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Hofer Filmtage
Kritik: Sommer vorm Balkon
In der Diskussion: Casting in Deutschland
Kurzfilme von Melvil Poupaud
Kritik: Wahre Lügen
Preise
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Hofer Filmtage

Hofer Filmtage 2005

Hofer Filmtage 2005  

Wie jedes Jahr traf sich die Filmbranche in der letzten Oktoberwoche in einer kleinen fränkischen Stadt, um neue Produktionen zu zeigen, Filme zu schauen, Talente zu entdecken, Partys zu feiern, Bratwurst zu essen und Fußball zu spielen. Bei soviel Programm tut es nur gut, dass durch die Umstellung der Winterzeit den Festivalbesuchern eine Stunde geschenkt wird. Und dennoch erscheinen am Sonntag, dem letzten Tag des Festivals viele mit vom Filmeschauen quadratischen Augen und vom Feiern verkaterten Schädeln. Auf der Fahrt zurück versucht man sich aus der Flut von Filmbildern, neuen Gesichtern, Gesprächsfetzen und Eindrücken ein Bild zusammenzusetzen von den 39. Internationalen Hofer Filmtagen. So wird sich dieses Bild mit dem Namen Hof 2005 für jeden Besucher aus anderen Mosaiken zusammensetzen.

Gekonnt wählte Heinz Badewitz aus den aktuellen Produktionen der deutschen Filmindustrie insgesamt siebzehn Spiel, acht Dokumentar- und zahlreiche Kurzfilme aus. Das kritische Publikum war gefordert; mit großer Spannung sah ich dem neuen Film des Berliner Regisseurs Andreas Dresen entgegen:

Kritik: Sommer vorm Balkon

Dresen war zum ersten Mal auf den Filmtagen in Hof vertreten, obwohl er bereits durch Filme wie „Nachtgestalten“ (1999), „Halbe Treppe“ (2002), „Herr Wichmann von der CDU“ (2003) nicht nur Kritiker, sondern auch das deutsche Kinopublikum für seine Art des Filmemachens überzeugen konnte. Andreas Dresen liebt seine Figuren, die so wunderbar aus dem Leben gegriffen sind, dass man sie mit all ihren Macken, Kanten und Problemen nur gern haben kann. Zudem gelingt ihm stets die Balance zwischen Komik und Tragik. Pointierte Dialoge bringen den Zuschauer zum Lachen, dennoch leidet er mit den Figuren mit. Am Ende ist nicht alles gut, aber es gibt einen Hoffnungsschimmer. So sind Andreas Dresens Filme stets lebensbejahend. Sie entlassen den Zuschauer mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht und einem nachdenklichen Gefühl im Bauch.

Dies alles trifft auch auf „Sommer vorm Balkon“ zu. Katrin leidet unter der Scheidung von ihrem Mann, findet keine Arbeit als Schaufensterdekorateurin, verfällt dem Alkohol und kümmert sich um ihren Sohn Max, der zum ersten Mal Liebeskummer hat. Ihre Freundin Nike sucht nach einem Mann, den einen fürs Leben gibt es eh nicht, pflegt liebevoll alte Leute und stöckelt etwas unbeholfen in knappen Oberteil und Schühchen durchs Leben. Auf Nikes Balkon ist die Welt in Ordnung. Dort treffen sich die Freundinnen um nächtelang zu trinken, die Menschen auf der Straße zu beobachten und über das Leben zu sinnieren. Bis Nike sich in Ronald (oder heißt er doch Roland?) verliebt, der es sich nicht nur in ihrem Bett, sondern auch in ihrer Wohnung bequem macht. Katrin glaubt ihre letzte Stütze, ihre beste Freundin an einen Mann verloren und gibt sich dem Alkohol hin, bis sie mit 2,5 Promille im Krankenhaus landet und eine Therapie beginnt.

So lieben, leben, leiden und lachen die Protagonisten einen Sommer lang und wenn der Herbst kommt scheinen zwar einige der Probleme gelöst, die Freundschaft wieder hergestellt, doch: „So ist das Leben. Aber wirklich.“, wie Drehbuchautor eine seiner Figuren sagen lässt und es geht immer so weiter.

Inka Friedrich und Nadja Uhl zeigen eine hervorragende schauspielerische Leistung und werden von Dresen gekonnt in Szene gesetzt. Andreas Dresen setzt auf Improvisation und schnelle und einfache Produktionsformen. So wurde das Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase innerhalb von zwei Monaten entwickelt, auf 16mm und leichtem Equipment gedreht. Dennoch wirkt der Film glatter und glänzender als seine bisherigen Filme, die er zum Teil auf MiniDV drehte. Sein realistischer und natürlich selbstverständlicher Stil bleibt erhalten.

In der Diskussion: Casting in Deutschland  

In seinem Dokumentarfilm „Behind the couch“ wirft Regisseur Veit Helma einen Blick in die USA und beleuchtet das Leben einer Casting-Direktorin in L.A. Anlass genug einmal die deutsche Casting-Szene zu beleuchten und die Casting-Direktorinnen zu Wort kommen zu lassen, die sonst eher nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen. Veit Helma leitete diese Panel-Diskussion zum Thema "Casting".

Neben den Casterinnen An Dorthe Braker, Anja Diherberg, Vorsitzende des Bundesverband Casting, Nina Haun lud Veit Helma auch zwei Nachwuchsregisseure zu der Diskussion. Alain Gsponer war mit der Fernsehproduktion „Rose“ im Programm vertreten, Neele Leana Vollmer mit „Urlaub vom Leben“.  

Mit seiner frischen charmanten Art gelang es Helma im Gespräch mit den Casterinnen und Regisseuren ein facettenreiches Bild des Castingprozesses herauszustellen:

„Auch die Regie hat Angst vor dem Casting“ (Alain Gsponer)

Das Casting und damit auch den Beruf des Casting-Direktors gibt es in Deutschland erst seit den 90er Jahren. Vorher wurden die Rollen besetzt ohne die Schauspieler zu einem Vorsprechen und –spielen einzuladen. Doch ein Casting bedeutet nicht nur eine stressige Vorstellungstortur für die Schauspieler, auch die Regisseure haben Angst vor den Schauspielern und den großen Namen. Díe Casterinnen sind unter Erfolgsdruck, denn sie stehen für jeden ihrer Vorschläge, die für viel Geld und Aufwand zum Casting eingeflogen werden. Sie wollen, dass die Schauspieler gut sind. Wichtig ist, dass sich alle Beteiligten beim Casting kennenlernen. Regie und Schauspieler können sehen, ob die Chemie stimmt. Auch das Miteinander, die Kombination der Schauspieler ist für dich richtige Besetzung entscheidend. Dies alles sieht man nur beim Casting. Für Schauspieler kann es lohnenswert sein zu Castings eingeladen zu werden, auch wenn sie hinterher ohne Rolle dastehen. Denn sie können sich für zukünftige Rollen dem Regisseurs und der Casterin ins Gedächtnis brennen. Denn die Auswahl ist selten auf die Fähigkeiten des Schauspielers zurückzuführen, sondern lediglich auf das Rollenprofil.

„Wenn ich die Richtige gesehen habe, dann weiß ich gar nicht mehr, was ich gesucht habe.“ (Veit Helma)

Beim Casting könne ein Regisseur sein Material testen, führt Veit Helma aus. Er habe schon einige Szenen durch Vorschläge der Schauspieler beim Casting ergänzt, Dialoge, die sich grauenhaft anhören, gestrichen. Casting ist ein kreativer Prozess. Schauspieler fügen häufig einen neuen Aspekt einer Rolle hinzu, den der Regisseur vorher nicht gesehen hat. Das sei auch das Künstlerische an dem Beruf des Casting-Dirketors bemerkt Nina Haun. Man arbeite eng mit dem Regisseur zusammen, unterhalte sich über Figuren und Schauspieler und mache Vorschläge, an die der Regisseur bisher nicht gedacht haben und die der Rolle einen noch unbekannten Aspekt geben. Für Alain Gsponer ist Casting und Filmemachen an sich eine dialektische Arbeit. Er stelle eine These auf, der von Casterin und Schauspieler eine Antithese gegenübergestellt wird. Dadurch sei es möglich zu einer neuen gemeinsamen kreativen Synthese zu gelangen. So findet man am Ende einer langen Schauspielersuche jemanden ganz Unerwarteten.

  „Die Loyalität des Casters liegt zu erst beim Regisseur“ (Anja Dihrberg)

Die Entscheidungsmöglichkeiten eines Casters sind relativ gering. Er kann lediglich Vorschläge unterbreiten. Neue Gesichter ins Spiel zu bringen, werde immer schwieriger. Heute gebe es so viele Entscheidungsträger (wie z.B. die Redakteure), die mitreden wollen, klagt An Dorthe Braker, dass man sich häufig nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen könne. Die Casterinnen selbst sehen sich jedoch in erster Linie als Berater des Regisseurs.

Darüber hinaus ist Casting ein wichtiges Finanzierungsinstrument geworden. Vorschläge zur Besetzung gehören in jedes Package. Veit Helma ergänzt, er lege sogar immer eine DVD von den Castingaufnahmen bei, um seine Wunschbesetzung den Redakteuren und Filmförderern zu präsentieren. Leider bedeutet dies jedoch auch, dass berühmte Namen einen Vorteil haben. Sie versprechen eine höhere Einschaltquote und Einspielergebnisse. So wird es für neue Gesichter zunehmend schwerer. Jedoch bei weitem nicht unmöglich. Denn Casterinnen halten sich viel im Kino und Tehater auf, um die neuen Talente zu entdecken. Mit Überzeugungsarbeit der Casterin und des Regisseurs lässt sich eine Neuentdeckung jedoch durchsetzen.

Kurzfilme von Melvil Poupaud

Neben dem deutschen Film legte Heinz Badewitz einen Schwerpunkt auf das Kino des Nachbarlandes Frankreichs. Neben einer Reihe über Costa-Gavras zeigte er auch den neuen Film des französischen Regiestars Francois Ozon „Le temps qui reste“. Dieser Film überzeugte nicht nur durch die gewohnte sensible, aber nicht sentimentale Erzählung und die große visuelle Dichte der Bilder, sondern auch durch seinen Hauptdarsteller Melvil Poupaud. Dieser war auch mit drei seiner eigenen Kurzfilme im Programm vertreten.   

Mit seinen drei Kurzfilmen beweist Poupaud auf humorvolle Weise, dass man fürs Filmemachen kein Geld, sondern nur eine verrückte Idee und eine Videokamera benötigt. Die beiden Filme „Qui es tu Johnny Mac?“ und „Ces jours où les remords vous font vraiment mal au coeur“ dreht er im Alter von 9 Jahren. Er spielt alle Rollen selbst. In einem Gangsterfilm spielt er Opfer und Mörder und stirbt theatralisch vor der Kamera. Seine Filme sind immer spontan, improvisiert und direkt in der Kamera geschnitten, was einen ständigen Rollenwechsel bedeutet. Er liebt die Übertreibung und die großen Gesten, macht sich selbst hässlich und treibt die Handlung auf die Spitze. Obwohl die Filme an Albernheit grenzen, kann man das Lachen nicht unterdrücken.  

Fast 15 Jahre später drehte er, um seine Frau nach dem Tod ihrer Mutter aufzuheitern, den Film „Quelque chose“. Die gesamte Produktion dauerte drei Stunden. Seine Frau konnte über den albernen, ausgeflippten Spaß leider gar nicht lachen. Melvil Paupoud stellte seine Filme in Hof selbst vor und lässt es sich nicht nehmen, sie selbst zu projizieren. Mit viel Charme und Humor erzählt er über die Produktion. Ambitionen selbst Langfilme zu drehen, habe er keine. Er liebe es im Schatten der großen Produktionen zu stehen und ohne kommerzielles Interesse verrückte Videos zu drehen.  

Das ist das Schöne an Hof, dass man ganz unerwartet auf kleine völlig andersartige Filme trifft, die im Gedächtnis hängen bleiben.

Kritik: Wahre Lügen  

Das amerikanische Kino war unter anderem mit „Where the truth lies“ (Wahre Lügen) von Atom Egoyan im Programm vertreten. Eine konstruierte Geschichte, in der die Hauptfigur Karen, eine ehrgeizige junge Journalistin, versucht einen mysteriösen Mord aufzuklären, der im Umfeld der beiden Entertainerstars Lanny Morris und Vince Collins geschah. Sie selbst verstrickt sich ziemlich schnell in die Geschichte, da sie ein Verhältnis mit Lanny eingeht und von Vince unter Drogen gesetzt zu Sex mit einem anderen Mädchen gebracht wird. Der Film erzeugt eine Spannung, indem langsam die Wahrheit aufgedeckt wird, die Geschichte immer wieder unerwartete Wendungen nimmt. Die Hauptfigur ist jedoch unglaubwürdig. Ihre Verstrickung in die Geschichte führt zu Pathos und schwulstigen Dialogen, die für den Zuschauer kaum zu ertragen sind. Zu allem Überdruss pflanzt die Mutter des Mordopfers auch noch einen Apfelbaum im Garten, deren Wurzeln mit der Asche ihrer Tochter bestreut wurden. Auf diese Weise geleitet der Film in Kitsch ab.  

Das Spiel mit Wahrheit und Lüge macht den Film dennoch interessant. Aus den verschiedenen Versionen der Beteiligten kristallisiert sich gegen Ende die überraschende Wahrheit heraus. Um die Mutter des Opfers zu schützen, die tief in ihrem katholischen Glauben steht, geht Karen mit ihrem Material nicht an die Öffentlichkeit. Eine lobenswerte ethische Arbeitsmoral, die den Schutz des Individuums vor die Informationsgier der Öffentlichkeit stellt.

 

Hofer Filmtage 2005

Hofer Filmtage 2005
Foto: Bernhard Burgmeier  

Und so fährt man nach Hause mit vielen Bildern im Kopf, Bratwürsten im Bauch und sortiert seine Gedanken. Der FC Hofer Filmtage hat nur 2:2 gespielt. Doch Badewitz verspricht, das nächste Jahr werde endlich wieder einen Sieg bringen. Auch für mich hat Hof dieses Jahr keinen großen Sieg errungen. Es ist jedoch ein Festivals, auf dem man immer wieder wahre Perlen entdecken kann. Und so freue ich mich schon auf das nächste Jahr.

 

Johanna Teichmann

 

 

 

Preise

Preis Beschreibung Preisträger 2005
Filmpreis der Stadt Hof wird zum 20. Mal an eine Person verliehen, die sich um den deutschen Film verdient gemacht hat und eng mit den Hofer Filmtagen verbunden ist Christoph Schlingensief
Preis für visuelle Filmkritik, Förderpreis deutscher Film von der Zeitschrift Film & TV Kameramann, dem bvkamera und dem Verband der deutschen Filmkritik an einen Filmjournalisten "Behind the coutch": Martin Frühmorgen (Sounddesign) Johannes Königer (Musik), Vincent Assmann (Schnitt); "Drum-Bun-Gute Reise" Christoph Schilling (Schnitt). 
Eastman Förderpreis wird von der Firma Kodak, zum 21. Mal an einen deutschen Nachwuchsregisseur vergeben Alain Gsponer für "Rose"
Preis für das beste Szenenbild vom dem Verband der Szenenbildner, Filmarchitekten und Kostümbildner S/F/K Georg Bringolf für Szenenbild "Snow White"

 

 
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[ Hofer Filmtage 2004 ]
 
 

Titel:   Hofer Filmtage 2005
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