Minuten lang zu sehen sind. Gänzlich jenseits der
zeitlichen Illusion bewegt sich der Film „Und täglich grüßt das
Murmeltier“ („Groundhog Day“, USA 1993), in dem Bill Murray den 2.
Februar wieder und wieder erleben muss.
Den umgekehrten Ansatz verfolgt John Badham in seinem Film „Gegen die
Zeit“ („Nick of Time“, USA 1995), in dem Gene Watson (Johnny Depp) 90
Minuten bleiben, um dem Entführer seiner Tochter (Christopher Walken) auf
die Spur zu kommen. Badham fügt sein in üblicher Weise produziertes
Material zu 90 Minuten „fiktiver Echtzeit“ zusammen, ohne Auslassungen,
Dehnungen oder Kompressionen.
Wie relativ Filmzeit ist, zeigt sich immer dann, wenn alte Stummfilme, die
ursprünglich mit 16 Bildern in der Sekunde gedreht wurden, auf Projektoren
oder Abtastern laufen, die eine Geschwindigkeit von 25 Bildern in der Sekunde
haben. Die Filmzeit ist ungewollt beschleunigt, Chaplin läuft schneller, hat
weniger Zeit für Liebeserklärungen und Herzschmerz.
Die Filmzeit wird in der jüngsten Vergangenheit durch Videokünstler wie
den Schotten Douglas
Gordon in wiederum neue Realzeit eingepasst, indem er Filme langsamer
ablaufen lässt. In einer seiner Installationen läuft Hitchcocks „Psycho“
in fünf Stunden. Ein John Wayne-Western wird derzeit in Schweden auf über 5
Jahre gedehnt. Eine völlig veränderte Wahrnehmung von Filmzeit. Ein
Filmtheoretischer Diskurs dazu findet sich auf der Kinostrasse.
Eine Abhandlung über Zeitsprünge
gibt es auf den Seiten der Heinrich-Böll-Stiftung.